Die Johannis-Morde – abschließende Bemerkungen

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 7. Dezember 2010 von alexanderhartung

Das Buch ist vollständig veröffentlicht.
Vielen Dank an alle, welche die „Johannis-Morde“ gelesen, kommentiert und verbessert haben.
Ich lasse es in der umgekehrten Reihenfolge. Wer mit Kapitel 1 anfangen will, kann ganz nach unten scrollen und auf „Ältere Einträge“ klicken.

Die Johannis-Morde – Kapitel 16

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 7. Dezember 2010 von alexanderhartung

Epilog

Als Katharina aus der Kirche kam, wurde sie von vielen Händen gepackt. Sie konnte kaum etwas sehen, so viele Menschen waren um sie herum. Sie wurde nach oben gehoben und fand sich auf den Schultern zweier Männer wieder. Für einen Moment hatte sie Angst herunterzufallen, aber die kräftigen Hände hielten sie fest. Sie sah zu Philipp. Er ruhte auf den Schultern von Albrecht und Volmar, die sichtlich Mühe hatten, den großen Mann im Gleichgewicht zu halten. Philipp ruderte mit den Armen und schien seinen Freunden nicht zu trauen, als die Anwesenden sie mit Saatgut bewarfen. Katharina hob die Hände vors Gesicht, konnte sich aber kaum gegen diesen Segenswunsch schützen. Die kleinen Körner verfingen sich in ihrem Kleid und ihren blumengeschmückten Haaren, die lang über ihren Rücken fielen.
Sie schloss die Augen und hoffte, dass sie diese Tradition bald hinter sich hatten. Philipp lachte laut, als sie ihn mit ihr um den Marktplatz trugen. Er versuchte ihre Hand zu fassen, aber die Männer unter ihm zogen ihn zur Seite.
„Dazu wirst du heute Abend noch genug Zeit haben“, rief eine raue Stimme, was die Anwesenden mit lautem Gelächter quittierten.
Während sie weitergetragen wurden, ließ Katharina ihren Blick über den Marktplatz schweifen. In der Mitte brieten ein Ochse und ein Schwein. Fässer mit Wein waren aufgestellt, und ein großer Kessel kochte über einem Feuer. Tische bogen sich mit Blechen voller Kuchen, und Ida hatte Mühe die Kinder vom Naschen abzuhalten. Bänke und Tische waren aufgebaut, die jedem Bürger von Furtenblick Platz bieten konnten. Auf einer der Bänke sah sie Nicolaus Grumbach stehen. Er war elegant gekleidet und ließ sich von der Fröhlichkeit anstecken. Als sich ihre Blicke trafen, hob er seinen Becher und prostete ihr zu.
Neben dem Gutsbesitzer stand Loretta und winkte ihr. Ihre Tochter hatte Tränen in den Augen, aber ihr Lächeln nahm ihnen jedwede Traurigkeit. Als sie an ihr vorbeigetragen wurde, hielt ihr Loretta die kleine Kethe hin. Katharina griff nach ihrer Enkelin, setzte sie auf ihren Schoss und hielt sie fest. Das kleine Mädchen gluckste vor Freude.
„Snell“, rief sie begeistert und klatschte in ihre kleinen Hände. Als sie den Marktplatz umrundet hatten und wieder an der Kirche waren, rief eine der Frauen: „Noch ein Runde.“
Die Anwesenden gaben begeistert ihre Zustimmung, und der Marsch um den Marktplatz begann ein weiteres Mal.
Katharina beobachtete Philipp, der sichtlich Spaß an dieser Hatz hatte. Er hielt sich am Revers seiner Träger fest und scherzte mit seinen Freunden. Als sich ihre und Philipps Augen trafen, konnte sie das Glück über diesen Tag in ihnen lesen. In diesem Augenblick wusste Katharina, dass es richtig gewesen war, Philipp zum Mann zu nehmen. Ihr Herz füllte sich mit Freude und ließ keinen Platz mehr für die düsteren Geschehnisse, die vor mehr als zwanzig Jahren ihren Anfang genommen hatten. Sie hielt ihre kleine Enkelin fest und lachte mit ihren Freunden. Es würde eine lange Vermählungsfeier werden.

Die Johannis-Morde – Kapitel 15

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 7. Dezember 2010 von alexanderhartung

Später Besuch

Die Nacht war weit vorgeschritten. Das Dorf war in Stille versunken. Das Wirtshaus war geschlossen, und die Männer wieder in ihre Häuser zurückgekehrt. Katharina saß am Tisch in der Küche und trank einen belebenden Kräutertee. Sie spürte schon die Müdigkeit, aber die Anspannung hielt sie wach. Eine kleine Kerze spendete ihr Licht. Der Schein reichte kaum weiter, als um den Tisch herum, aber sie hatte sich noch nie im Dunkeln gefürchtet. Sie stellte die Tasse ab, als sie einen leichten Luftzug spürte. Er strich nur ganz sanft an ihre Wange und lies die Kerzen flackern. Wären ihre Sinne weniger aufmerksam gewesen, hätte sie ihn nicht bemerkt.
„Warum setzt du dich nicht zu mir an den Tisch, Bredelin?“, fragte sie in das dunkle Zimmer hinein. Sie erhielt keine Antwort. Nichts rührte sich. „Ich laufe nicht weg. Lass uns reden, genau so, als wir noch jung waren.“
Die Stille war fast vollkommen. Dann erklangen Schritte, die sich dem Tisch näherten. Ein schlanker Mann trat ins Licht. Er trug eine schwarze Kutte, deren Kapuze zurückgeschlagen war. Seine dunklen Haare waren kurz geschnitten. Er hatte einen gestutzten Vollbart, und seine grünen Augen leuchteten im Schein der Kerze. Seine Haltung war gerade. Sein Kopf war stolz nach oben gerichtet. Er hätte eine imposante Gestalt sein können, wenn nicht ein verhärmter Ausdruck um seine Mundwinkel gewesen wäre, der jede Herzlichkeit vermissen ließ.
„Hallo Katharina“, sagte Bredelin und nahm Platz. Sie stellte ihm einen Becher hin und füllte Tee hinein. Dann schenkte sie sich auch nach.
Einen Augenblick saßen sich beide schweigend gegenüber. Dann lächelte der Mann. „Schon als Kind habe ich deine Klugheit bewundert, Katharina. Es ist nur schon so viele Jahre her, dass ich es vergessen hatte. Ich habe dich unterschätzt. Wie bist darauf gekommen, dass ich es war?“
„Ich bin nicht abergläubisch“, antwortete Katharina. „Ich muss sagen, dass dein Freitod hervorragend gespielt war. Die ketzerischen Worte. Das brennende Kruzifix. Der Sprung in den Fluss. Eine perfekte Darbietung. Selbst mich hat die Aufführung beeindruckt. Nur hättest du weniger Harz auf das Kreuz schmieren sollen, dann hätte ich vielleicht nie Verdacht geschöpft.“
„Ich wollte sichergehen, dass das Kruzifix auch wirklich Feuer fängt.“
„Auf jeden Fall hat dein Fluch die Bürger Furtenblick an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen und sie zu kopflos umherlaufenden Schafen gemacht.“
„Das war einfach. Die Menschen sind leicht einzuschüchtern, und der religiöse Wahn eines verrückten Priesters besorgt den Rest. Bruder Theobald war schon vor meiner Zeit im Gefängnis ein berechenbarer Mann, der seine Unfähigkeit, das Amt des Priesters auszuüben, hinter Beschuldigungen, Hetze und Vorwürfen versteckt hat. Ich wundere mich, dass ihn während meiner Abwesenheit niemand hinterrücks erstochen hat.
Und dann ist da noch Frederich Rump.“ Bredelin schüttelte den Kopf. „Ich habe selten einen solchen Schwächling wie Frederich gesehen, aber der Einfluss seiner Familie, vor allem seines Vaters, war groß genug um ihm die Anstellung als Bürgermeister zu beschaffen. Mit diesen beiden Männern hat es wenig bedurft, um das Dorf in Angst und Schrecken zu versetzen.“
„Das ist dir gelungen. Aber warum dieser Auftritt? Warum hast du die Männer nicht heimlich getötet? Warum wolltest du deinen Freitod vortäuschen und bist das Risiko eingegangen, am Flussufer zerschmettert zu werden?“
„Weil alle leiden sollten“, sagte er mit zorniger Stimme. Seine Augen blitzten wütend. Er griff nach dem Becher und roch misstrauisch daran. Dann nahm er einen Schluck und schloss kurz die Augen.
„Ich habe seit mehr als zwanzig Jahren keinen Kräutertee getrunken“, sagte er mit ruhiger Stimme. Sein Blick schien sich verklärt in die Vergangenheit zu richten. Katharina glaubte Tränen in seinen Augen zu sehen. Dann wischte er sich über das Gesicht und wurde wieder ernst.
„Ich habe mir am Abend zuvor die Stelle im Fluss genau angesehen. Zugegeben, es war nicht ohne Risiko, aber das tiefe Flussstück war von oben gut zu erreichen. Ich war in meiner Jugend ein guter Schwimmer und mir war klar, dass der Fluch noch wirkungsvoller sein würde, wenn ich mich in den Tod stürzen würde. Ich habe den tiefen Bereich gut getroffen, aber hatte die Strömung wirklich unterschätzt. Mein Umhang hat mich heruntergezogen, aber bei der kleinen Brücke habe ich einen Ast zu fassen bekommen und konnte mich rausziehen.“
„Warum hast du uns eine Leiche finden lassen? Wäre es für den Fluch nicht besser gewesen, wir hätten gar nichts gefunden?“
„Ich wollte es nicht übertreiben. Außerdem wollte ich, dass die Menschen glauben, ich hätte mein Leben für den Fluch geopfert.“ Bredelin trank wieder einen Schluck Tee. „Wie hast du es herausgefunden, dass der Tote ein anderer war?“
„Am Anfang war es nicht mehr als ein Gefühl“, antwortete Katharina. „Ich habe nie an einen rachsüchtigen Dämon oder an einen Fluch geglaubt. Mir war klar, dass eine lebende Person dahinterstecken musste, aber mir fiel niemand ein, der in deinem Namen diese Morde durchführen könnte. Ich glaubte nicht an einen Komplizen. Eine Zeitlang hatte ich die Idee eines unehelichen Kindes oder eines anderen Verwandten, aber schließlich haben Philipp und ich den Toten ausgegraben. Damals ist mir noch nichts aufgefallen, denn die Leiche hatte deine Statur und trug deinen Mantel. Der Kopf und das Gesicht waren zu zerschmettert, aber schließlich habe ich an den Stiefeln erkannt, dass der Tote nicht du sein konnte.“
„An den Stiefeln?“, fragte Bredelin. „Das waren doch nur noch Lederfetzen.“
„Richtig“, fuhr Katharina fort, „aber ich habe auf dem Dorffest mit einem Wanderarbeiter gesprochen, der seine Stiefel mit Lederschnüren am Bein befestigt hatte, dass die Schäfte nicht immer herunterrutschen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Der junge Mann hatte außerdem deine Statur und deine Haarfarbe, nur trug er damals keinen Mantel.“
Bredelin nickte anerkennend. „Das hat dir genügt, um zu wissen, dass ich den Sturz überlebt habe? Vielleicht hat der Wanderarbeiter irgendwo einen ähnlichen Mantel gefunden und hat von einem Räuber den Schädel eingeschlagen bekommen.“
„Du vergisst, dass ich in Heidelberg war.“
„Damit habe ich nicht gerechnet. Hätte ich nicht zufällig dein Gespräch mit Winand belauscht, hättest du alles herausgefunden, bevor meine Rache vollendet gewesen wäre.“
„Du hast Narben-Otto vergiftet.“ Katharina kniff die Augen zusammen.
„Natürlich“, sagte Bredelin ohne Bedauern. „So nützlich wie mir Otto beim Planen meiner Rache gewesen war, so geschwätzig war er auch. Für eine Krug Wein oder eine Münze hätte er seine eigene Mutter verkauft.“
„Du bist vor mir nach Heidelberg gegangen und hast deinen Zellengenossen vergiftet, aber wie hast du das geschafft, ohne dass dich Wärter erkannt haben?“
„Pah“, sagte Bredelin abfällig und trank wieder einen Schluck Tee. „Gelfrid und Bastian sind Narren. Die bemerken nicht mal einen Giftmörder, wenn er in ihrem Schlafzimmer steht. Es war aber schwieriger, als du glaubst. Ich musste erst einmal ein Pferd besorgen, das mich schnell nach Heidelberg bringt.“
„Der ermordete Händler“, ergänzte Katharina. „Du hast ihn getötet und ausgeraubt.“
Bredelin nickte. „Ich konnte es nicht riskieren in Furtenblick ein Pferd zu stehlen. Ich habe Händler und Bauern auf dem Weg getroffen, aber keiner von ihnen war alleine unterwegs. Es hat lange gedauert, bis mir endlich ein einsamer Reiter entgegengekommen ist.“
„Wo hattest du das Gift her?“
„Auch da hat mir Otto geholfen. Im Gefängnis sprach er von einem entfernten Vetter, der für ein paar Münzen alles tun würde. Er arbeitete in einem Wirtshaus vor den Toren der Stadt, wo ich ihn auch gefunden habe. Als ich ihm den Geldsäckel des Händlers gezeigt habe, blitzte die mordlustige Gier in seinen Augen auf. Bald darauf hatte ich einen Korb mit Essen und drei Phiolen Gift, die für alle Insassen des Gefängnis’ gereicht hätten.“
„Du selbst warst aber nicht drin.“
„Das wäre nun wirklich zu auffällig gewesen. Ich habe einer Hure an der Straße eine Münze gegeben und ihr gesagt, was sie tun soll. Das gute Essen haben sich die Wärter aus dem Korb genommen und nur das Brot und die Wurst drin gelassen. Da ich damit gerechnet habe, habe ich auch nur die Wurst vergiftet.“
„Was wäre passiert, wenn die Wärter auch davon gegessen hätten?“
„Es wäre nicht schade um sie gewesen“, sagte er achselzuckend. „Das Gift hat langsam genug gewirkt, dass der Korb bei Otto angekommen wäre, selbst wenn sie von den vergifteten Speisen gekostet hätten.“
Katharina betrachte den Mann vor sich. Er sprach über grausame Morde wie andere über die Ernte, ohne dass er nur das Zeichen von Reue erkennen ließ.
„Warum bist du so geworden, Bredelin? Ich erinnere mich an einen freundlichen und arbeitsamen Mann. Du warst auf dem Weg ein wohlhabender Weinbauer zu werden. Warum hast du Heinrich Ommert und Lukas Kolf vergiftet?“
„Du bist so klug, Katharina und siehst noch immer nicht die Wahrheit?“
„Ich weiß nur dass Heinrich Ommert gestorben ist und Lukas Kolf beinahe sein Leben verloren hätte. Wer sonst hätte die beiden Männer vergiften sollen? Kein anderer hätte von deren Tod mehr profitiert als du.“
„Doch“, sagte Bredelin. „Der wirkliche Gewinner war Lukas Kolf.“
Katharina gab ein abfälliges Geräusch von sich. „Du willst mir doch nicht erklären, dass sich Lukas selbst vergiftet hat?“
Bredelin lächelte.
„Das ist närrisch.“
„Närrisch, sagst du“, schrie Bredelin und schlug auf den Tisch. Der Tee aus den Bechern schwappte über. Er beugte sich zu Katharina. „Diese Narretei, wie du sie nennst, hat mein Leben zerstört. Meine Familie hat mich ausgestoßen. Man hat mich bespuckt, getreten und gefoltert. Dann hat man mich mehr als zwanzig Jahre in ein Loch gesteckt. Im Winter bin ich fast erfroren und im Sommer konnte ich kaum atmen, so sehr brannte die Sonne in meine Zelle. Meine Mitgefangenen hätten mich für ein Stück Brot umgebracht, und mein Kadaver wäre von Ratten aufgefressen worden, bevor man die Überreste in den Neckar geworfen hätte. Als ich endlich in Freiheit war, musste ich sehen, dass meine Frau und mein Kind tot waren.“
Katharina glaubte eine Träne in seinen Augen zu sehen. Dann beruhigte er sich und setzte sich wieder auf den Stuhl.
„Die Nacht ist noch lang, Katharina und mein Becher noch voll, also erzähle ich dir, wer der wahre Giftmörder ist, warum er diese Tat begangen hat und wer seine Komplizen waren.“
Bredelin legte die Hände auf den Tisch und holte tief Luft. „Wie du schon bemerkt hast, war ich aufstrebender Weinbauer. Wäre es nicht zu dem Giftmord gekommen, so wären die Weinfelder der Region wohl zwischen mir und der Familie Ommert aufgeteilt worden. Mein Verhältnis zu Heinrich Ommert war gut. Er respektierte meine Arbeit, und ich mochte seine freundliche Art. Seine Tochter war sehr herzlich und hatte den guten Charakter ihres Vaters geerbt. Sie hatte nur den Fehler gemacht, sich in den falschen Mann zu verlieben. Lukas Kolf war ein attraktiver und eloquenter junger Mann. Er kam aus gutem Haus und interessierte sich für den Weinbau. Herlinde und Heinrich Ommert fielen auf das oberflächliche Getue von ihm herein, aber ich kannte ihn besser. In Wirklichkeit war Lukas ein gieriger, von Ehrgeiz zerfressener Tyrann, der alles dafür tun würde, noch wohlhabender und einflussreicher zu werden. Er war schwärmerisch und zuvorkommend, wenn er mit Herlinde zusammen war, aber ich habe nie das Glitzern der Liebe in seinen Augen gesehen.“
Bredelin nahm die Tasse und trank bevor er weitersprach.
„Ich mochte Lukas nicht, aber es war nicht an mir, über das Glück der Ommerts zu entscheiden, daher machte ich mir keine weiteren Gedanken und freute mich für Herlinde, als sie von Lukas zum Traualtar geführt wurde.
Das Leben ging weiter wie bisher, aber bald darauf flüsterte man sich die ersten Gerüchte auf den Weinfeldern zu. Anscheinend lagen Lukas und sein Schwiegervater in Streit. Dem Neuvermählten waren die Erlöse des Weinverkaufs nicht hoch genug. Er drängte darauf die Reben enger zu pflanzen und die Preise für das Fass zu erhöhen.
Auch darum machte ich mir keine Sorgen. Ich war mit meinem Wein beschäftigt und hatte keine Zeit für etwas anderes. Doch eines Nachts sollte ich den Preis für diese Nachlässigkeit bezahlen. Die Soldaten des Vogts kamen zu mir, zerrten mich aus dem Bett und legten mich in Ketten. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass Heinrich Ommert tot war.“
„Die Sache war offensichtlich“, unterbrach ihn Katharina. „Du hattest Heinrich Ommert ein kleines Fass mit deinem neuen Wein geschickt. Der Wein war vergiftet gewesen. Heinrich starb sofort, und Lukas hatte Glück, dass er mit dem Leben davongekommen war.“
„Warum hätte ich das tun sollen?“, fragte Bredelin mit unterdrücktem Zorn. „Und wenn ich beide hätte töten wollen, wie kann man nur glauben, dass ich das so offensichtlich getan hätte?“
„Es war ein erklärbares Motiv. Mit dem Tod ihres Vaters und ihres Ehemann wäre Herlinde allein gewesen. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Boden der Ommerts zu übernehmen und alleiniger Besitzer der Weinberge Furtenblicks zu werden. Was hast du erwartet?“
„Ich hätte erwartet, dass man meinem Wort Glauben schenkt“, fuhr Bredelin auf. „Aber als ich in den Saal geführt wurde, hatte man schon über mich gerichtet. Ich war schuldig, und was immer ich gesagt hatte, wurde als Lüge abgetan.“ Bredelin krallte die Hände in den Tisch. Katharina kamen Zweifel, ob ihr hastig ersonnener Plan wirklich eine gute Idee gewesen war. Wenn er sich jetzt auf sie stürzte, konnte sie seiner Wut nichts entgegensetzen. Bredelin senkte den Kopf. Die Erinnerung an diese Zeit schien ihm noch immer Schmerzen zu bereiten.
„Heinrich Ommert mochte meinen Wein“, fuhr er leise fort. „Er war der erste, dem ich ein Fass mit meiner neuen Ernte geschickt hatte. An diesem Tag hatte ich noch viel Arbeit, also habe ich einen meiner Arbeiter gebeten, ihm Wein zu bringen.“
„Rudolf Eigbrod“, sagte Katharina, die allmählich verstand, worauf Bredelin hinaus wollte.
„Rudolf war schon immer ein Trinker gewesen. Egal, wie viel ich ihm bezahlt habe, er hatte es am nächsten Tag zur Furt gebracht. Lukas hatte ihm ein Säckel Münzen gegeben, und ihm befohlen, Gift in den Wein zu schütten, bevor er das Fass zu Heinrich bringen würde.“
„Woher weißt du das?“
Ein tückisches Lächeln erschien auf Bredelins Gesicht. „Geahnt habe ich es schon immer, aber Rudolf war nicht nur ein nutzloser Trinker, sondern auch ein abergläubischer Mann. Als er mich sah, glaubte er, ich hätte mich aus dem Grab erhoben, um Rache zu nehmen. Ich musste kein Wort sagen. Er flehte mich um Vergebung an und erzählte mir alles.“
„Aber wenn Lukas wusste, dass der Wein vergiftet war, warum hat er ihn dann getrunken?“
„Weil es die perfekte Täuschung war. Hätte er nichts von dem Wein getrunken, wäre auch er in Verdacht gekommen. Vielleicht hätte man ihm dann unterstellt, gemeinsame Sache mit mir zu machen.“
„Er hätte dabei sterben können.“
„Das war ihm bewusst, aber Lukas war skrupellos genug, sein Leben zu riskieren, um sein Ziel zu erreichen.“
Katharina schüttelte den Kopf, ob dieser teuflischen Tat. Sie konnte kaum glauben, dass ein Mensch zu so etwas in der Lage war. Als könnte Bredelin ihre Gedanken lesen, fuhr er fort. „Du solltest es ruhig glauben, Katharina. Es hat sich genau so zugetragen.“
Langsam wurde ihr alles klar. Sie wusste, warum Lukas den Trunkenbold Rudolf all die Jahre bei sich angestellt hatte und warum er sich vor der Rückkehr Bredelins gefürchtet hatte. Bredelin hätte die Wahrheit über den Giftmord ans Licht bringen können.
„Wenn sich alles so zugetragen hat, dann verstehe ich deinen Zorn. Aber warum hast du nach deiner Zeit im Gefängnis nicht versucht die Wahrheit zu sagen? Warum hast du nicht mit dem Vogt gesprochen oder mit dem Bürgermeister. Vielleicht wäre dann alles geklärt worden.“
„Sei nicht so naiv, Katharina“, antwortete Bredelin ungehalten. „Die Welt ist nicht so. Ich wurde wegen eines Giftmordes verurteilt, und es gibt keinen Beweis für meine Unschuld, außer wenn Rudolf und Lukas ihre Schuld eingestanden hätten. Glaubst du wirklich das hätten sie getan?“
„Ich verstehe deinen Wunsch nach Rache, aber warum musstest du Bruder Theobald ermorden?“
„Du weißt nicht, warum? Ich hätte gedacht, dass du dahinter gekommen bist.“
„Ich weiß, dass Bruder Theobald Gerichtsbeisitzer war und wahrscheinlich eine Rolle bei deiner Verurteilung gespielt hat, aber wenn du die Beweise gegen dich betrachtest, musst du einsehen, dass er keine andere Möglichkeit hatte, als für deine Verurteilung zu stimmen.“
Bredelin lachte. Es war ein kaltes Lachen, ohne jede Freude. „Ich bin überrascht, wie wenig du über die Menschen weißt.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück. „Kannst du dich noch an die Kirche vor dem Tod von Heinricht Ommert erinnern?“
„Ja“, sagte Katharina. „Sie war klein, zugig und wenig einladend. Gerade im Winter war es eine Qual.“
„Und heute?“
„Heute haben wir eine der schönsten Kirchen der ganzen Region.“
Bredelin nickte und behielt sein Lächeln bei.
„Willst du mir sagen, dass Bruder Theobald von Lukas bestochen wurde, dich zu verurteilen?“
„Kannst du nicht glauben, dass auch Männer Gottes den Verlockungen des Geldes erliegen können?“
„Aber woher willst du das wissen?“, fragte Katharina. „Die Kirche wurde erst zwei Jahre danach gebaut.“
„Du vergisst, dass ich Lukas Kolf nicht sofort getötet habe“, antwortete er kichernd. „Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er mich erblickte. Er hat sich vor meinen Augen eingenässt und um die Hilfe aller Schutzheiligen gefleht, die ihm in den Sinn gekommen sind. Ähnlich wie bei Rudolf, musste ich nicht viel tun, um ihm zu einem Geständnis zu zwingen. Die Vorstellung, dass ich mich aus dem Grab erhoben hatte, um ihn heimzusuchen, hatte ihm fast den Verstand geraubt.“
„Warum hast du ihm nicht einfach ein Messer in die Brust gestoßen? Warum dieser grausame Mord?“
„Weil es ein unglaublich befriedigendes Gefühl ist“, sagte Bredelin. Seine Augen wurden groß und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Wenn man so viel Zeit hat, seine Rache zu planen, ersinnt man jede nur erdenkliche Todesart. Tag und Nacht stellt man sich vor, wie es ist, wenn man seinen Peinigern gegenübersteht. Ein schneller Tod ist viel zu gnädig für all das Leid, das ich ertragen musste. Auf diesen Augenblick habe ich mehr als zwanzig Jahre gewartet. Es ist verständlich, dass ich ihn auskosten wollte.“ Bredelin kicherte. „Du hättest Lukas’ Gesicht sehen sollen, als ich ihm seine Kehle aufgeschlitzt habe. Als ich ihn in den Trog getunkt habe, hat er gezappelt wie ein Fisch.“ Bredelin schloss die Augen. Er schien in Gedanken den Moment nochmals durchzuspielen.
„Hast du den Brief an Frederich geschrieben?“
Bredelin öffnete die Augen. Sein Gesicht zeigte die Missbilligung über diese Störung.
„Mir war langweilig und die freiwilligen Patrouillen haben es mir ein wenig schwer gemacht, an Bruder Theobald zu kommen. Der gute Otto hatte mir viel über das Fälschen von Siegeln beigebracht, und so habe ich ein paar Sachen zusammengestohlen, um die Bürger von Furtenblick ein wenig abzulenken. Der dumme Frederich hat nicht einmal gemerkt, wie ich bei ihm eingebrochen bin und sein Siegelwachs gestohlen habe.“
„Aber was hatte Graf Arnold von Erenkirch damit zu tun?“
„Nichts. Er war schon immer ein Tyrann, und ich hielt es für eine lustige Idee ihn als neuen Gutsbesitzer zu benennen. Es war eigentlich nur ein Zeitvertreib, aber in der Nacht, als die Felder brannten, war ich vom Erfolg meines Plans selbst überrascht.“
„Du hattest doch deine Rache. Warum wolltest du Philipp töten?“, platzte es aus Katharina heraus.
„Ich wollte deinem Liebsten nichts tun. Ich kannte ihn noch nicht einmal. Ich habe mich, wie jeden Abend. wenn es dunkel wurde, aus dem Wald hinter das Wirtshaus geschlichen und dem Gerede der Betrunkenen zugehört. So wusste ich immer, was sie vorhatten. Ich wollte Philipp nicht töten, aber er ist in mich hineingelaufen, obwohl ich versucht hatte, mich vor ihm zu verbergen. Als er vor mir stand, hatte ich keine Wahl.“
Bredelin nahm den Becher und trank den restlichen Tee mit einem Zug aus. „Es war schön mit dir zu reden, aber du weißt, warum ich gekommen bin?“
„Du willst mich töten.“
Bredelin nickte. „Ich habe dich immer gemocht, aber du weißt zu viel und könntest mich daran hindern, meine Rache zu vollenden.“
„Bürgermeister Moeck“, sagte Katharina. „Der zweite Beisitzer.“
„Lukas hat mir kurz vor seinem Tod erzählt, dass er ihm für seine Stimme ein neues Haus und einen gepflasterten Marktplatz versprochen hatte.“
„Der Bürgermeister ist schon lange tot. Warum willst du also noch einen vierten Mord begehen?“
„Mein Bedürfnis nach Rache ist erst befriedigt, wenn alle vier Schuldigen bestraft wurden. Wenn der alte Bürgermeister nicht mehr dafür büßen kann, dann werde ich seinen Sohn leiden lassen.“
„Sigmund Moeck.“
„Es tut mir leid, dass er dein Schwiegersohn ist, Katharina, aber die Kinder erben die Sünden der Väter.“ Bredelin wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Es ist warm geworden“, sagte er mit Blick auf den Ofen, der aber kaum Wärme abstrahlte.
„Und was dann? Was machst du, wenn alle tot sind?“
„Das ist nicht wichtig“, antwortete er ruhig. „Die Rache war das einzige, was mich noch am Leben erhalten hat. Wenn diese befriedigt ist, spielt es keine Rolle, was mit mir passiert. Dann kann ich in Frieden sterben.“
„Ich kann das nicht zulassen kann, Bredelin. Ich weiß, was es heißt Witwe zu sein und ein Kind alleine großzuziehen. Das werde ich meiner Tochter ersparen.“
Bredelin stand auf. Sein Gesicht war gerötet. „Warum hast du mich überhaupt hierher gelockt, Katharina? Hast du wirklich geglaubt, du könntest mich mit Tee und netten Worten davon abhalten deinen Schwiegersohn zu töten?“
„Ich habe es gehofft. Dann hättet du deiner Wege ziehen können, und ich hätte dich nicht töten müssen.“
Bredelin lachte auf. „Du willst mich töten, Katharina? Wie willst du das anstellen? Mit einem Messer oder einer Axt? Willst du mich erschlagen oder erwürgen?“
Katharina stand auf, zog einen kleinen Tonbecher unter dem Kleid hervor und drehte ihn um. Eine sirupartige Masse tropfte auf den Boden. „Du bist tot, Bredelin. Dieser Trunk hätte dir vielleicht das Leben retten können, aber lieber laste ich mir Schuld eines Mordes auf, als dass du meine Enkelin zur Halbwaise machst.“
Bredelin griff sich an die Seite. „Gift“, sagte er. Katharina nickte.
„Einbeeren“, erklärte sie.
Bredelin Gesicht verzog sich in Schmerz. „Es darf so nicht enden. Du wirst mich nicht von meiner Rache abhalten.“
“Es tut mir leid“, sagte Katharina und senkte den Kopf.
Bredelin stand auf und schob den Stuhl weg. Seine Stirn war schweißgetränkt und sein Atem ging schwer. „Du täuschst dich, Katharina, wenn du glaubst, dass ich nach all den Jahren so leicht zu besiegen bin.“
Mit einem Aufschrei stürzte er sich über den Tisch und schlug ihr ins Gesicht. Katharinas Kopf wurde herumgerissen, und sie prallte hart gegen den Ofen. Der Raum drehte sich um sie. Sterne tanzten vor ihren Augen und sie hatte die Orientierung verloren. Sie wollte aufstehen, als sich Bredelin auf sie legte. Er packte ihren rechten Arm und begann sie mit der freien Hand zu würgen. Sein Griff war eisern. Sie wollte sich loszureißen, konnte der erbarmungslos zudrückenden Hand aber nicht entkommen. Sie versuchte Luft zu holen, aber Bredelin drückte ohne Erbarmen ihre Kehle zu.
Das Gift hätte für ein Pferd gereicht, aber Bredelin machte nicht den Eindruck, als würde er schwächer werden. Sie krallte ihre freie Hand in seinen Arm, aber der Druck wurde nicht weniger. Ihr Körper drängte sie zum atmen. Sie röchelte verzweifelt. Ihr wurde schwindelig, und sie drohte das Bewusstsein zu verlieren. Ihr wurde schwarz vor den Augen, als Bredelin plötzlich emporgehoben wurde. Eine große Gestalt hielt ihn umklammert und schmetterte ihn gegen einen Schrank.
Katharina drehte sich zur Seite und atmete hustend ein. Ihr Hals schmerzte und die Welt drehte sich noch immer. Sie hörte einen wütenden Aufschrei und dann ein lautes Poltern. Der Schrank fiel um. Teller flogen umher. Becher rollten auf den Boden, und ein kleines Messer blieb neben ihr stecken. Katharina hielt die Arme schützend über ihren Kopf.
Dann war es ruhig. Der Lärm war verebbt. Der Raum in Dunkelheit versunken. Die Kerze war beim Kampf mit Bredelin ausgegangen.
„Geht es dir gut?“, hörte sie Philipps Stimme und spürte seine kräftige Hand an ihren Schultern. Er hob sie vom Boden auf und drückte sie fest an sich. Katharinas Anspannung entlud sich in einem Weinkrampf. Sie legte den Kopf an seine Schulter und umarmte den großen Mann.
Sie wusste nicht, wie lange sie in dieser Umarmung verharrt war, aber als sie sich von Philipp löste, wanderte ihr Blick durch den verwüsteten Raum. Die Wolken hatten sich verzogen. Das Mondlicht drang hell durch das Fenster. Bredelin saß an die Wand gelehnt und hielt sich die Seite. Er hatte die Zähne zusammengebissen und versuchte aufzustehen, aber seine Beine versagten ihm den Dienst. Schließlich sackte er zusammen und blieb schwer atmend liegen. Das Gift hatte seine Wirkung entfaltet. Der Wahn war aus seinem Gesicht gewichen. Im trüben Licht erinnerte er sie an den jungen Weinbauern, den sie vor vielen Jahren gekannt hatte. Sie verspürte Mitleid mit dieser zerstörten Seele.
Katharina kniete sich vor Bredelin hin und beobachtete den sterbenden Mann. Philipp stellte sich neben sie.
„Ich hatte einen einfachen Traum“, sagte Bredelin flüsternd. „Ich wollte ein kleines Weingut, das mich mit Wohlstand versorgt, eine Frau die mich liebt und Kinder, mit denen ich über die Felder laufen kann.“
Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Katharina rückte näher, nahm seine Hand und lächelte. Matt lehnte er den Kopf an die Wand.
„Ich habe keinem Menschen etwas Böses getan und doch musste ich mein Leben im Kerker verbringen. Seit dem Tod von Mechthild gibt es niemand mehr, der auf mich wartet, keine Kinder, die meinen Namen tragen. Ich werde in einem Loch verscharrt, und niemand wird für mich beten. Mein Grab wird keinen Stein zieren, und keine Blumen werden für mich abgelegt. Am Tag der Toten wird keiner um mich weinen.“
„Ich werde um dich weinen“, sagte Katharina sanft.
„Ich bin ein Mörder und wollte deinen Schwiegersohn töten. Warum willst du das tun?“
„Ich werde um den Menschen trauern, der du hättest werden können.“
Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Seine Augen wurden abwesend und glasig. Dann durchzuckte ihn ein Krampf, und er bäumte sich auf.
„Ich habe Angst“, sagte Bredelin zu Katharina.
Sie hielt seine Hand noch fester. „Es gibt keinen Grund Angst zu haben“, sagte sie beruhigend und strich ihm sanft über den Kopf. „Der Herr wird dir deine Taten vergeben und dich in sein Reich aufnehmen.“
Bredelin lächelte noch einmal. Dann stockte sein Atem, und sein Kopf fiel auf seine Brust.
Katharina blieb sitzen und hielt seine Hand. Sie weinte um den Mann, den sie vor vielen Jahren gekannt hatte und dessen Leben zerstört worden war. Einzig Philipps Hand auf ihrer Schulter gab ihr in dieser dunklen Nacht Trost.

Die Johannis-Morde – Kapitel 14

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 30. November 2010 von alexanderhartung

Gewissheit

Katharina sah aus dem Fenster. Die untergehende Sonne tauchte den Wald ist ein dunkles Rot. Philipp war eingeschlafen. Nachdem er gegessen hatte, waren sie noch zwei Mal durch das Haus gelaufen. Er gewann wieder an Kraft, aber sein Körper benötigte noch viel Ruhe.
Katharina nahm ihren Umhang, öffnete leise die Tür und schlich hinaus. Sie ging zum Marktplatz, bog zuvor aber in die Gassen hinter dem Wirtshaus ab, damit sie niemandem begegnen würde. Sie hörte ein paar Stimmen, die aus der Furt drangen, aber Albrecht schien heute nicht viele Gäste zu haben. Katharina blieb an einem kleinen Holzstapel stehen. Hier hatten sie Philipp gefunden. Sein Angreifer hatte in der dunklen Ecke auf ihn gelauert.
Sie wollte weiterschleichen, als sie ein leises Scharren vernahm. Wären ihre Sinne nicht bis zum äußersten angespannt gewesen, hätte sie es vielleicht nicht bemerkt. Sie drehte sich um, konnte jedoch in dem Zwielicht nichts erkennen. Ihr Gefühl sagte aber, dass sie nicht allein war. Irgendwo in den dunklen Gassen lauerte etwas, das sie beobachtete und auf ihren nächsten Schritt wartete.
Katharina drehte sich um und ging weiter. Da war es wieder. Das leise Rascheln, als würde ihr jemand hinterschleichen. Ihre Gedanken rasten. Nach Hause laufen konnte sie nicht, sonst würde sie ihrem Verfolger in die Arme laufen. Sie musste zurück zum Marktplatz und ins Wirtshaus. Dort wäre sie in Sicherheit. Vielleicht sollte sie nach Hilfe schreien, aber dann würde sich ihr Verfolger sofort auf sie stürzen. Wenn es die gleiche Person war, die auch Philipp angegriffen hatte, hätte er sie niedergestochen, bevor der erste Mann aus dem Wirtshaus gekommen wäre.
Katharinas Knie zitterten. Wieder ein Rascheln. Wer immer hinter ihr her war, musste schon sehr nah sein. Sie raffte ihren Rock und wollte losrennen, als plötzlich die Hintertür des Wirtshauses mit einem Knall aufging. Katharina zuckte vor Schreck zusammen. Albrecht kam heraus und wäre beinahe in sie hineingelaufen.
„Katharina“, sagte er überrascht. „Was machst du noch spät hier?“ Er hielt einen Eimer in der Hand, den er anscheinend in die Gasse leeren wollte.
Sie hätte vor Freude beinahe geweint, als sie den Wirt sah. „Ich war kurz im Wald, um noch ein paar Kräuter zu sammeln.“
„Es ist fast dunkel. Ist es nicht ein wenig spät dafür?“
Katharina drehte sich um. Die Gasse war leer. „Ich weiß, Albrecht“, sagte sie entschuldigend, während sie ihr pochendes Herz zu beruhigen versuchte.
„Geht es dir gut? Du wirkst so aufgewühlt.“
„Ich bin nur zu schnell gelaufen“, redete sie sich heraus. „Ich gehe gleich nach Hause.“ Dann umarmte sie den Wirt und ging an der Furt vorbei.
„Grüß mir Philipp“, rief er ihr hinterher. Katharina winkte ihm und ging zum Marktplatz zurück. Nur langsam hörte das Zittern in ihren Knien auf.

Er fluchte leise. Die Frau war so nah gewesen. Er hatte sie fast greifen können, als der Mann seine Jagd gestört hatte. Er hatte sich schnell in den Schatten zurückziehen müssen, damit sie ihn nicht hatte sehen können. Dann war er durch die Gassen gehuscht, bis er sich wieder sicher gefühlt hatte. Er wartete, bis sich seine Aufregung wieder gelegt hatte und die Blutlust der Jagd verklungen war. Sein Herz schlug mit jedem Augenblick langsamer und sein Atem wurde sanfter. Dann zog er sich in sein Versteck zurück.

Katharina lehnte sich an eine Hauswand und bekämpfte ihre Angst. Hatte sie wirklich jemand verfolgt oder hatte sie sich das alles nur eingebildet? Am liebsten wäre sie nach Hause gerannt und hätte einen Riegel vor die Tür geschoben, aber sie musste mehr über den Tod von Bruder Theobald herausfinden. Sie sah sich um, konnte aber niemanden wahrnehmen.
Sie atmete tief durch. Es gab keinen anderen Weg. Sie musste weiter zur Kirche. Vor dem Portal angekommen drehte sich ein weiteres Mal um. Der Marktplatz lag leer vor ihr. Sie hastete zum Seitenflügel, öffnete die Eingangstür und ging hinein.
Die Kirche lag still im blassen Schein einiger Kerzen. Man bekam den Eindruck, als würde Bruder Theobald noch unter ihnen weilen und hätte nur kurz die Kirche verlassen. Sie ging weiter, bis sie eine schmale, steil nach oben windende Wendeltreppe erreicht hatte. Sie lauschte angestrengt, konnte aber keine Schritte hören. Dann raffte sie ihren Rock und lieg die Stufen hinauf. Ihre Schuhe hallten laut in dem schmalen Aufgang. Es drang kaum noch Licht durch die schmalen Fenster, daher hatte sie ihren Kopf auf den Boden gerichtet, um nicht zu stolpern. Katharina verdrängte die bedrückende Enge der Treppe und beeilte sich nach oben zu kommen. Als sie den Glockenturm erreicht hatte, schmerzten ihre Beine, und sie spürte ihr Herz in ihrer Brust pochen. Sie blieb einen Moment stehen und atmete tief ein. Obwohl der Freitod von Bruder Theobald schon einen Tag her war, konnte sie noch immer den Gestank des brennenden Fleisches riechen.
Die Öffnungen im Turm waren groß genug, um noch etwas Licht hineinzulassen. Katharina ging an den Bogen, von dem sich Bruder Theobald wahrscheinlich heruntergestürzt hatte. Das Holz war verkohlt und enthielt kleine Brandlöcher, die sich durch die Bretter gefressen hatten. Meter um Meter untersuchte sie den Boden, bis sie in der Mitte des Raumes kleine Reste von Harz fand.
Das war der Grund, warum Bruder Theobald wie eine Fackel gebrannt hatte, selbst nachdem er auf dem Boden aufgeschlagen war. Er war voller Harz gewesen. Katharina ging wieder zu der Öffnung, die einen guten Blick auf den Marktplatz bot. Wenn der Priester seinem Leben hatte ein Ende setzten wollen, warum hatte er diesen Weg gewählt? Der Sturz vom Glockenturm wäre tödlich gewesen und hätte genügt. Hätte er sich nur mit Harz eingerieben und angesteckt, wäre sein Tod zwar weitaus qualvoller, aber ebenso endgültig gewesen.
Katharina lief in dem zugigen Raum umher. Ihr Gefühl sagte ihr, dass hier etwas fehlte. Sie ging wieder in die Mitte und untersuchte die kleinen Harzreste. Sie stellte sich vor, sie hätte ihre Kleidung mit der klebrigen Masse eingerieben, würde zum Fenster gehen und sich dann anzünden.
Jetzt wusste sie, was sie vermisste. Es gab keine Feuerquelle. Nirgends hing eine Fackel oder stand eine Kerze. Sie sah keinen Feuerstein oder irgendetwas anderes, an dem man sich hätte entzünden können.
Katharina ging zur Öffnung und blickte über den Marktplatz. Sie versuchte sich an den Sturz von Bruder Theobald zu erinnern. Sie vernahm nochmals seine Bitte um Vergebung. Dann fiel er brennend nach unten. Sein schlaffer Körper machte noch einen letzten Überschlag, bevor er auf den Boden knallte. Sie ging im Geiste die Szene immer wieder durch, aber sie war sich sicher, dass der Priester keine Fackel oder Kerze bei sich getragen hatte. Dies ließ nur zwei Schlüsse zu. Entweder war die Fackel weggeräumt worden, oder jemand hatte Bruder Theobald angezündet.
Das Licht wurde schwächer. Katharina musste sich beeilen. Es wurde dunkler und sie wollte keine Kerze anzünden. Der Schein wäre in ganz Furtenblick zu sehen gewesen. Wenn man sie hier fand, würde sie unangenehmen Fragen beantworten müssen.
Und wenn Bruder Theobald nicht Selbstmord begangen hatte? Vielleicht hatte ihn der Mörder nach oben geschafft, ihn mit Harz eingeschmiert, ihn angezündet und schließlich hinuntergeworfen.
Aber wenn Bruder Theobald gegen seinen Willen hier hoch gebracht worden wäre, so hätte man seine Hilfeschreie gehört. Auch wenn er schon alt war, hätte er sich gewehrt. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, ihn zu fesseln und zu knebeln. Aber Katharina hatte kein Seil oder Knebel an dem brennenden Körper gesehen. Außerdem hätte der Knebel verhindert, dass er laut um Gottes Vergebung gebeten hätte.
Sie trat vom Rand des Glockenturms zurück und versuchte sich vorzustellen, was hier geschehen war. Wenn Bruder Theobald nicht den Freitod gesucht hatte, hätte ihn jemand herunter stoßen müssen. Doch wie hatte das geschehen können? Bruder Theobald war wahrscheinlich ohne Bewusstsein oder in einer anderen hilflosen Position gewesen. Dann hatte ihn der Mörder mit Harz eingerieben, angezündet und hinunter geworfen. Aber wie konnte man einen bewusstlosen Mann, der lichterloh brannte, hochheben und hinauswerfen, ohne selbst schwerste Verbrennungen zu erleiden?
Katharina streifte wieder durch den Glockenturm. Die Lösung musste hier sein. Sie betrachtete die großen Glocken, prüfte die Seile und suchte weiter den Boden ab, aber nichts brachte sie näher an die Lösung. Als die Sonne fast vollends untergegangen war, fiel ihr Blick auf eine kurze Leiter, fast nur ein Tritt, der in einer Ecke angelehnt war. Dieses Holzkonstrukt half den Kirchendienern höher an die Glocken oder an die Decken des Turms zu kommen. Katharina zog die Leiter vor, schob sie weiter ins Licht und betrachtete die verbrannte Oberfläche. An einer Stufe klebte noch Harz.
Sie genehmigte sich ein Lächeln. Jetzt verstand sie, wie Bruder Theobald gestorben war. Er war ermordet und sein Freitod vorgetäuscht worden. Wer immer dahinter steckte, spielte ein wahrlich grausames Spiel.

Philipp wachte auf, als die Tür aufging. Es war schon Nacht, als Katharina hineingelaufen kam und ihren Umhang ablegte. Durch das Licht einer Kerze konnte er sehen, wie sie zu ihm ans Bett kam.
„Wo warst du?“, fragte er müde.
„Ich habe nur etwas frische Luft gebraucht“, antwortete sie lächelnd. „Aber ich werde mich jetzt auch zur Ruhe begeben.“
„Aber ich liege in deinem Bett.“
„Ich habe die letzten Tage hier auf dem Stuhl geschlafen. Mit einer Decke auf der Lehne, ist es gar nicht so unbequem, wie es aussieht.“
„Morgen früh werde ich kräftig genug sein, um aus dem Bett aufzustehen. Dann laufe ich zu mir rüber und lege mich wieder in meine Pritsche, damit du in Ruhe schlafen kannst.“
„Du bist noch vollends genesen, Philipp.“
„Ich weiß, Katharina“, sagte er milde. „Aber ich habe Ida, Loretta und dich lange genug beschäftigt. Ich freue mich über euren Besuch und lasse mir gerne etwas zu essen bringen, aber ich möchte euch nicht länger zur Last fallen.“
„Lass uns sehen, wie es dir morgen geht. Dann versuchen wir es.“
Philipp lächelte. Dann drehte er sich zur Seite und schloss die Augen. Es war ein schönes Gefühl, dass sich jemand um einen sorgte. Er hatte sich lange nicht mehr so geborgen gefühlt. Zufrieden schlief er ein.

Am Morgen war Katharina früh aufgestanden. Sie streckte sich müde und rieb sich den Nacken. Das Schlafen auf dem Stuhl hatte sie steif werden lassen und ihr nur wenig Ruhe beschert. Sie war auf dem Weg zum Wirtshaus, weil sie Ida die Schüsseln und Teller wiederbringen wollte, die sich bei ihr gesammelt hatten. Es war ein trüber Morgen. Vor der Furt stand ein großer Wagen, der Bier geladen hatte. Albrecht und ein ihr unbekannter, bulliger Mann hoben die Fässer herunter und rollten sie hinein. Katharina begrüßte den Wirt mit einem freundlichen Winken und wollte gerade hineingehen, als ihr Blick auf den anderen Mann fiel. Er hatte seinen Fuß auf ein Fass gelegt und wickelte eine Schnur um den Schaft seines rechten Stiefels. Das Leder war ausgeleiert und er wollte vermeiden, dass der Stiefel nach unten rutschte.
Katharina traf die Erkenntnis wie ein Fausthieb. Ihr Atem stockte und sie blieb wie betäubt stehen. Jetzt verstand sie. Die losen Enden der Geschehnisse setzten sich zusammen. Alles ergab einen Sinn, und sie durchschaute den perfiden Plan hinter den Morden.
„Geht es dir gut?“, holte sie die Stimme Albrechts aus ihren Grübeleien.
Katharina lächelte ihn verlegen an. „Danke. Mir ist nur eingefallen, dass ich etwas vergessen habe.“ Sie drückte ihm die Schüsseln und Teller in die Hand. „Gib das Ida und grüße sie herzlich von mir. Sag ihr, dass es Philipp gut geht und er heute wieder in sein Haus zurückkehren wird.“
„Das ist gut zu …“
„Ich besuche euch bald wieder“, sagte Katharina und lief nach Hause.
Kaum hatte sie sich von Albrecht abgewandt, begann ein Plan Gestalt anzunehmen. Sie kannte nicht nur den Mörder, sondern auch sein nächstes Opfer. Die Aufregung ließ ihre Hände zittern. Sie konnte sich nicht völlig sicher sein, aber sie hatte eine Idee, wie sie den Täter überführen und ihn von seinem nächsten Mord abbringen konnte. Sie würde gleich damit beginnen.

Philipp saß auf dem Rand des Bettes und schaukelte mit den Füßen. Er versuchte Leben in seine Zehen zu bringen, bevor er den nächsten Versuch wagte, durch den Raum zu laufen. Er hatte es satt, den ganzen Tag im Bett zu liegen. Er wollte Katharina nicht länger zur Last fallen, sondern wieder selbst arbeiten gehen. Er versuchte gerade aufstehen, als die Tür mit einem lauten Knall aufflog. Katharina kam hineingehastet.
„Philipp“, sagte sie überschwänglich. „Wie ich sehe, geht es dir besser.“
„Ich fühle mich eigentlich ganz gut“, antwortete er verwundert. So ruhelos hatte er sie schon lange nicht mehr erlebt.
„Wolltest du aufstehen?“
„Ich weiß, ich hatte versprochen, auf dich zu warten, aber mir war …“
„Hervorragend“, sagte Katharina legte seinen Arm um seine Schultern. Dann zog sie ihn hob. „Wie fühlst du dich?“
„Eigentlich ganz gut. Noch nicht so stark wie früher, aber …“
„Hervorragend“, unterbrach ihn Katharina wieder. Philipp runzelte die Stirn. Wenn er es nicht besser wissen würde, würde er glauben, dass sie etwas getrunken hatte. Sie gingen zur Tür. Katharina öffnete sie, und sie liefen vorsichtig die Treppen hinunter.
„Willst du einen Spaziergang mit mir machen?“, fragte er unsicher.
„Nein. Ich will dich nach Hause bringen“, antwortete sie lächelnd.
„Wirklich? Ich dachte, ich soll noch ein paar …“
„Du bist wieder genesen, Philipp. Ich schlafe auch lieber in meinem Bett. Außerdem wird dir die vertraute Umgebung gut tun. Natürlich schaue ich nach dir und bringe etwas zu essen, aber heute Nacht darfst du in deinem Bett schlafen.“
„Das freut mich“, erwiderte Philipp verwirrt. Er war froh, wieder zu Hause zu sein, aber er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass hinter seinem schnellen Umzug mehr steckte, als Katharina sagen wollte.

Katharina schloss die Tür zu Philipps Haus hinter sich und atmete beruhigt aus. Er war nicht so stark, wie sie es sich gewünscht hätte, aber er wäre ihr heute Nacht im Weg. Sie hatte ihm die Wohnung aufgeräumt und verdorbene Speisen weggeworfen. Nachher würde sie ihm noch Brot, Käse und einen extra großen Krug Bier bringen, damit er gut schlafen konnte.
Sie eilte in ihr Haus und nahm einen kleinen Korb vom Tisch. Beim herausgehen steckte sie ein Tuch in die Tasche und machte sich auf den Weg zu ihrer Tochter. Dort angekommen sah sie Loretta beim Unkraut zupfen. Als sie Katharina erblickte, richtete sie sich lächelnd auf.
„Mutter“, sagte sie. „Was macht dein Gast?“
„Ich habe ihn heute wieder in sein Haus gebracht. Ihm geht es gut. Bald werden ihn nur noch die Narben an diese Zeit erinnern. Wo ist Sigmund?“
„Er ist bis morgen irgendwo in der Nähe von Frankfurt und übernachtet bei seinen Verwandten. Spätestens übermorgen ist er wieder da.“
Katharinas Gesicht wurde ernst. Sie suchte nach den richtigen Worten.
„Was ist los, Mutter?“, fragte Loretta beunruhigt.
„Ich glaube, dass der Mörder heute Nacht wieder zuschlagen könnte.“
„Woher weißt du das?“
„Das ist nur eine Vermutung, aber ich bitte dich vorsichtig zu sein. Verrammelt eure Tür. Schließt eure Fenster und seid wachsam.“
„Weißt du, wer der Mörder ist?“
„Nicht sicher“, antwortete Katharina ausweichend. „Ich kann noch nicht viel dazu sagen, aber morgen früh weiß ich mehr.“
Loretta kam näher. „Du hast etwas vor.“
„Nicht gefährliches.“ Katharina winkte ab. „Ich muss nur ein paar Erkundigungen machen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich passe auf mich auf.“
Loretta schien noch immer nicht überzeugt zu sein, als Katharina ihre Tochter umarmte. „Gib meiner Enkelin einen Kuss von mir.“ Dann löste sie sich schnell und ging in Richtung Wald, ohne sich nochmals umzudrehen. Wenn ihre Tochter gewusst hätte, was sie vorhatte, hätte sie sie wahrscheinlich festgehalten und gefesselt, bis die Nacht vorüber gewesen wäre. Katharina hoffte, dass Loretta keinen Verdacht geschöpft hatte. Sie wollte nicht, dass sich ihre Tochter auch in Gefahr begab.
Sie überquerte den Marktplatz und marschierte den steilen Weg zum Fluss hinunter. Der Wald war düster, und es begann zu regnen. Katharina überquerte die Brücke und stapfte durch das Unterholz. Sie marschierte abseits der Trampelpfade und hielt ihren Kopf auf den Boden gesenkt. Was sie suchte, würde sie nicht auf den bekannten Wegen finden. Es dauerte eine Zeit, bis sie eine Pflanze auf dem Boden wachsen sah, die vier grüne Blätter weit nach außen streckte. In ihrer Mitte ruhte ein kleiner, blauer Apfel. Ein Unwissender konnte verleitet werden, die Frucht zu essen, aber Katharina nahm das Tuch aus dem Korb und pflückte den Apfel vorsichtig ab. Dann suchte sie weiter. Sie brauchte noch mehr Einbeeren.

Es war Abend geworden. Das Wirtshaus war gut besucht. Albrecht zapfte gerade einen Krug Bier, als die Tür aufging und Katharina hineinkam. Für einen Moment verstummten die Gespräche und alle Augen wandten sich ihr zu. Um diese Zeit war es ungewöhnlich, dass eine Frau die Furt besuchte.
„Hallo Albrecht“, sagte sie.
„Katharina.“ Der Wirt nickte ihr zu. „Möchtest du etwas trinken?“
„Nein, danke. Ich wollte dich nur bitten, mich morgen zum Vogt zu fahren. Ich habe eine Vermutung, wer die Menschen getötet hat.“
„Ihr wisst, wer der Mörder ist?“, fragte Frederich Rump vom Tisch neben ihr und hätte beinahe seinen Krug fallengelassen.
Katharina winkte vage mit einer Hand. „Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich habe eine Idee und vielleicht genügt sie dem Vogt, um weitere Erkundungen zu betreiben. Ich muss noch ein paar Bürger befragen und mir Gedanken machen, aber morgen früh weiß ich genug, damit wir diese Reise nicht umsonst machen.“
„Wer ist es?“, platzte er heraus.
„Es wäre falsch jetzt schon Verdächtigungen auszusprechen.“
„Könnt Ihr uns keinen Hinweis geben?“
„Ihr müsst Euch bis morgen früh gedulden“, sagte Katharina.
„Ich komme morgen früh mit zum Vogt“, erklärte Frederich. „Als Bürgermeister von Furtenblick muss ich Euch natürlich begleiten.“
„In Ordnung“, sagte Katharina. Sie winkte Albrecht zu. „Bis morgen früh.“ Dann wandte sie sich um und verließ das Wirtshaus.
Als die Tür zugefallen war, begann eine lautstarke Unterhaltung, wer der Mörder sein könnte und warum Katharina so geheimnisvoll tat.
„Glaub mir. Das Weib ist toll im Kopf“, rief ein Mann.
„Katharina ist klüger als du und dein ganzer Stall mit Ziegen“, antwortete ein anderer, was die Menge zu brüllendem Gelächter veranlasste.
Albrecht stand noch immer mit dem Krug Bier in der Hand da. Er blinzelte und war sich nicht sicher, ob er den kurzen Besuch von Katharina nur geträumt hatte. Die aufbrandenden Streitgespräche im Wirtraum zeigten ihm aber, dass auch seine Gäste sie gesehen hatten. Es würde eine lange Nacht werden.

Katharina stand vor der Tür des Wirtshauses und lauschte zufrieden den Stimmen. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Über ihre Ankündigung würden sich die Männer den ganzen Abend die Köpfe heiß reden.
Sie raffte ihren Rock und ging nach Hause. Sie musste noch einiges vorbereiten, wollte aber noch nach Philipp sehen. Bei seinem Haus angekommen, öffnete sie vorsichtig die Tür und schlich hinein. Es war schon dunkel und sie konnte kaum etwas sehen, aber sie hörte das vertraute Schnarchen. Für einen Augenblick hatte sie das Bedürfnis zu ihm zu gehen, seine Stimme zu hören und mit ihm zu reden, aber sie durfte nicht schwach werden. Es war ihr unendlich schwer gefallen, sich von ihrer Tochter und ihrer Enkelin nicht zu verabschieden, aber schon der kleinste Hinweis auf ihre Pläne, hätten sie verraten. Sie musste dem ein Ende machen. Für Sentimentalitäten war kein Platz. Einen Moment verharrte sie noch in Philipps Haus, dann ging sie hinaus und schloss die Tür.
Es war eine schöne Nacht. Der Mond erhellte die Häuser des Dorfs und erlaubte einen Blick auf die Weinberge. Wann immer sie ihre Augen dorthin richtete, fühlte sie sich zu Hause. Dies war ihre Heimat. Hier war sie geboren. Hier hatte sie viele glückliche Jahre verlebt, hier würde sie sterben und begraben werden. Sie hoffte nur, dass ihr Leben nicht heute endete.
Sie öffnete das Gatter zu ihrem Garten und ging hinein. Ihr lagen noch so viele Dinge auf der Seele. Es gab noch so viel zu sagen, zu Philipp, zu ihrer Tochter, aber sie sie musste den Mörder aufhalten, auch wenn es ihr Leben kosten würde. Der vierte Mord würde zu viel Leid nach sich ziehen.
Sie öffnete die Tür, nahm ihren Umhang ab und stellte vier Kerzen auf den Tisch. Dann zog sie vorsichtig die Handvoll kleiner blauer Beeren hervor und presste sie eine nach der anderen aus. Sie achtete genau darauf, dass kein Tropfen der Flüssigkeit auf ihre Finger kam. Stattdessen füllte sie diese in eine kleine Glasphiole, die ihr Gerlach vor vielen Jahren geschenkt hatte. In diese hatte sie immer ein nach Blumen riechendes Duftwasser aufbewahrt, aber heute hatte es einen anderen Zweck zu erfüllen. Als die Phiole voll war, setzte sie den kleinen Korken darauf. Dann nahm sie einen Strauch Kräuter aus dem Korb und zerrieb diese in einem kleinen Stößel. Bald war sie bereit.

Die Johannis-Morde – Kapitel 13

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 23. November 2010 von alexanderhartung

Genesung

Albrecht hatte sich hinter einem alten Bretterverschlag verborgen und hielt eine große Keule in der Hand. Die Sichel des Mondes drang kaum durch die Wolken, aber seine Augen hatten sich an die Dunkelheit angepasst. Er würde jeden vorbeihuschenden Schatten bemerken, der sich durch die Gassen schlich.
Seine Fingen klopften ungeduldig auf das raue Holz der Keule. Er hatte es satt, dass irgendein Mörder durch Furtenblick lief und alle in Angst versetzte. Gestern Abend hatte sie im Wirtsraum darüber diskutiert, was sie dagegen unternehmen würden. Nachdem die ersten Vermutungen die Runde gemacht hatte – sie reichten von dem alten Foller, über dem Gehörnten persönlich bis hin zu Nicolaus Grumbach – hatte Volmar schließlich vorgeschlagen in der Nacht durch die Gassen zu patrouillieren. Dabei hatte Albrecht recht schnell gesehen, wer von dem Männern wirklich Mumm in den Knochen hatte und wer nicht. Haug Bindrim war sofort aufgestanden und hatte sehr bildlich erklärt, was er mit dem Mörder machen würde, sollte er ihn unter sein Hackbeil bekommen. Frederich Rump hatte das Vorgehen unterstützt, sich aber nicht für die Patrouillen gemeldet, weil ihn die Amtsgeschäfte tagsüber so sehr in Anspruch nahmen, dass er nachts seinen Schlaf brauchte. Winand Gebhard hatte sich bereiterklärt eine Stunde früher aufzustehen und vor der Bäckerei zu wachen, bis er sein Brot machen musste. Die meisten hatten aber, ähnlich wie der Bürgermeister, fadenscheinige Erklärungen vorgebracht, warum sie des Nachts lieber zu Hause blieben. Hätte Bredelin auf dem Dorffest den Fluch nicht ausgesprochen, wäre jeder von ihnen auf die Suche nach dem Mörder gegangen, aber seit dem Tag waren aus gestandenen Männern ängstliche Waschweiber geworden.
Am Ende waren nur er, Volmar und Haug geblieben. Volmar suchte im nahen Wald nach dem Mörder, während Haug und er sich das Dorf aufgeteilt hatten. Jeder von ihnen hatte ein kleines Horn einstecken, das einen hohen, durchdringenden Ton von sich gab, sollten sie ein umherschleichende Gestalt irgendwo entdecken. Wäre er erst einmal gefasst, würden sie nicht auf den Vogt warten. Das Urteil war bereits gefällt. Sie würden es selbst vollstrecken.
Albrecht musste an Philipp denken. Die entzündete Wunde musste ihn eigentlich umbringen, aber Katharina war so zuversichtlich gewesen, dass ihm der Schimmelpilz helfen würde, dass er schließlich auch daran glaubte. Vielleicht wäre der Herr wenigstens bei ihm gnädig.

Philipp öffnete die Augen. Fahles Mondlicht drang durch ein Fenster und erhellte das Schlafzimmer von Katharina. Er konnte kaum den Kopf drehen. Sein Mund war ausgetrocknet und seine Schulter schmerzte. Sein Blick ging zu einer schlafenden Gestalt neben dem Bett. Sie saß auf einem Stuhl und ihr Kopf war auf die Brust gesunken. Ihre Hand hielt die seine fest umklammert, als hätte sie Angst ihn loszulassen. Ihre Brust hob und senkte sich sanft.
Wie lange er auch ohnmächtig gewesen war, sie schien die ganze Zeit neben seinem Bett gewacht zu haben. Wahrscheinlich hätte sie kaum etwas gegessen und wenig geschlafen. Philipp lächelte.
„Verrücktes Weib“, flüsterte er mit krächzender Stimme, während er sanft über ihre Hand strich. Dann schloss er die Augen und schlief wieder ein.

Die Nacht war vorüber, und Katharina legte die Hand auf Philipps Stirn. Sie hatte das Gefühl, dass das Fieber zurückgegangen war, aber vielleicht redete sie sich das nur ein. Seit gestern ging es Philipp besser. Er schwitzte nicht mehr so stark, und seine Träume waren ruhiger geworden. Aber er war noch immer ohne Bewusstsein.
Katharina nahm den Lappen zur Hand und wischte ihm die Stirn ab. Sein Kopf drehte sich zu ihr, und er öffnete vorsichtig die Augen. Das Licht der Kerze schien ihn zu blenden. Er blinzelte kurz, aber sein Blick war auf Katharina gerichtet.
„Philipp?“, fragte sie vorsichtig. „Kannst du mich hören?“
„Warum sollte ich dich nicht hören?“, antwortete er mit kratziger Stimme. „Du sitzt ja direkt neben dem Bett.“
„Geht es dir gut?“, fragte sie ungläubig.
„Ich fühle mich ein wenig schwach und meine Schulter schmerzt höllisch.“
Katharina nahm einen Becher und setzte ihn vorsichtig an seinen Mund. Philipp hob den Kopf und trank gierig. Dann legte er sich wieder ab und seufzte zufrieden.
„Ich wusste gar nicht, wie ausgetrocknet ich war.“
Katharina sah Philipp ungläubig an, als könnte sie immer noch nicht glauben, dass er erwacht war. Sie hob die Decke an, zog den Verband von der Schulter und prüfte die Wunde. Es roch nach Schimmel, aber die Entzündung war weg.
„Katharina?“, fragte Philipp leise, während sie sich über ihn beugte.
„Ja?“
„Hast du mich ausgezogen und in dein Bett gelegt?“
„Bilde dir nur nichts darauf ein“, antwortete sie schroff. „Du warst schwer verletzt und mein Haus stand näher.“
Ihr Blick mahnte Philipp dieses Thema nicht weiter zu verfolgen. Dann legte sie den Verband wieder auf die Wunde und schlang die Arme fest um seinen Hals. Sie musste Tränen unterdrücken. Dann ließ sie in wieder los und füllte seinen Becher auf.
„Wie lange war ich ohne Bewusstsein?“
„Über vier Tage“, antwortete Katharina. „Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“
„Nicht viel. Ich bin durch die Gassen nach Hause gelaufen. Beim Wirtshaus hat mir ein dunkel gekleideter Mann aufgelauert, mich mit einem Messer angegriffen und mir etwas über den Schädel geschlagen. Dann bin ich hier aufgewacht.“
Philipp griff an seinen Kopf, zuckte aber stöhnend zurück.
„Die Schwellung wird noch eine Weile bleiben“, erklärte Katharina. „Deine Wunde an der Schulter hat uns mehr Sorgen gemacht.“
„Uns?“
„Also mir und Ida, Loretta und Albrecht. Auch Volmar und Haug haben immer wieder nach dir gefragt. Sogar der Bürgermeister war kurz da.“
Philipp lächelte. Anscheinend rührte ihn der Gedanke, dass sich so viele Menschen um ihm Sorgen gemacht hatten. „Kannst du mir meine Hose geben?“, fragte er verlegen.
„Wieso das?“
„Nun ich möchte nicht nackt aus dem Bett aufstehen und daher …“
Katharina lachte kurz. „Du glaubst doch nicht, dass du aufstehen darfst. Du bist fast gestorben, daher wirst du schön liegenbleiben.“
„Ich bin kleines Kind mehr. Ich fühle mich eigentlich …“
„Keine Widerrede. Du musst dich noch etwas ausruhen.“
„Nun, du siehst auch aus, als könntest du etwas Schlaf …“
„Werd nur nicht frech, sonst werde ich deine Medizin mit Tran strecken und sie dir jede Stunde verabreichen. Ich bereite dir jetzt einen Kräutertrunk und den wirst du bist zum letzten Tropfen austrinken.“
Philipp machte ein missmutiges Gesicht, während Katharina aufstand und einen kleinen Kessel auf den Ofen stellte. Sie nahm Kräuter aus Schälchen und Gefäßen und zerstieß sie mit einem Stößel. Dann schüttete sie Wasser hinzu und brachte das dampfende Gebräu zu Philipp ans Bett. Als sie näherkam, war der große Mann schon wieder eingeschlafen, aber sein ruhiger Atem und sein rosiger Gesichtsausdruck zeigten Katharina, dass sein Schlaf frei von Fieberträumen war.
Dann setzte sie sich wieder neben ihn und nahm einen Schluck von dem Trunk. Kurz darauf war auch sie eingeschlafen.

Loretta beobachtete wie Philipp von Ida mit Suppe gefüttert wurde. Anfänglich hatte er noch selbst essen wollen, aber seine Hand war schwach und zittrig, so dass er kaum den Löffel halten konnte.
„Anscheinend ist er auf dem Weg der Besserung“, sagte Loretta zu ihrer Mutter. „Ich hätte nicht geglaubt, dass der Schimmel die Entzündung heilen könnte.“
Katharina zuckte mit den Achseln. „Ich kann dir auch nicht sagen, was diese Wirkung hervorgebracht hat, aber ich verspreche dir, dass ich gleich morgen etwas Schafskot mit Honig in den Schrank stelle. Damit gehören die Tage des Wundbrands der Vergangenheit an.“
Loretta betrachtete ihre Mutter. Auch sie hatte sich wieder erholt. Philipps Genesung hatte eine große Last von ihr genommen. Loretta wusste, wie sehr sie an dem großen Mann hing. Sein Tod hätte sie ähnlich zerbrochen, wie es der Tod ihres Vaters getan hätte. Es hatte viele Jahre gedauert, bis sie ihre Trauer hinter sich gelassen hatte, daher war es ein Segen gewesen, dass sie jemand gefunden hatte, der ihren Schmerz teilte. Loretta wurde von einem Wortwechsel zwischen Ida und Philipp aus ihren Gedanken gerissen.
„Du hast noch nicht einmal die Hälfte des Tellers leergegessen“, sagte die Wirtin.
„Ich habe keinen Hunger mehr“, entgegnete Philipp genervt.
„Du hast tagelang nichts gegessen, deshalb wirst du die Suppe aufessen.“
„Nein“, warf er ihr zornig entgegen.
„Ich bin mir sicher, dass du es wirst“, sagte sie drohend.
„Wirklich? Wie willst du das anstellen? Willst du mich verprügeln“, antwortete er lächelnd.
„Nein. Aber denke daran, dass ich geholfen habe dich auszuziehen und in Katharinas Bett zu legen“, erwiderte sie grinsend.
Philipps Lächeln verschwand. „Und?“, fragte er unsicher.
„Mit ist nichts verborgen geblieben. Und wenn du mich verärgerst werde ich in der Wirtsstube beiläufig fallen lassen, dass alles was ich gesehen kaum die Größe einer Pflaume hatte.“
„Das ist eine gemeine Lüge.“
Ida zuckte die Achseln. „Und wenn schon.“
„Das würdest du nicht tun“, sagte Philipp und wurde rot.
Idas Grinsen wurde breiter. „Ich bin mir sicher, dass diese interessante Beobachtung schnell über die Grenzen Furtenblicks bekannt wäre.“
Philipp schien abzuwägen, ob es die Wirtin wirklich ernst meinte. Dann öffnete er den Mund und ließ sich weiter füttern.
„Wie lange willst du ihn noch bei dir behalten?“, fragte Loretta, als sich Philipp seinem Schicksal gefügt hatte.
„Ich denke, es wird noch zwei Tage dauern, bis er überhaupt wieder aufstehen kann. Er hat viel Blut verloren und erst wieder mit Essen begonnen. Lass dich nicht von seiner kräftigen Statur täuschen. Er würde noch nicht einmal bis zur Tür kommen, ohne umzufallen.“
Man konnte ihrer Mutter zwar die Erleichterung anmerken, aber sie konnte Philipp noch immer nicht aus den Augen lassen, als rechne sie jederzeit damit, dass ihr Nachbar wieder ohnmächtig wurde. Sie brauchte etwas Ablenkung.
„Heute ist Markttag“, bemerkte sie gut gelaunt. „Ich muss noch etwas einkaufen. Warum kommst du nicht mit?“
Katharina zögerte. Sie blickte zu Philipp und schien ihn nicht allein lassen zu wollen.
„Wir sind bald wieder da. Bis dahin wird sich Ida gut um deinen Gast kümmern.“
„Geht ruhig“, sagte die Wirtsfrau, während sie Philipp wieder den Löffel mit Suppe in den Mund schob. „Ich bleibe solange hier und kümmere mich um ihn.“
Loretta hakte sich bei Katharina ein. „Lass uns gehen“, sagte sie und zog Katharina mit sich. Dann nahm sie ihren Korb und ging los. Die ersten Schritte ihrer Mutter waren noch etwas zögerlich, aber als sie auf dem Weg dem Marktplatz waren, wurde ihre Stimmung besser. Früher war sie immer gerne über den Markt geschlendert und Loretta hoffte, dass sie dort die Erlebnisse der letzten Tage vergessen konnte.

Eigentlich missfiel ihm das helle Licht des Tages. Er fühlte sich nur in der Nacht wohl, aber die Jagd nach seinen beiden ersten Opfern war zu leicht gewesen. Er hatte jede Sekunde davon genossen und sich an ihrer Angst ergötzt, aber dieses Mal wollte er auf den Schutz der Dunkelheit verzichten.
Es war laut an diesem Markttag. Ein Handvoll Händler boten ihre Ware feil und einige Bürger hatten sich auf die Straße getraut. Sie schlenderten über den großen Platz, aber er konnte ihre Angst riechen. Er sah sich kurz um, dann huschte er weiter.
Er spürte, wie sich die Freude auf die Jagd wieder einstellte. Er hätte vor Ekstase beinahe aufgeschrien, als er sich ausmalte, was er heute tun würde. Bisher hatte er die Toten immer abgelegt, sich in der Nähe versteckt und sich an den Reaktionen der Menschen erfreut, wenn sie die Körper gefunden hatten. Doch heute wollte er mehr. Der Fluch gab ihm das Feuer vor und nichts eignete sich besser, als alle an seiner Tat teilhaben zu lassen.
Er hatte sich viele Arten des Leids ausgemalt und sich lange vorbereitet, aber jetzt war es endlich soweit. Er sprang über eine kleine Mauer und betrat den Hinterhof der Kirche. Die Nähe zum gottgeweihten Gebäude machte ihn nervös, aber heute wäre es seinen Zwecken dienlich. Die Ironie, dass sein nächstes Opfer hier starb, ließ ihn leise kichern.

Katharina sog den Geruch von gebratenem Fleisch ein und schlenderte an den Ständen vorbei. Es waren weniger Händler als sonst hier, aber sie wollte sich die Laune nicht verderben lassen. An diesem Tag freute sie sich nur, dass es Philipp wieder gut ging. Sie spürte regelrecht, wie ihr eine schwere Last von den Schultern genommen worden war. Bredelin Arken und sein Todesfluch mussten warten. Heute würde sie sich die Zeit nehmen, an jeden Stand zu gehen und ausgiebig die Auslage zu betrachten, während sie mit den Händlern plauschte.
Ihre Tochter zog sie am Arm. „Sieh her, Mutter. Wiesenhonig“, sagte sie und deutete auf ein kleines Tonfässchen. Loretta gab dem Händler eine Münze und nahm das Gefäß an sich. Dann steckte sie den Finger hinein und leckte ihn genüsslich ab. Ihre Tochter hielt ihr den Honig hin, aber Katharina schüttelte den Kopf. Sie gingen weiter zu einem Stand mit Kräutern und Gewürzen. Sie liebte den Geruch, den die Auslage verströmte. Sie betrachtete die Salbeiblätter, als sie einen lauten Schrei vernahm.
„Gott vergib mir“, brüllte jemand. Der Schrei kam von der Kirche und Katharina fuhr herum. Sie sah einen Mann vom Glockenturm springen. Sein Gewand stand in Flammen. Er überschlug sich einmal und fiel mit einem dumpfen Knacken auf den Boden vor der Kirche. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Einen Moment sahen alle gebannt auf den brennenden Körper.
„Der Fluch“, schrie eine Frau hysterisch. Die Erstarrung fiel von den Besuchern ab. Mütter nahmen ihre Kinder und rannten nach Hause. Die Markthändler machten sich eilig daran, ihre Sachen zusammenzupacken.
Katharina näherte sich dem brennenden Körper. Das Feuer brannte lodernd und ließ das Fleisch schwarz werden. Ab und zu sprangen kleine Funken von der Kleidung. Sie hielt die Hand vor die Nase und versuchte durch den Mund zu atmen. Der süßliche Gestank des brennenden Fleisches ließ sie würgen. Die brennende Gestalt regte sich nicht. Der Kopf war grotesk verdreht. Wahrscheinlich hatte ihn der Sturz das Genick gebrochen.
„Wer ist das?“, hörte sie die gedämmte Stimme von Loretta hinter sich. Ihre Tochter hielt sich einen Schal vor den Mund.
„Ich denke, es ist Bruder Theobald.“
„Bruder Theobald?“, fragte sie überrascht. „Woher weißt du das?“
Katharina deutete auf ein Kruzifix in der Hand des Toten. „Außerdem trägt er eine Kutte“, ergänzte sie. „Nur Bruder Theobald ist so gekleidet.“
Loretta bekreuzigte sich. „Warum hat er das gemacht?“, fragte sie sichtlich erschüttert.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Katharina.
„Dieses Dorf ist verflucht“, schrie ein Mann. Die beiden Frauen drehten sich zum Honighändler um, der eilig seine Ware auf einem kleinen Wagen verstaute. „Lieber verhungere ich, als dass ich hier meinen Honig anbiete.“
Dann spannte er ein Pferd an, sprang auf den Kutschbock und fuhr polternd aus der Stadt hinaus. Katharina und Loretta sahen ihm nach. Außer ihnen war niemand mehr auf dem Marktplatz.

Katharina nahm Philipp vorsichtig den Becher mit Tee aus der Hand. Sie hatte dem Trunk eine große Portion Johanniskraut hinzugetan, das schnell gewirkt hatte. Philipp ging es besser. Das Fieber war verschwunden und sein Schlaf war ruhiger. Dank Ida aß er regelmäßig und würde bald wieder der Alte sein. Trotzdem war er noch zu schwach, um aufzustehen.
Katharina stellte den Becher zur Seite. Das Bild des brennenden Bruder Theobald, der vor der Kirche starb, ging ihr nicht aus dem Kopf. Warum hatte er sich das Leben genommen? Er war ein Mann Gottes. Er hatte gewusst, dass er seine Seele damit der ewigen Verdammnis übergab. Wie verzweifelt hatte er sein müssen, um vom Glockenturm zu springen?
Wie war er in diese Sache verwickelt? War er vielleicht der Mörder gewesen, und hatte ihn sein schlechtes Gewissen zu dieser Tat gebracht? Je länger sie darüber nachdachte, umso verwirrender wurde alles. So sehr sie sich bemühte, sie konnte keinen Zusammenhang zwischen Rudolf Eigbrod, Lukas Kolf, Philipp und Bruder Theobald erkennen.
Philipp schlief. Sie hatte ihn eigentlich noch schonen wollen, aber sobald wieder erwachen würde, musste sie ihn befragen. Vielleicht war er tiefer in die Sache verwickelt, als sie annahm.

Philipp biss zufrieden in das Stück Brot und wandte sich wieder Katharina zu, die den Teller wegbrachte.
„Was redet ihr eigentlich die ganze Zeit, wenn ihr glaubt, dass ich eingeschlafen bin?“
„Was meinst du?“
Philipp lächelte. „Ida, Loretta und du tuscheln ständig, wenn ihr denkt, dass ich euch nicht zuhöre.“
Katharina winkte ab. „Nichts Wichtiges. Was Frauen halt so den ganzen Tag reden.“
„Katharina“, seufzte Philipp. „Ich bin dir für alles dankbar, was du für mich getan hast und werde nie wieder einen Rat bezüglicher meiner Gesundheit abtun, aber, abgesehen von meinen wackeligen Knien und meinem Bedarf an Schlaf, geht es mir gut. Du kannst mir ruhig die Wahrheit sagen.“
Katharina betrachtete Philipp abschätzend, fast als überlege sie, ob er schon in der Lage wäre, unbequeme Wahrheiten zu erfahren. Dann kam sie näher.
„Nun gut.“ Sie nahm auf einem Stuhl Platz. „Bruder Theobald hat sich gestern angezündet und ist vom Glockenturm gesprungen.“
„Bruder Theobald hat sich umgebracht?“
Katharina nickte.
Philipp stieß einen leisen Pfiff aus. „Der Fluch scheint sich immer mehr zu bewahrheiten.“
„Was meinst du?“
„Hast du die Worte von Bredelin vergessen? Er sprach davon, dass die Verfluchten von Insekten gefressen, im Blut ersaufen, im Feuer verbrennen und von Felsen zermalmt werden. Rudolf Eigbrod wurde von Insekten gefressen, Lukas Kolf ertrank in seinem Blut und Bruder Theobald verbrannte im Feuer.“
„Aber wieso bist du dann nicht von Felsen zermalt worden?“, fragte Katharina. „Warum hat der Mörder versucht, dich zu erstechen?“
Philipp zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht. Glaube mir, ich mache mir ständig Gedanken, wie ich in dieser Sache verwickelt bin, aber ich habe keine Ahnung.“
„Warst du, bevor du Berta kennengelernt hast, überhaupt einmal in Furtenblick?“
„Nur einmal“, sagte Philipp. „Ich bin mit meinen Eltern auf das Dorffest gegangen. Damals war ich noch ein junger Kerl, kaum älter als dreizehn oder vierzehn Jahre.“
„Hast du dort vielleicht jemand beleidigt oder angegriffen?“
„In dem Alter war ich ein großes, schüchternes Kind. Ich bin meinen Eltern kaum von der Seite gewichen. Ich weiß noch, dass ich viel Kuchen gegessen habe, aber sicher habe nichts getan, was jemanden viele Jahrzehnte danach zu einem Mord oder zu einem Todesfluch verleiten könnte.“
„Hatte vielleicht Berta etwas mit Bredelin Arken zu tun und jemand will sich an dir rächen?“
„Du kanntest Berta schon länger als ich. Sie war ein Engel, der keinem etwas zuleide tun konnte. Ihre Eltern waren einfache Leute, die niemals in einen Giftmord oder in die Verurteilung von Bredelin verwickelt waren.“
Katharina seufzte. Philipp konnte sehen, dass sie nach einer Erklärung für all diese Taten suchte.
„Es tut mir Leid, Katharina. Ich bin ein einfacher Bauer. Ich habe noch niemals jemand beim Vogt angezeigt. Ich war noch nicht einmal Gerichtsbeisitzer gewesen. Ich kann dir nicht sagen, warum es der Mörder auf mich abgesehen hat.“
Plötzlich wurden Katharina Augen groß. Irgendetwas von dem, was er gesagt hatte, schien sie auf eine Idee gebracht zu haben. Ruckartig stand sie auf.
„Ich bin bald wieder da“, sagte sie schnell. „Wage es ja nicht aufzustehen, bis ich wiederkomme.“ Dann griff sie nach ihrem Schal, rannte zur Tür hinaus und schloss diese mit einem lauten Knall.
Philipp runzelte die Stirn. Er würde diese Frau nie verstehen. Dann drehte er sich zur Seite und schloss die Augen.

Katharina ging so schnell es ihr möglich war zum Marktplatz, ohne dass jemand misstrauisch wurde. In Tagen wie diesen konnte rennen einen falschen Eindruck machen. Sie war auf dem Weg zum Haus des Bürgermeisters, als ihr Frederich entgegen kam.
„Bürgermeister Rump“, rief sie und winkte.
„Frau Volck.“ Frederich setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Ich habe gehört, dass es Philipp wieder besser geht. Das freut …“.
„Ich benötige Euren Sachverstand“, unterbrach ihn Katharina.
Frederichs Lächeln wurde noch breiter. Er straffte die Schultern. „Natürlich. Wie kann ich Euch …“
„Könnt Ihr Euch noch an den Prozess gegen Bredelin Arken erinnern?“
„Ich war zwar damals noch nicht Bürgermeister, aber …“
„Wenn der Vogt sich die Anschuldigungen anhört, den Gefangenen befragt, und sich ein Urteil bildet, hat er dann auch Berater, mit denen er sich bespricht?“
„Ihr meint Gerichtsbeisitzer?“
„Ja.“
„Nicht immer, aber der Vogt greift meist auf verdiente Einheimische zurück, da diese den Gefangenen meist besser kennen.“
„Gab es bei dem Prozess gegen Bredelin Arken auch Gerichtsbeisitzer?“
Frederich überlegte kurz. Katharina verfluchte sich, dass sie ihr Gedächtnis so sehr im Stich ließ und sie sich kaum an etwas erinnern konnte.
„Ich glaube ja, aber ich kann es Euch nicht mit Sicherheit sagen, wer es war.“
Katharina musste sich auf die Lippen beißen, um nicht loszuschreien.
„Wenn der Vogt damals Gerichtsbeisitzer berufen hätte, wer wäre es am wahrscheinlichsten gewesen?“
„Mit Sicherheit der Bürgermeister und ein geistiger Beistand.“
„Mit geistigem Beistand meint Ihr Bruder Theobald?“
„Ja.“
Katharina durchfuhr die Erkenntnis wie ein Schock. Sie wandte sich von Frederich ab und ging weiter. „Vielen Dank für eure Zeit“, verabschiedete sie sich und machte sich in Richtung Wald davon. Ihre Hände zitterten vor Aufregung. Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr ergab alles einen Sinn.
Sie ließ das Dorf hinter sich und wurde bald von der Ruhe des Waldes eingefangen. Einzig das monotone Rauschen des Flusses drang durch die Stille. Ihre erste Aufregung legte sich und sie wurde ruhiger.
Die Information von Frederich hatte ihr vielleicht den entscheidenden Hinweis gegeben. Bruder Theobald war seit über zwanzig Jahren Priester in Furtenblick, daher hatte er dieses Amt auch während des Prozesses gegen Bredelin Arken inne gehabt. Wenn der damalige Vogt Gerichtsbeisitzer berufen hatte, so wäre einer von ihnen Bruder Theobald gewesen. Somit stand auch dieser Tod mit den Geschehnissen in Verbindung. Der Mörder musste beim Freitod des Priesters seine Hände im Spiel gehabt haben.
Es war später Mittag. Bis die Sonne unterging und sich die Straßen von Furtenblick leerten, würde es noch dauern. Dann konnte sie mehr über den Tod von Bruder Theobald herausfinden. Sie würde noch ein wenig spazieren gehen, den erdigen Duft des Waldes in sich aufnehmen und einen Plan aushecken, wie sie den Mörder überführen konnte. Dann würde sie wieder zu Philipp gehen.

Katharina kam von ihrem Spaziergang zurück, als sie ihrer Tochter begegnete.
„Mutter“, sagte Loretta und umarmte sie herzlich. „Wie geht es dir und Philipp?“
Katharina lächelte und erwiderte die Umarmung. „Philipp wird bald wieder auf den Beinen sein. Seit ich nachts wieder schlafen kann, fühle ich mich auch besser. Einzig der Stuhl macht meinem Rücken etwas zu schaffen, aber bald ist alles wieder so wie früher. Wie geht es meiner lieben Kethe?“
„Sie schläft gerade, deshalb bin ich schnell losgelaufen, um etwas Fleisch zu holen.“
„Du siehst müde aus.“
Loretta sah sich verschwörerisch um, als wollte sie sichergehen, dass niemand anderes zuhören konnte. „Sigmund war gestern in der Furt, um mit seinen Freunden über den Tod von Bruder Theobald zu reden.“
„Und du bist mitgegangen?“
„Nein, ich habe gelauscht“, sagte sie grinsend.
„Gelauscht?“, fragte Katharina verwundert. „Hast du dich neben die Tür gestellt?“
„Nein“, sagte Loretta und rückte näher zu Katharina. „Aus dem Wirtshaus führt ein schmaler Gang zum Hinterausgang. Am Ende befindet sich ein Fenster, durch das man den Lärm gut hören kann. Wenn nicht alle auf einmal sprechen, bekommt man mit, was die Männer reden. In den Gassen hinter dem Wirtshaus können wir uns verstecken und schnell wieder verschwinden, wenn jemand kommt.“
„Wir?“
„Ute, Begina und ich.“ Loretta zuckte mit den Achseln „Die Männer wissen nichts davon. Es war gestern interessant zu hören, wie abergläubisch doch einige von ihnen sind. Ich war länger dort, als ich wollte dort, daher habe ich wenig Schlaf bekommen.“
Katharina schüttelte den Kopf und wunderte sich über die Verschlagenheit ihrer Tochter. Als könnte sie ihre Gedanken lesen, fuhr Loretta fort.
„Warum bist du verwundert? Du bist auch nicht besser und hast deine Nase schon immer in Dinge gesteckt, die dich nichts angingen.“
Katharina wollte etwas einwenden, aber ihre Tochter hob die Hand. „Bitte Mutter. Keine Ausflüchte. Ich weiß genau von wem ich diesen Wesenszug habe.“
Dann umarmte sie ihre Mutter noch einmal und küsste sie auf die Wange. „Ich muss schnell weiter. Sigmund wartet schon auf das Essen. Ich schaue nachher nach euch.“ Dann löste sie sich und ging zum Metzger.
Katharina sah ihrer Tochter nach und schüttelte den Kopf. Wie sehr sie ihr doch ähnelte.

Philipp erwachte vom Duft gekochten Gemüses. Katharina bereitete die Suppe aus Fleisch, Gemüse und Getreide zu, die er so gerne aß. Hungrig richtete es sich auf.
„Ausgeschlafen?“, fragte sie lächelnd, während sie in dem großen Topf rührte.
Philipp nickte. „Wie spät ist es?“
„Schon weit nach Mittag. Eigentlich mache ich das schon das Abendessen.“
Philipp griff nach einem Becher und nahm einen Schluck Wasser. „Ich fühle mich schon viel besser. Ich würde gerne aufstehen und versuchen, ob ich schon gehen kann.“
Katharina beäugte ihn kritisch. „Du darfst es gerne versuchen, sofern du dich auf mich stützt, aber du wirst enttäuscht sein.“
Philipp zog die Decke herunter und richtete sich auf. Seit gestern trug er wieder Hosen. Manchmal schwitzte er damit im Bett, aber nackt hatte er sich unwohl gefühlt.
„Langsam“, sagte Katharina und kam zu ihm. „Zuerst legst du deinen Arm um meine Schultern. Dann richten wir uns gemeinsam auf.“
Philipp belastete seine Beine und stand auf. Er knickte sofort weg und nur Katharina konnte ihn aufrecht halten. Sie schob ihn wieder zurück zum Bett.
„Ich habe dich gewarnt“, sagte sie belehrend.
Philipp war erschrocken, wie wenig Kraft er in seinen Beinen hatte. Ihn schwindelte. Er schloss die Augen und atmete tief ein. „Lass es uns noch einmal versuchen.“
Katharina sah nicht aus, als wäre sie glücklich darüber, aber sie legte Philipps Arm um ihre Schulter und stützte ihn, als er sich wieder aufrichtete. Dieses Mal blieb er stehen. Dann machte er einen Schritt nach vorne und spürte wie etwas Kraft in seine Beine zurückkehrte.
„Bis zur Tür versuche ich es“, sagte er und mühte sich weiter. Schweiß trat auf die Stirn trat und seine Knie zitterten. Schritt für Schritt ging er weiter, bis er den Raum durchquert hatte, und er wieder zurück bei seinem Bett war. Erschöpft ließ er sich darauf nieder.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer werden würde.“
Katharina lächelte wissend. „Das wird schnell besser. Wenn du noch ein wenig ruhst und viel isst, wirst du bald wieder der Alte sein.“
Philipp erwiderte das Lächeln matt. „Nach dem Essen versuchen wir es noch einmal.“ Dann schloss er die Augen und versuchte seinen keuchenden Atem zu beruhigen. Vielleicht sollte er erst etwas essen.

Die Sonne versank hinter dem Wald. Er schlich durch die verlassenen Straßen und erfreute sich an der einsetzenden Dunkelheit. Bald hätte er seine Pflicht getan. Noch ein Opfer, dann war er wieder frei. Auf den letzten Tod freute er sich ganz besonders. Von Felsen zerschmettert, dachte er betört. Ein grausamer Tod, den man in die Länge ziehen konnte, um sich am Leid seines Opfers zu laben. Bilder von zerschmetterten Knochen kamen ihm in den Sinn und ließen ihn ekstatisch aufstöhnen. Er war völlig in der Vorfreude versunken, als er plötzlich Schritte vernahm. Er sprang in eine dunkle Ecke und lächelte. Es war töricht, so spät noch unterwegs zu sein.

Die Johannis-Morde – Kapitel 12

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 15. November 2010 von alexanderhartung

Letzte Hoffnung

Die ersten Strahlen der Sonne drangen in Katharinas Schlafzimmer, als sie die Nadel mir ruhiger Hand durch die Haut von Philipps Unterarm zog. Er war noch immer nicht bei Bewusstsein. Die Männer hatten ihn auf ihr Bett gelegt. Dann hatte sie ihn ausgezogen, damit sie den ganzen Körper nach Wunden untersuchen konnte. Schließlich hatte sie zwei Stichwunden und eine schwere Kopfwunde behandeln müssen. Die Verletzungen in der Schulter und im Unterarm waren tief. Er hatte viel Blut verloren, und Katharina hatte die Schnitte nähen müssen. Was ihr aber am meisten Sorgen machte, war die Wunde am Kopf. Sie hatte keine Ahnung, wie schlimm die Folgen dieses Schlages waren. Sie vermutete, dass Philipp deswegen noch nicht bei Bewusstsein war.
Sie hatte die Verletzungen ausgewaschen, aber die Wunden waren schmutzig gewesen. Wenn sie sich entzündeten, konnte es zur Bildung von Eiter, zu Wundbrand und schließlich zum Tod führen. Sie hatte Schafgabe auf die Verletzung aufgetragen und hoffte, dass die Pflanze den Wundbrand verhinderte, aber wahrscheinlich war es schon zu spät gewesen.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Du hast alles getan was möglich ist“, sagte ihre Tochter mit sanfter Stimme. „Willst du dich nicht ausruhen? Ich wache neben dem Bett.“
Katharina schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht müde“, antwortete sie und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Loretta war kurz vor Morgengrauen gekommen. Sie hatte Ida abgelöst, die Katharina bei der Versorgung von Philipps Wunden geholfen hatte.
„Geh nach Hause und kümmere dich um meine Enkelin“, sagte sie und versuchte zu lächeln. „Ich werde bei Philipp wachen.“
„Ich werde heute Mittag wieder vorbeikommen und dir etwas zu essen bringen.“ Dann umarmte sie Katharina fest, gab ihr einen Kuss auf die Wange und ging hinaus.
Während ihre Tochter die Tür schloss, betrachtete sie Philipp. Sie legte ihre Finger auf seine Hand. Wer hatte ihm das angetan? Die Männer, die ihn gefunden hatten, hatten noch in der Nacht nach dem Angreifer gesucht, aber niemanden gefunden. Wahrscheinlich war er sofort nach der Tat geflohen oder hatte sich in einem Haus versteckt. Aber warum wollte jemand Philipp töten? Er hatte keine Feinde und wurde von allen wegen seiner Hilfsbereitschaft geschätzt. Als man Bredelin Arken verurteilt hatte, hatte er noch nicht einmal in Furtenblick gewohnt.
Katharina schossen die Tränen in die Augen, und sie begann hemmungslos zu schluchzen. Bis zum Dorffest hatte sie ein gutes Leben geführt. Die Freundschaft zu Philipp hatte ihr über den Tod von Gerlach hinweggeholfen. Ihr Garten und das Feld ernährten sie, so dass sie selbst in schweren Wintern nicht hungern musste. Ihre Tochter war glücklich verheiratet und hatte ihr eine bezaubernde Enkeltochter geschenkt.
Vielleicht lag es daran, dachte sie verbittert. Vielleicht gönnte Gott ihr kein gutes Leben. Jetzt hatte das Schicksal wieder einen Menschen getroffen, der ihr am Herzen lag. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht die Neugier zum Vogt und dann nach Heidelberg getrieben hatte, sondern die Angst. Sie hatte versucht dem Mörder auf die Spur zu kommen, nicht weil sie ihre drängende Neugier befriedigen wollte, sondern weil sie ihr bisheriges Leben bedroht gesehen hatte. Doch alle ihre Bemühungen waren vergebens gewesen. Sie wusste nicht, wer Rudolf Eigbrod und Lukas Kolf getötet hatte und zum ersten Mal kamen ihr Zweifel. Waren sie wirklich verflucht? Sollte die abergläubische Angst, der auch Philipp manchmal erlag, am Ende doch nicht so töricht sein? Hatten die letzten Worte von Bredelin Arken dies bewirkt?
Philipp stöhnte und warf sich auf den Bett herum. Er wandte sich unter seiner Decke, als durchlebte er den Angriff im Traum ein weiteres Mal. Katharina griff nach seiner Hand und versuchte leise auf ihn einzureden, aber wurde nicht ruhiger. Er bäumte sich auf, dann erschlaffte sein Körper, und er fiel mit einem Aufstöhnen zurück. Katharina nahm ein feuchtes Tuch und wischte ihm das Gesicht ab. Ihre Gedanken galten nur noch ihm. Sollte der Mörder töten, wen er wollte. Nur Philipp wollte sie ihm nicht geben.

„Sie hat es überstanden“, sagte Willems Frau. Dann schloss sie Hedwigs Augen und deckte die Tote zu. Dem Schmied liefen Tränen die Wangen hinunter. Für einen Augenblick drohte ihn die Verzweiflung zu übermannen. Dann ballte er die Fäuste und brüllte seinen Kummer hinaus. Er wandte sich zur Tür und schlug mit aller Kraft auf das Holz ein, bis seine Knöchel blutig waren. Splitter flogen durch den Raum, bis die Tür aus der Halterung krachte. Willem sank zu Boden und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. „Mutter“, weinte er.
Als er den Kopf hob, stand Eckwin vor ihm. Die Kleidung des Jägers war schmutzig und seine Stiefel waren voller Dreck. Er schien unsicher zu sein, was er machen sollte, als er den Schmied tränenüberströmt auf dem Boden knien sah. Dann begann er zu sprechen. „Ich habe Ubald gefunden.“

Es war Abend geworden. Katharina fürchtete sich vor der kommenden Dunkelheit. Des Nachts verschlimmerte sich Philipps Zustand. Sein Fieber nahm zu, und er wälzte sich unruhig im Bett. Sie nahm ein feuchtes Tuch zur Hand und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Sein Gesicht hatte all die Sanftheit verloren, welche den großen Mann immer ausgezeichnet hatte. Die Augen waren zugekniffen und sein Mund im Schmerz verzogen. Seine schweißnassen Haare und seine unrasierten Wangen ließen ihn ungepflegt aussehen. Katharinas Brust drohte vor Kummer zu bersten. Ihre Trauer war längst der Wut über ihre Hilflosigkeit gewichen. Sie fühlte sich schwach und dumm, wie sie neben dem Bett saß und Philipp beim Sterben zusah.
Die Tür ging ruckartig auf. Ihre Tochter kam hineingelaufen.
„Irgendetwas geht dort unten vor“, sagte Loretta atemlos.
„Was geht es mich an“, antwortete Katharina, ohne den Kopf zu heben.
„Willems Mutter ist heute gestorben. Er hat sich mit seinen Männern aufgemacht, um einen Schuldigen zu finden.“
„Ich habe hier zu tun. Was kümmert mich der verrückte Schmied? Philipp braucht meine Hilfe. Sollen die Leute auf sich selbst aufpassen.“
„Ich glaube, sie haben Ubald gefasst.“

Eckwin zog Ubald auf den Marktplatz. Er hatte ihm die Hände auf den Rücken gefesselt und eine Schlinge um den Hals gelegt. Eine Platzwunde verunstaltete die Stirn des jungen Mannes. Getrocknetes Blut gab seinem Gesicht ein groteskes Aussehen. Ubald blickte sich wie ein gehetztes Tier um. Willem und Thomas gingen neben Eckwin. Ihr breites Grinsen zeigte den Stolz über diesen Fang, während immer mehr Menschen auf den Marktplatz strömten.
„Endlich habt ihr den Bastard gefangen“, rief eine Frau und spuckte Ubald an.
„Knüpft ihn auf“, schrie eine andere.
Ein Mann kam näher und winkte mit einem kleinen Messer vor Ubalds Gesicht. „Warum schneiden wir den Dämon nicht aus ihm raus?“
Ubalds Augen wurden groß. Er wollte davonlaufen, aber Eckwin riss an dem Seil, und die Schlinge zog sich erbarmungslos zu. Ubald keuchte und bekam keine Luft. Er sank auf die Knie und versuchte seine Hände freizubekommen. Sein Gesicht wurde rot und er drohte zu ersticken, als Eckwin das Seil endlich wieder locker ließ. Die Menge grölte vor Freude.
„Lass mich auch mal“, sagte Thomas und nahm Eckwin den Strick ab.
Ein großer Mann drängte sich durch die Menge. Er schob alle Gaffer rücksichtlos zur Seite, ging zu Eckwin und schickte den Jäger mit einem harten Schlag zu Boden. Die Menge wich ängstlich zurück, während sich der Neuankömmling Thomas und Willem zuwandte.
„Lasst ihn los“, schrie Volmar und hob seine Axt, „oder ich schlage eure Schädel ein.“
„Du darfst es gerne versuchen“, brüllte ihm Willem entgegen und lies seinen Schmiedehammer in seine Handfläche klatschen.
„Wir beenden das Treiben des Dämonenjüngers endgültig“, antwortete Thomas und zog den Strick um Ubalds Hals enger. „Wenn er erst an einem Ast baumelt, wird er keinen mehr umbringen.“
„Ihr seid wahnsinnig“, warf ihnen Albrecht entgegen. Er stellte sich neben Volmar gestellt und hob den großen Holzscheid in der Hand. „Der Junge hat niemandem etwas zuleide getan.“
„Und wo war er die letzten Tage?“, fragte Willem.
„Ich habe ihn vor euch Mordbrennern in Sicherheit gebracht“, antwortete Volmar. „Sonst hättest du ihn in seiner Hütte verbrannt.“
„Ich wusste, dass du mit dem Verschwinden des Verrückten etwas zu tun hast. Vielleicht steckst du mit ihm unter einer Decke, und ihr plant schon eure nächste Tat.“
„Die einzigen, die heute sterben werden, sind du und dieser Wurm Thomas“, drohte Volmar, „wenn ihr Ubald nicht sofort die Fesseln löst.“
„Ich habe gehofft, dass du so etwas sagst“, antwortete Willem lächelnd und ging auf den Holzfäller zu. Er holte mit dem Hammer aus, während Volmar seine Axt hob.
„Hört auf!“, fuhr Katharinas Stimme wie eine Peitsche dazwischen. Die Männer hielten inne und wandten ihr die Köpfe zu. Sie stellte sich zwischen Willem und Volmar. „Schau, was der Fluch aus dir gemacht hat“, sagte sie zu dem Schmied. „Du willst einen Mord an einem Unschuldigen zu begehen.“
„Der Bengel ist nicht unschuldig“, warf Thomas ein. „Er ist ein Dämonengezücht, das…“
„Sei still“, fuhr sie den Mann an. „Sieht so ein Dämon aus?“, fragte sie ihn und deutete auf Ubald. Dann wandte sie sich an die gaffende Menge. „Als ich noch in die Kirche gegangen bin, hat Bruder Theobald oft von Dämonen und der Verführung durch den Teufel gesprochen. Bei ihm hatten diese Kreaturen aber Hörner, Pferdefüße und stanken nach Schwefel.“
„Der Dämon verstellt sich …“, fing Thomas wieder an.
„Du bist ein Narr“, unterbrach ihn Katharina zornig. „Und jeder, der das glaubt, ist noch ein größerer Narr.“
„Wer sonst hat Rudolf und Lukas umgebracht?“
„Ich weiß es nicht, aber glaubst du, dass ihr einen Menschen umbringen könnt und ungestraft davonkommt?“, fragte sie Thomas. „Es wird keine drei Tag dauern, dann lässt der Vogt euch alle aufknüpfen. Die einzig Besessenen seid ihr.“
„Wenn wir den Bastard umbringen, wird sich Gott wieder gnädig zeigen“, rief eine Frau aus der Menge.
„Gott hat uns längst verlassen“, schrie Katharina und ballte die Fäuste. „Wie könnt ihr glauben, dass ein Lynchmord ihn zufriedenstellen wird?“
Es war ruhig auf dem Marktplatz. Die Menschen wandten betreten den Blick ab, als würden sie sich erst jetzt ihrer Tat bewusst werden. Selbst Thomas schwieg.
„Meine Mutter ist tot“, sagte Willem in die Stille. Er schien Mühe zu haben, seine Tränen zu unterdrücken.
„Das tut mir Leid“, antwortete Katharina mitfühlend und legte ihm die Hand auf seine breite Schulter. „Aber Hedwig war eine alte Frau. Sie hatte ihr Leben gehabt. An ihrem Ende war kein Dämon Schuld. Ubald zu töten wird nichts ändern.“
„Aber die Morde …“, versuchte Willem zu erklären.
„… waren nicht sein Werk. Mich bedrücken die Toten auch, und es macht mich wahnsinnig, dass ich dem Täter nicht auf die Spur komme, aber es ist falsch, einen Unschuldigen zu töten.“
Sie legte auch die zweite Hand auf die Schulter des Schmieds. „Geh nach Hause, und trauere um deine Mutter, Willem. Sie hätte nicht gewollt, dass du ihretwegen mordest.“
Willem schlug die Hände vor sein Gesicht und weinte bitterlich. Sein ganzer Körper bebte, und für einen Augenblick war das Schluchzen des großen Mannes das einzige Geräusch auf dem großen Platz. Dann nahm Katharina die Hände von seinen Schultern und sprach ein paar tröstende Worte, die nur der Schmied verstehen konnte. Willem nickte und wischte sich die Tränen vom Gesicht.
„Lass ihn laufen“, sagte er zu Thomas und wandte sich um. Er ließ seinen Hammer fallen und still nach Hause.

Katharina sah dem Schmied nach, während sich die Menge auf dem Marktplatz zerstreute. Volmar ging zu Ubald und befreite ihn von seinen Fesseln, während sich Albrecht seine Wunde an der Stirn ansah.
„Nichts was man mit einem guten Becher Wein nicht wieder hinbekommt“, sagte der Wirt und klopfte Ubald beruhigend auf die Schulter.
Der junge Mann hatte den Kopf gesenkt und wartete, bis sich die Menge zerstreut hatte. Erst als noch Volmar, Albrecht und Katharina mit ihm alleine waren, schien er seine Angst abzulegen. Es zeigte sich sogar die Spur eines Lächelns auf seinem Gesicht.
Katharinas Knie zitterten. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie viel Angst sie tatsächlich gehabt hatte. Sie schloss für einen Moment die Augen und versuchte ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Sie nickte Ubald freundlich zu, der ihre Geste dankbar erwiderte. Dann machte sie sich auf den Weg nach Hause.

Es war dunkel. Philipp wusste nicht, ob er die Augen geschlossen hatte oder ob seine Umgebung frei von Licht war. Er hatte keine Ahnung, wo er war, aber er spürte eine vertraute Berührung an seiner Hand. Dann sah er Berta auf seinem Bett liegen. Er saß auf einem Schemel und hielt ihre viel zu zarten Finger. Ihr Gesicht war von Schweiß bedeckt, und ihr Atem kam in kurzen Stößen. Ihr Körper war ausgemergelt. Die Knochen zeichneten sich auf dem verschwitzen Nachthemd ab. Er hatte alles versucht, aber das Fieber war täglich schlimmer geworden. Tag und Nacht hatte er ihre Hand gehalten und zu Gott gefleht, dass er ihr Berta nicht nehmen dürfe, aber es war vergebens gewesen. Philipp konnte nur noch ihre Schmerzen lindern. Er saß schon den dritten Tag bei ihr und war nicht einen Schritt vor die Tür gegangen. Er wollte im Moment ihres Dahinscheidens bei ihr sein.
Ihr Atem wurde flacher. Dann wandte sie sich ihm zu und lächelte. Es war das bezaubernde Lächeln, das ihn vom ersten Moment an betört hatte. Er strich ihr sanft über die Stirn. Dann schloss sie die Augen und ihre Brust hob sich nicht mehr.
Philipp weinte und beugte sich über ihren Kopf, um ihre Stirn ein letztes Mal zu küssen. Dann verwandelte sich Bertas Antlitz in eine dunkle Maske, erhob sich vom Bett und stürzte sich auf ihn. Philipp fiel vom Schemel und schlug hart mit dem Kopf auf. Der Raum drehte sich um ihn. Die Gestalt kniete sich auf seine Brust, zog ein Messer unter dem Nachthemd hervor und stach ihm die Klinge tief in die Schulter.
Der Schmerz war unerträglich. Philipp bäumte sich schreiend auf und versuchte das Messer wieder herauszuziehen, doch die Gestalt hielt die Waffe fest umklammert. Er glaubte ein Lächeln hinter der Maske zu erkennen. Dann fiel er zurück in die Dunkelheit.

Katharinas Tisch war voller Speisen und Getränke. Loretta hatte ihr einen Korb mit Brot und Obst gebracht. Ida war zwei Mal gekommen und hatte ihr frisch gebratenes Fleisch mit Gemüse hingestellt. Selbst Albrecht hatte kurz mit einem Krug Wein in der Hand vorbeigeschaut, doch Katharina verspürte keinen Hunger und keinen Durst. Seit drei Tagen saß sie nun neben Philipps Bett und hoffte, dass der große Mann endlich aufwachte.
Es war schon tiefe Nacht, und der dichte Nebel hatte ihr Haus zu einer Insel inmitten eines undurchdringlichen Weiß‘ gemacht. Die Bewohner Furtenblicks schliefen. Katharina fühlt sich einsam, wie seit Gerlachs Tod nicht mehr. Erst jetzt spürte sie, wie viel ihr der Alltag mit Philipp bedeutete. Sie vermisste das gemeinsame Essen und seine wohlklingende ruhige Stimme. Sie sehnte sich nach dem Streit mit ihm, wenn er sich wieder vom abergläubischen Gerede hatte beeindrucken lassen. In dieser dunklen Stunde verstand sie, wie sehr Philipp ein Teil von ihrem Leben geworden war.
Katharina legte ihm die Hand auf die Stirn. Das Fieber nahm zu. Sein Körper zitterte und er warf sich immer öfters im Bett umher. Sie nahm ein Tuch, tauchte es in eine Schüssel mit Wasser und tupfte ihm sanft das Gesicht ab. Dann zog sie die Decke weg und nahm vorsichtig den Verband von seiner Schulter. Sie holte die Kerze näher heran und beugte sich vor. Die Wunde nässte und Katharina vermeinte Eiter zu sehen. Sie legte den Verband wieder zurück und schloss die Augen. Die Wunde hatte sich entzündet. Tränen rannen ihr die Wangen herunter. Philipp würde die nächsten Tage nicht überleben. Wenn ihn nicht das Fieber umbrachte, würde er am Wundbrand sterben.
Katharina nahm die Hand des großen Mannes in ihre. Er war so stark, doch die Verletzungen waren selbst für ihn zu viel gewesen. Er hatte zu viel Blut verloren.
Katharina schluchzte hemmungslos. Es war alles ihre Schuld. Hätte sie ihn nicht gezwungen sich krank zu stellen, wäre er früher ins Wirtshaus gegangen. Dann hätte er den Mörder nicht getroffen, wäre nicht verletzt worden und läge nicht im Sterben.
Philipp stöhnte und warf sich im Bett umher. Katharina nahm das Tuch, feuchtete es wieder an und tupfte ihm sanft die Stirn ab. Dabei redete sie beruhigend auf ihn ein, in der Hoffnung, dass ihre Stimme bis zu ihm durchdrang. Es dauerte etwas, aber schließlich entspannte sich Philipp wieder, und sein Atem wurde wieder leiser. Sie deckte ihn zu und küsste ihm sanft auf die Stirn. Einen Augenblick betrachtete sie noch sein Gesicht. Dann stand sie auf und löschte die Kerze. Im Dunkeln ging sie zur Tür, nahm ihren Umhang vom Stuhl und lief in die Nacht.
Es war kalt, aber Katharina begrüßte den kühlen Nebel, der ihr ins Gesicht stach. Er weckte ihre Lebensgeister und für das, was sie jetzt vorhatte, brauchte sie ihre ganze Kraft. Sie drehte sich nicht um, als sie den Weg zum Marktplatz ging. Es gab kein zurück mehr.

Albrecht fand kaum Schlaf. Das Schicksal von Philipp ging ihm nicht aus dem Kopf. Er fühlte sich mitschuldig, was seinem Freund geschehen war, da er nur wenige Schritte hinter seinem Wirtshaus angegriffen worden war. Philipp hatte an diesem Abend sehr viel getrunken. Vielleicht hätte er ihn nach Haus begleiten sollen. Dann würde sein Freund unversehrt im Bett schlafen und nicht mit dem Tode ringen.
Ein lautes Klopfen riss ihn aus seinen Grübeleien. Albrecht sprang aus dem Bett und rannte nach unten. Ein so später Besuch verhieß nie etwas Gutes. Seine Hände zitterten. Er durchquerte den Wirtsraum, hob den Riegel an und öffnete die Tür. Als er Katharina davor sah, sträubten sich seine Nackenhaare. Sie würde Philipp niemals allein lassen. Ihr Kommen war kein gutes Zeichen.
„Hallo Katharina“, sagte er und wappnete sich für eine Schreckensnachricht. „Wie geht es Philipp?“
„Er wird die nächsten Tage nicht überleben“, sagte sie und kämpfte mit den Tränen.
Der Wirt ballte die Faust. Er spürte wie seine Knie weich wurden.
„Seine Wunden haben sich entzündet.“
Albrecht hatte es geahnt. Er stützte sich an den Türrahmen. Wer hatte Philipp umbringen wollen? Er konnte sich keinen Grund vorstellen, warum jemand einen Groll gegen den großen Mann hegte.
„Ich habe eine Idee, wie wir ihm helfen können“, sagte Katharina weiter und riss den Wirt aus seiner Lethargie.
„Komm rein“, sagte er. Im Wirtshaus war es dunkel, aber Albrecht wollte keine Zeit mit dem Anzünden einer Fackel verschwenden. Er konnte nur Katharinas Silhouette erkennen.
„Wir müssen nach Frankfurt. Noch heute Nacht. Wir dürfen keine Zeit verschwenden. Ich kenne vielleicht jemand, der uns helfen kann.“
„Ich wusste nicht, dass es etwas gegen Wundbrand gibt“, bemerkte Albrecht. „Ist die Heilkunst schon so weit fortgeschritten?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Nicht die Heilkunst, die wir kennen“, antwortete sie. „Aber das Wissen der Araber ist unserem weit überlegen, auch wenn eine solche Meinung schon Leute auf den Scheiterhaufen gebracht hat.“
„Du willst einen arabischen Arzt aufsuchen?“, fragte Albrecht.
„Keinen arabischen, sondern einen jüdischen. Viele jüdische Ärzte lernen in arabischen Städten. Wenn es einen Arzt gibt, der etwas über diese Heilkunst weiß, dann finden wir ihn in Frankfurt.“
„Du willst ins Judenviertel?“
Katharina nickte. „Ich kann verstehen, wenn du mich nicht dorthin fahren willst, aber du bist der erste der mir eingefallen ist.“
„Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dort Hilfe finden?“
„Gering“, antwortete Katharina. „Ich weiß auch nicht viel und kann mich nur auf Gerüchte und Erzählungen stützen, die ich die letzten Jahre aufgeschnappt habe, aber mir fällt nichts anderes ein. Meine Heilkunst ist am Ende. Das einzige was ich noch machen kann, ist ihm die Schmerzen nehmen, bis er stirbt.“
Albrecht brummte missmutig. „Mir genügt dein Wort. Ich küsse einem Juden sogar den Hintern, wenn er Philipps Leben rettet. Wenn es eine winzige Hoffnung gibt, dass wir in Frankfurt ein Mittel finden, dann werden wir uns dorthin aufmachen. Ida“, brüllte der Wirt. „Steh auf und komm runter.“
Dann ging er zur Theke und suchte nach einer Fackel. Es wurde Zeit für etwas Licht.

Katharina umarmte die dickliche Frau des Wirts. „Vielen Dank, dass du dich um ihn kümmerst. Es fällt mir schwer ihn alleine zu lassen, aber bei dir weiß ich ihn in guten Händen.“
Ida erwiderte die Umarmung. „Mach dir keine Sorgen. Loretta und ich werden bei Philipp wachen, bis du wieder zurück bist.“
Katharina unterdrückte die aufkommenden Tränen, als sie an den großen Mann in ihrem Bett dachte. Sie hatte nur wenig Hoffnung, aber neben Philipps Bett zu wachen und untätig zuzusehen wie er starb, konnte sie nicht. Sie wollte nicht so leicht aufgeben.
Albrecht hatte ein Pferd vor seinen Wagen gespannt und kam durch die Gasse vor das Wirtshaus. Die Hufe hallten gespenstisch in der dunklen Nacht über den Marktplatz. Seine Silhouette war im dichten Neben kaum zu sehen, aber er hatte an den Seiten des Kutschbocks zwei Lampen aufgehängt, die ihnen Licht spendeten. Sie mussten den ganzen Tag fahren, um nach Frankfurt zu kommen, daher wollten sie keine Zeit vergeuden.
Ida gab Albrecht ein Korb mit Bier, Brot und kaltem Fleisch. Sie umarmte ihren Mann herzlich. Katharina spürte Neid, als sie das glückliche Paar sah. Dann trat die Wirtin einen Schritt zurück und hob mahnend den Finger.
„Pass mir gut auf Katharina auf. Es ist noch dunkel und auch Frankfurt ist wahrlich kein ungefährliches Pflaster.“
„Ich fahre ja nicht zum ersten Mal mit dem Wagen, Weib“, antwortete Albrecht mürrisch und hielt Katharina die Hand hin, damit sie auf den Kutschbock springen konnte. Während sie nach oben kletterte, spürte sie eine wohlige Vertrautheit zu diesen beiden Menschen. Es war schön, in Momenten wie diesen, auf ihre Hilfe vertrauen zu können.
Albrecht ließ die Zügel schnalzen, und das Pferd zog den Wagen aus Furtenblick hinaus. Katharina winkte Ida zum Abschied. Dann wurde auch sie vom Nebel verschluckt.

Die ersten Strahlen der Sonne drangen durch das diesige Weiß. Albrecht löschte die Lampen und ließ das Pferd schneller laufen. Sein Blick glitt zu Katharina, die noch immer schlief. Sie hatte sich letzte Nacht kaum und diese Nacht gar nicht ausgeruht, daher war er froh, dass sie auf der Fahrt zur Ruhe kommen konnte. Ihr Gesicht war noch immer in Sorge gegrämt, aber ihr Atem war sanft und gleichmäßig. Selbst das Ruckeln der Kutsche weckte sie nicht. Es war noch ein langer Weg. Sie würden nicht vor dem Abend ankommen, aber er würde Katharina sicher nach Frankfurt und wieder zurück bringen. Ihretwegen. Und für Philipp.

Ida nahm den Becher in die Hand und tröpfelte Philipp ein wenig Wasser in den Mund. Für einen Augenblick schien der große Mann zu schlucken, dann hustete er und spuckte die Flüssigkeit wieder aus. Sein ganzer Körper verkrampfte sich, und er bäumte sich im Bett auf.
„Es hat keinen Sinn“, sagte Loretta hinter ihr. „Er kann nichts mehr schlucken.“
„Es ist nicht schlimm, dass er nichts isst“, bemerkte die Wirtin, „aber wenn er kein Wasser zu sich nimmt, wird er austrocknen, noch bevor er Wundbrand bekommt.“
„Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es ihm mit dem Tuch vorsichtig einzuträufeln.“
Ida brummte mürrisch und stellte den Becher zur Seite. „Hör zu, du großer Klotz“, sagte sie zu dem bewusstlosen Philipp. „Streng dich gefälligst an. Ich lasse nicht zu, dass du uns jetzt einfach so wegstirbst, vor allem weil ich ein Säckel meiner hart erarbeiteten Münzen darauf gewettet habe, dass du und Katharina binnen eines Jahres heiraten.“
Dann wandte sie sich der sichtlich überraschten Loretta zu. „Manchmal muss man so mit ihm reden“, erklärte sie in ruhigerem Ton. „Dann macht er, was man ihm sagt.“
Die Wirtin versuchte sich ein Lächeln abzuringen, hatte aber alle Mühe ihre Tränen zurückzuhalten. Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben, doch hatte sie schon öfters solche entzündeten Verletzungen gesehen. Wenn Katharina nicht mit einem Wunder nach Hause kam, würde Philipp nicht mehr erwachen.

Albrecht lenkte die Kutsche durch das Wollgrabentor in die Judengasse. Die Strasse war kaum vier Schritt breit. Die Häuser waren zu hoch gebaut, als dass Sonnenlicht hindurch dringen konnte. Obwohl es noch früher Abend war, fühlte sich Albrecht wie in einem dunklen Wald. Es war eng und stickig. Auf der Straße stank es nach menschlichen Ausdünstungen und Abfall, gemischt mit dem Geruch nach fremden Speisen. Die Fenster waren schmierig. Manche von ihnen waren eingeworfen und mit Brettern notdürftig zugenagelt. Die Wände waren schmutzig und die Giebel der Dächer schief. Er hatte eine andere Welt betreten. Die Menschen betrachteten ihn misstrauisch bis hin zur Feindseligkeit, aber keiner stellte sich ihnen in den Weg oder wollte sie aus dem Viertel vertreiben. Die Leute drängten sich Schulter an Schulter durch die an der Stadtmauer gelegene Gasse. Ihre Kleidung unterschied sie kaum von anderen Städtern, nur hatte jeder von ihnen einen gelben Kreis oder Ring auf seine Kleidung genäht.
„Was ist das für ein Zeichen?“, fragte er Katharina.
„Das ist ein Judenring“, antwortete sie. „Jeder Jude muss ein solches Stoffstück auf der Kleidung tragen“
„Und was ist, wenn er sich weigert?“
„Dann wirft man ihn in den Kerker“, antwortete Katharina ungerührt.
Albrecht wollte das Thema weiterführen, aber er hatte alle Mühe sein Pferd unter Kontrolle zu halten. Es war die vielen Menschen nicht gewöhnt. Der Wirt versuchte das Tier mit seiner Stimme zu beruhigen.
„Halt an, Albrecht“, sagte Katharina und legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich gehe zu Fuß weiter. Am Besten wartest du am Ende der Gasse. Dann kannst du das Pferd ausspannen.“
„Ich habe keine gutes Gefühl, dich hier alleine zu lassen“, sagte Albrecht und blickte sich verstohlen um.
„Ich muss nach dem Weg fragen, und das kann ich nicht vom Wagen aus“, antwortete sie.
Albrecht nickte. „Wenn du Hilfe brauchst, dann rufst du laut. Ich komme sofort.“
Katharina lächelte ihn dankbar an. Dann stieg sie ab.

Im Judenviertel war es unerträglich eng. Katharina fühlte sich wie ein Eindringling. Ihr kamen die Kleidung und die Frisuren der Menschen fremd vor, aber sie wollte sich nicht von den Vorurteilen leiten lassen. Sie musste einen jüdischen Heilkundigen finden, sonst würde Philipp einen qualvollen Tod erleiden.
Sie sah noch einmal zu Albrecht. „Ich werde bald wieder zurück sein.“
Der Wirt nickte. Dann drehte sie sich um und verlor sich in den Menschen. Katharina ging die schmale Gasse entlang und las die Schilder, aber keines von ihnen deutete auf einen Heilkundigen hin. Sie wollte einen der Passanten ansprechen, aber die Bewohner wichen ihr aus. Sobald sie näher kam, senkten sie den Kopf und gingen schnell weiter. Sie wollte fast aufgeben, als sie eine ältere Frau sah, die vor ihr stehengeblieben war und sie mit strengem Blick musterte. Ihr Rücken war krumm, aber ihre stolze Kopfhaltung ließ auf einen starken Geist schließen. Ihre Kleidung war abgetragen, aber von gutem Schnitt und edlem Stoff. Einzig der gelbe Ring an ihrer Brust störte die Eleganz.
„Was führt Euch hierher? Das ist das Viertel der Juden. Habt Ihr Euch verlaufen?“
„Nein“, antwortete Katharina und versuchte zu lächeln. „Ich suche den Rat eines jüdischen Heilkundigen. Ein Freund von mir liegt im sterben und mein Wissen reicht nicht aus, um ihn zu heilen.“
„Hier gibt es keine Heilkundigen“, sagte die Frau schroff.
„Wieso nicht?“, fragte Katharina überrascht.
„Weil es uns verboten ist.“
„Warum ist es euch verboten?“
Die Frau lachte kurz auf. „Ihr müsst vom Land sein“, sagte sie. „Ihr wisst nicht viel von Juden, oder?“
Katharina zuckte die Achseln. „Genaugenommen bin ich nur einmal einem begegnet, daher weiß ich nicht viel von euch.“
„Wann war das?“
„Es ist schon viele Jahre her“, erzählte Katharina. „Ich war im Wald, als ich einen Mann neben dem Weg sitzen sah. Er hatte sich den Fuß gebrochen. Die Schmerzen hatten ihn fast wahnsinnig gemacht. Er hat immer gerufen, ‚bringt mich zu Aviel. Bringt mich zu Aviel nach Frankfurt‘.
Ich habe versucht ihn zu beruhigen, aber dann waren die Schmerzen wohl zu groß, und er hat das Bewusstsein verloren. Der Weg zu meinem Dorf war zu weit und hatte nicht die Kraft ihn zu tragen. Es wurde schon dunkel, aber da es eine warme Sommernacht war, musste ich mich nicht sorgen, dass er erfriert. Ich habe ihm den Bruch gerichtet, den Fuß verbunden und ihm einen Stock geschnitzt, dass er aufstehen kann, wenn er wieder aus seiner Ohnmacht erwacht. Am nächsten Morgen wollte ich ihm etwas Brot bringen, aber er war schon wieder verschwunden.“
Die alte Frau musterte Katharina, als wäge sie ab, ob sie ihr trauen könnte. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck ein wenig milder. „Ihr solltet vielleicht in den Gemüseladen von Aviel Kohn gehen“, sagte die Frau und hob beim Vornamen des Mannes die Augenbraue. „Es ist das dritte Geschäft vom Bornheimer Tor aus“, ergänzte sie und deutete in das Viertel hinein. Dann ging sie ihrer Wege und war bald in der Menge verschwunden.
Katharina nahm den Weg wieder auf, bis sie am Bornheimer Tor angekommen war. Sie zählte die Geschäfte und trat in einen kleinen Laden. Ein schmaler grauhaariger Mann hob eine Kiste mit Gemüse hinein.
„Verzeiht, guter Herr. Seid Ihr Aviel Kohn?“
Der Mann blinzelte überrascht und musterte Katharina. „Ja“, antwortet er misstrauisch. „Wollt Ihr etwas Gemüse kaufen?“
„Nein. Ich suche den Rat eines Heilkundigen.“
„Entschuldigt, meine Dame, aber ich verkaufe Gemüse. Wie kommt Ihr darauf, dass es hier einen Heilkundigen gibt?“
„Eine ältere Frau hat mir den Weg gezeigt.“
„Wie sah sie aus?“
Katharina beschrieb die Frau und erzählte dem Händler die Geschichte von dem Mann im Wald. Als sie geendet hatte, stellte Aviel die Kiste ab und deutete auf einen Durchgang hinter der Theke.
„Folgt mir“, sagte er und ging voran. Dann zog er einen Schlüssel aus der Kutte und machte eine Tür auf, die in ein Hinterzimmer führte. Katharina schlug der starke Geruch von Alkohol entgegen. Eine Pritsche war in der Ecke aufgebaut, über der ein helles sauberes Laken gespannt war. Auf einem Tisch lagen Messer, Pinzetten und andere Gerätschafen, die Katharina noch nie gesehen hatte. Sie waren sauber poliert und glänzten im Schein der Lampe. Gegenüber der Pritsche war ein Schrank, in dem unterschiedliche Kräuter und Pflanzen aufbewahrt wurden.
„Ihr habt also meinen Neffen Erez versorgt“, sagte der Händler und ging in den Raum hinein.
„Ihr seid verwandt?“
„Hier sind irgendwie alle miteinander verwandt“, antwortete Aviel achselzuckend und deutete auf einen kleinen Schemel. „Er war auf dem Weg von Heidelberg nach Frankfurt. Sein Pferd hatte ihn abgeworfen. Dabei hat er sich den Fuß gebrochen. Eines Morgens ist er aufgewacht und sein Bein war verbunden.“ Aviel lächelte.
„Einfältig wie Erez ist, hat er geglaubt ein Engel hätte ihn gerettet. Auf jeden Fall hat er es Euch zu verdanken, dass er noch laufen kann. Ihr habt ihm den Bruch gut gerichtet.“
„Bei uns bricht sich ständig jemand etwas“, wiegelte Katharina ab. „Da lernt man schon von Kindesbeinen an, so etwas zu behandeln.“
Sie sah sich interessiert um. „Warum macht Ihr hier so ein Geheimnis um Eure Heilkunst? Warum dürft Ihr sie nicht ausüben.“
„Man sieht es nicht gerne, wenn Juden sich als Heilkundige ausgeben“, erklärte Aviel. „Die Menschen glauben, dass auch die beste Arznei sich in Gift verwandelt, sobald ein Christ es aus der Hand eines Juden empfängt. Daher ist es besser einen solchen Dienst nicht anzubieten.“
Katharina schüttelte den Kopf.
„Womit kann ich Euch Euer Werk vergelten?“
Katharina erzählte Aviel von dem Angriff auf Philipp und wie sie die Wunden genäht hatte.
„Die Wunden oberflächlich zu säubern war gut“, erklärte Aviel, „aber wahrscheinlich ist der Schmutz schon mit dem Messer in die Wunde eingedrungen. Wenn er außerdem viel Blut verloren hat, ist sein Körper zu geschwächt, um dagegen anzukämpfen.“
„Philipp hat Fieber und die Wunde ist entzündet. Das bedeutet den sicheren Tod, aber Eure Heilkunst ist viel weiter. Gibt es etwas was man dagegen tun kann?“
Aviel schürzte nachdenklich die Lippen. „Ich bin einem arabischen Medicus in die Lehre gegangen, der eine kleine Herde Schafe in seinem Haus hielt. Jedes mal, wenn er einen Kranken mit entzündeter Wunde behandelt hatte, ging er in den Stall und kam mit etwas Schafskot wieder. Dann goss er Honig darüber und stellte es in einen feuchten Raum. Er wartete, bis sich Schimmelpilze gebildet hatten. Diese kratze er vorsichtig ab und legte sie auf die Verletzung. In den meisten Fällen haben sich die Entzündungen zurückgebildet, und die Kranken wurden wieder gesund.“
„Er hat die Wunden mit Schimmelpilzen behandelt?“, fragte Katharina verwundert.
Aviel nickte. Er stand auf und ging zum Schrank. Dort nahm er ein kleines Tongefäß heraus und öffnete den Deckel. „Ich habe immer etwas Schafskot mit Honig auf Vorrat“, sagte er lächelnd. „Die Pilze müssten für Euren Freund reichen, aber am besten setzt Ihr selbst etwas Schafskot an. Füllt ein kleines Gefäß auf und beträufelt es mit einem Löffel Honig. Dann lasst es offen in einem feuchten Raum oder Schrank stehen, aber achtet unbedingt darauf, dass sich keine Mücken oder anderes Ungeziefer darauf niederlassen. Wenn doch, dürft Ihr die Pilze nicht auftragen.“
Katharina nickte und nahm das Gefäß mit dem Schimmel ehrfürchtig entgegen. Sie konnte es noch immer nicht glauben, dass es so einfach seien sollte. Aviel gab ihr noch Ratschläge, wie sie die Pilze auf der Wunde platzieren sollte. Dann reichte er ihr ein Tuch, um das Gefäß abzudecken und streckte ihr die Hand hin.
„Es hat mich gefreut Euch kennenzulernen“, sagte er lächelnd.
Katharina erwiderte das Lächeln, doch statt ihm die Hand zu schütteln, umarmte sie den Mann fest. Dann löste sie sich von ihm und sagte. „Vielen Dank für alles.“
Der Heilkundige verharrte einen Moment verwundert. Katharina winkte ihm zum Abschied und ging sich aus dem Geschäft. So schnell sie konnte, lief sie zum Ende der Straße. Es waren noch immer viele Menschen unterwegs, aber ihre Füße flogen über das schmutzige Pflaster, bis sie die Kutsche von Albrecht sah, der gerade das Pferd abrieb.
„Ich habe es“, sagte sie glücklich. „Wir können zurück.“
Albrecht sprang auf die Kutsche. „Wir werden noch ein Stück fahren können, müssen dem Pferd aber bald eine Pause gönnen, sonst beginnt es zu lahmen und wir müssen laufen. Bis morgen Abend sind wir aber wieder zurück.“
Katharina kletterte auf den Kutschbock und nahm Platz. Sie umklammerte das kleine Tongefäß wie den größten schatz auf Erden. Sie hielt Philipps Leben in der Hand, und sie würde es nicht mehr ablegen, bis sie in Furtenblick waren.

Ida wischte Philipp den Schweiß vom Gesicht. Seit Katharina losgefahren war, hatte sich das Fieber verschlimmert. Philipp war noch immer nicht wach. Die Verletzung an seinem Kopf war wieder aufgegangen und hatte zu bluten begonnen.
„Es wird schlimmer“, sagte sie zu Loretta. „Die Wunde lässt sich nicht richtig schließen.“
„Vielleicht müssen wir die Schwellung weiter kühlen.“
„Das Problem ist nicht die Schwellung. Selbst wenn Katharina in Frankfurt etwas gefunden hat, was die Entzündung stoppen und das Fieber senken wird, bin ich mir nicht sicher, ob Philipp jemals wieder völlig gesund werden wird. Der Schlag auf den Kopf war sehr stark. Ich weiß nicht, ob diese Verletzung schwerer ist, als sie aussieht.“
Loretta brachte ihr eine Schüssel mit frischem Wasser.
„Wir können nichts machen, als warten und hoffen. Meine Mutter und Albrecht müssten heute Abend wieder zurück sein. Wenn wir Philipp nicht aus seiner Ohnmacht wecken können, werden wir nie erfahren, wie schwer die Verletzung am Kopf ist.“
„Beeile dich, Katharina“, flüsterte Ida. „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.“

Die Nacht war schon angebrochen, als Katharina und Albrecht nach Furtenblick zurückkamen. Der Wirt fuhr mit der Kutsche bis vor Katharinas Haus. Sofort sprang sie vom Kutschbock und lief hinein. Als sie die Tür öffnete kam ihr Ida entgegen.
„Wie geht es ihm?“
„Das Fieber ist schlimmer geworden“, antwortete Ida ernst. „Die Wunde an der Schulter entzündet sich weiter.“
„Ist er wach?“
Die Wirtin schüttelte den Kopf, während Katharina zum Bett ging und nach Philipp sah. Sein Gesicht wirkte ausgezehrt und seine Haare waren schweißdurchtränkt. Sie zog die Bettdecke weg und machte den Verband von der Schulter. Ein stechender, eitriger Geruch schoss ihr entgegen. Sie öffnete das Tongefäß, das sie die ganze Fahrt über in der Hand gehalten hatte und stellte es auf einen kleinen Schemel. Dann griff sie nach einem frischen Verband, nahm Schimmel aus dem Gefäß und streute ihn auf den Stoff.
„Bitte wasche die Wunde an der Schulter noch einmal aus“, sagte sie zu Ida. „Ich werde ihm einen neuen Verband mit dem Schimmel anlegen. Der müsste die Entzündung abklingen lassen.“
Ida sah Katharina bei der Erwähnung des Schimmels ungläubig an, aber sie machte sich sofort an das Auswaschen.
Katharina wartete bis die Wirtsfrau fertig war und legte den Stoff auf die Wunde. Sie nahm ein weiteres Tuch und wickelte es fest um die Schulter, damit der Verband nicht abrutschen konnte. Dann umarmte sie die dicke Frau fest.
„Danke, dass du dich um ihn gekümmert hast.“
„Das war das Mindeste“, sagte sie und löste sich aus der Umarmung. „Bedank dich auch bei der Tochter. Sie hat tagsüber an Philipps Bett gewacht und ist keinen Schritt vor die Tür.“
Katharina kämpfte mit den Tränen.
„Du siehst müde aus“, sagte Ida. „So wie ich dich kenne, wirst du heute Nacht bei Philipp wachen wollen, aber ich werde morgen früh vorbeikommen und dir etwas zu essen bringen. Dann wirst du alles aufessen und dich schlafen legen, während ich am Bett wache.“
Katharina wollte etwas erwidern, aber Ida fuhr sofort dazwischen. „Keine Widerrede.“
Dann lächelte sie, nahm ihren Umhang und ging nach draußen. An der Tür winkte sie noch kurz, bevor sie diese leise schloss. Einen Augenblick später fuhr Albrechts Kutsche davon.
Katharina setzte sich zu Philipp ans Bett, der immer noch ohne Bewusstsein war. Sie spürte die Anstrengungen der letzten Tage. Die Reise nach Frankfurt war lange und mühsam gewesen. Ihr Rücken schmerzte. Trotz ihrer Rast hatte sie nur schlecht geschlafen. Ihr Körper sehnte sich nach Ruhe, aber sie würde diese Nacht noch wachen. Der Verband musste auf der Wunde bleiben.
Katharina legte sich eine dünne Decke auf ihren Schoss. Sie schloss müde die Augen. Einen Augenblick später war sie eingeschlafen.

Es war früher Morgen als Loretta zu Katharinas Haus kam. Sie öffnete die Tür und wurde von einem lauten Streitgespräch empfangen.
„Aber ich habe keinen Hunger“, beschwerte sich ihre Mutter.
„Du wirst etwas essen“, sagte Ida streng. „Albrecht hat mir gesagt, dass du auf der Fahrt kaum etwas zu dir genommen hast. Ich werde nicht gehen, bevor du diesen Bohneneintopf gegessen hast.“
„Stell ihn hin, ich esse ihn später.“
„Katharina Volck. Ich habe drei Kinder großgezogen, die mit der gleichen Ausrede versucht haben sich vom Essen zu drücken. Du hast die Wahl freiwillig zu essen oder von mir gefüttert zu werden.“
Idas Stimme, und ihr grimmiger Gesichtsausdruck ließen keinen Zweifel, dass sie genau das tun würde. Katharina seufzte, nahm den Löffel und aß.
„Guten Morgen“, sagte Loretta lächelnd und drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange.
„Hallo Loretta“, strahlte Ida die junge Frau an.
„Morgen“, antwortete Katharina missmutig und stopfte sich einen weiteren Löffel Bohneneintopf in den Mund.
„Wie geht es Philipp?“
„Deine Mutter hat aua Frankfurt etwas Schimmel mitgebracht, der die Entzündung der Wunde heilen soll.“
Loretta zog misstrauisch die Augenbrauen hoch. „Wirkt es?“
„Dazu ist es noch zu früh“, antwortete Katharina. „Er hat noch immer Fieber und ist noch nicht wieder bei Bewusstsein, aber der Heiler hat mir versichert, dass es wirken wird.“
„In den Tagen, in denen du unterwegs warst, haben sich Volmar und ein paar Männer des Nachts auf die Lauer gelegt2, erklärte Ida „Sie haben am Marktplatz Wache gestanden und gehofft, dass ihnen den Angreifer in die Hände fällt. Aber sie haben niemanden gefunden.“
Loretta schüttelte den Kopf. „Wer wollte Philipp umbringen? Was hat er gemacht, dass ihm jemand in der Dunkelheit auflauert und ihm ein Messer in die Schulter sticht?“
Die Frauen schwiegen. Niemand wusste darauf etwas zu sagen.
„Du siehst ausgeruhter aus, Katharina“, durchbrach Ida die Stille. „Hast du geschlafen?“
„Ich fühle mich gut. Ich werde bei Philipp bleiben und ihr könnt eurer Arbeit nachgehen.“
„Ich werde heute Mittag wieder nach dir sehen“, bemerkte Loretta und legte ihrer Mutter die Hand auf die Schulter.
„Und ich bringe dir dann etwas Brot und Käse“, ergänzte Ida. „Dann kannst du mir von deinem Ausflug nach Frankfurt erzählen, während ich dir wieder beim Essen zusehe.“
Loretta küsste Katharina auf die Stirn und ging mit Ida wieder hinaus. Auch wenn sie nicht wusste, ob der Schimmel etwas bewirken würde, wenigstens hatte ihre Mutter wieder Hoffnung.

Als Ida gegangen war, setzte Katharina sich wieder neben Philipp ans Bett. Auch wenn sie nur widerwillig gegessen hatte, musste sie zugeben, dass sie sich nach dem Bohneneintopf besser fühlte. Die Wirtin war eine sehr gute Köchin, und sie war dankbar, dass sie Anteil an Philipps Schicksal nahm.
Katharina legte die Hand auf seine Stirn. Das Fieber war noch da. Sie wurde unruhig, aber Aviel hatte ihr gesagt, dass sie den Verband zwei Mal am Tag erneuern sollte. Den Rest der Zeit durfte der Schimmel nicht von der Wunde genommen werden. Katharina nahm ein Tuch und kühlte Philipps Gesicht. In der Nacht hatte er sich noch in Fieberträumen hin und her gewälzt, aber seit die Sonne aufgegangen war, war er ruhiger geworden.
Katharina hasste die Untätigkeit. Am Liebsten wäre sie auf das Feld gegangen und hätte Unkraut gerupft, aber sie wollte Philipp nicht allein lassen.
Sie versuchte ihre Gedanken wieder auf die Ereignisse seit dem Dorffest zu lenken. Sie hatte geglaubt, dass alles mit der Verurteilung von Bredelin Arken und den Giftmorden zu tun hatte, aber wie passte Philipp in dieses Bild? Er war zu dieser Zeit nicht in Furtenblick gewesen und hatte seine damalige Frau Berta nicht einmal gekannt.
Katharina sah zu dem Mann in ihrem Bett. Im Grunde wusste sie nichts über seine Vergangenheit und was er vor seiner Zeit mit Berta getan hatte. Vielleicht verbarg Philipp ein Geheimnis, das mehr Licht in die Ereignisse bringen konnte. Um das zu erfahren, musste er erst genesen. Doch momentan war Philipp dem Tod näher als dem Leben.

Die Johannis-Morde – Kapitel 11

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 31. Oktober 2010 von alexanderhartung

Vermutungen

Philipp murrte bei jedem Schritt. Er hatte seine Arme um einen großen Stein geschlungen, den er bei den Feldern aufgehoben hatte. Jetzt trug er ihn durch das ganze Dorf und versuchte die verwunderten Blicke seiner Freunde zu ignorieren.
„Was hast du denn schon wieder?“, fragte Katharina ungehalten.
„Der Stein ist schwer. Ich schwitze und meine Arme tun weh.“
„Ich kann ihn dir leider nicht abnehmen. Dazu bin ich nicht kräftig genug.“
Philipp verdrehte die Augen. „Hätte es nicht auch ein kleinerer Brocken getan?“
„Für das, was ich ausprobieren will, benötige ich einen solchen Stein.“
„Erklärst du mir, warum wir den Felsen bei den Feldern geholt haben und ihn zu der Klippe tragen. Gibt es dort keine Steine?“, fragte Philipp spöttisch.
„Keinen, der dafür geeignet wäre. Ich war schon früh auf und habe mir die Klippe angesehen. Dort liegt kein solcher Brocken, es sei denn du willst einen aus der Felswand schlagen.“
Philipp versuchte sich den Schweiß auf seiner Stirn mit dem Arm wegzuwischen. „Sagst du mir wenigstens, was wir jetzt vorhaben? Du machst den ganzen Morgen schon so geheimnisvoll.“
„Da muss ich mit meiner Erklärung aber weit ausholen.“
„Lass dir Zeit“, sagte Philipp mit einen schiefen Grinsen. „Ich komme momentan sowieso nicht schnell voran. Da kann ich dir aufmerksam zuhören, während ich einen Stein von der Größe eines Kürbisses nach unten trage.“
„Also gut“, sagte Katharina. „Du kannst dich sicher noch an den Anblick von Bredelin auf dem Dorffest erinnern?“
“Ich habe ihn nur kurz gesehen, bevor er in den Fluss gesprungen ist, aber er hatte einen gekrümmten Rücken und schien eines seiner Beine nachzuziehen. Seine Kleidung war dreckig und seine Haare verfilzt.“
„Genau diesen Eindruck hatte ich auch. Selbst wenn er nicht im Fluss an einem Felsen aufgekommen wäre, könnte ein solch geschwächter Mann niemals gegen die Strömung bestehen und sich ans Ufer retten.“
„Unwahrscheinlich.“
„Was wäre, wenn er diese Behinderungen nur vorgetäuscht hätte?“
„Wie kommst du darauf?“
„In Heidelberg habe ich mit den Wächtern geredet. Sie kannten Bredelin. Er ist zwar nie aus seiner Zelle herausgekommen, aber hat jeden Tag seine Muskeln gestärkt. Als sie ihn freigelassen haben, war er so kräftig wie ein junger Feldarbeiter.“
„Aber was ist ihm auf dem Weg nach Furtenblick zugestoßen, was ihn so verkrüppelt hat?“
“Das habe ich mich auch lange gefragt, aber die Antwort ist ganz einfach: Es ist nichts passiert.“
„Wie nichts?“, fragte Philipp verwundert.
„Als Bredelin in Furtenblick angekommen ist, war er immer noch so stark wie vorher. Die Verkrüppelung war vorgetäuscht.“
„Warum sollte er das tun?“
“Weil er vielleicht gar nicht sterben wollte?“
Philipp blieb stehen. „Aber ein Sprung die Klippen hinunter ist der sichere Tod. Dort gibt es so viele Felsen, die jedem die Knochen zerschmettern, wenn man von einer solchen Höhe herunterfällt.“
„Genau das will ich jetzt herausfinden. Ich habe eine Idee, und dazu brauche ich dich und den Felsen.“
Sie waren am Marktplatz angekommen und Katharina deutete zu der Stelle, an der sich Bredelin heruntergestürzt hatte. „Du kannst den Stein ablegen.“ Philipp ließ den Brocken auf den Boden fallen und atmete erschöpft aus.
„Endlich.“ Erleichtert wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Sagst du mir jetzt, was du mit dem Stein vorhast?“
“Im Grunde ist es ganz einfach. Ich will nur sehen, wo Bredelin gelandet ist. Wenn ich unten am Fluss bin, dann musst du dich an den Rand stellen und den Stein gut einen Schritt von dir wegstoßen. Soweit könnte Bredelin gesprungen sein. Ich werde unten sehen, wo der große Brocken aufschlägt, und ob er ein Mensch einen solchen Sprung hätte überleben können.“
„In Ordnung. Ich warte bis du unten bist.“
„Wenn du mich auf der anderen Seite des Flusses siehst, dann wirf den Brocken hinunter.“
Katharina wandte sich ab und ging zum Fluss. Sie war gespannt, ob ihr Versuch gelingen würde.

Philipp lehnte sich an das Gatter und schloss die Augen. Der Weg vom Feld hierher war anstrengend gewesen. Seine Arme schmerzten. Seine linke Hand war aufgeschürft. Er hoffte, dass die nächste Zeit niemand hier vorbeikam. Es würde Fragen nach sich ziehen, warum er einen solchen Felsen über die Brüstung in den Fluss warf, und er hatte keine Lust das zu erklären. Eigentlich wusste er selbst noch nicht genau, warum er das tat, denn Bredelin Arken war tot. Sie hatten seine Leiche gefunden und ihn an der Kreuzung begraben. Selbst wenn er seine Verkrüppelung vorgetäuscht hatte und wenn er nicht vorgehabt hatte sich umzubringen, kamen sie so dem wahren Mörder nicht näher.
Wenn es überhaupt ein Mörder war, dachte Philipp und musste unwillkürlich an den Fluch denken. Er kannte sich mit solchen Dingen nicht gut aus, und er vertraute dabei immer Katharinas Meinung, aber die Worte Bredelins erzeugten immer noch einen kalten Schauer, wenn er daran dachte. Ihm kamen die entstellte Leiche von Rudolf Eigbrod und der blutüberströmte Körper von Lukas Kolf wieder in den Sinn, als ein Kieselstein an die Brüstung schlug und über den Boden klapperte. Philipp schreckte aus seinen Gedanken hoch und drehte sich um.
„Ist ja gut“, rief er nach unten. Er sah hinunter und erblickte Katharina, die ungeduldig winkte. Er hob den Stein auf und stemmte ihn auf seine Schulter. Dann ging er an die Stelle, von der sich Bredelin Arken in den Fluss gestürzt hatte und stieß den Stein von sich.

Als Katharina den Stein herunterfliegen sah, machte sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Der Felsen schlug mit einem lauten Platschen in den Fluss und bespritzte sie mit dem kühlen Wasser. Sie wischte sich kurz über das Gesicht und stellte sich an das Flussufer. Sie konnte den Stein im ersten Moment nicht sehen, hatte sich aber den Punkt gemerkt, an dem er in das Wasser gefallen war. Er war nur ein Stück eingetaucht und dann auf einen Stein geschlagen. Etwas weiter, hätte er das tiefere Wasser erreichen können. Einen Schritt nach rechts, wäre er auf einen scharfen Stein gefallen. Einen Schritt näher an der Felswand, wäre er auf einem vermoderten Baumstamm gelandet.
Katharina zog eine Kordel aus ihrer Tasche, band einen Kiesel daran und warf ihn an der tiefen Stelle ins Wasser. Dann nahm sie einen Ast, und hob die Schnur an, so dass der Stein genau waagerecht in den Fluss ragte. Sie gab so viel Schnur nach, bis diese an Spannung verlor. Dann war der Kiesel am Boden angekommen. zog die Kordel wieder heraus und maß die feuchte Schnur mit ihren Armen ab. Es waren mehr als drei Schritt.
Katharina kaute nachdenklich auf ihrer Lippe. Sie hatte noch nie jemanden von oben in den Fluss springen sehen. Man würde sehr viel Glück und Geschick benötigen, um diesen Sprung zu überleben. Selbst wenn man im tiefen Wasser aufkam, reichten drei Schritte nicht aus, um den Fall unbeschadet zu überstehen. Auch war die Strömung hier sehr stark, und es würde schwierig sein, ans Ufer zu kommen. Nur wenn man sich bis zur kleinen Brücke über Wasser halten konnte, könnte man aus dem Wasser steigen und sich im Wald zu verbergen. Wenn Bredelin das gelungen wäre, wäre er außer Sicht gewesen, noch bevor sie den Weg vom Dorf nach unten gekommen wären.
Philipp kam den Weg herunter gehastet und näherte sich der Stelle am Flussufer.
„Bist du zufrieden?“, fragte er. „Glaubst du, dass man einen solchen Sprung überleben kann?“
„Ich denke man muss toll und lebensmüde sein, um so etwas zu wagen“, antwortete Katharina. „Mit viel Glück könnte man aber eine Stelle treffen, die mehr als drei Schritte tief ist.“
„Das ist nicht viel.“
„Nein, aber es könnte reichen, um es zu überleben.“
Philipp sah zu der Stelle. „Ein wenig zu weit oder zu kurz und deine Knochen werden zerschmettert. Außerdem ist die Strömung sehr stark und Bredelin war in einen großen Umhang gekleidet, der sich schnell mit Wasser vollgesaugt hat.“
„Aber wenn es gelingt, wäre es die perfekte Tarnung“, murmelte sie leise.
„Tarnung für was?“, fragte Philipp.
Katharina ging nicht auf die Frage ein. „Wir können morgen nicht zum Gottesdienst gehen“, sagte sie bestimmt und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf.
„Wieso nicht?“
„Weil du krank bist.“
„Wieso krank? Ich fühle eigentlich ganz …“
„Der Speck, den du heute morgen gegessen hast.“
„Wieso? Was war mit dem …“
„Der war schon zu alt, und du hast dir den Magen verdorben.“
„Den Speck haben wir doch erst gestern …“
„Und ich muss dich pflegen. Daher kann ich auch nicht zur Kirche.“
„Das ist ja lieb von dir, dass du mich pflegen willst, aber fühle mich wirklich …“
„Wenn alle in der Kirche sind, gehen wir zur Kreuzung.“
„Wieso zur Kreuzung? Ich dachte, ich habe mir den Magen verdorben, weil der Speck …“
„Vergiss Schaufel und Hacke nicht.“
„Wieso Schaufel und Hacke? Ist es zum pflanzen nicht etwas zu …“
„Wir graben die Leiche von Bredelin Arken aus.“
„Was?“, rief Philipp. „Ich öffne doch kein ungeweihtes Grab. Das bringt Unglück, und außerdem sollen die Toten, deren Ruhe man stört …“
„Fang nicht wieder mit diesem abergläubigen Gewäsch an, Philipp“, unterbrach ihn Katharina ungehalten. „Der Tote wird sich nicht erheben und dir hinterhersteigen oder dich in deinen Träumen heimsuchen.“
„Das sagst du. Was aber, wenn man uns dabei …“
„Es sind alle in der Kirche. Du brauchst keine Angst zu haben, dass uns jemand sieht. Wenn du schnell schaufelst, ist das Grab noch vor der Kommunion wieder zu.“
„Das ist doch Irr. Was erhoffst du dir, wenn wir die Leiche von Bredelin …“
„Und du kannst heute Abend nicht ins Wirtshaus.“
„Wieso kann ich heute Abend nicht in die Furt? Ich habe Albrecht gesagt, dass …“
„Du bist krank.“ Katharina rollte mit den Augen. „Ich werde nachher noch Kräuter einkaufen und bei Ida eine Bemerkung fallen lassen, dass du dich nicht wohl fühlst. Dann wundert sich niemand, dass du morgen nicht im Gottesdienst bist.“
Philipp brummte mürrisch. Er kickte verärgert einen Stein vom Weg, während sie den steilen Pfad nach oben gingen. Katharina hatte auch nicht erwartete, dass er von der Idee begeistert wäre, aber sie musste bei dem Toten Gewissheit haben, dass es wirklich Bredelin Arken war.

Philipp schlug die Schaufel in das Erdreich und hob das Grab an der Kreuzung wieder aus. Er sah sich immer wieder um, ob nicht doch jemand den Weg entlang kam, aber es schienen alle in der Kirche zu sein. Während er die Erde zur Seite trug, murmelte er mürrisch vor sich hin.
„Was hast du denn?“, fragte Katharina, die es sich auf einem großen Stein bequem gemacht hatte.
„Das gefällt mir nicht“, antwortete Philipp missmutig. „Ich lüge nicht gerne, vor allem lüge ich nicht meine Freunde an.“
„Ich kann dich beruhigen. Im Vergleich zur Ruhestörung eines Toten, ist Lügen eine vergleichsweise geringe Sünde.“
Philipp knirschte mit den Zähnen. Er hasste er, wenn sich Katharina über seinen Aberglauben lustig machte. Seine Mutter war eine gläubige Frau gewesen und seine Großmutter hatte ihn schon von Kindesbeinen an gezeigt, wie man den bösen Blick vermied, an welchen Tagen man säte und wann man den Schutz eines gesegneten Ortes aufsuchen musste. Auch Berta hatte versucht ihm diese Rituale auszutreiben, aber seine Frau war nichts im Vergleich mit Katharina. Sie machte sich oft lustig über ihn, aber die Zeit mit Katharina hatte ihn verändert. Vor Jahren hätte er sich nicht vorstellen können, auch nur in die Nähe eines Toten zu kommen, der nicht den Segen eines Priesters erhalten hatte. Jetzt stand er an einer Kreuzung, hatte sich mit einer Lüge vor dem Gottesdienst gedrückt und grub die Leiche eines Mannes aus, der Furtenblick mit einem Todesfluch belegt hatte.
Als er mit der Schaufel ein weiteres Mal in die Erde fuhr, spürte er einen Widerstand. Vorsichtig legte er die Hand des Toten frei. „Ich glaube, ich habe Bredelin gefunden“, wandte er sich zu Katharina. Sie ging zu dem Loch und begann die Erde um den Toten freizulegen. Philipp erschauerte, als er daran dachte, dass die Leiche keinen Kopf mehr hatte.
„Hilf mir, Philipp“, sagte Katharina. Er kam nur widerwillig näher und kratzte die Erde mit der Schaufel weg, was ihm ein Stirnrunzeln seiner Nachbarin einbrachte. Er hatte nicht vor den verfluchten Leichnam zu berühren.
Als die Leiche bis zur Brust freigelegt war, untersuchte Katharina den Toten. Sie wischte den Dreck von der Kleidung, als hielte sie nach einem Makel Ausschau.
„Was suchst du eigentlich?“, fragte Philipp, der sich zwei Schritte entfernte.
„Ich weiß noch nicht“, murmelte Katharina konzentriert und ließ ihre Blicke weiter über die Leiche schweifen.
„Du weißt es nicht? Wir begehen einen solchen Frevel und du weißt nicht, warum wir es tun?“
„Wir haben den Toten ausgegraben, weil ich mir nicht sicher bin, ob es ich wirklich Bredelin ist.“
„Du meinst, er könnte den Sprung überlebt haben?“
„Möglich wäre es“, antwortete sie, während ihre Finger über eine lederne Schnur glitten, welche den abgelaufenen linken Stiefel am Bein hielt. Dann prüfte sie den Umhang des Toten, aber auch dieses Kleidungsstück schien sie nicht weiterzubringen.
„Aber wer soll der Tote sonst sein?“, fragte Philipp. „Es wird niemand aus dem Dorf vermisst. Außerdem trägt er den Umhang von Bredelin. Die Haarfarbe und die Statur stimmen auch.“
„Nur hat er kein Gesicht.“
„Was wahrscheinlich daran liegt, das er mit dem Kopf auf den Felsen geschlagen ist, als er die Klippe heruntergesprungen ist.“
Katharina betrachtete den Toten kritisch. Dann stand sie auf. Sie sah nicht aus, als hätte sie gefunden, was sie gesucht hatte. Die Glocken begannen zu läuten. Philipp nahm die Schaufel in die Hand und lief zu dem Loch.
„Wir müssen den Toten wieder bedecken und nach Hause gehen“, sagt er aufgeregt. „Die Leute werden gleich aus der Kirche kommen.“
„Ich bin noch nicht fertig. Ich brauche mehr Zeit.“
„Willst du Bruder Theobald erklären, warum wir den Toten ausgegraben haben?“
Katharina wirkte unglücklich. Anscheinend hätte sie die Leiche gerne noch weiter untersucht, aber dann schüttelte sie den Kopf. Philipp begann hastig mit dem Schaufeln und bedeckte den toten Körper wieder mit Erde.

Katharina ging grübelnd den Weg zum Marktplatz entlang. Nachdem sie das Loch zugeschüttet hatten und wieder nach Hause gegangen waren, beschwerte sich Philipp darüber, dass er noch auf den Feldern zu tun hatte, aber wegen ihrer verrückten Ideen den ganzen Tag zu Hause bleiben musste. Schließlich hatte sie ihm versprechen müssen, ihn morgen früh als gesund zu entlassen. Als Entschädigung dafür würde sie in die Furt gehen und ein Stück von Albrechts stark gewürztem Weichkäse kaufen.
Katharina wollte gerade in das Wirtshaus hineingehen, als eine Kutsche angefahren kam. An ihren Seiten prangte das Zeichen des Vogts. Sie hielt inne. Warum war Anselm Lotz nach Furtenblick gekommen?
Die Ankunft war auch anderen Bürgern nicht entgangen. Immer mehr Schaulustige kamen und starrten auf die Kutsche, die vor dem Haus des Bürgermeisters angehalten hatte. Frederich Rump hatte die Ankunft ebenfalls bemerkt. Er kam aus dem Haus gelaufen. Fast panisch richtete er seine Hose und sein Hemd. Wahrscheinlich hatte er wieder in seinen Kleidern Mittagsschlaf gehalten.
Der Kutscher stieg ab und öffnete die Tür. Anselm Lotz stieg aus.
„Ich habe ihn älter in Erinnerung“, sagte eine Frau neben Katharina.
Einen Augenblick nach dem Vogt verließ ein weiterer Mann die Kutsche. Er war kaum älter als dreißig Jahre, hatte helle Haut, schwarze Haare und war gut gekleidet. Katharina hatte das Gefühl, dass sie den jungen Mann kannte. Irgendetwas an ihm kam ihr vertraut vor.
„Ist das Arnold von Erenkirch?“, fragte ein junger Mann.
„Viel zu jung“, antwortete ein älterer Bauer.
„Vielleicht sein Sohn?“
„Sein ehelicher oder einer seiner Bankerts?“, warf eine Frau ein, was die Anwesenden zum Lachen brachte.
Die beiden Männer besprachen sich kurz mit dem Bürgermeister. Frederich hörte zu und nickte ehrerbietig. Dann ging er auf die Wartenden zu.
„Liebe Bewohner von Furtenblick“, sagte er und hob die Hände. „Ich möchte euch bitten, euch im Wirtshaus einzufinden. Unser geschätzter Vogt möchte etwas verkünden, also kehrt nach Hause zurück und bittet eure Nachbarn und Freunde auch zu kommen. Wir wollen ihn nicht warten lassen.“
Dann ging der Bürgermeister zu seinen Gästen zurück, während sich die Anwesenden zerstreuten.
Katharina entschloss sich nicht nach Hause zu gehen, sondern sich sofort ins Wirtshaus zu begeben. Philipp und ihre Tochter würden alles Wichtige von ihr erfahren. Noch bevor sie in der Furt Platz genommen hatte, hallte die Stadt von Gerüchten und Vermutungen wider.

Katharina saß auf einem Stuhl im völlig überfüllten Wirtshaus. Es war laut. Sie konnte kaum die Worte von Bruder Theobald verstehen, der nur einen Schritt neben ihr saß. Es war drückend eng. Die Tür und die Fenster standen offen, damit die Wartenden draußen auch etwas sehen konnten. Albrecht hatte Kisten zusammengestellt, damit der Vogt und sein Gast besser sichtbar waren. Katharina nippte ab und zu an einem Bier, das ihr der Wirt hingestellt hatte. Ansonsten versuchten Albrecht und seine Frau den Wünschen ihrer Gäste so schnell es ging nachzukommen. Durch die Anwesenheit von Bruder Theobald war Katharina eine der wenigen, die etwas zu trinken bestellt hatten. Der Priester hatte seine Augen überall und schien jede Verfehlung zu bemerken. Aber weil sich Katharina nicht gerne gängeln ließ und sie Bruder Theobald gerne ärgerte, nahm sie den Krug und prostete dem Geistlichen zu.
In der Zwischenzeit hatte sich herumgesprochen, dass der alte Vogt sich zur Ruhe gesetzt und die Arbeit seinem Sohn übergeben hatte. Als Katharina den Krug wieder abließ, kam Anselm nach vorne und stellte sich auf die Kisten. Die Gespräche verstummten, als der Vogt zu sprechen anfing.
„Liebe Bürger von Furtenblick“, sagte er laut. „Ich bin heute hierhergekommen, um euch den Erben des Gutes von Lukas Kolf vorzustellen. Seinen Sohn, Nicolaus Grumbach.“
Ein Aufschrei der Verwunderung hallte durch das Wirtshaus. Katharina war für einen Moment völlig verwirrt. Hatte nicht der Bürgermeister ein Schreiben erhalten, bei dem Graf Arnold von Erenkirch als der neue Besitzer ernannt worden war? Wer hatte dann den Brief geschrieben?
Viel interessanter war aber die Tatsache, dass Lukas Kolf einen Sohn gehabt haben sollte. Wenn das stimmte, warum hieß er dann nicht auch Kolf? War es am Ende ein uneheliches Kind? Katharina sah zu Bruder Theobald, dem vor Schreck der Atem gestockt war. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie den bleich gewordenen Geistlichen beobachtete, der immer von der Tadellosigkeit des ermordeten Gutsbesitzers gepredigt hatte.
Als sich der angesprochene Mann neben Anselm auf die Kisten stellte, wusste sie, woher sie ihn kannte. Seine Gesichtszüge, seine schwarzen Haare und die helle Haut konnten die Ähnlichkeit zu Lukas Kolf nicht verbergen. Er war wahrlich sein Sohn.
„Bitte“, versuchte Anselm die Anwesenden zu beruhigen. Es wurde nur langsam leiser. „Bürgermeister Rump hat mir den Brief gezeigt, in dem angeblich Graf Arnold von Erenkirch als neuer Besitzer des Weingutes benannt wurde. Ich kann euch versichern, dass diese Nachricht ebenso falsch ist, wie das Siegel darauf. Der Brief kam weder von mir, noch wurde er von mir in Auftrag gegeben. Ich fürchte, dass sich ein Unbekannter einen schlechten Scherz erlaubt hat.“
Katharina schüttelte den Kopf. Kaum jemand in Furtenblick konnte so etwas machen. Die wenigsten konnten schreiben, noch verfügten sie über die Wortgewandtheit einen solchen Brief so eloquent zu verfassen. Weiterhin kannte niemand, außer Frederich Rump, das Siegel des Vogts und wäre nicht in der Lage, dieses zu fälschen.
„Ich verspreche euch, dass ich den Schuldigen überführen und bestrafen werde.“
Katharina runzelte die Stirn. Wenn man bedachte, was die letzten Tage in Furtenblick geschehen war, war der gefälschte Brief das kleineste Problem. Wenn man aber berücksichtigte, dass deswegen beinahe das Dorf abgebrannt wäre, konnte sie verstehen, dass einige den Schuldigen gerne hängen sehen würden.
„Dessen ungeachtet möchte ich mich heute um die Vorstellung von Nicolaus Grumbach kümmern“, versuchte sich Anselm über das anhaltende Gerede der Bürger bemerkbar zu machen. Der Sohn von Lukas fühlte sich in dem engen, lauten Gasthaus sichtlich unwohl, aber dann legte er die Hand auf die Schulter des Vogts und wandte sich den Bürgern zu. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin verstummten die Anwesenden.
„Mein Name ist Nicolaus Grumbach“, sagte der junge Mann mit ruhiger, aber kräftiger Stimme. „Ich bin der Sohn von Lukas Kolf. Meine Mutter war Agathe Grumbach, die vor fünfundzwanzig Jahren hier in Furtenblick gelebt hat.“
Ausrufe der Überraschung durchbrachen die Stille. Anscheinend konnten sich manche noch an die Frau erinnern, aber Katharina sagte der Name nichts.
„Sie hatte sich als junge Frau von Lukas Kolf und seinen Versprechungen einer baldigen Vermählung verführen lassen“, fuhr Nicolaus nicht ohne Verbitterung in der Stimme fort. „Als meine Mutter schließlich ein Kind erwartete, weigerte sich mein Vater sein Versprechen einzulösen. Stattdessen brachte er sie aus Furtenblick zu einer Tante, damit sie nicht der Ehe mit Herlinde Ommert im Weg stand.“
Katharina bewunderte den jungen Mann, der so offen über eine Untat seines Vaters sprach, eines verstorbenen und geschätzten Mitglieds dieser Gemeinde. Nicht wenige würden den guten Eindruck, den sie von Lukas Kolf hatten, noch einmal überdenken müssen.
„Schließlich fand meine Mutter eine Stelle als Magd bei einem älteren Witwer, der ein großes Gut besaß. Sie kochte, wusch und buk für ihn. Als ihn sein Rücken ins Bett zwang, pflegte sie ihn bis zum Tag seines Todes. Da der alte Mann mit seinen Kindern verstritten war, vererbte er meiner Mutter seinen Hof, die über Nacht zu einer der reichsten Frauen der ganzen Region wurde.
Ich war damals erst sieben Jahre alt. Mein Leben bei meiner Tante war angenehm gewesen, aber durch das Erbe wurde es besser, als es mir mein Vater je hätte bieten können.“
Nicolaus sah über die schweigende Menge. Es war still. Die Bürger lauschten gebannt den Worten seiner warmen Stimme.
„Ich sage das, um euch zu beruhigen“, fuhr er fort. „Ich habe meinen Frieden mit meinem Vater gemacht und hege keinen Groll gegen euch, nur weil er hier gelebt hat. Ich habe von meiner Mutter gelernt ein großes Gut zu verwalten und werde den Weinanbau weiter fortführen.“
Katharina konnte spüren, wie die Erleichterung durch die Menschen fuhr. Manche fingen wieder an leise miteinander zu reden. Nicht weit von ihr stand Janke auf. Er arbeitete schon von Kindesbeinen an auf den Weinbergen. Er wirkte ernst und sein teigiges Gesicht sah angespannt aus. Dann fing er mit seinen großen Händen zu klatschen an. Das Geräusch klang gespenstisch in dem Wirtshaus, vielleicht auch, weil niemand damit gerechnet hatte, doch immer mehr fielen in das Klatschen ein, bis das Wirtshaus vor Applaus bebte.
Katharina sah zu Nicolaus Grumbach, dessen ernste Gesichtzüge milder wurden und in denen sich der Hauch eines Lächelns zeigte. Seine Augen fingen an zu leuchten. Plötzlich war er nicht mehr der unnahbare Mann, der seinem Vater so ähnelte. Katharina lächelte über den neuen Herrn des Weinguts. Es hatte nur offener Worte bedurft, damit er einen Platz im Herzen der Bürger fand.

„Wann immer Ihr meine Hilfe braucht“, sagte Frederich überschwänglich, „könnt Ihr mich besuchen.“
„Vielen Dank, Bürgermeister“, antwortete Nicolaus und schüttelte dem dicken Mann die Hand. Dann bestieg er die Kutsche.
„Ich will zuerst einmal das Gut besichtigen“, fuhr er fort. „Dann werde wieder nach Furtenblick kommen.“
Die Kutsche fuhr ruckartig los und schlug den Weg zu den Weinbergen ein. Frederich winkte, bis sie nicht mehr zu sehen war. Dann seufzte er zufrieden.
Nicolaus Grumbach war ein Geschenk Gottes. Die letzten Tage waren die schlimmsten in seinem Leben gewesen, aber heute hatte er die Zufriedenheit der Bürger fast greifen können. Für kurze Zeit schienen der Fluch und die Morde weit weg zu seien. Vielleicht ging es jetzt wieder bergauf.

Nicolaus blieb auf den Stufen zum Gutshaus stehen und betrachtete das Gebäude. Es war schön anzusehen und strahlte hell in der Sonne. Sein Vater hatte sich gut um das Anwesen gekümmert. Die Aussicht war wundervoll. Man konnte über die Weinfelder zum Dorf hinunter blicken. Darüber hinaus waren die weiten Wälder, nur unterbrochen von einigen Feldern und Wiesen, auf denen Tiere grasten. Nicolaus wollte hineingehen, als ihm ein älterer Mann entgegengelaufen kam. Er hatte eine gepflegte Erscheinung und sein aufrechter Gang ließ darauf schließen, dass er gewohnt war Befehle zu geben. Er verneigte sich tief vor Nicolaus.
„Herr Grumbach“, sagte er, als er sich wieder aufgerichtet hatte. „Mein Name ist Henn Petter. Ich war der Gutsverwalter Eures Vaters. Darf ich Euch zuerst mein Beileid zu Eurem Verlust aussprechen.“
„Ist nicht notwendig“, antwortete Nicolaus ungerührt und winkte ab. „Ich habe meinen Vater kaum gekannt, da er meiner Mutter verboten hat, mich hierher zu bringen. Daher vermisse ich ihn auch nicht.“
Henn lächelte verlegen. „Wenn Ihr wünscht, zeige ich Euch das Anwesen und stelle Euch die Bediensteten vor.“
Nicolaus nickte zustimmend.
„Euer Vater hat großen Wert bei der Auswahl seiner Diener gelegt, aber wenn Ihr Eure eigenen Bediensteten hierher bringen möchtet“, fügte Henn dazu, „werde ich mich um die Entlassung kümmern.“
„Ihr müsst niemand entlassen“, sagte Nicolaus. Erleichterung spiegelte sich in Henns Gesicht wider. „Meine Diener sind im Haus meiner Mutter gut aufgehoben. Ich habe nicht mit dem Tod meines Vaters gerechnet, daher habe ich diesbezüglich auch keine Vorbereitungen getroffen. Wenn sie meinem Vater gut gedient haben, werden sie meinen Ansprüchen genügen.“
Henn führte Nicolaus in das Haus hinein. Im Gang zum großen Saal standen alle Bediensteten des Guts in einer Reihe. Die Frauen knicksten vor ihm, und die Männer verneigten sich. Nicolaus spürte die Anspannung der Menschen. Sie schienen unsicher zu sein, wie sie sich bei ihrem neuen Herrn zu verhalten hatten. Er ließ sich den Namen und die Aufgabe eines jeden Anwesenden sagen. Dann schüttelte er dem Angesprochenen die Hand, bevor er zum nächsten weiterging. Es dauerte eine Weile, bis er alle Angestellten kennengelernt hatte, aber jeder der Männer und Frauen machte einen guten Eindruck auf ihn. Mit einem Wink entließ Henn die Wartenden.
„Wenn Ihr möchtet, zeige ich Euch nun die Räume des Hauses.“
„Das kann warten“, sagte Nicolaus. „Lasst uns lieber durch die Weinberge laufen. Ich möchte wissen, welche Sorten mein Vater angebaut hat.“
„Es wird mir eine Freude sein“, sagte er und deutete auf die Tür. Dann folgte er dem neuen Gutsherrn nach draußen.
Als sie über die Felder gingen, nahm sich Nicolaus viel Zeit. Er betrachtete den Traubenwuchs, überprüfte den Kammertbau und ließ die Erde durch seine Finger rinnen.
„Das ist ein guter Weinberg“, sagte er zu Henn. Der Verwalter straffte stolz die Schultern.
„Euer Vater hat die Reben immer gut gepflegt und seine Arbeiter verstehen viel vom Weinbau.“
„Was ist passiert?“, fragte der junge Mann und deutete auf die verbrannten Reben.
„Aus Verzweiflung, dass Graf Arnold von Erenkirch der neue Besitzer werden sollte, hat einer der Arbeiter ein Feuer gelegt, das beinahe auf den Wald übergegriffen hätte.“
„Dafür, dass das Feuer an mehreren Stellen ausgebrochen ist, sind die Schäden noch gering.“
Henn nickte. „Einer unserer Waldarbeiter hat den Brand früh gerochen. Das ganze Dorf hat beim Löschen geholfen und so eine Ausbreitung verhindert.“
„Den Bürgern von Furtenblick scheint der Weinberg wichtig zu sein.“
„Er war schon immer Teil unseres Dorfs und wird ebenso geschätzt, wie unsere Kirche oder unser großer Marktplatz.“
„Das ist schön zu wissen“, sagte Nicolaus leise. Dann wandte er sich wieder dem Verwalter zu.
„Lasst uns zu den verbrannten Reben gehen. Ich will sehen, was es zu tun gibt, damit der Weinberg wieder erblüht.“
Nicolaus ließ seinen Blick über den gut angelegten Kammertbau schweifen. Auch wenn er nie ein herzliches Verhältnis zu seinem Vater gehabt hatte, von Wein hatte der alte Mann etwas verstanden.

„Lukas Kolf hatte einen Sohn“, wiederholte Philipp und nickte anerkennend. Abwesend biss er in den Käse, den ihm Katharina gebracht hatte. Er saß am großen Tisch in seinem Haus und hörte sich den Bericht seiner Nachbarin an. Er bedauerte es, nicht dabei gewesen zu sein.
„Hat man herausgefunden, wer den Brief geschrieben hat?“, fragte er kauend.
Katharina schüttelte den Kopf. „Anscheinend nicht. Der Vogt ist auch nicht weiter darauf eingegangen, aber wer immer dafür verantwortlich war, hat sich einen wirklich schlechten Scherz erlaubt.“
„Aber warum macht jemand so etwas?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das Teil eines Plans, den wir noch nicht verstehen können. Vielleicht ist es aber auch großer Zufall und hat nichts mit dem Fluch von Bredelin oder den Morden zu tun.“
„Vielleicht wollte sich jemand am Vogt rächen und hat deshalb sein Siegel gefälscht.“
„Der Vogt mag vielleicht verärgert sein, aber von allen Beteiligten hat ihn der Brief am wenigsten getroffen. Mit der Vorstellung von Nicolaus Grumbach hat er seine Arbeit getan.“
Philipp biss ein weiteres Stück Käse ab. Er ging im Geiste die Leute in Furtenblick durch, die Lukas Kolf nicht gemocht hatten, als seine Grübeleien von Katharina unterbrochen wurden.
„Ich muss noch fegen“, sagte sie und stand auf. „Und wenn ich deinen Boden ansehe, dann wäre das auch eine gute Idee für dich.“
„Ich kann nicht, ich bin krank“, sagte Philipp und grinste breit.
Katharinas Augen verengten sich für einen Moment. Dann nahm sie ihren Korb und ging hinaus. „Bis morgen“, sagte sie noch, bevor sie die Tür schloss. Philipp winkte zum Abschied und aß zufrieden weiter.

Katharina mühte sich den Weg zum Gut hinauf. Natürlich würde sie ihren Boden heute nicht mehr fegen, aber wenn sie Philipp erzählt hätte, dass sie zu Nicolaus Grumbach wollte, hätte er sie mit Fragen gelöchert. Es war schon Abend, und die Sonne sandte ihre letzen roten Strahlen hinaus. Die Arbeiter waren nach Hause gegangen und um das Gut herum waren Fackeln angezündet worden. Katharina ging bis zum Eingang, überprüfte nochmals den Sitz ihrer Haare, bevor sie an die Tür klopfte. Es dauerte einen Augenblick, dann kam Henn Petter zum Eingang. Sie war überrascht, dass der Gutsverwalter ihr persönlich die Tür öffnete.
„Hallo Henn“, sagte sie und nickte kurz.
„Katharina. Was führt dich zu uns?“, fragte er verwundert.
„Ich muss mit dem neuen Gutsherrn reden.“
„Herr Grumbach hat den ganzen Tag die Weinberge besichtigt. Er ist müde und ruht sich aus, daher wäre es besser …“
„Henn“, unterbrach sie ihn und blickte ihm tief in die Augen. „Du kennst mich. Ich bin nicht der Bürgermeister. Ich habe wahrlich besseres zu tun, als andere Leute zu langweilen. Du kannst mir glauben, dass ich den Weg hierher nicht auf mich genommen hätte, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.“
Der Verwalter sah sie einen Moment nachdenklich an. Dann nickte er. Ohne ein weiteres Wort führte er sie in das große Wohnzimmer. Nicolaus saß auf einem bequemen Stuhl vor dem brennenden Kamin und trank ein Glas Wein. Er erhob sich, als er Katharina ansichtig wurde.
„Das ist Frau Katharina Volck“, stellte Henn sie vor. „Bitte entschuldigt die Störung, aber sie hat mir gesagt, dass sie dringend mit Euch reden muss.“
Nicolaus schüttelte Katharina höflich die Hand und deutete auf einen Stuhl. „Ist in Ordnung, Henn“, sagte er und setzte sich wieder, nachdem Katharina Platz genommen hatte. „Darf ich Euch etwas Wein anbieten?“
„Danke, nein“, lehnte Katharina freundlich ab.
Nicolaus nickte Henn zu, der sich daraufhin zurückzog. Katharina richtete ihr Kleid und sah unsicher zu dem neuen Gutsherrn. Sie war von der Ähnlichkeit zu Lukas Kolf fasziniert. Im Gegensatz zu seinem Vater fehlte ihm aber die Kälte in seinen Augen. Seine Höflichkeit war echt, und er hatte ein einnehmendes Lächeln.
„Ich danke Euch für Eure Freundlichkeit, aber mein Besuch ist eher ernster Natur.“ Katharina suchte nach Worten. „Wir Ihr wisst, wurde Euer Vater ermordet.“
„Der Vogt und der Bürgermeister haben mir von der Art seines Todes, den anderen Toten und vom Fluch während des Dorffestes erzählt“, antwortete Nicolaus und trank einen Schluck Wein.
„Ich weiß nicht, wie genau die Erzählungen waren, aber Euer Vater wurde grausam getötet. Wer immer das getan hat, musste ihn sehr gehasst haben.“
„Und Ihr fragt Euch, ob ich ihn vielleicht umgebracht habe, um mich für die Schmach der Abweisung zu rächen?“
Katharina war von der Offenheit des jungen Mannes überrascht. Sein Gesicht war ruhig, als hätte er mit solchen Vorwürfen gerechnet.
„Eigentlich nicht“, fuhr Katharina fort. „Ihr hattet sicher ein Motiv Euren Vater zu töten, aber das erklärt den Tod von Rudolf nicht.“
Nicolaus lächelte. „Ihr seid eine ehrliche Frau. Nicht viele hätten den Mut hierher zu kommen und mich des Mordes an meinem Vater zu verdächtigen, auch wenn das viele in Furtenblick denken.“
„Ihr seid zu hart zu Euch. Eure Worte im Wirtshaus haben Euch viele Sympathien eingebracht. Auf mich wirkt Ihr nicht wie ein rachsüchtiger Mörder.“
Nicolaus spielte nachdenklich mit dem Becher in seiner Hand. „Es gab eine Zeit, in der ich tatsächlich davon geträumt habe, meinen Vater zu töten. Damals war ich noch ein Heranwachsender, und ich wollte die Demütigung meiner Mutter tilgen. Aber je älter ich wurde, umso mehr wurde mir klar, dass ich mein Leben nicht für diesen Mann zerstöre durfte. Die ersten Jahre waren für meine Mutter sehr schwer gewesen. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, aber schließlich kam sie durch einen glücklichen Zufall zu Reichtum, der selbst den meines Vaters übertraf. Ich hatte die besten Lehrer und genoss ein behütetes Leben auf einem großen Gut.“
Nicolaus trank einen Schluck Wein.
„Mein Vater verschwand Jahr um Jahr mehr aus meinen Gedanken. Er hatte meiner Mutter verboten ihn zu besuchen, aber vor vier Jahren, erhielt ich einen Brief von Anselm Lotz, mit der Bitte ihn aufzusuchen. Es ginge um eine wichtige Erbsache, schrieb der Vogt.
Ich machte mich auf, und als ich dort ankam, erwartete mich ein älterer Mann, der mich mit großen Augen ansah. Ich erkannte ihn sofort, denn wir sehen uns sehr ähnlich. Einen Augenblick war ich geneigt, ihm all das heimzuzahlen, was meine Mutter wegen ihm erleiden musste, aber als ich die Tränen in seinen Augen schimmern sah, packte mich das Mitleid. Er war ein gebrochener Mann, dem erst in diesem Moment die Tragweite seiner Tat bewusst geworden war. Ich war sein einziges Kind, und er hatte mich seit fast zwanzig Jahren nicht gesehen.“
Nicolaus starrte in die Flammen, als würde sich die Begegnung in Feuer widerspiegeln.
„Die Zusammenkunft war vielleicht nicht so herzlich, wie man sich ein solches Wiedersehen vorstellt, aber am Ende hat er mich vor den Augen des Vogts als seinen Sohn und einzigen Erben anerkannt. Spätestens da haben sich meine Rachegedanken in Luft aufgelöst. In den folgenden Monaten haben wir uns sogar noch zwei Mal getroffen. Nicht hier“, warf er ein, „aber mit der Zeit entdeckten wir, dass wir viel gemeinsam hatten. Uns verband die Liebe zum Wein und so redeten wir bis spät in die Nacht über Rebsorten, Weinlagen und Weiterverarbeitung. Am Ende habe ich meinen Vater sogar schätzen gelernt. Ich traure nicht um ihn, aber ein wenig bedauere ich seinen Tod.“
Katharina war von Nicolaus’ Erzählung fasziniert. Sie fühlte sich auch geschmeichelt, dass Lukas’ Sohn ihr so viele intime Details über sein Leben erzählt hatte.
„Habt Ihr eine Ahnung, wer den Tod Eures Vaters gewollt haben könnte?“
Nicolaus schüttelte den Kopf. „Mein Vater war kein einfacher Mann, aber ich glaube, er hat die Menschen um sich gerecht behandelt. Was glaubt Ihr?“
„Ich denke, dass die Antwort bei dem Giftmord vor mehr als zwanzig Jahre zu suchen ist. Euer Vater wäre dabei beinahe gestorben. Bredelin, der Mann, der sich auf dem Dorffest das Leben genommen hat, wurde deswegen zu Kerker verurteilt. Ich habe mit dem alten Vogt über den Prozess gesprochen. Dann war ich in Heidelberg und habe die Wärter von Bredelin befragt, aber noch immer habe ich das Gefühl, dass ich irgendetwas übersehe.“
Nicolaus lächelte. „Ich bewundere eure Hartnäckigkeit und bedauere es, dass ich Euch nicht helfen kann, aber von den Giftmorden weiß ich nichts. Auch meine Mutter hat dies nie erwähnt.“
Katharina stand auf und schüttelte Nicolaus die Hand. „Ihr habt mir sehr geholfen, und ich bin Euch für Eure Gastfreundschaft dankbar.“
Nicolaus erhob sich ebenfalls.
„Sollte ich etwas zum Mörder Eures Vaters herausfinden“, sagte Katharina, „verspreche ich, dass ich Euch sofort aufsuche.“
„Ich danke Euch.“
„Einen schönen Abend noch“, sagte sie und verließ das Wohnzimmer. Henn wartete schon an der Tür und ließ sie hinaus. Sie nickte ihm dankend zu und ging wieder ins Dorf zurück. Sie verließ das Gut mit dem Gefühl, dass der neue Herr sich um das Wohl der Bürger von Furtenblick kümmern würde. Aber der gesuchte Mörder war er nicht.

Es war schon spät. Die ersten Gäste der Furt machten sich wieder auf den Weg nach Hause. Trotz der Versammlung war es ein ruhiger Tag gewesen. Albrecht spülte die letzten Becher, als die Tür aufging und ein großer Mann hineinhuschte. Er sah sich ängstlich um, als würde er verfolgt werden. Er hatte einen weiten Mantel an und ein Hut war in sein Gesicht gezogen. Er kam mit gesenktem Kopf auf den Wirt zu.
„Hallo Albrecht“, sagte der große Mann.
„Philipp“, antwortete der Wirt überrascht. „Wirst du verfolgt oder warum schleichst du dich so herein?“
„Eigentlich hat mir Katharina noch nicht erlaubt hier zu sein, weil sie möchte, dass ich mich ausruhe, bis ich vollends genesen bin.“
„So richtig krank siehst du aber nicht aus.“
„Mir ging es wirklich schlecht“, antwortete Philipp eindringlich.
„Ich bin nicht deine Mutter“, beruhigte Albrecht und hob seine Hände.
„Na, Philipp, hat dir Katharina erlaubt ins Wirtshaus zu kommen?“, bemerkte Ida, die gerade aus der Küche kam.
„Hast du nichts zu tun?“, entgegnete der große Mann ungehalten. Ida kicherte und ging weiter, während Albrecht ihm lächelnd ein Bier hinstellte.
„Trink erst Mal, Philipp. Keiner von uns wird Katharina etwas von deinem Besuch sagen.“
Dann nahm der Wirt selbst einen Krug in die Hand und prostete Philipp zu. „Auf deine Gesundheit“, sagte er und trank einen tiefen Schluck.
Das Gesicht seines Freundes hellte sich auf, als er den Krug in einem Schluck leerte. Dann schenkte er wieder nach.

Philipp schloss die Tür des Wirtshauses und stützte sich an der Wand ab. Er atmete die kühle Nachtluft ein. Sein Kopf pochte und ihm war schwindelig. Er hatte viel zu viel getrunken. Philipp schüttelte den Kopf und versuchte den Schwindel abzuschütteln. Er ging ein paar Schritte, hatte aber Mühe gerade zu laufen. Er torkelte zurück zum Wirtshaus und tastete sich an der Wand entlang. Bevor sein Kopf nicht klarer war, ging er besser nicht über den Marktplatz, sondern durch die Nebengassen, auch wenn der Weg weiter war. Dort konnte er sich wenigstens an den Wänden abstützen.
Die Gasse war dunkel, aber in den kleinen Lücken zwischen den Häusern gelangte genug Mondlicht hindurch, dass er den Weg finden konnte. Er überquerte eine kleine Straße, als er ein leises Rascheln vernahm. Philipp blieb stehen, lehnte sich an die Wand und wandte den Kopf nach vorne. Für einen Augenblick hatte er Angst, dass ein Bekannter ihn so sehen konnte, aber er sah nur dunkle Schemen. Wahrscheinlich fraßen die Ratten die Reste von Albrechts Müll. Er schickte ein stilles Gebet zum Himmel, dass Katharina schon schlief und ging weiter. Er löste sich von der Wand, um einem Stapel Brennholz auszuweichen, als ihm eine Gestalt auffiel, die völlig in schwarz gewandt war. Selbst die Augen waren verdeckt. Philipp war unsicher, ob ihm seine Sinne einen Streich spielten, denn die Person rührte sich nicht.
Er ging einen Schritt näher heran, als er durch den Stoff den Hauch des Atems in der kalten Nacht erkannte. Er wollte die Gestalt fragen, was sie in der Nacht hier machte, als sich diese blitzartig auf ihn stürzte. Philipp war überrascht und viel zu betrunken um reagieren zu können. Er fühlte einen stechenden Schmerz in der Schulter. Ein lauter Schrei entfuhr seiner Kehle. Die Gestalt zog das Messer aus ihm heraus und wollte ein weiteres Mal zustechen, aber Philipp konnte die Hände noch hochreißen, so dass die Klinge in seinen Unterarm drang. Er taumelte nach hinten, stieß gegen den Holzstapel, verlor das Gleichgewicht und schlug hart mit dem Kopf auf. Seine Sinne spielten verrückt. Er wusste nicht mehr, wo oben oder unten war. Sein Körper war ein einziger Schmerz, als Blut sein Hemd durchnässte. Philipp schlug die Arme über den Kopf und krümmte sich zusammen. Er erwartete jeden Augenblick wieder die Klinge in seinem Körper zu spüren. Er wusste nicht, wo der Angreifer war, aber er hätte keine Mühe gehabt, ihn abzustechen. Etwas Hartes traf ihn am Hinterkopf. Dann erbrach er sich auf den kalten Boden und fiel in eine tiefe Dunkelheit.

Katharina schreckte aus dem Bett. Irgendetwas hatte sie geweckt. Sie sah sich schläfrig um, konnte aber den Grund für ihre Schlaflosigkeit nicht erkennen. Vor ihrer Tür bemerkte sie ein flackerndes Licht. Einen Augenblick später klopfte jemand wild an ihre Tür. Katharina sprang auf, nahm einen Umhang von ihrem Stuhl und rannte aus dem Schlafzimmer. Es war kein gutes Zeichen, wenn jemand noch so spät zu ihr kam. Kalte Angst bemächtigte sich ihr. Sie riss die Tür auf. Ida stand davor und war in Tränen aufgelöst.
„Komm schnell“, sagte sie weinend. „Sie haben Philipp halb tot in der Gasse gefunden.“
Katharina rannte an Ida vorbei. Der Boden war kalt, und die Steine gruben sich in ihre nackten Füße, aber in ihrer Angst fühlte sie keinen Schmerz. Ihr Herz raste und Tränen traten ihr in die Augen, als sie zum Marktplatz lief. Fackeln erleuchteten den Eingang des Wirtshauses. Der Umhang wurde ihr fast von der Schulter geweht, aber sie wurde nicht langsamer. Vor der Furt hatten sich Männer versammelt. Sie rannte an ihnen vorbei und kam zu Albert, der vor einem reglosen Körper auf dem Boden kniete. Dann sah sie Philipp. Sein Kopf war von verkrustetem Blut bedeckt. Albrecht hatte ihm ein Tuch um den Arm gebunden, das rot getränkt war. Der Wirt hielt seine Hand auf eine Wunde an der Schulter. Katharina nahm ihren Umhang ab, stieß Albrechts Hand weg und legte den Stoff auf die Verletzung. Sie spürte, wie das Blut aus der Wunde sickerte. Irgendetwas Scharfes musste ihn verletzt haben.
„Wir haben ihn in der Gasse gefunden“, sagte Albrecht mit gebrochener Stimme. „Wir wissen nicht, wer ihm das angetan hat. Wenn er nicht den Holzstapel umgeworfen hätte, hätten wir ihn nicht gehört, und er wäre dort verblutet.“
Katharina tastete Philipps Hinterkopf ab. Sie fand eine große Schwellung, die nicht allein von einem Sturz herrühren konnte. Sie konnte hier nichts machen. Es war dunkel und kalt. Der Boden war schmutzig und klebrig. Alles was sie brauchte, war bei ihr zu Hause.
„Bringt ihn zu mir nach Hause“, sagte sie zu Albrecht und stand auf.
Der Wirt wandte sich der Tür zu und rief Männer hinein.
„Wir müssen ihn ruhig halten“, erklärte Katharina den hereineilenden Helfern. „Wir legen ihn auf einen Tisch und tragen ihn darauf zu mir. Aber ihr müsst behutsam sein“, sagte sie mahnend. „Packt ihn nur bei der Hose und an der Jacke. Ich halte seinen Kopf.“ Die Männer nickten, stellten sich neben Philipp und hoben ihn vorsichtig hoch. Dann legten sie ihn auf einem Tisch ab. Katharina schob ihm eine Decke unter den Kopf.
„Beeilt Euch“, sagte sie. „Er verliert viel Blut. Und haltet ihn gerade.“ Die Männer hoben den Tisch an und gingen aus dem Wirtshaus. Sie konnte die Anstrengung in ihren Gesichtern sehen, aber keiner von ihnen würde stehenbleiben, bis sie Philipp zu ihr gebracht hatten. Dessen war sie sicher.
Katharina versuchte das Blut in der Wunde an der Schulter zu stoppen, aber ihr Umhang tränkte sich immer mehr. Als sie den Marktplatz hinter sich gelassen hatten, spürte sie Schmerzen in ihren Zehen. Sie konnte den linken Fuß kaum noch belasten. Ein Stein hatte ihr in den Ballen geschnitten, aber sie biss sich auf die Lippe und ignorierte den Schmerz. Diese kleine Wunde war nichts, im Vergleich zu jenen Philipps.
Ihr Blick wandte sich zu dem blutverkrusteten Gesicht seines Nachbarn. Die Augen waren geschlossen, aber sein Gesichtsausdruck war in Schmerz verzerrt, als würde er selbst in der Ohnmacht noch leiden müssen. Es war kaum noch Leben in ihm.

Die Johannis-Morde – Kapitel 10

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 10. Oktober 2010 von alexanderhartung

Kerker

Philipp fluchte. Er ärgerte sich, dass er vom Würfeln erzählt hatte. Katharina würde ihm wieder Vorhaltungen machen. Sie mochte nicht, dass er würfelte, weil sie Angst hatte, dass er sein Geld verspielen könnte. Sie würde ihm nicht glauben, dass der Einsatz in der Furt nur eine Münze pro Abend war. Außerdem gewann er öfters, als dass er verlor.
Mürrisch ging er über den Marktplatz zur Bäckerei. Winand Gebhard brachte gerade neues Brot in den Laden, das er in einen großen Korb legte.
„Guten Morgen, Winand“, sagte Philipp.
„Hallo, Philipp“, antwortete der Bäcker. „Du kommst gerade richtig. Das erste Brot ist fertig.“ Er sah ihn mit misstrauisch an. „Oder bist du gekommen, die Würfelschulden einzutreiben?“
„Weder noch.“ Philipp hob besänftigend die Hände. „Kannst du mir sagen, wann Cuno wieder nach Heidelberg fährt?“
„Ich hatte das nicht vor nächsten Monat geplant. Ich habe noch alles, was ich brauche. Wieso fragst du?“
„Katharina muss nach Heidelberg. Ich würde sie gerne von jemand dorthin gebracht sehen, dem man vertrauen kann.“
„Ist es wichtig?“
„Scheinbar“, antwortete Philipp. „Wenn ich deine Schulden vergesse, kannst du dann Cuno früher nach Heidelberg schicken?“
Die Miene des Bäckers hellte sich auf. „In Ordnung, Philipp. Gib mir heute noch Zeit. Ich muss noch etwas Arbeit aufholen. Dann richte ich alles und morgen, mit den ersten Strahlen der Sonne, geht es los.“
„Abgemacht“, sagte Philipp und streckte Winand die Hand hin. Der Bäcker schlug ein und drehte sich zur Backstube um. „Cuno, du fauler Nichtsnutz“, brüllte er. „Komm sofort nach vorne.“
Philipp hörte ein Rumpeln. Dann kam ein mit Mehl übersäter junger Mann nach vorne gehastet. Er sah übermüdet aus, als hätte er gerade ein Nickerchen gemacht. Während der Lehrling sich Belehrungen von Winand anhören musste, verabschiedete sich Philipp mit einem Winken. Wenn Katharina nach Heidelberg wollte, würde sie wenigstens sicher dort ankommen.

Katharina war nach dem Frühstück zum Metzger gegangen, um noch etwas Fleisch zu erstehen. Sie wollte es während ihrer Abwesenheit einlegen, bevor sie sich um ihren Garten zu kümmern hätte. Die zwei Tage beim Vogt, der Besuch bei Christine und ihre morgige Reise nach Heidelberg machten sich bemerkbar. Das Unkraut spross schon wieder, und sie käme kaum mit dem rupfen nach, wenn sie sich heute nicht darum kümmern würde.
Es war viel Betrieb im Dorf. Die Männer waren nicht auf ihre Felder gegangen, sondern halfen die Folgen des Brandes wegzuräumen. Auch wenn sich viele über den neuen Herrn des Weinguts erzürnt hatten, so sahen sie es als ihre Pflicht an, die Felder von dem verkohlten Holz zu befreien. So unerfreulich die Ereignisse der gestrigen Nacht gewesen waren, es lenkte die Menschen vom Fluch ab und machte es Bruder Theobald schwieriger, die Bürger einzuschüchtern. Auch wenn die Folgen für die Ernte verheerend waren, vielleicht hatte es doch etwas Gutes gehabt.
Katharina kam an der Kirche vorbei, als sie Ida vor dem geschlossenen Portal stehen sah.
„Mach endlich auf“, rief die Wirtin erbost und klopfte an die große Tür.
Katharina ging zu ihr. „Was ist denn los?“
„Bruder Theobald hat das Portal zur Kirche noch nicht geöffnet. Heute ist der Todestag meines Vaters. Ich würde gerne für ihn beten, aber anscheinend ist unser Priester noch nicht erwacht.“
„Seit wann ist das Portal abgeschlossen?“, fragte Katharina überrascht. Auch wenn sie schon lange nicht mehr morgens in der Kirche gewesen war, war die Tür immer offen gewesen.“
„Seit ein paar Tagen. Mit dem Tod von Lukas Kolf hat sich Bruder Theobald entschlossen, das Portal des Nachts zu verschließen. Vielleicht hat er Angst, dass ihn der Fluch holt.“
„Aber Bruder Theobald schläft doch in der kleinen Hütte hinter der Kirche. Was nützt es, wenn er das Portal schließt?“
Ida ging näher zu Katharina. „Der verrückte Priester schläft schon eine ganze Zeit neben dem Altar“, flüsterte sie. „Er hat einmal vergessen abzuschließen und da hab ich ihn spät abends schnarchend vor dem Kruzifix liegen sehen.“
Ein lautes Poltern unterbrach ihr Gespräch. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss und das Portal ging auf. Bruder Theobald rieb sich müde die Augen und unterdrückte ein Gähnen. Seine wenigen Haare standen wild vom Kopf ab und seine Kutte war zerknittert, als hätte er die ganze Nacht darin verbracht.
Ida nickte dem Priester zu und schien alle Mühe zu haben, keine bissige Bemerkung von sich zu geben. Für einen Augenblick traf sich Katharinas Blick mit Bruder Theobald. Auch wenn der Mann sich Mühe gab, möglichst würdevoll zu wirken, so konnte nicht verbergen, dass er schreckliche Angst hatte, die ihn des Nachts wie ein verängstigtes Kind in die Kirche trieb.

Philipp lehnte sich bequem auf seine Schaufel und verfolgte das Streitgespräch zwischen Volmar und Henn Petter, dem Verwalter des Weingutes.
„Wir müssen den Abstand des oberen Feldes zum Wald vergrößern“, erklärte Volmar. „Nur weil das Feuer sich nicht nach oben ausgebreitet hat, heißt das nicht, dass diese Rebstützen nicht auch in Flammen aufgehen können.“
„Es macht doch keinen Sinn noch gute Stöcke rauszureißen.“
„Ich will die Reben ja nicht rausreißen, sondern auf das verbrannte Gebiet umpflanzen. Wir werden die Erde umgraben und mit Waldboden mischen. Dann müsste sich der Wuchs bald wieder einstellen.“
„Ein Umpflanzen überstehen die wenigstens Reben. Wir haben schon zu viel Wein durch das Feuer verloren.“
„Wenn ein Feuer auf den Wald übergreift, werdet Ihr nicht nur den Wein verlieren. Das Gut wird schneller brennen, als ein Strohballen.“
Dem Verwalter sah man die Strapazen der letzten Nacht noch an. Er und alle Bediensteten hatten bei der Löschung des Feuers mitgeholfen. Henn hatte dunkle Ringe unter seinen geröteten Augen. Seine Haare waren nicht so akkurat wie sonst gekämmt und ein Zipfel des Hemdes hing aus seiner Hose.
„Macht was Ihr wollt“, gab er resigniert nach und warf die Hände in die Luft. „Ich war der Verwalter von Lukas Kolf. Was interessiert es mich, was mit dem Wein passiert.“ Er drehte sich um und ging wieder zum Gutshaus zurück.
Volmar nahm eine Hacke und wandte sich zu Philipp. „Lass uns an die Arbeit gehen. Solange Arnold von Erenkirch noch nicht da ist, können wir die Weinberge so umpflanzen, wie es uns gefällt. Wenn der Trunkenbold erst angekommen ist, werde ich keinen Fuß mehr hierher setzen.“
Philipp nickte und schulterte seine Schaufel. Es gab viel zu tun.

Katharina sah in Philipps müde Augen. Die Anstrengungen der letzten Tage waren deutlich zu sehen. Er hatte Mühe sich wachzuhalten und gähnte oft. Einzig sein Hunger war ungezähmt, als er den dicken Eintopf in sich hineinschaufelte.
„Hast du alles gepackt, was du brauchst?“, fragte Philipp mit vollem Mund.
„Ich reise nicht um die Welt, Philipp“, antwortete Katharina. „Wir werden morgen Nacht wieder zurück sein.“
„Sei vorsichtig. Heidelberg ist nicht Furtenblick. Dort gibt es finstere Gesellen, die nur darauf warten, unwissende Fremde auszunehmen. Was immer du tust, zeige niemals dein Geldsäckel hervor und verstaue es tief in deiner Kleidung.“
Katharina wollte erwidern, dass sie alt genug sei, und dass sie schon öfter in Heidelberg war, hörte aber Philipp geduldig zu, wie er ihr weitere Verhaltensregeln für die große Stadt und den Umgang mit Kerkerwärtern gab. Im Grunde machte er sich nur Sorgen.
„Halte dich auf der großen Brücke auf. Dort ist am meisten Verkehr und du findest am schnellsten Hilfe, wenn dich jemand ausrauben will“, sagte er abschließend und stopfte sich den letzten Löffel Eintopf hinein.
Katharina nickte und stand mit Philipp auf.
„Vielen Dank, für den köstlichen Eintopf.“, sagte er. Er seufzte zufrieden und er rieb sich den Bauch. Doch dann schlich sich wieder der Ausdruck der Sorge in seine Augen.
„Mir wird nichts passieren“, beschwichtigte Katharina. „Ich werde dir übermorgen alles berichten.“
Philipp stand einen Augenblick unsicher vor ihr. Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann hob er die Hand und ging hinaus. Katharina räumte die Teller ab, wischte sich die Hände am Rock ab und nahm eine Kerze zur Hand. Dann legte sie sich auf den Boden und holte ihre Ersparnisse aus dem Versteck unter dem Kleiderschrank. Es waren nicht viele Münzen, aber sie würden für den Kerkerwärter genügen. Dann nahm sie das Mehl von der Anrichte und begann zu backen. Das Geld wäre nicht ihr einziges Bestechungsmittel.

Der junge Bäckerlehrling hatte sich an die frühen Zeiten des Aufstehens noch nicht gewöhnt. Cuno hatte Mühe die Augen offenzuhalten. Er hatte die Zügel des Pferdes locker auf seinen Händen liegen und lenkte den Wagen über die Straße. Es war noch dunkel, aber die ersten Strahlen der Sonne zeigten sich schon am Horizont. Katharina rieb sich müde die Augen und sehnte sich nach ihrem Bett, aber sie wollte mehr über die Gefangenschaft von Bredelin Arken herausfinden, auch wenn sie den ganzen Weg nach Heidelberg auf diesem kleinen Wagen sitzen musste. Wenn sie gut vorankämen, würden sie am späten Mittag die Stadt am Neckar erreicht haben. Katharina versuchte sich am Weg durch den Wald zu erfreuen, aber der frühe Morgen forderte seinen Tribut. Sie legte die Hände auf den Korb. Ihr Kopf sackte nach vorne. Dann fiel sie in einen unruhigen Dämmerschlaf.

Philipp legte die Schaufel beiseite und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand schon hoch, und er hatte die Arbeit aufgeholt, die er gestern auf den Weinbergen verloren hatte. Dort war seine Pflicht getan. Die verbrannten Reben waren weggeschafft, und das dunkle Erdreich mit Waldboden aufgelockert. Wer immer das Gut übernahm, konnte die Felder wieder bepflanzen.
Dies alles war kein Akt der Nächstenliebe gewesen. Philipp würde nicht einen Handstreich für Graf Arnold von Erenkirch machen, aber er und die anderen Männer des Dorfes, hatten sich von Volmar überzeugen lassen, die Abwesenheit des Gutsbesitzers zu nutzen, um die Felder weiter vom Wald wegzubauen. So konnte weder ein Waldbrand auf die Reben, noch ein Feuer im Weinberg auf den Wald zugreifen.
Er griff zu einem Krug und kühlte seinen Durst, während seine Gedanken zu Katharina abschweiften. Sie müssten bald in Heidelberg ankommen. Philipp hoffte, dass sie vorsichtig war. Der Kerker war wahrlich kein Ort, an dem sich eine Frau herumtreiben sollte.

Katharina wurde wach, als der Wagen plötzlich anhielt. Sie öffnete blinzelnd die Augen und sah sich um. Der Morgen war schon fortgeschritten, aber es war noch immer kühl. Auf dem Weg standen zwei Kutschen. Ein Pferd war an einem Baum festgebunden, und eine große Menschenmenge hatte sich bei einer Lichtung versammelt. Ein Büttel hielt sie von irgendetwas zurück.
Katharina erhob sich und stellte sich auf den Kutschbock. Bei der Lichtung lag ein schlaffer Körper. Der tote Mann war gut gekleidet, aber sein Kopf war blutüberströmt. Irgendjemand hatte ihm den Schädel eingeschlagen.
Katharina ging von der Kutsche herunter und näherte sich der Menschenmenge. Sie wollte dichter heran, aber der Büttel hielt sie zurück, damit sein Kamerad den Toten untersuchen konnte.
„Das ist Marquard Lauenbach“, sagte eine Frau zu dem Wächter.
„Woher wollt Ihr das wissen?“, fragte er unwirsch.
„Der gute Herr Lauenbach kehrt immer in unserem Gasthof ein“, antwortete sie und bekreuzigte sich. „Er ist ein Gewürzhändler aus Heidelberg, der Wirte aus der Gegend beliefert.“
„Wo sind seine Gewürze?“
„Er war immer mit einem Pferd unterwegs gewesen.“
„Ein Pferd haben wir nicht gesehen. Wahrscheinlich hat das der Mörder gestohlen.“
Der andere Büttel kam zu seinem Kameraden. „Der Mann hat nichts von Wert bei sich. Wahrscheinlich wurde er von einem Räuber erschlagen, aber wenn er ein Händler aus Heidelberg war, müssen wir dorthin hinbringen und dem Vogt übergeben.“
Katharina betrachtete den Toten. Sein Gesicht war kaum zu erkennen und eine Blutlache hatte sich um seinen Kopf gebildet. Die ersten Fliegen ließen sich in der dunklen, zähen Masse nieder. Es hatte schon lange keinen Raubüberfall mehr gegeben. War dies ein unglücklicher Zufall oder hing auch dieser Mord mit dem Fluch Bredelins zusammen?
Die Büttel fingen an eine Bahre zu bauen und wickelten den Toten in seinen Umhang. Katharina ging wieder zum Wagen zurück. Sie stieg auf den Kutschbock, als sie Cunos Nervosität bemerkte. Er hatte wahrscheinlich noch nie einen ermordeten Menschen gesehen.
„Wir können gleich weiterfahren“, versuchte ihn Katharina zu beruhigen. „Sobald die Wagen von Straße sind, werden wir unseren Weg fortsetzen können.“
Cuno lächelte, aber er konnte seine Unruhe nicht verbergen. Katharina setzte sich wieder und versuchte ihre düsteren Gedanken zu vertreiben. Sie waren zu weit von Furtenblick entfernt, als dass dieser Mord mit den Ereignissen in ihrem Heimatdorf zu tun haben konnte. Nicht alles hing mit Bredelins Fluch zusammen, schalte sie sich. Die Schaulustigen zerstreuten sich und stiegen wieder auf ihre Wagen. Bald konnten sie weiterfahren.

Katharina betrat die große Brücke und verweilte einen Moment. Ihre Augen folgten dem Neckar, der sich durch das Tal schlängelten und an dessen Ufern sich die sacht ansteigenden Hügel erhoben. Sie war schon lange nicht mehr hier gewesen und wurde immer wieder von der Größe der Stadt gebannt. Auf der Brücke herrschte ein Gedränge, wie bei ihrem Dorffest. Händler fuhren ihre Waren aus, ein Strom an Menschen versuchte in die Stadt zu kommen, ein noch größerer wieder heraus. Irgendwo dazwischen war Cuno, der sich zu einem Lieferanten aufmachte. In zwei Stunden würden sie sich am anderen Ufer wieder treffen. So lange hatte Katharina Zeit.
Sie riss sich vom Anblick los und wandte sich dem großen Tor zu. Es war aus rotem Stein erbaut, gut zehn Schritte hoch und hielt ein großes metallenes Gatter, das zur Hälfte hochgezogen war. Auf dem Tor waren ein schmaler Wehrgang und ein kleines Häuschen gebaut, auf dem der Brückenwärter lebte. Davor erhoben sich zwei runde Türme. Vor der Tür des linken Turmes standen zwei Wachen, die gelangweilt dem Strom der Menschen hinterher blickten. Katharina ging näher heran, als ihr der Gestank nach Schweiß und Fäkalien entgegenschlug. Sie hatte Mühe nicht zurückzuzucken und versuchte ein freundliches Gesicht zu machen.
„Besuch is’ nich’ gestattet“, begrüßte sie der ältere Mann und winkte Katharina weg, bevor sie etwas sagen konnte. Seine Kleidung war schmutzig und Katharina wusste nicht, ob der Gestank von ihm oder aus dem Gefängnis kam. Seine Nase war schief, und unter dem Kinn hatte er eine hässlich aussehende Narbe.
„Eigentlich will ich niemand besuchen, sondern nur mit Euch reden“, erwiderte Katharina und setzte ein strahlendes Lächeln auf.
„Die Huren werden auch immer dreister“, murmelte der Mann zu seinem jüngeren Kameraden, der für die Bemerkung nur ein mürrisches Brummen übrighatte. „Hier gibt es nichts für dich zu holen“, fuhr er unwirsch fort und winkte sie weg.
Katharina biss sich auf die Zähne und ballte die Faust. Als Hure war sie noch nie bezeichnet worden.
„Ich will nur etwas über einen ehemaligen Gefangenen wissen“, sagte sie geduldig. Wie aus dem Nichts erschienen zwei Münzen in ihrer Hand. Die Augen der beiden Soldaten blitzten gierig. Sie wollten danach greifen, aber Katharina legte die Finger darüber.
„Kanntet Ihr Bredelin Arken?“, fragte sie.
Die Soldaten gingen wieder einen Schritt zurück, aber ihre Aufmerksamkeit war geweckt. „Der Giftmörder? Den kennt jeder. Den hat schon mein Vater bewacht, so lange war der eingesessen.“
„Erzählt mit mehr von ihm.“
„Da gibt es nich’ viel zu erzählen. Die ersten Jahre soll er nur geheult und geschrien haben. Dass er unschuldig sei und so n’ Zeuch. Irgendwann haben n’ paar Wärter ihn dann mal ordentlich verkloppt. Dann war Ruhe. Als ich zur Wache gekommen bin, war er den ganzen Tag nur in der Ecke gesessen und hat auf die Wand gestarrt. Hat kaum was gegessen und nix gesprochen. Mein Vater hat gesagt, wenn sie anfangen so zu glotzen, leben sie nicht mehr lange. Aber dann haben wir ihm Narben-Otto in die Zelle gesetzt, und er ist richtig aufgelebt.“
„Narben-Otto?“, fragte Katharina.
„Ihr seid nich’ von hier, oder? Narben-Otto ist einer der übelsten Typen in Heidelberg. Hat so manchem edlen Mann n’ Knüppel über die Rübe gezogen und sein Geld geklaut. Der Richter hat es aber irgendwie nich’ übers Herz gebracht, den Knaben zu hängen. Is’ ne Legende hier.“
Katharina zuckte mit den Achseln.
„Dem haben sie als Kind schon so oft aufs Mauls gehauen, dass sein Gesicht voller Narben ist“, warf der andere Wärter ein. „Daher der Name.“
Katharina nickte verstehend. Aber eigentlich war sie nicht hier um Räuber-Geschichten zu hören.
„Na, egal“, fuhr der Ältere wieder fort. „Aber Bredelin und Otto sind richtig gute Freunde geworden. Sie haben den ganzen Tag gequatscht. Meist hat Otto was über seine Raubzüge erzählt und wie er in die Häuser der Reichen eingebrochen ist.“
„Und Bredelin?“
„Bredelin hat an ihm gehangen, als wäre er n‘ verdammter Heiliger. Keine Ahnung, was er an dem gefunden hat.“
„Sie haben den ganzen Tag geredet?“
„Anfangs ja, aber dann hat Bredelin angefangen Grundrisse oder irgendwas auf den Boden zu zeichnen. Die hat er dann tagelang mit ihm besprochen, fast als wollte er lernen, wie man n’ Bruch macht. Irgendwann war uns das zu heikel, und wir haben den Otto in eine andere Zelle verlegt. Mit seinen Grübeleien hat Bredelin aber nicht aufgehört, bis er rausgekommen is‘.“
„Wie kam Bredelin zu seinen Verletzungen?“, fragte Katharina.
„Was für Verletzungen?“
„Ich hab ihn nach seiner Entlassung gesehen. Er hat sein linkes Bein nachgezogen und sein Rücken war krumm.“
„Da müsst Ihr was verwechselt haben. Wenn Bredelin nicht über irgendetwas nachgegrübelt hat, hat er in seiner Zelle rumgehampelt. Hat jeden Tag irgendwelche Sachen gemacht. Als er hier raus gegangen ist, war er so flink wie n’ Jüngling und sein Rücken war so gerade wie n’ Stock.“
Katharina war überrascht. Bredelin hatte kaum gehen können. Sie konnte sich noch an seine gekrümmte Haltung und das nachgezogene Bein erinnern. Was war auf dem Weg zwischen Heidelberg und Furtenblick passiert?
„Ich will ja nich’ aufdringlich sein, aber es wird Zeit Ihre Münzen loszuwerden“, sagte der Wärter.
Katharina schloss die Hand fester. „Erst muss ich mit Narben-Otto reden.“
„Oh, das is’ keine gute Idee. Niemand darf mit den Gefangenen reden. Vor allem nich’ mit dem alten Otto. Da kriegen wir richtig Ärger.“
Katharina lächelte und öffnete den Korb. „Wie wäre es, wenn ich noch einen Kuchen dazugebe?“ Die beiden Wärter kamen näher und starrten auf das Gebäck. Es war noch leicht warm und roch verführerisch nach Himbeeren.
„Hol mich doch …“
Katharina nahm den Kuchen heraus.
„Wir werden richtig Ärger bekommen …“, fing der jüngere der beiden an.
„Halt die Schnauze, Kleiner“, fuhr der Ältere dazwischen. „Mein Weib backt, als wollte sie mich ins Grab bringen. Über ihre Kochkünste will ich gar nich’ reden.“ Er wandte sich Katharina zu.
„Abgemacht. Die Münzen und der Kuchen. Dann dürft Ihr kurz mit Narben-Otto reden. Aber nur durch die geschlossene Tür.“
Katharina nickte, ließ die Münzen in die Hand des Wärters fallen und gab ihm den Kuchen. Der Mann riss sich gierig ein Stück ab und biss hinein. Er seufzte und schloss für einen Augenblick die Augen. Dann schlenderte er zur Tür und hämmerte dagegen.
„Pennst du wieder, Bastian?“, rief er mit vollem Mund. „Mach die Tür auf. Ich hab hier Besuch für das alte Narbengesicht.“
„Wir sind kein Bordell“, antwortete eine raue Stimme. „Hier darf niemand besucht werden.“
„Ich komm gleich rein und hau dir aufs Maul, wenn du nicht sofort die Tür aufmachst.“
Einen Moment lang passierte nichts. Dann hörte Katharina wie ein Schlüssel gedreht und ein Riegel zurückgezogen wurde. Ein dicker Mann mit fettigen Haaren sah heraus. „Wir kriegen noch mal richtig Ärger wegen dir, Gelfrid.“
„Is’ gut, Bastian. Führ die Frau zum alten Otto. Lass sie aber nicht allein und mach’s kurz.“
Der dicke Türwärter schüttelte verärgert den Kopf. Dann winkte er Katharina hinein, während Gelfrid unwillig den Kuchen und die Münzen mit seinem jüngeren Kameraden teilte.
Der Türwächter schloss wieder ab. Katharina musste sich die Hand vor die Nase halten. Der Gestank war abstoßend. Der Boden war glitschig und durch die schmalen Ritzen im Turm drang kaum Licht, als sie eine enge Wendeltreppe hinaufgingen. Sie hörte das Geräusch von umher kriechenden Ratten, das ab und zu von dem irren Lachen eines Gefangenen unterbrochen wurde. Der dicke Mann keuchte, als er sich nach oben mühte.
„Heute ist der alte Otto ein richtig gefragter Mann. Hat das alte Narbengesicht Geburtstag, oder warum wollen ihn so viele Leute sehen?“
Katharina blieb stehen und nahm die Hand vom Gesicht. „Was meint Ihr?“
„Na, heute Morgen war schon eine junge Frau hier. Hat gesagt, sie ist die Nichte und hat ihm eine große Wurst und Brot gebracht.“
Katharina stockte der Atem. „Ich dachte hier darf niemand besucht werden?“
„Eigentlich nicht, aber Gelfrid hat geschworen, dass der alte Otto wirklich Geburtstag hat.“
Katharina fluchte. Das war kein Zufall. „Beeilen wir uns“, drängte sie den Wärter. Ein paar Treppenstufen weiter, deutete er auf eine Zelle. Die Gitter waren verrostet und ein winziges Fenster spendete Licht. Katharina sah hinein und erkannte einen Mann mit grauen Haaren, der auf einem Lager von vermodertem Stroh schlief.
„Wach auf, Otto.“ Der Angesprochene reagiert nicht. Er blieb liegen, als wäre er in einen tiefen Schlaf gefallen. Verärgert zog der Wärter einen Knüttel aus dem Gürtel und schlug an die Gitterstäbe.
„Verdammt Narbenfresse, steh auf. Du hast Besuch.“
Otto bewegte sich noch immer nicht. Der Wärter spuckte ein paar unflätige Worte aus, nahm einen Schlüssel aus einem Bund und öffnete die Zelle. „Mach dass du hochkommst“, schrie er und zog den Gefangenen an den Haaren. Dann sah Katharina sein Gesicht. Die Augen von Narben-Otto waren weit geöffnet. Er hatte Schaum vor dem Mund und seine Zunge hing grotesk heraus. In seiner Hand waren noch die Reste einer Wurst. Der Wärter fluchte und ließ den Mann los. Erschreckt wischte er sich die Hände an seiner schmutzigen Hose. Dann lief er zu Katharina, schloss die Zelle ab und packte sie am Arm.
„Geht jetzt. Schnell.“ Der Panik nahe schob er sie die Treppe herunter. „Gelfrid“, brüllte er und stolperte nach unten. Sein Schrei hallte laut durch das Gemäuer. „Otto ist abgekratzt.“
„Was?“, hörte man eine Stimme von unten. Dann hämmerte es laut. „Mach die verfluchte Tür auf.“ Bastian werkelte an dem Riegel herum und öffnete mit zitternden Fingern den Zugang zum Gefängnis. Der alte Wächter rannte an ihnen vorbei. Sein jüngerer Kamerad wollte ihm folgen, doch Gelfried hielt ihn auf. „Bleib hier“, sagte er streng. „Bring die Frau weg und lass niemanden hinein.“
Dann wandte er sich Bastian zu. „Und du hörst auf so rumzubrüllen. Ich schau mir das an. Wir bekommen das irgendwie hin.“ Der dicke Türwärter nickte und umfasste ängstlich seinen Schlüsselbund.
Katharina wurde am Arm gepackt und aus dem Gefängnis geführt. Draußen angekommen befreite sie sich aus dem Griff des jungen Wärters und ging zurück auf die Brücke. Erst jetzt bemerkte sie, wie ihre Knie zitterten. Otto war einem feigen Giftmord zum Opfer gefallen. Er war auf die gleiche Weise gestorben, wie Heinrich Ommert. Aber warum? Was hatte er mit all dem zu tun? Es gab nur eine Erklärung. Jemand wollte nicht, dass sie mehr über die Vergangenheit von Bredelin Arken erfuhr.

Als die Glocken läuteten, kamen die Bewohner aus ihren Häusern und gingen zur Kirche. Sie hielten die Köpfe gesenkt, als fürchteten sie sich vor Bestrafung. Er stand in den Schatten und genoss den Anblick der ängstlichen Lämmer. Viele gingen nah an ihm vorbei, aber keiner bemerkte ihn. Er spürte wie der Fluch an ihm zerrte. Er verlangte das dritte Opfer, vom Feuer aufgefressen, aber er wollte sich noch an der Furcht der Menschen laben. Ihre Angst war fast greifbar und schenkte ihm ein Gefühl der Zufriedenheit.
Als der letzte Bürger die Kirche betreten hatte, kam er aus den Schatten und näherte sich. Je näher er an das heilige Gebäude kam, umso unwohler fühlte er sich, aber seine Neugier zog ihn weiter. Er ging bis vor das große Portal, öffnete die Tür einen Spalt und lauschte der Predigt. Die Worte hallten laut durch den Raum, und er konnte kaum etwas verstehen, aber er spürte den Zorn des Geistlichen mit jeder Silbe.
Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als die Zuhörer vor Scham zitterten, während der Priester ihnen mit der ewigen Verdammnis drohte. Jetzt verstanden die Menschen, dass die Hölle kein Ort war, in den man erst nach Tod verbannt wurde. Sie suchte einen schon früher heim.

Katharina hatte den leeren Korb auf dem Schoß und blickte starr nach vorne. Die Kutsche ruckelte den Weg entlang, der in der Abenddämmerung kaum noch zu sehen war. Auf der kleinen Ladenfläche klapperten die Kisten mit Cuno’s Einkäufen. Eigentlich hatte sie nach dem Besuch im Gefängnis noch durch Heidelberg spazieren wollen, aber der Mord an Otto hatte ihr jede Freude genommen. Das vom Gift entstellte Gesicht ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Über was hatte sich Bredelin mit Otto unterhalten? Welche Pläne hatten sie zusammen ausgeheckt, und was hatte Otto gewusst, dass er deswegen sterben musste?
Katharina rieb sich müde die Augen. Sie hatte sich mehr von diesem Besuch erhofft. Ihr blieb nur die Erkenntnis, dass irgendjemand ein böses Spiel mit ihnen trieb, und dieser jemand war ihr weit voraus. Hinter allem steckte mehr, als sie verstand, aber je stärker sie sich den Kopf darüber zerbrach, umso weniger schien sie weiterzukommen.

Philipp ging aus dem Wirtshaus und streckte sich ausgiebig. Es wurde dunkel und ein kühler Wind trieb die Blätter auf dem Marktplatz vor sich her. Die Arbeit auf dem Feld hatte ihn ermüdet und nach den Vorwürfen Bruder Theobalds, dass die Furtenblicker ein wenig gottgefälliges Leben führten, hatte er Durst bekommen. Der Priester wäre sicher nicht glücklich zu hören, dass er nach dem Gottesdienst ins Wirtshaus ging, aber Philipp war das egal. Früher wäre er sofort nach Hause gegangen und hätte in einem Gebet um Vergebung seiner Sünden gefleht, aber scheinbar war der Einfluss von Katharina doch stärker, als er geglaubt hatte.
Als er an seine Nachbarin dachte, ging sein Blick zur Bäckerei. Der kleine Wagen von Winand war noch nicht wieder zurück. Er hatte gesagt, dass sie erst in der Nacht zurückkehrten, aber trotzdem wünschte er sich, dass Katharina wieder da wäre. Sie hatten weder zusammen gefrühstückt, noch das Abendbrot eingenommen. Philipp vermisste diese Zusammenkunft.
Er seufzte und machte sich auf den Weg nach Hause. Sein Blick ging unwillkürlich zu den Weinfeldern. Er hatte lange mit Volmar geredet, und die wenigsten Bürger schienen wirklich verstanden zu haben, wie knapp Furtenblick einer Katastrophe entgangen war. Aber wenigstens war niemand bei dem Brand gestorben.
Zu Hause angekommen gähnte Philipp und zog sich aus. Er hoffe, dass er heute Nacht endlich ausschlafen konnte und Furtenblick eine weitere Katastrophe erspart bleiben würde.

Katharina winkte Cuno zum Abschied und machte sich auf den Heimweg. Ihr Rücken tat weh und ihr Kopf schmerzte. Sie war froh wieder daheim zu sein. Sie hatte die ganze Fahrt zurück über die Morde nachgedacht, aber es irgendwann müde aufgegeben. An ihrem Haus angekommen, öffnete sie die Tür und ging hinein. Sie stellte den Korb zur Seite und begab sich ins Schlafzimmer. Ohne sich zu waschen zog sie ihr Nachtgewand an und legte sich ins Bett. Erst jetzt spürte sie, wie müde sie war. Sie zog die Decke über sich und glitt in den Schlaf hinüber. Sie war fast eingedämmert, als sie die Erkenntnis wie ein Schlag traf. Sie richtete sich ruckartig auf und war mit einem Male hellwach.
Vielleicht waren sie nur einem Schauspiel aufgesessen. Der Wächter hatte gesagt, dass Bredelin noch bei guter Gesundheit gewesen war. Er hatte weder Probleme mit dem Rücken gehabt, noch das Bein nachgezogen. Auch Christine hatte nicht erwähnt, dass die Gestalt auf dem Friedhof ein Gebrechen gehabt hatte.
Wenn Bredelin völlig gesund war, warum hat er sich beim Johannis-Fest krank gestellt? Um mehr Mitleid zu erregen?
Während die Gedanken durch ihren Kopf rasten, drängte sich ein Verdacht immer mehr auf. Sie sprang aus dem Bett, rannte aus dem Schlafzimmer und öffnete die Tür. So schnell ihre nackten Füße sie trugen, lief sie zu Philipps Haus.

Philipp schlief fest, als er vom Hämmern an seiner Tür geweckt wurde. Bevor er wusste, wie ihm geschah, hatten ihn seine Füße schon aus dem Bett und zum Eingang getragen. Die wilde Art des Hämmerns ließ ihn sich instinktiv beeilen. Er öffnete die Tür und sah Katharina im Nachtgewand vor sich stehen. Es bedeckte sie nur wenig, und er gab sich Mühe ihr ausschließlich in die Augen zu sehen, auch wenn andere Körperteile sein Interesse weckten.
„Na endlich, warum dauert das solange?“, fragte sie aufgebracht.
Philipp sah nach draußen. Im ersten Moment hatte gedacht, es wäre schon morgen, und er hätte verschlafen, aber allem Anschein nach, war es immer noch Nacht.
„Äh, hallo Katharina. Komm doch …“
„Keine Zeit“, unterbrach sie ihn. „Ich habe mit den Wärtern in Heidelberg gesprochen und ich glaube ich habe etwas Wichtiges herausgefunden.“
„Wirklich. Was hast …“
„Lange Geschichte. Ich erzähle es dir morgen.“
„In Ordnung, aber …“
„Eigentlich hätte ich gerne mit einem Mitgefangenen gesprochen, aber der lag vergiftet in seiner Zelle.“
„Was? Vergiftet? Wer hat ihn …“
„Ich brauche morgen früh deine Hilfe. Die Feldarbeit kann warten. Nach dem Frühstück gehen wir zum Fluss.“
„Was wollen wir denn am …“
„Ich will etwas ausprobieren. Vielleicht kann ich dir dann sagen, wer der Mörder von Rudolf Eigbrod und Lukas Kolf ist.“
„Hat das etwas mit dem Fluch zu …“
„Warum bist du überhaupt so spät noch auf?“, erboste sich Katharina. „Du siehst müde aus und brauchst morgen einen klaren Kopf, also lege dich wieder ins Bett.“ Dann drehte sie sich um und ging wieder zurück zu ihrem Haus.
Philipp blieb noch kurz stehen und blinzelte verwirrt in die Nacht hinein. Dann trat er einen Schritt zurück und schloss die Tür. Einen Augenblick lang war er nicht sicher, ob er den Besuch von Katharina wirklich erlebt hatte oder ob er träumte. Dann ging er zurück in sein Schlafzimmer, legte sich ins Bett und war binnen eines Augenblicks wieder eingeschlafen.

Die Johannis-Morde – Kapitel 9

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 3. Oktober 2010 von alexanderhartung

Nachrichten

Es war später Mittag, als es an der Tür von Bürgermeister Rump klopfte. Frederich hielt gerade seinen Mittagsschlaf. Er gähnte und erhob sich murrend aus dem Bett. Er zog sich einen Mantel über und öffnete dem Besucher. Ein junger Mann in Reitkleidung stand vor ihm.
„Bürgermeister Rump?“, fragte er.
Frederich nickte müde.
„Ich habe eine Nachricht vom Vogt“, fuhr er fort und hielt ihm ein Stück Pergament hin. Der Bürgermeister nahm es an sich. Der junge Mann verneigte sich und entfernte sich wieder. Frederich schloss die Tür. Dann brach das Siegel und öffnete das Pergament. In großzügigen Lettern stand geschrieben:
„Sehr geehrter Bürgermeister Rump,
nach dem Tod von Lukas Kolf war es uns nicht möglich, einen Erben für das Gut und die Weinberge zu ermitteln. Daher haben wir den Entschluss gefasst, Arnold von Erenkirch als Verwalter zu bestimmen, der das Anwesen im Interesse aller betreuen wird. Der geschätzte Graf wird Euch alsbald einen Besuch abstatten, um seine neuen Besitztümer einzusehen.“
Gezeichnet war das Schreiben mit Landvogt Anselm Lotz.
Frederich hielt die Luft an. Dann las er das Schreiben erneut, aber auch dieses Mal war die Nachricht des Vogts eindeutig. Er spürte wie sein Herz zu rasen begann und ihm der Schweiß die Stirn hinunterlief. Dann rannte er, so schnell es sein dicklicher Körper erlaubte, zur Kirche. Dass er nur in Hemd und Hose gekleidet war, hatte er vergessen.

„Das ist ungeheuerlich“, schrie Bruder Theobald. „Wenn es keinen Erben gibt, steht das Gut der Kirche zu.“ Der Priester war vom Bürgermeister aufgeschreckt worden, weil dieser fast seine Tür eingeschlagen hätte. Eigentlich hasste Frederichs Angewohnheit, ständig in Panik zu verfallen, aber in diesem Fall war er froh, als Erster davon erfahren zu haben.
„Arnold von Erenkirch“. Der Bürgermeister ging unruhig hin und her, während er ängstlich an seinen Fingerknöcheln kaute.
„Das muss ein Missverständnis sein“, fuhr der Geistliche fort. „Wenn der Bischof davon erfährt, wird er den Vogt aufsuchen und diese ganze Sache klären.“
„Wie sage ich es ihnen? Wie sage ich es ihnen?“, stotterte Frederich. Bruder Theobald hielt in seinen Grübeleien kurz inne und widmete sich seinem verstörten Gast. „Wem wollt Ihr was sagen?“
„Den Bürgern von Furtenblick“, erklärte der Bürgermeister verzweifelt.
„Warum wollt Ihr das tun?“
„Sie müssen doch wissen, was geschieht. Viele Männer arbeiten auf den Weinfeldern. Wenn die Zeit der Ernte kommt, ist fast das ganze Dorf mit der Lese beschäftigt. Nach dem Tod von Lukas Kolf werde ich ständig gefragt, wie es mit dem Gut weitergeht und wer der neue Besitzer sein wird.“
„Ihr solltet noch warten.“
„Warum?“
„Weil die Bürger für eine solche Enthüllung noch nicht bereit sind. Ich weiß, welchen Ruf der Graf hat, aber ich bin mir sicher, dass wir mit Gottes Hilfe auch dies ertragen werden können. Wir sollten aber einen besseren Zeitpunkt abwarten.“
„Welcher Zeitpunkt wäre besser als sofort? In dem Schreiben wurde mir angekündigt, dass der Graf das Anwesen besichtigen möchte. Stellt Euch vor, die Bürger wissen nichts von der Entscheidung des Vogts, und der Graf kommt auf das Gut gefahren. Wie stehe ich dann da?“
„Vielleicht sollte man dies nach einem Gottesdienst machen. Dann sind die Menschen ruhiger und können besser mit einer solchen Nachricht umgehen. Wenn ich während der Predigt auch noch ein paar gute Worte über den neuen Gutsherrn finde …“
„Gute Worte?“, fuhr Frederich dazwischen. „Arnold von Erenkirch ist ein Trinker und Spieler, der seine Untergebenen ausbeutet. Er hat öfters Ehebruch begangen hat, als Ähren auf unseren Feldern stehen.“
Bruder Theobald hob beschwichtigend die Hände. „Ich bin sicher, diese Geschichten sind nur Unterstellungen. Der Bischof hat mir einmal von dessen Großzügigkeit beim Bau eines neuen Kirchenschiffs erzählt, daher kann der Graf kein schlechter Mensch sein.“
Der Bürgermeister hörte Bruder Theobald kaum mehr zu. Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und ging weiter auf und ab. Der Geistliche atmete müde aus. Er hatte keine Ahnung, warum die Menschen solche Angst vor Arnold von Erenkirch hatten. Er vertraute den Worten des Bischofs, dass der alte Graf ein gottesfürchtiger Mann war und dass alle Geschichten über ihn nur bösartige Verleudmungen waren.

Katharina schloss die Tür ihres Hauses und machte sich auf den Weg zum Wald. Sie wollte Beeren sammeln gehen, als sie vor dem Wirtshaus eine aufgebrachte Menge erblickte. Es wurde geschrien, wild gestikuliert, und manchmal kam es sogar zu kleinen Rangeleien. Inmitten der Menschen stand Bürgermeister Rump, der sich alle Mühe gab, die Anwesenden zu beruhigen.
Katharina blieb stehen. Gestern noch hatte sich niemand vor die Tür gewagt und jetzt war das halbe Dorf vor dem Wirtshaus. Als sie näher kam, löste sich Philipp aus der Menge.
„Was ist hier los?“, fragte sie den großen Mann. „Ist wieder jemand ermordet worden oder wollen sie jemand lynchen?“
„Weder noch, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Neuigkeiten besser sind“, antwortete Philipp spöttisch. „Frederich hat ein Schreiben vom Vogt bekommen, dass Graf Arnold von Erenkirch das Gut von Lukas Kolf übernehmen wird.“
„Arnold von Erenkirch?“, stieß Katharina überrascht aus. Jetzt verstand sie den Grund für die Aufregung. „Der Graf ist ein Säufer und Weiberheld, wie es keinen zweiten gibt. Er hat den größten Teil seiner Güter verspielt und soll selbst sein Anwesen verpachtet haben.“
Katharina schüttelte den Kopf. Arnold von Erenkirch würde die Weinberge in weniger als einem Jahr entweder völlig zugrunde richten oder das Gut verkaufen. Die Reben waren die wichtigste Einnahmequelle des Dorfs. Kein Wunder, dass die Bürger so aufgebracht waren.
„Das kann nicht sein“, sagte Katharina. „Ich habe den Vogt kennengelernt. Er ist ein zuvorkommender und wohlerzogener Mann. Er würde niemals eine solche unüberlegte Entscheidung treffen.“
„Der Vogt ist auch nur eine Diener des Fürsten“, warf Philip ein. „Auch wenn er mit der Entscheidung nicht einverstanden wäre, muss er den Befehlen seines Herrn gehorchen. Wer weiß, wie der Graf zum Fürsten steht. Sicher sind sie auf irgendeine Weise miteinander verwandt.“
Philipp hatte Recht. Sie hatte den Vogt immer als Herrn über ihr Gebiet gesehen, aber tatsächlich war er nur der verlängerte Arm des Fürsten. Wer konnte verstehen, was in den Köpfen der Adligen vorging? Die wenigsten scherten sich um die einfachen Bürger, weder hier in Furtenblick noch in einem anderen Dorf.
Katharina seufzte. Als ob sie mit dem Fluch und den Morden nicht schon genug Probleme hatten. „Ich will noch ein paar Beeren sammeln“, sagte sie zu Philipp. „Ich bin noch immer müde, daher möchte ich dich bitten, heute in der Furt zu essen. Ich muss noch saubermachen und werde mich früh ins Bett legen.“
Philipp nickte. „Du kannst mir morgen früh mehr von deinem Besuch beim Vogt erzählen.“ Dann hob sie kurz die Hand und ging weiter. Sie brauchte jetzt die Ruhe und Abgeschiedenheit des Waldes.

Philipp ließ die Menge auf dem Marktplatz hinter sich und ging in das Wirtshaus. In der Furt war es fast so laut, wie in bei einer Hochzeit. Es war kaum Platz zum Stehen. Alle Stühle waren belegt und der Geruch von frisch gezapftem Bier wurde von dem Duft gebratenen Specks überlagert. Er drängte sich durch die Menge, bis er die Theke erreicht hatte.
„Gib mir ein Bier“, rief Philipp zu Albrecht. Der Wirt nickte und nahm einen Krug zur Hand. Philipp wurde auf eine Auseinandersetzung zwischen Johannes Sitter und dem Bürgermeister aufmerksam. Frederich war kurz hinter ihm hereingekommen und hatte sich sofort dem Unmut der Leute stellen müssen.
„Lieber reiße ich jede einzelne Rebe raus, bevor sie der versoffene Erenkirch bekommt“, schrie Johannes und erntete stürmischen Applaus für seinen Ausruf.
„Das hilft uns auch nicht weiter“, versuchte Frederich zu besänftigen.
„Mein ganzes Leben habe ich auf den Weinbergen gearbeitet“, fuhr der angetrunkene Arbeiter fort. „Und das soll jetzt einem versoffenen Hurenbock geschenkt werden, bloß weil er den Hintern des Fürsten geküsst hat oder weil er über irgendeine Mätresse mit ihm verwandt ist?“ Lautes Lachen folgte diesen Worten.
Der Bürgermeister wirkte inmitten der aufgebrachten Menge verloren. Alle seine Worte und Beschwichtigungsversuche schienen die Leute nur noch wütender zu machen. Sicher bereute er es schon, dass er nach zwei Bier so freimütig von dem Brief des Vogts erzählt hatte.
Johannes stieg auf einen Tisch. Er schwankte betrunken und konnte sich kaum oben halten. „Eher brenne ich die Felder nieder, als dass sie der verdammte Graf bekommt.“ Dann riss er den Krug zum Gruß hoch, verlor aber das Gleichgewicht und landete in der Menge, die den Absturz mit brüllendem Lachen quittierte.
Philipp fiel in das Lachen mit ein. Sobald Johannes mehr als zwei Krüge getrunken hatte, verlor er jede Hemmungen und begann mit Schmähungen. An diesem Tag hatte er es auf Graf Arnold von Erenkirch abgesehen. So betrunken, wie Johannes war, würde er das nicht mehr lange durchhalten. Dann warfen sie ihn immer in einen Trog. Anschließend war er wieder so nüchtern, dass er zumindest nach Hause schwanken konnte.
Johannes rappelte sich vom Boden auf, Philipp einen Krug von Albrecht gereicht bekam. Bruder Theobald hatte gestern Zurückhaltung beim Trinken angemahnt, aber ein Bier würde er sich genehmigen. Es würde noch ein langer Abend werden.

Katharina zog ihr Nachtgewand an und legte sich ins Bett. Zufrieden schloss sie die Augen. Trotz ihrer Müdigkeit gingen ihr die Worte von Philipp durch den Kopf. Hatte sie sich im Vogt geirrt? Sie hatte ihn für einen vertrauenswürdigen Mann gehalten, aber warum hatte er ihr verschwiegen, dass Arnold von Erenkirch das Gut verwalten sollte? War er wirklich vom Fürsten dazu gezwungen worden? Vielleicht war es ihm peinlich gewesen, mit ihr darüber zu reden, oder hielt er sie doch für weniger wichtig, als sie geglaubt hatte?
Katharina konnte die trüben Gedanken nicht vertreiben. Das idyllische Leben in Furtenblick schien zu Ende sein. Zwei Bürger waren ermordet worden, und der neue Gutsherr war ein Trunkenbold.
Ihr kamen Zweifel. Waren sie wirklich verflucht? Hatte der Tod von Bredelin zu all dem geführt? Gab es einen Mörder oder waren hier die Mächte Satans am Werk?
Katharina schlug die Hände vor das Gesicht. Sie hasste diese Ungewissheit. Je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr Fragen kamen ihr in den Sinn. Sie musste etwas tun. Bredelins Familie aufzusuchen war sinnlos. Sie würden ihren Sohn wahrscheinlich verleugnen, wenn sie Katharina überhaupt empfangen würden. Und so blieb als einziger Ort das Gefängnis. Der Weg nach Heidelberg war weit, aber eine andere Idee hatte sie nicht. Mit dem festen Entschluss morgen jemanden zu suchen, der sie nach Heidelberg brachte, schlief sie ein.

Philipp wankte aus dem Wirtshaus. Er hatte mehr getrunken, als ihm gut getan hatte, aber jedes Mal, wenn jemand einen unfeinen Trinkspruch auf Arnold von Erenkirch ausgesprochen hatte, hatte er sich verpflichtet gefühlt, mitzutrinken. Der ganze Abend in der Furt war den Geschichten und Gerüchten über den Graf gewidmet gewesen. Und es war nur Schlechtes gewesen. Wie konnte ein Mensch sich solche Fehltritte im Leben erlauben und immer noch nicht am Galgen geendet sein?
Philipp streckte sich und atmete tief ein. Die frische Luft belebte ihn und vertrieb den Schwindel. Die Tür zum Wirtshaus öffnete sich und Volmar trat hinaus. Er schwankte ebenfalls.
„Verfluchtes Bier“, murmelte er.
„Vielleicht wärst du lieber beim Wein geblieben“, sagte Philipp grinsend. Der Holzfäller brummte nur missmutig und rieb sich die Schläfen.
„Irgendwie fühle ich mich zu alt für solche Trinkgelage, aber es war aufschlussreich, mehr über den neuen Gutsherrn zu erfahren.“
Philipp legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. „Ich werde mal nach Hause gehen. Auf mich wartet morgen noch ein Klafter Holz. Da will ich ausgeschlafen sein.“
„Gute Nacht, Philipp.“ Volmar machte sich zu seiner Hütte auf. Philipp atmete nochmals tief ein und schwankte nach Hause. Dann wandte er sich nochmals kurz zu Volmar, der auf dem Marktplatz stehengeblieben war.
„Bist du schon eingeschlafen?“, fragte Philipp und lachte. Der Holzfäller antwortete nicht, sondern blieb nur regungslos stehen. Philipp lag ein weiterer spöttischer Spruch auf der Zunge, aber die angespannte Haltung seines Freundes ließ ihn innehalten. Er schloss zu ihm auf.
„Was ist los?“
„Riechst du das nicht?“
Philipp atmete tief ein, konnte aber nichts ungewöhnlich wittern. „Nein.“
Volmar ging weiter. Sein ganzer Körper war angespannt, wie eine Bogensehne, die nur darauf wartete losgelassen zu werden.
„Geh ins Wirtshaus und hol alle raus“, sagte er eindringlich. „Irgendwo brennt es.“ Dann lief Volmar los und seine Schritte führten ihn zu den Weinfeldern.

Katharina wachte matt aus dem tiefen Schlaf auf. Sie hatte von der Kirche in Furtenblick geträumt. Sie war vor dem Hauptportal gestanden, und die Glocken hatten ohrenbetäubend gedröhnt. Sie hatte sich die Ohren zugehalten, denn der Lärm hatte sie fast wahnsinnig gemacht. Dann war sie erwacht. Im Dämmer zwischen Wachen und Schlaf wurde ihr bewusst, dass die Glocken tatsächlich läuteten. Leiser als in ihrem Traum, aber trotzdem hörbar.
War es schon so früh? War heute Morgen wieder ein Gottesdienst? Sie wollte Bruder Theobald verdammen, als ihr bewusst wurde, dass es tiefe Nacht war.
Ruckartig richtete sie sich auf. Ihre Müdigkeit war verflogen. Inmitten des Geläuts hörte sie Stimmen. Katharina ging ans Fenster und sah zur Kirche. Sie konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen, als sie ein Flackern in den Augenwinkeln wahrnahm. Die Weinreben brannten! Für einen Augenblick setzte ihr Atem aus. Dann legte sie ihr Nachtgewand ab, zog sich ein Kleid über und schlüpfte beim Herausgehen in die Schuhe. So schnell sie ihre Füße trugen, rannte sie los.

Philipp hustete und konnte durch den Rauch kaum etwas sehen. Trotzdem schlug er unermüdlich mit einem Ast auf die Flammen ein. Die kleinen Funken brannten unangenehm auf seiner Haut, aber Philipp wich keinen Schritt zurück. Der gute Geruchssinn seines Freundes hatte wahrscheinlich Schlimmeres verhindert, aber das Feuer breitete sich weiter aus.
„Wir müssen die Holzgestelle der Weinreben zum Wald abschlagen“, schrie Volmar. „Das Feuer darf nicht dorthin übergreifen.“
„Hast du eine Axt oder anderes Werkzeug hier gesehen?“
„In dem Rauch finden wir sowieso nichts. Wir müssen die Stützen mit unseren Händen rausreißen.“
Philipp nickte und lief seinem Freund hinterher. Am Waldrand angekommen packte Volmar eine der eingegrabenen Stangen, welche die Querstrebe hielt, auf denen die Reben abgelegt waren. Er ging in die Knie, spannte die Schultern an und verharrte einen Moment in dieser Haltung. Dann zog er mit einem Ruck das Holz heraus, wobei er vom Schwung beinahe von den Füßen gerissen wurde. Die Stange warf er zur Mitte des Weinberges.
„Wir dürfen auch die kleinen Hölzer und Reben nicht vergessen“, schrie er Philipp zu. „Wir müssen alles Brennbare in die Mitte schaffen.“
Ein paar Männer kamen zu ihnen gelaufen. Philipp erkannte den Bäcker Winand Gebhard, den Metzger Haug Bindrim und Albrecht.
„Hierher“, schrie Volmar und winkte. Während Philipp eine Stange aus dem Boden zog, gab sein Freund den Neuankömmlingen Anweisungen. Dann machten auch sie sich an die Arbeit, während sich das Feuer weiter dem Wald näherte.

Katharina kam an den Marktplatz und stolperte beinahe über eine dickliche Frau, die mit Töpfen und Eimern beladen war.
„Ida“, sagte sie überrascht und nahm der Frau zwei Eimer ab. „Ich helfe dir.“
„Danke“, antwortete die Wirtin, während sie weiter in Richtung der Weinfelder lief.
„Weißt du, wie schlimm es ist?“, fragte Katharina.
„Ich war auch noch nicht oben. Albrecht hat mir nur zugerufen, dass die Reben brennen, und dass ich alle Töpfe und Eimer mitnehmen soll, die ich tragen kann. Dann ist er losgerannt.“
„Aber wie konnte das geschehen? Auch wenn es die letzten Tage nicht geregnet hat, ist es nicht trocken genug, dass die Reben einfach Feuer fangen.“
Ida zuckte mit den Schultern. „Selbst im trockensten Sommer ist hier noch nie ein Brand ausgebrochen. Ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist.“
Katharina musste unwillkürlich an den Fluch denken. Bredelin hatte geschworen, dass das dritte Opfer im Feuer verbrennen würde. Vielleicht war es jetzt soweit. Sie behielt diesen Gedanken für sich. Sie hatte beim Dorffest gesehen, wie leicht die Leute in Panik geraten konnten. Sie wunderte sich sowieso, wie viele Männer und Frauen sich aufgemacht hatten, um beim Löschen zu helfen. Anscheinend war die Angst vor dem Verlust der Felder größer, als die Furcht vor dem Fluch.
Katharina lief neben der Wirtin, die erstaunlich schnell für ihr Gewicht war. Das Flackern des Feuers leuchtete gespenstisch in der Nacht und warf bizarre Schatten. Als sie dem Reben näher kam, spürte Katharina die Wärme, der Flammen.
„Wir müssen zum Brunnen an der Unterseite der Weinfelder“, schlug Katharina vor und nahm Ida zwei weitere Töpfe ab. Der Weg kam ihr endlos weit vor, und mit jedem Schritt wurde der Rauch dichter.

Philipp zog mit aller Kraft an der Stange. Seine Schultern schmerzten, und der Rauch trieb ihm Tränen in die Augen, aber er arbeitete ohne Unterlass. Neben ihm hatte sich Haug Bindrim auf den Boden gekniet und hustete krampfhaft. Das Gesicht des Metzgers war schweißüberströmt, aber er erhob kurz darauf wieder und half Philipp die Stange aus dem Boden zu ziehen. Dann rissen sie die Reben und Stützhölzer ab und warfen sie in die Mitte des Weinfelds.
Der Boden war trocken. Es hatte wenig geregnet, und der Wald neben den Weinbergen führte dichtes Unterholz. Wenn sich die Flammen bis hierhin ausbreiteten konnten, würde das Feuer wie ein Sturm über das Dorf fegen. Dann wären alle Löschversuche vergebens. Sie mussten den Kampf hier gewinnen. Philipp riss die nächste Stange aus dem Boden und warf sie von sich, als Volmar zu ihnen gelaufen kam.
„Die erste Reihe haben wie geschafft“, schrie der Holzfäller. „Wir müssten die Flammen eigentlich schon im Griff haben, aber das Feuer ist an mehreren Stellen ausgebrochen.“
„Wie kann das sein?“, fragte Haug. „Wie kann ein Feuer mitten in der Nacht an verschiedenen Stellen ausbrechen?“
„Ich habe auch etwas verbranntes Stroh gefunden.“
„Stroh?“, fragte Philipp ungläubig. „Wie kommt Stroh auf die Felder?“
„Jemand hat den Brand gelegt.“
„Was?“, brüllte Haug. „Wer brennt die Felder ab und riskiert dabei, dass das Dorf in Flammen aufgeht?“
Philipp presste den Mund zusammen. Ihm kamen die Worte von Bredelin in den Sinn. Er hatte einen Tod durch Feuer angekündigt. Vielleicht war es soweit. Der Fluch suchte sie heim. Er sah in die Gesichter seiner Freunde. Sie schienen eher wütend, als verängstigt zu sein. Anscheinend hatte keiner von ihnen einen Zusammenhang zum Fluch hergestellt. Er würde ihnen seine Gedanken besser nicht mitteilen.
„Wir kümmern uns später darum“, sagte Volmar. “Lass uns zum Brunnen gehen und die Leute hierher bringen. Wenn wir den Boden wässern, sterben die Flammen ab, bevor sie den Wald erreichen. Der Wind ist günstig.“
Philipp nickte und folgte dem Holzfäller zum Brunnen.

Katharina trug den großen Eimer zu einer brennenden Rebe und schüttete den Inhalt darüber. Funken spritzten hoch und der dunkle Rauch ließ sie husten. Ihre Arme schmerzten, und ihre Schuhe waren nass. Die Ärmel ihres Kleides waren angesengt, und ihre Hände waren schwarz vor Ruß. Es kamen immer mehr Bürger, aber der Wege vom Brunnen zu den Feldern waren lang. Sie konnten nicht schnell genug das Wasser herausschöpfen. Der Fluss war zu weit, daher war sich Katharina nicht sicher, ob sie es schaffen würden, die Flammen zu löschen.
Sie hastete zurück und sprang über eine verkohlte Rebe. Der Qualm war dicht wie Nebel. Für einen Moment wurde ihr schwindelig, aber dann schüttelte sie den Kopf und lief weiter. Sie würde jetzt nicht aufgeben.

Philipp, Volmar und Haug rannten zum Brunnen. Sie konnten durch den Rauch kaum etwas sehen, als Volmar über etwas stolperte und der Länge nach hinschlug. Im ersten Moment dachte Philipp, dass sie einen Felsen übersehen hätten, doch dann bewegte sich der Felsen. Philipp kam näher und erkannte Frederich, der sich auf dem Boden krümmte und hustete.
„Bürgermeister Rump“, sagte Philipp und half dem Mann auf. „Was ist passiert?“
„Ich bin zu schnell gelaufen“, sagte er keuchend und holte tief Luft. „Im Rauch habe ich die Orientierung verloren und bin über eine Wurzel gestürzt.“
Volmar rappelte sich fluchend wieder auf. „Wir müssen zum Brunnen.“ Er hakte sich bei Frederich unter und zog ihn mit sich.
„Ja“, japste der Bürgermeister und versuchte Schritt zu halten.
„Frederich ist wirklich zu nichts nutze“, flüsterte Haug zu Philipp. Irgendwie hatte der Metzger Recht, aber obwohl der Bürgermeister eigentlich ein Feigling war, musste er ihm zu Gute halten, dass er nach oben gekommen war. Vielleicht war er gar nicht so verweichlicht, wie er immer gedacht hatte.

Ida war zwei Schritte vor Katharina. Sie hatte einen großen Topf in der Hand. Das Wasser schwappte bei jedem Schritt über, aber die Wirtin rannte ohne innezuhalten zu den brennenden Rebstöcken. Dort angekommen, holte sie aus und wollte das Wasser in das Feuer schütten, als sie in ein Loch trat. Sie fiel mitsamt dem Topf in die Flammen.
„Ida.“ Katharina rannte zu ihr. Die dickliche Frau schrie und rollte sich aus dem Feuer. Ihr Kleid hatte am Ärmel Feuer gefangen.
Katharina schüttete den Inhalt ihres Eimers auf die Wirtin. Dann warf sie das Gefäß zur Seite und zog sie von der brennenden Rebe weg. Die Flammen an Idas Kleid waren fast erloschen, aber sie klopfte noch auf ihren Ärmel, bis auch die letzten Funken verschwunden waren.
Katharina kniete sich neben die Wirtin auf den Boden. „Geht es dir gut?“, fragte sie besorgt.
Ida sah das verkohlte Kleid an ihrem Ärmel an. „Gott sei Dank, dass du hinter mir warst“, antwortete sie sichtlich erschreckt. „Aber bis auf ein verbranntes Kleid geht es mir gut.“
Katharina seufzte und legte sich auf dem Boden ab. Die Erde war matschig, aber das war ihr egal. Sie musste einen Moment zur Ruhe kommen.
„Bitte mach so etwas nie wieder“, sagte sie und versuchte ihr klopfendes Herz zu beruhigen. „Wir sind wirklich zu alt für so was.“
„In Ordnung.“ Ida umarmte Katharina kurz. „Ich versuche das Feuer zu löschen, ohne mich in die Flammen zu werfen.“ Sie stand auf und sah in die brennenden Reben. „Schade um den Topf.“
Sie packte Katharina an den Armen und zog sie hoch. „Nimm deinen Eimer und komm. Wir müssen weiterlöschen.“
Katharina lächelte. Ida war wirklich durch nichts zu erschüttern. Sie gingen wieder zurück zum Brunnen und waren nicht weit gelaufen, als Katharina die große Schlange am Brunnen bemerkte. Jetzt war das ganze Dorf auf den Beinen. Jeder hatte Schüsseln, Töpfe oder andere Gefäße mitgenommen.
„Das hat keinen Sinn“, sagte sie zu Ida. „Wir müssen zur nächsten Wasserstelle.“
„Die ist weiter oben an der kleinen Hütte.“
„Auch wenn der Weg länger ist, so kommen wir wenigstens schneller an Wasser. Nimm dir noch Leute mit. Dann ist mehr Platz am Brunnen.“
Katharina drehte sich um und wollte loslaufen, als sie Johannes Sitter bemerkte. Er stand am Rand der Weinberge und blickte mit starren Augen auf das Feuer. Im ersten Moment glaubte Katharina darin Verzweiflung zu erkennen, da Johannes schon viele Jahre auf den Weinbergen gearbeitet hatte. Dann begriff sie Wahrheit. Es war nicht Kummer, sondern Reue.

Philipp hatte mit Volmar, Haug und Frederich den Brunnen erreicht. Die Bürger hatten Gefäße mitgebracht und rannten aufgebracht umher, um die Flammen zu löschen. Er wollte die Leute anrufen, damit sie ihnen zum Waldrand folgten, als Volmar plötzlich stehenblieb. Philipp wäre beinahe auf ihn aufgelaufen. Die Augen des Holzfällers waren auf Johannes Sitter gerichtet, der mit schreckensgeweiteten Augen auf das Feuer starrte. Philipp spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Was sie im Rausch des Trinkgelages als dummes Gerede abgetan hatten, hatte sich bewahrheitet. Johannes hatte die Felder angezündet. Bevor Philipp reagieren konnte, war Volmar auf den Arbeiter zugegangen und schlug ihn mit einem harten Fausthieb nieder. Alle Köpfe wandten sich den beiden Streitenten zu.
„Du verfluchter Säufer“, schrie Volmar. „Totschlagen müsste man dich. Wenn das Feuer zum Wald übergreift, brennt das ganze Dorf ab.“
„Das wollte ich nicht“, sagte Johannes verzweifelt. „Ich wollte nur, dass der Graf die Felder nicht bekommt.“
„Was interessiert es dich?“, fuhr der Holzfäller dazwischen. „Was schert dich dein Herr, wenn er dir Arbeit gibt und dir deinen Lohn zahlt?“
„Du kennst Arnold von Erenkirch nicht“, schrie Johannes. „Ich habe zwei Jahre für diesen Hund gearbeitet. Er trinkt den ganzen Tag, zahlt schlecht und lässt seine Arbeiter schlagen. Er vergeht sich an den Töchtern seiner Angestellten und verstößt sie, wenn sie ihm einen Bankert gebären. Der Graf hat nicht mehr als Dreck verdient.“
Volmar vergrub sein Gesicht in den Händen. Es kostete ihn sichtlich Mühe Johannes nicht erneut zu schlagen. Dann wandte sich der Holzfäller den Wartenden zu.
„Wir müssen weitermachen“, rief er. „Um den Brandstifter kümmern wir uns später. Schüttet alles Wasser oben an den Waldrand. Wir haben schon eine Reihe Rebstöcke abgerissen. Wenn das Feuer nicht auf die Bäume übergreift, wird es verlöschen.“
Einen Moment sahen sich die Männer und Frauen unsicher an. Dann schrie Philipp „Kommt mit“, und winkte den Bürgern. Plötzlich kam Bewegung in die Menschen. Alle, die ihre Gefäße gefüllt hatten, folgten ihm.

Katharina rieb sich die tränenden Augen. Sie war die ganze Nacht umher gerannt und hatte Eimer mit Wasser getragen. Ihr Kleid war vom Ruß geschwärzt und hatte kleine Brandlöcher von den unzähligen Funken, die der Wind umhergetrieben hatte.
Die ersten Strahlen der Sonne beleuchteten die Szenerie. Fast ein Fünftel der Weinreben war verbrannt. Nur weil die Arbeiter vom Gut eine Schneise in die Mitte geschlagen hatten, hatte das Feuer die oberen Felder verschont. Der Plan von Volmar war aufgegangen. Das feuchte Erdreich hatte das Übergreifen auf den Wald verhindert und so das Dorf vor dem Schlimmsten bewahrt. Der Rauch wurde weniger. Hier und da wurden noch kleinere Feuer ausgeschlagen oder glimmende Reste mit Wasser übergossen, aber die Gefahr war gebannt.
Die ersten Bürger gingen wieder ins Dorf zurück. Auch ihnen waren die Strapazen und Schrecken der Nacht anzusehen, aber keiner von ihnen war zurückgewichen. Trotzdem war keine Freude in ihren Augen zu lesen.
„Ein Wahnsinn“, sagte Ida, die einen letzten Eimer mit Wasser ausleerte und sich neben Katharina stellte. Das Gesicht der Wirtin war vom Ruß geschwärzt, und ihre Haare standen wirr zu allen Seiten ab. Ihr angebranntes Kleid war durchnässt und von Asche verschmutzt. Sie sah zum fürchten aus.
„Ich glaube das Feuer ist aus“, sagte Katharina und rieb sich die schmerzenden Arme.
„Dann wird es Zeit nach Hause zu gehen und was zu essen.“
Katharina sah an sich herunter. „Vielleicht wäre ein kurzes Bad auch keine schlechte Idee.“
„Aber erst nach dem Frühstück“, erwiderte Ida grinsend.
Katharina hob zwei Töpfe auf und nickte. Dann ging sie mit der Wirtin zurück ins Dorf.

Philipp nahm sich einen Eimer Wasser und schüttete ihn sich über den Kopf. Seine Haut fühlte sich warm an, als wäre er den ganzen Tag in der Sonne gelegen. Sein linker Handrücken war verbrannt und seine Augen tränten.
Volmar und Haug traten noch ein paar kokelnde Äste aus, während sich Frederich Rump an einen Baum stützte.
„Die Gefahr ist gebannt“, sagte Philipp zum Bürgermeister. Frederich versuchte zu lächeln, was ihm aber nicht gelang, weil er wie ein Blasebalg in der Schmiede keuchte. Philipp hatte den dicken Mann noch nie so schmutzig gesehen, aber we hatte sich heute den Respekt der Männer verdient. Er war nicht schnell oder kräftig, hatte aber keinen Moment gezögert und ihnen geholfen. Selbst Volmar hatte ein anerkennendes Nicken zustande gebracht.
Ein neuer Tag brach an. Der Himmel war klar, aber heute hätte sich Philipp gewünscht, dass er Wolken mit sich brachte.
„Lass uns noch einmal durch die Felder gehen und die übriggebliebene Glut löschen“, bat Volmar. „Dann können wir beruhigt nach Hause gehen.“
Philipp nickte matt und machte sich mit den Männern auf den Weg. Er war zum Umfallen müde, aber er durfte nicht ruhen, bis sicher war, dass das Feuer nicht mehr auflodern konnte.

Katharinas Haare waren noch nass, aber sie fühlte sich wohler, nachdem sie sich gewaschen und ein neues Kleid angezogen hatte. Philipp war nach dem Feuer sofort in den Fluss gesprungen und mit seinen nassen Hosen nach Hause gelaufen. Die Hitze hatte sein Gesicht gerötet. Er hustete noch, sah ansonsten aber unversehrt aus. Als sie den nassen und müden Mann die Straße hinaufkommen sah, hatte sie gelächelt. Was immer in Furtenblick passieren würde, Philipp würde sich jeder Gefahr stellen, auch wenn er abergläubisch wie ein alte Vettel war. Sie kannte keinen Mann, der ein größeres Herz hatte.
Als er sich umgezogen hatte, hatte Katharina das Frühstück zubereitet. Sie hatte zwei Eier mehr gebraten. Erst langsam wurde ihr klar, wie viel Glück sie gehabt hatten, dass Volmar das Feuer bemerkt hatte.
„Was wird mit Johannes passieren?“, fragte Katharina, während sie ein Stück Speck durchschnitt.
„Seit ihn Volmar niedergeschlagen hat, hat ihn niemand mehr gesehen. In seiner Hütte ist er nicht. Wahrscheinlich ist er aus Angst vor Strafe verschwunden. Einem Brandstifter droht der Tod durch den Strick.“
„Wollt ihr in nicht suchen?“
„Das ist sinnlos. Das überlassen wir dem Vogt. Der Bürgermeister geht zu ihm und wird vom Feuer berichten. Außerdem will er mehr über die Vergabe des Weinguts an Arnold von Erenkirch wissen.“
Katharina aß den Speck, bevor sie weitersprach. „Ich muss nach Heidelberg“, erwähnte sie in beiläufigem Ton. Philipp hielt mit dem Essen inne.
„Nach Heidelberg? Was in Gottes Namen willst du dort?“
„Ich muss mehr über Bredelin Arken herausfinden.“
„In Heidelberg? Ich dachte seine Familie stammt aus dieser Region?“
„Er war mehr als zwanzig Jahre im Kerker. Vielleicht kann ich von den Wärtern oder einem Mitgefangenen etwas erfahren.“
Philipp runzelte die Stirn. „Du meinst, du gehst dorthin, fragst die Kerkerwachen über Bredelin aus und sie geben dir freudig Auskunft?“
„Natürlich nicht. Ich nehme Geld mit und überzeuge die Wachen damit.“
„Glaubst du nicht, dass das Geld verschwendet ist? Bredelin war mehr als zwanzig Jahre im Kerker. Was kann er dort gemacht haben, was uns dem Mörder näherbringt?“
„Das weiß ich noch nicht“, sagte Katharina zögerlich. „Aber alles begann mit dem Giftmord an Heinrich Ommert. Ist dir nicht aufgefallen, dass sowohl Rudolf Eigbrod, wie auch Lukas Kolf mit Bredelin Arken zu tun hatten? Ich bin mir sicher, dass diese Morde damit zusammenhängen, auch wenn Bredelin schon tot ist. Irgendjemand ist noch in diese Geschichte verwickelt. Und wenn ich den Tod von Rudolf und Lukas aufklären kann, dann kenne ich auch den Mörder und weiß wer das nächste Opfer ist.“
„Du willst dich allen Ernstes dem Fluch entgegenstellen?“
Katharina seufzte. „Es gibt keinen Fluch, Philipp. Ich bin mir sicher, dass irgendein menschliches Wesen diese Morde begeht und es so aussehen lässt, als erfülle sich der Fluch.“
„Aber wer, Katharina? Bredelin Arken ist tot und so verkrüppelt wie war, könnte er niemanden umbringen, auch wenn er sich nicht in den Fluss gestürzt hätte. Er hat keine Verwandten hier und sein Kind ist gestorben. Seine Familie hat ihn verstoßen.“
„Ich weiß es nicht“, sagte sie resigniert. „Vielleicht hatte er ein weiteres uneheliches Kind, das seinen Vater rächen will. Vielleicht ein Bruder oder ein Freund, der noch in Furtenblick lebt. Mein Besuch beim Vogt hat mir nicht viel geholfen. Auch Christine hat mich dem Mörder nicht näher bringen können, also muss ich an anderer Stelle weitermachen. Ich muss mehr über die letzten Jahre von Bredelin herausbekommen. Das geht nur in Heidelberg.“
Sie hob drohend einen Löffel. „Philipp Kohlhepp. So sehr du dich auch bemühst, du wirst mich nicht von meinem Vorhaben abbringen.“
Philipp lächelte. „Ich kenne dich schon lange genug. Eher könnte ich einen ausgewachsenen Bullen niederringen, als dich von etwas abzubringen. Ich bin bloß nicht glücklich darüber, dass ich dich nicht nach Heidelberg begleiten kann, weil ich helfen muss, die Felder wieder aufzubauen.“
„Ich gehe nicht zum ersten Mal nach Heidelberg und bin auch schon alt genug, um alleine auf mich aufzupassen.“
„Zu Fuß wirst du die Strecke nicht laufen können.“
„Ich dachte, vielleicht kann ich einem vorbeifahrenden Händler ein paar Münzen geben, damit er mich …“
Philipp hob die Hand. „Eine schlechte Idee“, sagte er bestimmt. „Du solltest mit jemand reisen, den du kennst, damit du nicht deine Münzen los bist und irgendwo im Wald ausgesetzt wirst.“
„Kennst du vielleicht jemanden, der rein zufällig mit einer Kutsche nach Heidelberg fahren und das, wenn möglich, auch noch in diesem Jahr?“, fragte Katharina spöttisch. Sie wusste, wie weit der Weg war und dass nur selten jemand diese Mühe auf sich nahm.
„Cuno“, antwortete Philipp kurz.
„Wer?“
„Cuno Treis. Der Bäckerlehrling. Winand schickt ihn regelmäßig nach Heidelberg um Zutaten zu kaufen. Außerdem muss Cuno die Hofkonditoreien besuchen, um das neuste Backwerk zu erstehen, damit Winand es nachmachen kann.“
Katharina war überrascht. Sie wusste nicht, dass Winand seinen Lehrling nach Heidelberg fahren ließ.
„Wann fährt er wieder dorthin?“
„Überlass das mir“, sagte Philipp und erhob sich vom Tisch. „Ich besuche ihn mal. Er schuldet mir seit unserem letzten Würfelspiel noch mehr als einen Gefallen.“
„Ich dachte, du hättest aufgehört …“
„Bis gleich“, sagte Philipp und ging eilig hinaus. Die Tür fuhr etwas lauter als sonst ins Schloss. Katharina sah ihn noch schnell am Fenster vorbeilaufen. Dann gab sie einen Laut der Missbilligung von sich und räumte die Teller ab. Soweit zu seinem Versprechen nicht mehr würfeln zu wollen. Darüber würden sie noch reden. Aber erst musste sie nach Heidelberg. Vielleicht konnte sie dann den Mörder finden.

Die Johannis-Morde – Kapitel 8

Veröffentlicht in Die Johannis-Morde am 19. September 2010 von alexanderhartung

Vergangenheit

Die Glocken riefen zur Zusammenkunft. Der Tag war noch jung, aber bevor die Bürger ihrer Arbeit nachgingen, versammelten sie sich in der Kirche, um von Lukas Kolf Abschied zu nehmen.
Philipp setzte sich in eine der hinteren Reihen und beobachtete das Hereinströmen der Menschen. Vor dem Altar, in sein Priestergewand gekleidet, stand Bruder Theobald und sah mit ernstem Gesicht über die Menge. Er wirkte wie ein zorniger Vater, der seine Kinder gleich tadeln würde. Seine drohende Erscheinung hatte den gewünschten Effekt. Die Bürger kamen leise und mit gesenktem Kopf in die Kirche, als wäre der Mord ihre Schuld gewesen. Keiner sprach ein Wort.
Am Gang zum Altar war ein prachtvoller Holzsarg aufgebahrt, der die sterblichen Überreste von Lukas Kolf enthielt. In der ersten Reihe konnte Philipp die Angestellten des Weinguts erkennen, die schon früh gekommen waren, um sich von ihrem Herrn zu verabschieden. Am Rand der Bank saß der Verwalter, Henn Petter. Er war wie immer tadellos gekleidet und wartete aufmerksam, als wollte er bereit sein, wenn Lukas Kolf einen Wunsch haben würde.
Bruder Theobald begann zu sprechen. Seine Stimme hatte einen scharfen Klang und hallte laut durch die Kirche. „Heute verabschieden wir einen Mann, der ein Vorbild an Glaube und Nächstenliebe war. Lukas Kolf hat sich immer um das Wohl seiner Mitbürger gesorgt und Furtenblick zu einem schönen Dorf gemacht. Erst seine Spenden haben es möglich gemacht, dass wir heute in dieser prachtvollen Kirche Gott huldigen können.“
Der Priester ließ seinen Blick über die Menge schweifen.
„Wären alle Bürger dieses Dorfs von solchem Glauben durchsetzt gewesen, wären wir heute nicht hier. Lukas Kolf würde noch leben. Daher müssen wir uns alle fragen, ob wir nicht mit Schuld an seinem Tod waren.“
Philipp spürte, wie sich die Stimmung in der Kirche weiter abkühlte. Die Menschen zogen den Kopf ein und richteten ihre Blicke beschämt zu Boden. Selbst Philipp fühlte sich schuldig.
„Wäre unser Glaube fest und ohne Tadel gewesen, hätten wir das Böse nicht zu uns eingeladen. Es hätte die Grenzen von Furtenblick nicht überschreiten können und wäre weitergewandert, um sein unheiliges Werk woanders zu vollbringen.“
Bruder Theobalds Stimme nahm einen schrillen Ton an.
„Habt Ihr Angst?“, brüllte er. „Ich an eurer Stelle würde mich fürchten.“
Philipp rutschte unruhig auf der Bank umher. Die Frau neben ihm begann zu weinen.
„Wenn ein untadeliger Mann, wie Lukas Kolf, von dem Bösen niedergestreckt wird, dann ist niemand mehr sicher. Jeder von euch kann ebenso heimgesucht werden. Zu jeder Zeit und an jedem Ort.
Solange ihr nicht eurem sündigen Leben entsagt und in den Schoss des Herrn zurückkehrt, wird Satan weiter unter uns weilen. Und ich sage euch, er wird nicht lange ruhen, bis er sich ein neues Opfer sucht.“
Die Frau neben Philipp wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, während ihr Mann den Arm um sie legte. Sein Gesicht war bleich, und seine Hand zitterte.
Bruder Theobald, faltete die Hände vor der Brust und sprach: „Lasset uns beten, auf dass der Schutz des Herrn auf uns niederfahren wird.“
Philipp schloss die Augen und legte die Hände zum Gebet zusammen. Er flehte, dass alle seine Freunde in Furtenblick nicht Opfer des nächsten Mordes werden würden.

Katharina war mit der Sonne aufgestanden. Sie hatte sich bei Dietz verabschiedet und ihn gebeten, dem Vogt ihren Dank für die Gastfreundschaft auszurichten. Als sie das Gut verließ und den Weg nach Furtenblick einschlug, dachte sie über das gestrige Gespräch nach. Möglicherweise hatte Bredelin nur aus reiner Gier gehandelt, aber warum hatte er dann etwas so offensichtliches wie Gift verwendet? Selbst wenn Lukas und sein Schwiegervater gestorben wären, hätte die Tochter alles geerbt. Oder hatte er wirklich geglaubt, dass er mit diesem Mord davongekommen und Herlinde Ommert hätte ehelichen können?
Was hatte es sich mit dem Kind und der Frau auf sich? Lebten sie noch in Furtenblick? Wer war die Frau, die Bredelin heiraten wollte?
Sie hatte in ihrer Jugend nur wenig mit ihm zu tun gehabt, weil er zu den Bessergestellten gehört hatte, aber die wenigen Erinnerungen an Bredelin passten nicht zum Bild eines heimtückischen Giftmörders. Er war ehrgeizig gewesen, vielleicht auch verbissen, aber hätten ihn ein paar Hektar Weinland verleitet, eine solche Tat zu vollbringen?
Katharina schürzte nachdenklich die Lippen. Das Gespräch mit dem Vogt hatte ihr viel Neues gebracht, aber am Ende kehrte sie mit mehr Fragen zurück, als sie mitgebracht hatte. Sie musste mehr über die Vergangenheit Bredelins herausfinden. Vielleicht verstand sie dann, was ihn zu dieser Tat getrieben hatte. Dann würde sie auch den Mörder finden.

Volmar kam mit Philipp vom Friedhof und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich mach mich gleich zum Feld auf“, verabschiedete sich Philipp vom Holzfäller. „Wir sehen uns heute Abend in der Furt“, rief er ihm noch nach. Volmar wollte sich auf den Weg nach Hause machen, als er ein paar Leute bei Bürgermeister Rump stehen sah, die gestenreich diskutierten. Mit ungutem Gefühl ging er näher.
„Was gedenkt Ihr gegen den Mörder zu tun, Bürgermeister?“, hörte er Willems raue Stimme.
„Ich habe den Vogt informiert“, antwortete Frederich eingeschüchtert. „Er hat uns versprochen etwas zu unternehmen und …“
„… bis dahin läuft der Mörder frei herum.“
„Ich dachte, für die Taten waren Dämonen verantwortlich?“, warf Volmar ein.
„Spar dir deinen Spott, Holzfäller. Du hast gesehen, was meiner Mutter passiert ist.“
„Dafür, dass sie verhext wurde, ist sie wieder schnell auf den Beinen gewesen“, gab er bissig zurück.
„Es war dein Zögling, der das Unglück auf uns heraufbeschworen hat“, schrie Willem und deutete mit dem Finger auf Volmar.
„Blödsinn“, unterbrach ihn der Holzfäller erbost. „Erstens war Ubald nicht mein Zögling, und er hat deine Mutter nicht verhext. Der Junge hat auch nichts mit den Morden zu tun.“
„Woher willst du das wissen? Wir haben keine Ahnung wo er ist. Vielleicht streift er da draußen durch die Wälder und wartete schon auf sein nächstes Opfer. Wer weiß, was der Wahnsinnige noch vorhat.“
„Der einzig Wahnsinnige bist du, Willem. Im Gegensatz zu dir, hat Ubald noch keine Baracke angesteckt.“
„Das war der Hort des Teufels“, hielt ihm der Schmied entgegen. „Seit die Baracke nicht mehr steht, ist meine Mutter vom Bann des Bösen befreit.“
„Bewahrt die Ruhe“, ging Frederich dazwischen. „Mir machen die Morde auch Angst, aber wir können nichts anderes tun, als wachsam zu bleiben und auf Gott zu vertrauen.“
„Ihr könntet die Bürger Furtenblicks auffordern, mir bei der Suche nach Ubald zu helfen“, schlug Willem vor. „Der Bastard versteckt sich irgendwo und schärft seine Axt.“
„Und was willst du machen, wenn wir ihn finden?“, fragte Volmar.
„Dann sorge ich dafür, dass er niemand mehr umbringen kann“, antwortete Willem und zog mit dem Daumen über seinen Hals. „Um Rudolf tut es mit nicht leid, aber Lukas Kolf hat es verdient, dass man seinen Tod rächt.“
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass Ubald sich an den Wachen vorbeigeschlichen hat, ins Haus eingedrungen ist, Lukas getötet und seinen Leichnam zum Marktplatz getragen hat, ohne dass ihn jemand gesehen hat.“
„Der Dämon in ihm hat ihn unsichtbar gemacht.“
„Das ist doch irr“, fuhr Volmar auf.
„Unterschätzt nicht die Macht Satans“, sagte Bruder Theobald, der zu der Gruppe hinzugestoßen war. „Er ist der Meister der Verstellung und der Tücke. Er verleitete die Schwachen zu Taten, die man ihnen nicht zugetraut hätte.“
Er griff seine Beerdigungs-Predigt wieder auf und begann das sündige Leben in Furtenblick anzumahnen. Doch Volmar hatte sich bereits abgewandt. Er musste diesem Irrsinn entfliehen. Sehnsüchtig richtete er seinen Blick nach Osten.
„Gott sei Dank, dass du nicht mehr hier bist“, sagte er leise. Er wusste, dass sein kräftiger Freund jetzt Bäume schlug, und der Gedanke daran lies ihn lächeln. Heute Abend würden Philipp und er einen Krug auf ihn trinken.

Philipp war vom Feld auf dem Weg nach Hause, als Katharina die Straße vom Marktplatz hoch kam. Er atmete beruhigt aus, als er sie sah. Er hatte sich die ganze Nacht Sorgen gemacht. Selbst auf dem Feld hatte er seine Unruhe gespürt. Er nahm seine Schaufel von der Schulter und wartete, bis Katharina bei ihm war.
„Wie war dein Ausflug zum Vogt?“, fragte Philipp interessiert.
„Ich bin müde vom langen Weg“, sagte sie atemlos, „aber der Vogt hat mich sehr freundlich aufgenommen.“
„Weißt du mehr über den Prozess?“
„Ein wenig“, sagte Katharina zögerlich, „doch nicht so viel, wie ich mir eigentlich gewünscht hatte. Aber der Vogt hat mich auf eine Idee gebracht.“
Philipp seufzte. Katharina auf Ideen zu bringen war keine gute Idee, dachte er bei sich und musste über sein Wortspiel schmunzeln. „Auf welche Idee?“
„Der Vogt erwähnte, dass Bredelin um Gnade gebettelt hatte, weil eine Frau sein Kind erwartete.“
„Bredelin hatte ein Kind? Hier in Furtenblick?“
Katharina zuckte die Schultern. „Ich bin mir nicht sicher. Wenn bekannt geworden wäre, dass Bredelin eine Geliebte gehabt hätte, die ein Kind von ihm erwarten würde, hätte sich das herumgesprochen. Entweder hat er gelogen oder die Frau hat das Kind heimlich bekommen und den Vater verschwiegen. Auf jeden Fall wohnt in Furtenblick niemand mit Namen Arken.“
„Das ist schon mehr als zwanzig Jahre her. Willst du jeden Mann und jede Frau in dem Alter fragen, ob ihr Vater Bredelin Arken war?“
„Sei nicht albern, Philipp. Ich werde jemanden aufsuchen, der Bredelin kannte. Einen Nachbarn aus dieser Zeit.“
„Die Dorfbewohner sind vom Johannis-Fest noch immer aufgewühlt und ängstlich. Du müsstest mal sehen, wie wenige Leute abends das Wirtshaus besuchen. Die Morde haben das nicht besser gemacht. Viele glauben, dass alleine das Reden über den Fluch das Unglück auf sie lenkt.“
„Ich werde zu jemandem gehen, der nur wenig auf solchen abergläubischen Unsinn gibt.“
„Wen?“
„Therese.“
„Die alte Näherin?“
Katharina nickte. „Sie hat nur zwei Häuser weiter von Bredelin gewohnt und ihm manchmal etwas geschneidert. Vielleicht kann sie mir helfen.“
„Na dann, viel Erfolg.“
Katharina nickte ihm zu und ging dann weiter. „Bis heute Abend“, sagte sie.
Philipp sah ihr nach, bis sie um eine Biegung verschwunden war. Dann ging er nach Hause. Er war gespannte, was sie herausfinden würde.

Therese saß auf einem Stuhl vor der Tür. Eine Katze lag zu ihren Füßen und schmiegte ihren Kopf an ihr Bein. Die alte Frau war in ihre Näharbeit versunken. Ihre grauen Haare waren noch oben gesteckt. Ihr faltiges Gesicht war in Konzentration angespannt.
„Hallo Therese“, sagt Katharina und kam näher.
Die Angesprochene hob träge den Kopf und kniff die Augen zusammen. Sie konnte nicht mehr gut sehen und war etwas schwerhörig, aber ihr Verstand war noch wach.
„Ah, Katharina“, antwortete sie, ohne mit dem Nähen aufzuhören. „Schön dich zu sehen. Wie geht es Loretta und der kleinen Kethe?“
„Meiner Tochter und meinem Enkel geht es gut. Kethe hält ihre Eltern auf Trab.“
„Ah, ganz die Großmutter“, bemerkte Therese und kicherte. „Hol dir doch einen Schemel aus dem Haus. Dann können wir plaudern.“
„Ein andermal. Ich wollte dich nur etwas über Bredelin Arken fragen.“
„Das ist keine gutes Thema für einen Mittagsplausch“, flüsterte Therese und blickte sich misstrauisch um. „Schon vor zwanzig Jahren hat man seinen Namen nur flüsternd ausgesprochen. Der Fluch auf dem Dorffest hat manch gestandenen Mann zu einem zitternden Kalb werden lassen.“
„Ich weiß, aber deshalb komme ich zu dir. Du warst nie sehr abergläubig.“
Therese schien einen Moment über die Worte Katharinas nachzudenken. Dann hob sie den Kopf und straffte die Schultern, als würde ihr das Kompliment gefallen.
„Was willst du wissen?“, fragte sie.
„Kannst du dich überhaupt noch an Bredelin Arken erinnern?“
„Ich bin alt, aber nicht geistesschwach. Natürlich kann ich mich Bredelin erinnern.“ Sie hörte mit dem Nähen auf. „Bredelin war ein arbeitsamer, anständiger Mann. Ich mochte ihn sehr. Er war schmerzhaft für mich, als ich von dem Giftmord hörte.“ Ihr Gesicht verzog sich in Bedauern. „War es wirklich Bredelin, der uns auf dem Dorffest verflucht hat und dann in den Fluss gesprungen ist?“
„Ich fürchte, ja.“
Therese schüttelte den Kopf. „Was hat ihn zu dieser Tat getrieben?“
„Er hat immer behauptet, dass er unschuldig war“, erklärte Katharina.
„Ich habe es anfangs auch nicht wahr haben wollen, aber der als der Vogt die Einzelheiten des Giftmords erzählt hatte, habe selbst ich nicht mehr an seine Unschuld geglaubt. Dass sich seine Freunde von ihm abgewandt haben, war für ihn schlimmer, als der Kerker“, sagte Therese. „Nach diesem Tag, hat keiner mehr mit ihm gesprochen.“
„Wer waren seine Freunde?“
„Er war beliebt. Abends hat er oft die Furt besucht, um zu würfeln. Er war nicht gerne alleine.“
„Mit wem hat er gewürfelt?“
„Schwer zu sagen. Bredelin hatte öfters Besuch. Winand, der Bäcker, und Volmar waren öfter bei ihm. Meist hat er sie eingeladen, um seinen neuen Wein zu kosten.“
Katharina schürzte nachdenklich die Lippen. Schon wieder fiel Volmars Namen. Sie kannte ihn schon so lange und würde ihm ihr Leben anvertrauen, aber sie musste mit ihm reden.
„Hatte Bredelin eine Geliebte oder eine Frau, der er den Hof gemacht hat?“
Therese schloss die Augen und verharrte einen Augenblick regungslos. „Es gab da eine Frau, die er ab und zu besuchte. Sie war etwa sein Alter, und sie kannten sich schon seit der Kinderheit. Bredelin war immer sehr diskret, daher kann ich dir nicht sagen, ob sie eine Liebelei hatten.“
„Weißt du ihren Namen?“
„Ich sehe sie vor mir. Lange braune Haare und ein schüchternes Lächeln. Ich glaube sie hieß Mechthild.“
„Wie weiter?“
„Hab ich vergessen. Ich weiß nur noch, dass sie im Haus neben der Bäckerei wohnte.“
„Bei den Lichbergs?“, fragte Katharina. Sie konnte sich an die Familie erinnern, weil die Frau beim Dorffest am Kuchenstand ausgeholfen hatte.
„So hieß sie! Mechthild Lichberg.“
„Die Lichbergs leben schon lange nicht mehr in Furtenblick. Sie sind eines Tages einfach weitergezogen.“
Therese nickte. „Sie sind kurz nach dem Giftmord aus Furtenblick weg. Mechthild, ihre Mutter und ihr Vater.“
„Weißt du wohin?“
„Keine Ahnung, Katharina. Ich weiß nur, dass Mechthilds Mutter aus Hainengrund stammt. Ich kann dir nicht sagen, ob sie dahin zurückgegangen oder woanders hingezogen sind.“
Katharina dachte nach. Hainengrund war nicht weit von Furtenblick entfernt. Auch wenn die Lichbergs nicht dorthin zurückgekehrt sind, gab es vielleicht noch Verwandte, die wussten, wo sie waren.
„Vielen Dank für die Hilfe“, sagte Katharina und drückte die Hand der alten Frau. „Ich verspreche, dass ich bald mit mehr Zeit wieder zurückkommen. Dann bringe ich auch einen Kuchen mit und du kannst uns einen Kräutertrunk aufkochen.“
„Deinen Kuchen habe ich immer gemocht“, sagte Therese anerkennend. „Warte nicht zu lange damit.“
„Versprochen.“ Dann drehte sie sich um und ging nach Hause.
„Katharina“, rief ihr Therese nach.
„Ja“, antwortete sie und wandte sich nochmals der alten Frau zu.
„Pass auf dich auf“, sagte sie besorgt. „Aberglaube hin oder her. Die ganze Sache gefällt mir nicht. Das ist etwas anderes, als eine gestohlene Kuh.“
Katharina versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber sie spürte, wie sie von der Sorge der Frau ergriffen wurde. Die Worte Thereses würden ihr lange nicht mehr aus dem Kopf gehen, denn noch immer streifte ein Mörder durch Furtenblick.

Philipp stopfte sich einen Löffel Bohnen in den Mund und kaute genüsslich. Auch wenn das Essen bei Loretta gestern gut war, so hatte ihre Mutter doch mehr Gefühl. Einzig die Wirtsfrau Ida konnte ähnlich gut kochen. Er machte sich gerade wieder den Löffel voll, als sein Blick auf Katharina fiel, die müde auf ihren Teller starrte. Sie wirkte, als würde sie jeden Moment im Sitzen einnicken.
„Du solltest dich schlafen legen.“
Katharina schreckte wie aus einem Dämmer auf. „Das mache ich auch, sobald wir gegessen haben.“
„Vielleicht solltest du nicht mehr so lange Spaziergänge machen.“
„Eigentlich hast du Recht“, antwortete sie und rieb sich müde die Augen, „aber ich muss morgen nach Hainengrund.“
„Nach Hainengrund?“
Katharina winkte ab, als wollte sie nicht weiter darüber reden. „Ich will nur eine alte Freundin besuchen, die früher einmal in Furtenblick gewohnt hat.“
Philipp runzelte die Stirn. Wenn Katharina müde war, schwand ihre Fähigkeit zur Lüge. Er war sicher, dass der Spaziergang nach Hainengrund etwas mit Bredelin zu tun hatte, aber er sagte nichts weiter dazu, da er sie sowieso nicht davon abhalten hätte können. Außerdem lag das Dorf nicht weit von Furtenblick entfernt, so dass sie nicht übernachten musste.
Es war offensichtlich, dass Katharina sich nur aus Höflichkeit ihm gegenüber noch wachhielt, daher beeilte er sich mit dem Essen, damit sie endlich Schlaf finden konnte. Morgen Abend wäre immer noch Zeit zum reden.
„Danke für das Essen, Katharina“, sagte er und stand auf. „Ich lege mich auch schlafen. Gute Nacht.“
„Gute Nacht, Philipp“, antwortete Katharina und erhob sich. Sie räumte gähnend die Teller ab, während Philipp nach Hause ging. Er war gespannt, was sie in Hainengrund machen würde.

Es wurde bald Mittag. Katharina war noch immer müde. Sie hatte länger geschlafen und erst spät das Frühstück gemacht, aber die Reise zum Vogt steckte ihr noch immer in den Knochen. Glücklicherweise hatte Philipp nichts mehr über ihren Spaziergang nach Hainengrund wissen wollen, denn er machte sich schon Sorgen, wenn sie bei Einbruch der Nacht in den Wald ging.
Den ganzen Weg zum Nachbardorf hatte sie sich nach ihrem Bett gesehnt. Vor ihr erstreckten sich die Häuser von Hainengrund. Sie ging den unebenen Weg ins Dorf hinein. Die vielen Schlaglöcher und die schief gebauten Dächer machten ihr bewusst, wie wohlhabend Furtenblick war. Die Kleider der Bewohner waren schmutziger, die Schuhe abgetragener, und die Gesichter drückten weniger Zufriedenheit aus.
Mit jedem Schritt wurde sie unruhiger. Die wenigen Bürger, denen sie begegnete, zeigten keine offene Feindschaft, aber sie spürte die misstrauischen Blicke der Leute in ihrem Rücken. Es war eine düstere Atmosphäre, die nur wenig Herzlichkeit zuließ.
Sie überlegte, wen sie nach Mechthild Lichberg fragen sollte, als ihr eine ältere Frau auffiel, die in ihrem kümmerlichen Garten Bohnen erntete. Auch wenn es viele Jahre her war, kam sie Katharina vertraut vor. Es war Christine Lichberg, die Mutter von Mechthild. Ihre langen grauen Haare fielen ihr ungekämmt über den Rücken. Ihr Kleid war schmutzig und mit Stoffresten geflickt. Die Lippen ihres hageren Gesichtes waren konzentriert zusammengepresst.
„Hallo Christine“, sagte Katharina und ging zu ihr hinüber. Die Frau richtete sich auf und blickte sie argwöhnisch an.
„Ich bin Katharina aus Furtenblick“, fuhr sie fort. „Wir haben beim Dorffest Kuchen verkauft.“
„Ah, Katharina“, sagte sie mit dünner Stimme. Ihre misstrauische Haltung wurde entspannter. „Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Was führt dich nach Hainengrund?“
„Mehr oder weniger nur Zufall. Ich bin eigentlich nur auf der Weiterreise“, log sie, „aber da habe ich dich gesehen. Wie geht es dir?“
„Das Leben ist nicht leichter geworden seit mein Burckhart verstorben ist“, sagte sie bedauernd.
„Das tut mir leid zu hören.“
„Es wird schon gehen“, sagte Christine und winkte ab. Sie kam einen Schritt näher. „Stimmt es, dass ein Dämon beim letzten Furtenblicker Dorffest erschienen ist und alles verwüstet hat?“, flüsterte sie.
„Das war kein Dämon, sondern nur ein Verrückter“, antwortete Katharina und wunderte sich, warum sie ebenfalls flüsterte. „Der hat nur irgendetwas Unverständliches geschrien und sich dann in den Fluss gestürzt.“ Sie hatte lange überlegt, wie sie dieses Gespräch angehen sollte, sich dann entschlossen den Namen Bredelin Arken aber nicht zu erwähnen.
Christine bekreuzigte sich. „Der Freitod eines Menschen zieht immer auch anderes Böse an. Selbst bei uns treibt etwas sein Unwesen.“
„Was meinst du damit?“
Christine kam näher, bis sich ihre Köpfe fast berührten. „Am Tag vor dem Dorffest bin ich spät aus dem Wald gekommen. Mein Weg hat mich am Friedhof vorbeigeführt. Normalerweise schaue ich nicht hinein, aber an dem Abend habe ich jemand umherstreifen sehen. Ich konnte nicht gut erkennen, wer es war, weil er einen dunklen Mantel umhatte, aber ich schwöre dir, es war niemand aus Hainengrund. Ich bin stehengeblieben und habe ihn beobachtet. Erst war er ruhig und schien etwas zu suchen. Dann blieb er plötzlich stehen und fing zu schreien an, als würde ihm das Herz bei lebendigem Leib herausgerissen werden. Er ging auf die Knie und hämmerte mit den Fäusten auf die Erde.“
„Hat er das Grab geschändet?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe es mit der Angst zu tun bekommen und bin nach Hause gerannt. Das Schreien war bis zum Dorf zu hören gewesen. Ich habe die Tür verriegelt, die Fenster geschlossen und mich unter meiner Decke verkrochen.“
Christine blickte die Straße entlang, als wollte sie sichergehen, dass niemand lauschen konnte. Dann flüsterte sie weiter.
„Erst am nächsten Morgen habe ich mich wieder hinausgetraut. Die Neugier war stärker als meine Angst, also habe ich mein Kruzifix genommen und bin an die Stelle gegangen, an der ich in der Nacht die Gestalt gesehen habe.“
„Was war dort?“
„Es war das Grab von meinem Burckhart.“
„Von deinem Mann?“, fragte Katharina überrascht. „Was wollte die Person denn dort?“
Christine zuckte die Achseln, senkte aber den Boden, als verheimlichte sie etwas. Katharina war nicht sicher, was sie weitergehen sollte. Wenn sie zu neugierig erschien, würde ihre alte Bekannte misstrauisch werden und nichts weitererzählen. Plötzlich fiel ihr auf, dass niemand außer Christine hier zu wohnen schien. Die Hütte wirkte heruntergekommen und gerade groß genug für eine Person. Vielleicht war ihre Tochter schon wieder weggezogen, aber wenn der Mann Bredelin gewesen war, dann gab es nur einen Grund, warum er auf dem Friedhof zu schreien angefangen hatte.
„Ist dort nur dein Mann begraben oder liegen dort noch andere Tote?“
Christine seufzte und schien unsicher zu sein, ob sie darauf antworten sollte. „Meine Mechthild und ihr Kind haben dort auch ihre letzte Ruhe gefunden“, sagte sie mit schwerer Stimme.
„Deine Tochter ist gestorben?“
Die alte Frau nickte. „Das ist schon viele Jahre her, aber sie fehlt mir immer noch.“
„Was ist passiert?“
Christine hatte Mühe ihre Tränen zurückzuhalten. „Es ist mehr als zwanzig Jahre her, dass wir aus Furtenblick weggegangen sind. Hast du dich je gefragt, warum wir das getan haben?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Ihr wart eines Tages einfach weg. Niemand wusste wohin Ihr gegangen wart.“
„Wir haben Furtenblick gemocht, aber Mechthild hat sich in den falschen Mann verliebt.“
„In wen?“
„In Bredelin Arken“, sagte sie leise. „Wir hielten es immer nur für eine Schwärmerei, aber irgendwann kam sie überglücklich nach Hause. Sie erzählte uns, dass sie ein Kind erwarten und bald heiraten würde. Das war zwei Tage bevor Heinrich Ommert von Bredelin vergiftet worden war.“
Christine schloss kurz die Augen, als würden ihr die Gedanken an diese Zeit immer noch Kummer machen. „Im Moment, als Bredelin mit der Kutsche nach Heidelberg gebracht worden war, war uns klar geworden, dass wir nicht mehr in Furtenblick bleiben konnten. Unsere Tochter trug das Kind eines Giftmörders unter ihrem Herzen, also bauten wir die Hütte meiner Eltern wieder auf und schafften des Nachts unsere Habseligkeiten nach Hainengrund. Wir erzählten niemanden von unserer Abreise und verschwanden ohne Gruß. Wir wollten hier ein neues Leben aufbauen. Burckhart liebte seine Tochter, und er versprach ihr, dass er sich um sie kümmern würde, auch wenn sie keinen Mann für ihr Kind hätte, aber da war es schon zu spät gewesen. Mit der Verurteilung von Bredelin hatte Mechthild jeden Lebensmut verloren.“
Christine wischte sich eine Träne aus den Augen. „Schließlich kam das Kind zur Welt. Wir ließen es taufen und gaben ihr den Namen Marie. Wir hofften, dass die Geburt ihres Kindes Mechthild wieder mehr Lebensmut geben würde, aber auch das half nicht. Sie sprach kaum noch und musste fast zum Essen gezwungen werden.
Nur ein Jahr später fanden wir sie morgens tot auf ihrer Pritsche liegen. Das Kind lag bei ihr und hatte auch aufgehört zu atmen, fast als hätten sich beide entschlossen diese Welt zu verlassen.“
Als Christine mit ihrer Erzählung geendet schwiegen die beiden Frauen lange. Katharina hatte der Tod ihres Mannes schwer getroffen, aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie schlimm es sein musste, Tochter und Enkel zu verlieren. Sie legte tröstend die Hand auf Christines Schulter. Nichts was sie hätte sagen können, würde diesen Schmerz lindern.
Katharina blieb noch lange bei ihrer alten Freundin und lauschte ihren Worten, fast wie früher auf dem Dorffest, als die Welt noch nicht so dunkel erschienen war.

Philipp hatte seine Feldarbeit für heute erledigt. Er musste noch etwas Holz hacken, wollte aber noch kurz bei Albrecht vorbeischauen und einen Krug trinken. Frederich kam ihm entgegen, doch seine sonst so frohgestimmte Laune war wie weggeblasen. Sein Blick war ernst, und er sah sich immer wieder ängstlich um.
„Guten Tag, Herr Bürgermeister“, grüßte Philipp.
„Hallo“, antwortete Frederich kurz.
„Sehen wir uns nachher beim würfeln?“
„Um Gottes willen, nein“, fuhr Frederich auf, als hätte Philipp ihm vorgeschlagen im Fluss schwimmen zu gehen. „Wart Ihr nicht bei der Beerdigung von Lukas Kolf?“
„Doch, aber ich verstehe nicht …“
„Habt Ihr nicht die Worte von Bruder Theobald vernommen? Er hat uns ermahnt ein gottgefälligeres Leben zu führen. Nur so können wir das Böse bekämpfen.“ Frederich packte Philipp am Arm. „Das Trinken und das Würfeln muss aufhören. Dann verwehren wir dem Satan den Zugang in unsere Herzen. Vielleicht erspart uns der Herr dann einen weiteren Mord.“
Philipp fehlten die Worte. Er hatte Frederich noch nie so erlebt. Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Hände drückten schmerzhaft Philipps Arm. Frederich ließ von ihm ab und ging einen Schritt zurück. Er schien selbst überrascht zu sein, dass er die Fassung verloren hatte. Dann bekreuzigte er sich hastig.
„Heute Abend hat Bruder Theobald eine Zusammenkunft in der Kirche angemahnt. Es wäre besser für dich, wenn du das Würfelspiel ausfallen lässt und dich dorthin begibst.“
Frederich sah Philipp nochmals eindringlich in die Augen, bevor er weiterging. Philipp benötigte einen Moment, bis sich seine Verwirrung gelegt hatte. Dann machte er sich auf den Nachhauseweg. Die Lust auf ein Bier war ihm vergangen.

Katharina sah Philipp in seinem Garten. Er hatte seine Jacke ausgezogen und hackte Holz. Schweiß stand auf seiner Stirn und sein Gesicht war gerötet. Die Axt wirkte fast klein in seinen Händen. Wie immer spaltete er die Scheite mit einem schnellen Schlag, doch heute schien sich ein wenig Wut in jeden seiner Hiebe zu mischen. Der Stapel neben ihm musste schon fast ein Klafter hoch sein. Zwischen zwei Schlägen bemerkte Katharina. Er legte seine Axt ab und ging ihr entgegen.
„Wie war es in Hainengrund?“, fragte er neugierig. Er war ein wenig außer Atem.
„Ich habe Christine Lichberg getroffen. Wir kennen uns noch von früher. Sie hat mir alles erzählt. Jetzt verstehe ich Bredelins Verzweiflung.
Bredelin hatte tatsächlich eine Geliebte. Es war Mechthild Lichberg, die Tochter von Christine. Sie erwartete ein Kind von ihm. Bredelin wollte sie heiraten, aber dann wurde er des Giftmordes schuldig gesprochen und ins Gefängnis geworfen.“
„Was geschah mit Mechthild?“
„Die Lichbergs konnten die Schmach nicht ertragen, dass ihre einzige Tochter ein uneheliches Kind von einem verurteilten Mörder erwartete, daher sind sie eines Nachts aus Furtenblick verschwunden. Mechthild erholte sich nie von dem Schock und verlor ihren Lebensmut. Kurz nach der Geburt ihres Kindes verstarben beide.“
„Mein Gott“, flüsterte Philipp und bekreuzigte sich.
„Kurz vor dem Dorffest hat Christine eine Gestalt auf dem Friedhof gesehen. Ich denke, dass es Bredelin war. Als er das Grab von Mechthild und seinem Kind erblickt hatte, wurde er von Verzweiflung gepackt. Er muss so laut geschrien haben, dass man es bis nach Hainengrund gehört hat.“
„Kein Wunder, dass er so verbittert gewesen war. Er war nach mehr als zwanzig Jahren aus dem Gefängnis gekommen und hatte gehofft seine Frau und, zum ersten Mal in seinem Leben, sein Kind zu sehen. Vielleicht hatte er sich die ganzen Jahre auf diesen Moment gefreut, nur um zu erkennen, dass er allein war und dass all seine Hoffnung auf ein Widersehen vergebens war.“
Katharina nickte. „Sein Leben hatte seinen Sinn verloren. Bredelins Familie hatte ihn verstoßen. Seine Freunde hatten ihn verlassen. Seine Frau und sein Kind waren tot. Auch wenn ich es nicht gutheiße, was auf dem Dorffest passiert ist, so kann ich nachfühlen, warum Bredelin die Menschen in Furtenblick verflucht hat.“
„Aber wer hat dann Rudolf Eigbrod und Lukas Kolf ermordet?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Katharina. „Vielleicht machte sich jemand den Fluch zunutze, um die beiden zu töten.“
„Hatte Mechthild noch einen Bruder, der sich für die Schmach seiner Schwester rächen könnte?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Mechthild war das einzige Kind der Lichbergs. Auch ihr Vater ist schon tot und Christine wäre nicht in der Lage eine solche Tat zu begehen.“
„Vielleicht ist doch ein ehemaliger Freund von Bredelin oder ein Verwandter, der noch immer zu ihm stand.“
„Ich weiß es nicht“, wiederholte Katharina niedergeschlagen. „Ich muss noch mehr über Bredelin und den Giftmord erfahren. Ich habe noch immer das Gefühl, als würde ich das Wesentliche übersehen.“
Die Glocken begannen zu läuten. Katharina sah überrascht zur Kirche.
„Bruder Theobald hat heute einen Gottesdienst angesetzt“, erklärte Philipp. „Er möchte den Glauben der Bürger stärken.“
Katharina schloss kurz die Augen. Sie hätte wissen müssen, dass Bruder Theobald die Angst der Menschen ausnutzen würde, um sie in die Kirche zu treiben. Sie wollte gerade eine gehässige Bemerkung machen, als sie Philipps Unruhe spürte. „Du willst doch nicht in die Kirche gehen?“
Philipp wrang seine Hände. „Warum nicht?“
„Weil Bruder Theobald nichts anderes machen wird, als allen die Schuld für den Tod von Lukas Kolf zu geben. Der alte Mann ist verärgert, weil er seinen großzügigsten Wohltäter verloren hat. Jetzt sucht er jemanden, dem er die Schuld geben kann.“
„Aber was, wenn es wirklich ein Fluch ist?“, fragte der große Mann leise. „Du kannst dir doch auch nicht erklären, wer die beiden Männer umgebracht hat und warum.“
Katharina seufzte. Sie mochte Philipp, aber in Momenten wie diesen war sie der Verzweiflung nahe. Warum war er nur so abergläubisch und ließ sich so leicht einschüchtern?
„Geh in die Kirche“, sagte sie gleichmütig. Sie war zu müde, um zu streiten. „Ich mache das Abendessen und warte auf dich, bis Bruder Theobald seine Predigt gehalten hat.“
Philipp lächelte erleichtert. Dann holte er seine Jacke und machte sich auf den Weg zur Kirche. Katharina ging dann Hause. In ihrer Hütte angekommen beobachtete sie vom Fenster aus, wie die Menschen zur Kirche strömten. Außer ihr, würde niemand die Messe verpassen wollen. Manchmal wünschte sie sich, dass sie wieder ihren Frieden mit Gott finden würde, aber solange Bruder Theobald in Furtenblick predigte, würde sie der Kirche fernbleiben.
Sie nahm einen Weißkohl aus ihrer Kammer und begann die Blätter abzuzupfen, als sie eine Idee hatte. Wenn alle Bürger in der Kirche waren, könnte der Mörder das vielleicht nutzen, um sich in Furtenblick umzusehen. Möglicherweise würde er das Haus seines nächsten Opfers ausspähen.
Katharina legte sich einen Umhang um die Schulter und ging hinaus. Die Straßen waren leer. Die Glocken verklangen, während sich der Abend über das Dorf senkte. Das Rot der untergehenden Sonne trübte die Umgebung. Bald würde es dunkel sein. Katharina hielt sich in den schmalen Gassen, ging am Wirtshaus vorbei und stellte sich an eine Hausecke, von der sie den Marktplatz und die Kirche im Auge behalten konnte. Sie ließ ihren Blick über den freien Platz schweifen, als ihr eine Gestalt vor der Kirche auffiel. Sie stand ein Schritt vor den Treppen zum Portal. Katharina erkannte den Mann und ging näher.
„Volmar?“, fragte sie verwundert. Der Holzfäller drehte sich zu ihr um. Sein Blick war abwesend, als würde er nicht wissen, wo er war. „Geht es dir gut? Warum gehst du nicht in die Kirche?“
„Ich schäme mich “, antwortete er.
„Du schämst dich? Warum?“
„Weil ich bei der Beerdigung von Lukas Kolf die ganze Zeit gelächelt habe und froh bin, dass er tot ist.“ Er wandte sich wieder zur Kirche. „Meine Mutter hat immer gesagt, dass man nicht schlecht über die Toten reden darf. Sonst suchen sie einem heim und martern dich.“
Katharina hatte Volmar noch nie so gesehen. Er wirkte, als würde er schlafwandeln. „Ist es wegen Herlinde?“, fragte sie. „Freust du dich deshalb, dass Lukas Kolf tot ist?“
„Herlinde“, flüsterte er leise. „Ich habe diesen Namen schon lange nicht mehr gehört.“
„Du hast sie geliebt?“
„Mehr als mein Leben.“
„Deswegen hast du Lukas Kolf gehasst.“
Er nickte. „Jeden Tag habe ich ihn verflucht und ihm dem Tod gewünscht. Er hatte sie nicht verdient, und ich konnte es nicht ertragen, die beiden zusammen zu sehen.“
Volmar richtete den Blick in die Ferne und seine Augen füllten sich mit Tränen. „Mit ihrem Tod ist auch mein Herz gestorben. Sie war die einzige Frau, die ich je haben wollte.“
Katharina fürchtete sich vor der nächsten Frage. „Hast du Lukas Kolf umgebracht?“
Volmar lächelte schwach. „Jeden Tag habe ich mir vorgestellt, wie ich ihm den Hals umdrehe oder ihm mit meiner Axt den Schädel spalte. Jetzt ist er tot, aber der Schmerz in meiner Brust ist nicht weniger geworden. Ich hatte gehofft, dass sein Tod mir Frieden schenken wird, aber die Erinnerung ist immer noch quälend.“
Der Holzfäller sah ihr in die Augen. „Ich habe ihn nicht getötet. Ich bin zu feige für einen Mord.“
Katharina atmete beruhigt aus. Sie kannte Volmar schon lange. Sie hätte es gemerkt, wenn er sie belogen hätte.
„Wie ein Feigling bist du mir nie vorgekommen.“
„Nur weil ich groß und kräftig bin, heißt das nicht, dass ich ein tapferes Herz habe. Ich hätte zu Herlindes Vater gehen, und ihm die Liebe gestehen müssen.“
„Du kamst aus einfachem Haus und Herlinde …“
„… würde das ganze Gut erben“, ergänzte Volmar. „Ich weiß.“ Er senkte den Kopf. „Aber ich habe es nie versucht. Auch wenn es unwahrscheinlich gewesen wäre, vielleicht hätte er doch ja gesagt. Aber ich war zu feige und so hat er schließlich der Hochzeit mit diesem herzlosen Bastard zugestimmt. Lukas hat sie nie wirklich geliebt.“
Der große Mann begann zu weinen. Er schlug die Hände vor sein Gesicht. Tränen liefen ihm durch die Finger. Katharina legte ihm die Hand auf die Schulter, aber sie wusste, dass es kein Trost war. Bei diesem Schmerz war man immer allein. Sie blieb bei ihm, bis seine Tränen getrocknet waren. Dann wischte er sich über die Augen. In diesem Moment wirkte er alt und gebrochen. All seine Kraft schien mit den Tränen aus ihm herausgeflossen zu sein.
„Ich würde gerne zu Herlindes Grab gehen“, sagte er leise. „Begleitest du mich dorthin? Alleine schaffe ich es nicht.“
„Natürlich“, antwortete Katharina. „Ich wollte sowieso nach Gerlach sehen.“ Sie hakte sie sich bei Volmar ein und ging mit ihm zum Friedhof. Weg von der Kirche und der zornigen Predigt Bruder Theobalds.

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