Die Johannis-Morde – Kapitel 4

Neue Erkenntnisse

Katharina schreckte aus dem Schlaf, als es an der Tür klopfte. Sie stand auf, legte sich müde ein Umhang um die Schulter und ging zur Tür. Sie gähnte herzhaft und sah nach, wer sie schon so früh störte. Vor der Tür stand eine blonde, junge Frau, die ihr sofort um den Hals fiel.
„Mutter“, sagte sie und umarmte Katharina fest. „Ich habe dich vermisst.“
„Na, na, Loretta. So lange wart ihr jetzt auch nicht weg.“ Katharina ließ ihre Tochter hinein und schloss die Tür. „Aber ich freue mich auch, dich wiederzusehen. Willst du etwas essen?“
„Nicht heute“, antwortete sie. „Ich war schon gestern Abend hier, habe dich aber nicht angetroffen. Daher bin ich heute früh aufgestanden, um nach dir zu sehen.“
„Als ihr auf Reisen wart, hat sich einiges ereignet“, sagte Katharina und rieb sich müde die Augen.
„Ich habe schon davon gehört. Vor ein paar Tagen habe ich es noch bedauert, dass wir nicht rechtzeitig zum Dorffest zurück sind, aber jetzt bin ich eigentlich froh.“
„Es war fürchterlich“, sagte Katharina und schüttelte den Kopf. „Aber darüber können wir uns ein anderes Mal unterhalten. Wie war euer Aufenthalt in Frankfurt?“
„Sehr schön“, sagte Loretta begeistert. „Wir hatten eine wundervolle Zeit, und jetzt kenne ich auch den anderen Teil von Sigmunds Verwandten. Frankfurt ist zwar groß und schmutzig, aber es gibt dort so viel zu sehen. Nächstes Jahr werden wir wieder hingehen.“
Katharina gähnte abermals.
„Ich sehe schon, dass du noch Schlaf brauchst, Mutter“, sagte Loretta lächelnd. „Ich muss noch etwas aufräumen, aber ich werde morgen wieder bei dir hereinschauen.“ Die junge Frau stand auf, küsste sie auf die Stirn und ging zur Tür.
Katharina nickte und hob die Hand zum Abschied.
Als ihre Tochter gegangen war streckte sich Katharina. Ein wenig mehr Schlaf hätte ihr gut getan, aber wenn sie schon wach war, könnte sie sich auch anziehen. Sobald sie die Läden aufmachen würde, würde Philipp zum Frühstück herüberkommen. Müde ging sie ins Schlafzimmer und zog sich um. Sie hoffte, dass der heutige Tag ein wenig ruhiger werden würde. Sie sollte sich irren.

Als Philipp das Klappern der Fensterläden hörte, stand er auf. Gewohnheitsmäßig ging er zu einer kleinen Schüssel und rieb sich etwas Wasser ins Gesicht. Das Wasser war kalt und erfrischte ihn. Er zog sein Schlafgewand aus, nahm eine grobe Arbeitshose und ein dunkelbraunes Hemd. Schließlich schlüpfte er in seine Schuhe und glättete mit den Händen seine Haare. Er gähnte, als er aus dem Haus ging und das Grundstück von Katharina betrat. Ohne zu klopfen öffnete er die Tür und ging hinein.
„Guten Morgen, Katharina“, sagte Philipp. Er schloss die Tür und nahm auf einem Stuhl Platz. Der Geruch nach Speck und Eiern erzeugte ein wohliges Gefühl in seinem Bauch. Er bemerkte erst jetzt, wie hungrig er war.
„Guten Morgen, Philipp“, antwortete sie. „Ich hoffe, du hast deinen fehlenden Schlaf nachholen können.“
„Ein paar Stunden mehr wären schön gewesen“, sagte der große Mann. „Aber ich muss heute wieder auf die Felder, daher will ich nicht zu lange liegenbleiben.“
Katharina nahm die Pfanne vom Ofen und schob die Eier und den Speck auf zwei Teller. Philipp nahm den Löffel und begann zu essen. Noch kauend griff er nach dem Brot, riss ein Stück ab und bestrich es mit Butter.
„Was hast du heute vor?“, fragte er Katharina, die gerade den Speck mit einem Messer teilte.
„Ich werde noch mal zum Bürgermeister gehen und ihm Fragen stellen. Vielleicht finde ich etwas über das Gespräch mit ihm und Lukas Kolf heraus. Danach werde ich mich um mein Gemüse kümmern müssen, das ich die letzten Tage vernachlässigt habt. Schließlich will ich noch Loretta sehen, die gestern Abend mit Sigmund aus Frankfurt zurückgekommen ist. Es gibt sicher viel zu erzählen.“
„Grüße sie von mir“, sagte Philipp. Er mochte Loretta. Sie war ebenso klug und hübsch wie ihre Mutter. Gott sei Dank nicht ganz so neugierig und weniger forsch, was ihrem Ehemann sicher recht war.
Philipp aß den Teller leer und widmete sich dem Brot, während Katharina immer noch mit ihrer kleinen Portion beschäftigt war. Als sein Bauch voll war, lehnte er sich zurück und schloss zufrieden die Augen. Auch wenn sie beim Essen nie viel redeten, genoss er diese Zeit. Nach dem Tod seiner Frau hatte er die Gesellschaft bei alltäglichen Dingen wie diesen vermisst. Das Klappern der Teller riss ihn aus seinen Gedanken, und er öffnete die Augen. Katharina räumte das Geschirr ab und legte es neben einen Eimer mit Wasser.
„Ich gehe los, Katharina. Danke für das Frühstück. Wir sehen uns heute Mittag.“
„Bis heute Mittag“, sagte die Frau und hob kurz die Hand. Dann begann sie das Geschirr abzuwaschen.
Philipp ging hinaus und schloss die Tür. Für einen kurzen Moment bedauerte er es, dass er bei dem Gespräch mit dem Bürgermeister nicht dabei sein konnte. Es würde sicher interessant werden, aber die Felder warteten schon, und mit jeder Stunde würde die Erde härter werden. Dann ging er zu seinem Werkzeugschuppen. Er war gespannt was Katharina herausfinden würde.

Katharina machte sich auf den Weg zum Haus des Bürgermeisters, als sie das Dorfoberhaupt aus der Kirche schleichen sah. Katharina vermutete, dass Frederich bei Bruder Theobald gewesen war. Sie hastete in eine kleine Nebengasse und wartete bis der Bürgermeister an ihr vorbeigelaufen kam. Sie hörte den Mann schnaufen, bevor sie ihn kommen sah. Wie zufällig ging sie aus der Gasse heraus und wäre beinahe mit Frederich zusammengestoßen.
„Bürgermeister Rump“, sagte sie überrascht. Der dickliche Mann sprang vor Schreck einen Schritt zur Seite. Anscheinend war er in Gedanken versunken gewesen. Katharina hakte sich bei ihm ein und zog ihn weiter.
„Welch eine glückliche Fügung“, sagte sie strahlend. „Zu Euch habe ich gewollt.“
Frederich gab sich Mühe sein Lächeln aufzusetzen, was ihm aufgrund seiner Nervosität misslang. „Äh, hallo, Frau Volck“, sagte er stotternd. „Was kann ich für Euch tun?“
Frederich hatte sich verändert. Früher hatte er jede Gelegenheit am Schopfe gepackt, sich mit den Leuten zu unterhalten. Die letzten Tage hatte er aber regelrecht Angst zu plaudern, fast als wäre er der Träger eines großen Geheimnisses, das es unbedingt zu schützen galt.
„Gestern war ja ein aufregender Tag“, fuhr Katharina fort. „Und als wir den Toten zu Bruder Theobald gebracht hatten, wollte ich eigentlich nach Hause gehen. Aber ich brauche nicht viel Schlaf, also dachte ich bei mir, ich setze mich noch an eine schöne Stelle, genieße die Ruhe der Nacht und beobachte die Landschaft im Mondschein.“
Frederich schaute argwöhnisch zu ihr hinüber.
„Mein Lieblingsplatz sind die Weinberge von Lukas Kolf. Von dort hat man einen freien Blick…“
„Die Weinberge?“, fuhr Frederich dazwischen. „Warum setzt Ihr Euch nicht auf den Marktplatz oder die Felder? Sie sind viel näher.“
Katharina ärgerte sich, dass sie sich keine bessere Lüge hatte einfallen lassen. „Wie dem auch sei, ich sitze nun mal gerne in den Weinbergen“, sagte sie unwirsch, bevor ihre Stimme wieder einen träumerischen Ausdruck annahm. „Wisst Ihr, wer dort mitten in der Nacht herumgelaufen ist, während ich im Mondschein saß?“
„Nein“, sagte Frederich. Er blickte sich unsicher um, als hätte er Angst belauscht zu werden. „Wer läuft denn nachts in den Weinbergen herum?“
„Ihr“, sagte Katharina lächelnd.
„Pah“, antwortete der Bürgermeister ein wenig zu schnell und winkte ab. „Ich wandere nicht gerne im Dunkeln. Ihr müsst Euch getäuscht haben.“
„Nein. Eure … Statur ist in Furtenblick einmalig.“
Der Bürgermeister schien zu überlegen, ob er gerade beleidigt worden war. „Nein, ich glaube, Ihr täuscht Euch.“
„Aber Bürgermeister. Euer Geheimnis ist bei mir sicher“, sagte sie. „Ihr wart doch bei Lukas Kolf.“
„Mitten in der Nacht?“
„Ganz offensichtlich.“
Frederich wandte sich in ihrem Griff. Er wäre am Liebsten weggelaufen. Mit der freien Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn.
„Ich wollte ja keinem davon erzählen“, flüsterte der dickliche Mann, „aber ich habe Herrn Kolf gebeten uns mit der Bezahlung des Weins noch etwas Zeit zu lassen. Wir haben kaum etwas eingenommen, und die Fässer wurden unter den Füßen der Leute zertrampelt.“
„Wirklich“, sagte Katharina mit gespielter Überraschung. „Ihr habt ihn das mitten in der Nacht gefragt?“
„Nun, es war dringend.“
„Und es hätte nicht bis zum Morgen warten können?“
„Ich, äh, wollte Herrn Kolf sofort informieren.“
„Und sicher hat er sich über den späten Besuch gefreut“, sagte Katharina ironisch.
„Herr Kolf respektiert mich als Bürgermeister.“ Frederich reckte hochmütig den Kopf.
„Aber natürlich tut er das“, ergänzte Katharina sarkastischer, als sie eigentlich vorhatte. „Und was hat Herr Kolf gesagt?“
„Zu was?“, fragte Frederich verwirrt.
„Zu der Stundung der Zahlung für die zerbrochenen Weinfässer.“
„Äh, kein Problem“, winkte der Bürgermeister ab. „Herr Kolf hat sich wegen dieser Sache Sorgen gemacht, daher war er froh, dass er uns helfen kann.“
„Sorgen worüber?“
„Na wegen des Dorffestes.“
„Nicht wegen des Fremden und des Fluchs?“, hakte sie nach.
„Nein“, sagte Frederich bestimmt.
„Dann ist ja alles in Ordnung.“ Katharina lächelte und ließ den Arm des Bürgermeisters los. „Ich danke Euch für Eure Zeit und wünsche Euch noch einen schönen Tag.“
Bevor Frederich eine Erwiderung geben konnte, hatte sich Katharina schon umgedreht und war weitergegangen.
Er log zweifellos, aber sie würde nicht mehr aus ihm herausbekommen. Sie musste sich an den Mann wenden, der am meisten über die Bürger Furtenblicks wusste.

Bruder Theobald hielt sich ein Tuch vor den Mund und lief unruhig um die Kutsche. Zwei kräftige Männer hoben die mit einem zerschlissenen Tuch bedeckte Leiche auf den Wagen und schlossen die Klappe. Der Priester konnte es kaum erwarten, dass der Tote weggebracht wurde. Er hatte das ganze Dorf im Namen Satans verflucht. Theobald bekam noch immer Angst, wenn er daran dachte.
„Fahrt zum alten Kreuzweg und begrabt die Leiche dort“, sagte er und versuchte die Männer zur Eile zu drängen.
„Denkt daran, ihr zuerst den Kopf abzuschlagen und vergrabt ihn getrennt vom Körper.“
„Ja, Bruder Theobald“, antwortete einer der Männer sichtlich gelangweilt. „Wir werden alles so machen, wie Ihr es uns erklärt habt.“
„Das ist wichtig“, sagte der Priester eindringlich. „Sonst kehrt die Leiche wieder und martert die Bevölkerung.“
Die Männer stiegen auf den Kutschbock und fuhren aus dem Hof der Kirche hinaus.
„Und streut das Salz auf das Grab“, rief Bruder Theobald hinterher. Er blickte der Kutsche nach, bis sie nicht mehr zu sehen war. Dann nahm er das Tuch vom Mund und bekreuzigte sich. Dem Herrn sei Dank. Der Tote war weggeschafft.

Katharina wollte gerade in das Wirtshaus gehen, als ein Wagen an ihr vorbeifuhr. Der Gestank, den dieses Gefährt hinter sich her zog, war beißend, daher war es nicht schwer, seine Fracht zu erraten. Sie wandte ihren Blick zur Kirche, in dessen Hof Bruder Theobald der Kutsche angespannt nachblickte. Wahrscheinlich hatte er die ganze Nacht nicht geschlafen, weil er befürchtet hatte, dass sich der Tote erheben und ihn heimsuchen würde. Sie schüttelte den Kopf und ging in das Wirtshaus.
Es war noch früh, daher waren noch keine Gäste im Schankraum. Eine junge Frau fegte den Boden, während ein kräftiger Mann große Becher ausspülte. Er hob den Kopf. „Katharina“, sagte Albrecht. „Schön dich zu sehen, aber ist es nicht ein wenig zu früh für einen Krug Wein?“
Katharina lächelte. „Vielleicht später, aber du könntest mir vielleicht mit einer Auskunft helfen.“
„Worüber?“, fragte Albrecht und tunkte einen Becher in einen Wassereimer.
„Zu dir kommen doch immer die Bedienstenten von Lukas Kolf?“
„Die meisten.“
„Und sicher trinken sie auch manchmal mehr, als ihnen gut tut.“
„Die meisten“, sagte Albrecht und grinste.
„Haben sie gestern etwas über Lukas Kolf gesagt? Dass er sich eigenartig verhält oder ungewöhnlich nervös ist. Irgendetwas in dieser Art?“
Albrecht zog den Becher aus dem Wasser und hielt inne. „Der Koch“, sagte er.
„Der Koch?“, fragte Katharina. „Was ist mit dem Koch?“
Albrecht fuhr mit seiner Arbeit fort. „Emich, der Koch von Lukas Kolf, kommt ab und zu runter und trinkt Bier. Er beschwert sich immer, dass es auf dem Gut nur Wein gibt. Nach dem dritten Bier wird er immer sehr gesprächig und erzählt uns den neusten Klatsch. Gestern war er ungewöhnlich ernst. Er hatte, wie jeden Morgen, Lukas Kolf das Frühstück richten wollen. Als er in das Esszimmer gegangen war, war Lukas nicht am Tisch gesessen, sondern ist unruhig hin und her gelaufen. Irgendetwas hatte ihn aufgeregt oder sogar Angst gemacht. Er hatte ständig ‚er ist zurück’ vor sich hin gemurmelt. Emich hatte Lukas noch nie so erlebt.“
Katharina war wie gebannt. „Hat er einen Namen genannt? Hat er gesagt, wer ‚er’ ist?“
Albrecht hielt wieder kurz mit seiner Arbeit inne und dachte nach. „Ich glaube, er nannte den Namen Bredelin.“
Katharina stockte der Atem. Jetzt verstand sie. Es fügte sich alles zusammen. Sie rief Albrecht ein kurzes ‚Danke’ zu und lief hinaus. Sie musste mit Philipp reden.

Philipp hatte einen langen Stock unter die kleine Wurzel gesteckt und stemmte sich mit seiner ganzen Kraft gegen die zähen Überreste des Baums. Er musste dem Wald noch Feld abgewinnen. Sein Gesicht war gerötet, und er stöhnte vor Anstrengung.
„Es war Bredelin Arken“, rief eine Frauenstimme hinter ihm. Philipp ließ vor Schreck den Stock los, der in hohem Bogen wegflog. Er drehte sich um und sah Katharina auf ihn zugelaufen kommen.
„Mein Gott, Weib, warum erschreckst du mich ständig?“, fragte der große Mann und versuchte sein klopfendes Herz zu beruhigen.
„Der Tote war Bredelin Arken“, sagte sie aufgeregt. „Deshalb war Lukas Kolf so aufgeregt.“
„Jetzt beruhige dich erst einmal. Wer ist Bredelin Arken, und woher weißt du das?“
Katharina sah Philipp einen Moment überrascht an. Dann lächelte sie.
„Ich vergaß, dass du damals noch nicht in Furtenblick warst, Philipp. Bredelin Arken war ein Weinbauer. Vor gut zwanzig Jahren starb einer der reichsten Grundbesitzer der Region, Heinrich Ommert, weil er vergifteten Wein aus der Lese von Bredelin getrunken hatte. Das Gift wurde nicht nur in dem kleinen Fass gefunden, das Heinrich Ommert geliefert wurde, sondern auch in dem gelagerten Wein im Keller Bredelins.“
„Was hat das mit Lukas Kolf zu tun?“, fragte Philipp.
„Lukas Kolf war der Schwiegersohn von Heinrich Ommert und wäre selbst beinahe Opfer des Giftes geworden. Nur sein kräftiger Körperbau und die Tatsache, dass er weniger Wein getrunken hatte, rettete ihm das Leben. Nachdem er wieder gesundet war, hat er im Prozess gegen Bredelin ausgesagt, was dazu geführt hat, dass Bredelin für zweiundzwanzig Jahre ins Gefängnis nach Heidelberg gesteckt wurde.“
„Jetzt verstehe ich, warum er so wütend auf die Bevölkerung Furtenblicks war und sie alle verflucht hat.“
Katharina nickte. „Bredelin hat immer seine Unschuld beteuert und geschworen, dass er die Fässer nicht vergiftet hat.“
„Dafür ist er mit zweiundzwanzig Jahren Gefängnis aber noch gut weggekommen.“
„Die Familie Arken war gut mit dem Vogt befreundet, der das Urteil gesprochen hat. Die milde Strafe hat damals zu Tumulten im Versammlungssaal geführt. Wären die Soldaten nicht gewesen, hätte man Bredelin am nächsten Baum aufgehängt.“
„Hat man je herausgefunden, warum er Gift in den Wein geschüttet hat?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Bredelin und Heinrich Ommert haben sich gut verstanden. Probleme gab es nur zwischen Bredelin und Lukas. Sie hatten unterschiedliche Meinungen den Weinpreis betreffend. Bredelin nannte Lukas einen Ausbeuter, und im Gegenzug bezeichnete Lukas ihn als Wucherer. Einmal trugen sie diesen Streit während des Dorffestes aus, daher haben dies viele für einen Racheakt gehalten, der eigentlich Bredelin gegolten haben soll, aber Heinrich getroffen hat.
Ich habe Bredelin immer gemocht“, fuhr Katharina fort. „Er war ein arbeitsamer und ehrlicher Mann, der eine Zukunft als Winzer hatte. Aber die Beweise gegen ihn waren eindeutig. Es gab kein Zweifel.“
Philipp seufzte. Er musste weiterarbeiten, aber er wollte Katharina auch nicht einfach wegschicken. Vielleicht würde ihm eine kleine Pause gut tun.
„Ich habe noch etwas Brot und getrocknetes Fleisch dabei“, lud er sie ein. „Lass uns unter der alten Kastanie rasten. Dann kannst du mir alles über den Prozess berichten.“
Katharina lächelte, hakte sich bei ihm ein und fing zu erzählen an. Sie wollten sich gerade setzen, als Philipps Blicks über die Häuser des Dorfs schweiften. Von hier oben hatte man eine gute Sicht auf Furtenblick. Einige Bürger kamen auf den Marktplatz gelaufen. Die Gruppe wuchs stetig an. Türen öffneten sich, Fenster wurden aufgerissen. Auch Katharina schien den Auflauf bemerkt zu haben, denn sie blieb unvermittelt stehen.
„Irgendetwas ist passiert“, sagte sie.
„Lass uns ins Dorf zurück gehen“, schlug er vor.
Anfänglich war ihr Lauftempo noch gemächlich, aber mit jedem Schritt wurden sie schneller. Sie hörten das Gemurmel der Leute, noch bevor sie am Marktplatz waren. Katharina hielt es nicht mehr aus und rannte los. Philipp folgte ihr seufzend. Was immer passiert war, es schien nichts Gutes zu sein.

Auf dem Marktplatz war es laut wie beim Dorffest. Die Bürger liefen umher, manche schüttelte den Kopf, andere weinten sogar. Katharina ließ sich von der Unruhe anstecken und wusste nicht, wen sie ansprechen sollte. Dann sah sie Volmar, der anscheinend von der Holzarbeit gekommen war. Er hatte seine Axt noch in den Händen und seine Kleidung war von Baumrinde verschmutzt.
„Was ist hier los?“, fragte sie den kräftigen Holzfäller.
„Wir haben im Wald einen Toten gefunden. Nicht weit vom Fluss, hundert Schritt in den Wald hinein.“
„Wer ist es?“
„Schwer zu sagen. Die Leiche ist völlig entstellt.“
„Was meinst du mit entstellt?“
Volmar rückte etwas näher. „Sein ganzer Körper ist mit Insekten übersäht gewesen“, flüsterte er.
Bevor Katharina etwas erwidern konnte, wurde sie von einem Streitgespräch zwischen dem Bürgermeister und einigen Frauen abgelenkt.
„Warum sagt Ihr uns nicht, wer der Tote ist?“
„Wir wissen es nicht“, versuchte der Bürgermeister zu beruhigen.
„Ist es ein Fremder?“, fragte eine Andere.
„Keine Ahnung. Der Tote war übersäht von Insekten, daher …“
„Der Todesfluch“, schrie eine Frau hysterisch. „Der Fluch hat einen von uns getroffen.“
Katharina gab ein missbilligendes Brummen von sich. Frederich Rump war wahrlich nicht mit Klugheit gesegnet. Die Insekten zu erwähnen war dumm. Der Bürgermeister wollte abwiegeln, aber die Angst der Frau steckte auch die anderen Anwesenden an. Die Stimmen wurden lauter. Katharina fühlte sich an die Panik beim Dorffest erinnert.
Der Bürgermeister plapperte unsicher auf die Frau ein, die in ihrer Furcht gefangen war. Katharina ging zu Frederich und packte ihn am Arm.
„Wollt Ihr nichts unternehmen?“, fuhr sie ihn zornig an.
„Was soll ich denn tun?“, fragte er verwirrt.
„Den Menschen erzählen, dass die Angst vor dem Fluch Blödsinn ist“, schrie sie fast. „Das ist Aberglaube, Bürgermeister. Ein Mann mit Eurer Bildung sollte das wissen.“
Frederich war der Panik nahe, als sich Philipp zwischen die beiden Streitenden schob.
„Verzeiht Bürgermeister. Ihr habt sicher genug mit den ängstlichen Menschen zu tun. Wir wollen Euch nicht länger aufhalten.“ Dann zog er Katharina weg.
„Was soll das?“, fragte sie zornig und riss sich aus seinem Griff.
„Warum lernst du es nicht?“, redete er besänftigend auf sie ein. „Du weißt, dass jede Diskussion mit dem Bürgermeister Zeitverschwendung ist.“
„Frederich ist ein Schwächling und unfähig“, fuhr sie erbost auf. „Da wäre ja ich für dieses Amt besser geeignet.“
„Der Herr möge uns davor bewahren“, murmelte Philipp leise. „Was hast du jetzt vor?“, fragte er.
Sie kaute nachdenklich auf ihrer Lippe und überlegte, ob sie ihren Ärger an Philipp auslassen sollte. Eigentlich hatte er Recht, aber sie hätte den Bürgermeister noch gerne ein wenig zurechtgewiesen. Dann drehte sie sich zu Volmar um.
„Kannst du uns zu dem Toten bringen?“, fragte sie den Holzfäller.
„Ich habe mich schon gefragt, wann du mich danach bittest“, seufzte Volmar. Er deutete mit dem Kopf zum Wald. Hinter sich hörte sie Philipp mürrisch brummen. Gemeinsam ließen sie den Marktplatz hinter sich.

Eine Antwort zu “Die Johannis-Morde – Kapitel 4”

  1. Hallo Alex,
    wie immer ein kleines Feed-Back auf Leserunden.de.
    http://www.leserunden.de/index.php/topic,4010.0.html

    Grüßle Marion (apassionata)

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