Die Johannis-Morde – Kapitel 8

Vergangenheit

Die Glocken riefen zur Zusammenkunft. Der Tag war noch jung, aber bevor die Bürger ihrer Arbeit nachgingen, versammelten sie sich in der Kirche, um von Lukas Kolf Abschied zu nehmen.
Philipp setzte sich in eine der hinteren Reihen und beobachtete das Hereinströmen der Menschen. Vor dem Altar, in sein Priestergewand gekleidet, stand Bruder Theobald und sah mit ernstem Gesicht über die Menge. Er wirkte wie ein zorniger Vater, der seine Kinder gleich tadeln würde. Seine drohende Erscheinung hatte den gewünschten Effekt. Die Bürger kamen leise und mit gesenktem Kopf in die Kirche, als wäre der Mord ihre Schuld gewesen. Keiner sprach ein Wort.
Am Gang zum Altar war ein prachtvoller Holzsarg aufgebahrt, der die sterblichen Überreste von Lukas Kolf enthielt. In der ersten Reihe konnte Philipp die Angestellten des Weinguts erkennen, die schon früh gekommen waren, um sich von ihrem Herrn zu verabschieden. Am Rand der Bank saß der Verwalter, Henn Petter. Er war wie immer tadellos gekleidet und wartete aufmerksam, als wollte er bereit sein, wenn Lukas Kolf einen Wunsch haben würde.
Bruder Theobald begann zu sprechen. Seine Stimme hatte einen scharfen Klang und hallte laut durch die Kirche. „Heute verabschieden wir einen Mann, der ein Vorbild an Glaube und Nächstenliebe war. Lukas Kolf hat sich immer um das Wohl seiner Mitbürger gesorgt und Furtenblick zu einem schönen Dorf gemacht. Erst seine Spenden haben es möglich gemacht, dass wir heute in dieser prachtvollen Kirche Gott huldigen können.“
Der Priester ließ seinen Blick über die Menge schweifen.
„Wären alle Bürger dieses Dorfs von solchem Glauben durchsetzt gewesen, wären wir heute nicht hier. Lukas Kolf würde noch leben. Daher müssen wir uns alle fragen, ob wir nicht mit Schuld an seinem Tod waren.“
Philipp spürte, wie sich die Stimmung in der Kirche weiter abkühlte. Die Menschen zogen den Kopf ein und richteten ihre Blicke beschämt zu Boden. Selbst Philipp fühlte sich schuldig.
„Wäre unser Glaube fest und ohne Tadel gewesen, hätten wir das Böse nicht zu uns eingeladen. Es hätte die Grenzen von Furtenblick nicht überschreiten können und wäre weitergewandert, um sein unheiliges Werk woanders zu vollbringen.“
Bruder Theobalds Stimme nahm einen schrillen Ton an.
„Habt Ihr Angst?“, brüllte er. „Ich an eurer Stelle würde mich fürchten.“
Philipp rutschte unruhig auf der Bank umher. Die Frau neben ihm begann zu weinen.
„Wenn ein untadeliger Mann, wie Lukas Kolf, von dem Bösen niedergestreckt wird, dann ist niemand mehr sicher. Jeder von euch kann ebenso heimgesucht werden. Zu jeder Zeit und an jedem Ort.
Solange ihr nicht eurem sündigen Leben entsagt und in den Schoss des Herrn zurückkehrt, wird Satan weiter unter uns weilen. Und ich sage euch, er wird nicht lange ruhen, bis er sich ein neues Opfer sucht.“
Die Frau neben Philipp wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, während ihr Mann den Arm um sie legte. Sein Gesicht war bleich, und seine Hand zitterte.
Bruder Theobald, faltete die Hände vor der Brust und sprach: „Lasset uns beten, auf dass der Schutz des Herrn auf uns niederfahren wird.“
Philipp schloss die Augen und legte die Hände zum Gebet zusammen. Er flehte, dass alle seine Freunde in Furtenblick nicht Opfer des nächsten Mordes werden würden.

Katharina war mit der Sonne aufgestanden. Sie hatte sich bei Dietz verabschiedet und ihn gebeten, dem Vogt ihren Dank für die Gastfreundschaft auszurichten. Als sie das Gut verließ und den Weg nach Furtenblick einschlug, dachte sie über das gestrige Gespräch nach. Möglicherweise hatte Bredelin nur aus reiner Gier gehandelt, aber warum hatte er dann etwas so offensichtliches wie Gift verwendet? Selbst wenn Lukas und sein Schwiegervater gestorben wären, hätte die Tochter alles geerbt. Oder hatte er wirklich geglaubt, dass er mit diesem Mord davongekommen und Herlinde Ommert hätte ehelichen können?
Was hatte es sich mit dem Kind und der Frau auf sich? Lebten sie noch in Furtenblick? Wer war die Frau, die Bredelin heiraten wollte?
Sie hatte in ihrer Jugend nur wenig mit ihm zu tun gehabt, weil er zu den Bessergestellten gehört hatte, aber die wenigen Erinnerungen an Bredelin passten nicht zum Bild eines heimtückischen Giftmörders. Er war ehrgeizig gewesen, vielleicht auch verbissen, aber hätten ihn ein paar Hektar Weinland verleitet, eine solche Tat zu vollbringen?
Katharina schürzte nachdenklich die Lippen. Das Gespräch mit dem Vogt hatte ihr viel Neues gebracht, aber am Ende kehrte sie mit mehr Fragen zurück, als sie mitgebracht hatte. Sie musste mehr über die Vergangenheit Bredelins herausfinden. Vielleicht verstand sie dann, was ihn zu dieser Tat getrieben hatte. Dann würde sie auch den Mörder finden.

Volmar kam mit Philipp vom Friedhof und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich mach mich gleich zum Feld auf“, verabschiedete sich Philipp vom Holzfäller. „Wir sehen uns heute Abend in der Furt“, rief er ihm noch nach. Volmar wollte sich auf den Weg nach Hause machen, als er ein paar Leute bei Bürgermeister Rump stehen sah, die gestenreich diskutierten. Mit ungutem Gefühl ging er näher.
„Was gedenkt Ihr gegen den Mörder zu tun, Bürgermeister?“, hörte er Willems raue Stimme.
„Ich habe den Vogt informiert“, antwortete Frederich eingeschüchtert. „Er hat uns versprochen etwas zu unternehmen und …“
„… bis dahin läuft der Mörder frei herum.“
„Ich dachte, für die Taten waren Dämonen verantwortlich?“, warf Volmar ein.
„Spar dir deinen Spott, Holzfäller. Du hast gesehen, was meiner Mutter passiert ist.“
„Dafür, dass sie verhext wurde, ist sie wieder schnell auf den Beinen gewesen“, gab er bissig zurück.
„Es war dein Zögling, der das Unglück auf uns heraufbeschworen hat“, schrie Willem und deutete mit dem Finger auf Volmar.
„Blödsinn“, unterbrach ihn der Holzfäller erbost. „Erstens war Ubald nicht mein Zögling, und er hat deine Mutter nicht verhext. Der Junge hat auch nichts mit den Morden zu tun.“
„Woher willst du das wissen? Wir haben keine Ahnung wo er ist. Vielleicht streift er da draußen durch die Wälder und wartete schon auf sein nächstes Opfer. Wer weiß, was der Wahnsinnige noch vorhat.“
„Der einzig Wahnsinnige bist du, Willem. Im Gegensatz zu dir, hat Ubald noch keine Baracke angesteckt.“
„Das war der Hort des Teufels“, hielt ihm der Schmied entgegen. „Seit die Baracke nicht mehr steht, ist meine Mutter vom Bann des Bösen befreit.“
„Bewahrt die Ruhe“, ging Frederich dazwischen. „Mir machen die Morde auch Angst, aber wir können nichts anderes tun, als wachsam zu bleiben und auf Gott zu vertrauen.“
„Ihr könntet die Bürger Furtenblicks auffordern, mir bei der Suche nach Ubald zu helfen“, schlug Willem vor. „Der Bastard versteckt sich irgendwo und schärft seine Axt.“
„Und was willst du machen, wenn wir ihn finden?“, fragte Volmar.
„Dann sorge ich dafür, dass er niemand mehr umbringen kann“, antwortete Willem und zog mit dem Daumen über seinen Hals. „Um Rudolf tut es mit nicht leid, aber Lukas Kolf hat es verdient, dass man seinen Tod rächt.“
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass Ubald sich an den Wachen vorbeigeschlichen hat, ins Haus eingedrungen ist, Lukas getötet und seinen Leichnam zum Marktplatz getragen hat, ohne dass ihn jemand gesehen hat.“
„Der Dämon in ihm hat ihn unsichtbar gemacht.“
„Das ist doch irr“, fuhr Volmar auf.
„Unterschätzt nicht die Macht Satans“, sagte Bruder Theobald, der zu der Gruppe hinzugestoßen war. „Er ist der Meister der Verstellung und der Tücke. Er verleitete die Schwachen zu Taten, die man ihnen nicht zugetraut hätte.“
Er griff seine Beerdigungs-Predigt wieder auf und begann das sündige Leben in Furtenblick anzumahnen. Doch Volmar hatte sich bereits abgewandt. Er musste diesem Irrsinn entfliehen. Sehnsüchtig richtete er seinen Blick nach Osten.
„Gott sei Dank, dass du nicht mehr hier bist“, sagte er leise. Er wusste, dass sein kräftiger Freund jetzt Bäume schlug, und der Gedanke daran lies ihn lächeln. Heute Abend würden Philipp und er einen Krug auf ihn trinken.

Philipp war vom Feld auf dem Weg nach Hause, als Katharina die Straße vom Marktplatz hoch kam. Er atmete beruhigt aus, als er sie sah. Er hatte sich die ganze Nacht Sorgen gemacht. Selbst auf dem Feld hatte er seine Unruhe gespürt. Er nahm seine Schaufel von der Schulter und wartete, bis Katharina bei ihm war.
„Wie war dein Ausflug zum Vogt?“, fragte Philipp interessiert.
„Ich bin müde vom langen Weg“, sagte sie atemlos, „aber der Vogt hat mich sehr freundlich aufgenommen.“
„Weißt du mehr über den Prozess?“
„Ein wenig“, sagte Katharina zögerlich, „doch nicht so viel, wie ich mir eigentlich gewünscht hatte. Aber der Vogt hat mich auf eine Idee gebracht.“
Philipp seufzte. Katharina auf Ideen zu bringen war keine gute Idee, dachte er bei sich und musste über sein Wortspiel schmunzeln. „Auf welche Idee?“
„Der Vogt erwähnte, dass Bredelin um Gnade gebettelt hatte, weil eine Frau sein Kind erwartete.“
„Bredelin hatte ein Kind? Hier in Furtenblick?“
Katharina zuckte die Schultern. „Ich bin mir nicht sicher. Wenn bekannt geworden wäre, dass Bredelin eine Geliebte gehabt hätte, die ein Kind von ihm erwarten würde, hätte sich das herumgesprochen. Entweder hat er gelogen oder die Frau hat das Kind heimlich bekommen und den Vater verschwiegen. Auf jeden Fall wohnt in Furtenblick niemand mit Namen Arken.“
„Das ist schon mehr als zwanzig Jahre her. Willst du jeden Mann und jede Frau in dem Alter fragen, ob ihr Vater Bredelin Arken war?“
„Sei nicht albern, Philipp. Ich werde jemanden aufsuchen, der Bredelin kannte. Einen Nachbarn aus dieser Zeit.“
„Die Dorfbewohner sind vom Johannis-Fest noch immer aufgewühlt und ängstlich. Du müsstest mal sehen, wie wenige Leute abends das Wirtshaus besuchen. Die Morde haben das nicht besser gemacht. Viele glauben, dass alleine das Reden über den Fluch das Unglück auf sie lenkt.“
„Ich werde zu jemandem gehen, der nur wenig auf solchen abergläubischen Unsinn gibt.“
„Wen?“
„Therese.“
„Die alte Näherin?“
Katharina nickte. „Sie hat nur zwei Häuser weiter von Bredelin gewohnt und ihm manchmal etwas geschneidert. Vielleicht kann sie mir helfen.“
„Na dann, viel Erfolg.“
Katharina nickte ihm zu und ging dann weiter. „Bis heute Abend“, sagte sie.
Philipp sah ihr nach, bis sie um eine Biegung verschwunden war. Dann ging er nach Hause. Er war gespannte, was sie herausfinden würde.

Therese saß auf einem Stuhl vor der Tür. Eine Katze lag zu ihren Füßen und schmiegte ihren Kopf an ihr Bein. Die alte Frau war in ihre Näharbeit versunken. Ihre grauen Haare waren noch oben gesteckt. Ihr faltiges Gesicht war in Konzentration angespannt.
„Hallo Therese“, sagt Katharina und kam näher.
Die Angesprochene hob träge den Kopf und kniff die Augen zusammen. Sie konnte nicht mehr gut sehen und war etwas schwerhörig, aber ihr Verstand war noch wach.
„Ah, Katharina“, antwortete sie, ohne mit dem Nähen aufzuhören. „Schön dich zu sehen. Wie geht es Loretta und der kleinen Kethe?“
„Meiner Tochter und meinem Enkel geht es gut. Kethe hält ihre Eltern auf Trab.“
„Ah, ganz die Großmutter“, bemerkte Therese und kicherte. „Hol dir doch einen Schemel aus dem Haus. Dann können wir plaudern.“
„Ein andermal. Ich wollte dich nur etwas über Bredelin Arken fragen.“
„Das ist keine gutes Thema für einen Mittagsplausch“, flüsterte Therese und blickte sich misstrauisch um. „Schon vor zwanzig Jahren hat man seinen Namen nur flüsternd ausgesprochen. Der Fluch auf dem Dorffest hat manch gestandenen Mann zu einem zitternden Kalb werden lassen.“
„Ich weiß, aber deshalb komme ich zu dir. Du warst nie sehr abergläubig.“
Therese schien einen Moment über die Worte Katharinas nachzudenken. Dann hob sie den Kopf und straffte die Schultern, als würde ihr das Kompliment gefallen.
„Was willst du wissen?“, fragte sie.
„Kannst du dich überhaupt noch an Bredelin Arken erinnern?“
„Ich bin alt, aber nicht geistesschwach. Natürlich kann ich mich Bredelin erinnern.“ Sie hörte mit dem Nähen auf. „Bredelin war ein arbeitsamer, anständiger Mann. Ich mochte ihn sehr. Er war schmerzhaft für mich, als ich von dem Giftmord hörte.“ Ihr Gesicht verzog sich in Bedauern. „War es wirklich Bredelin, der uns auf dem Dorffest verflucht hat und dann in den Fluss gesprungen ist?“
„Ich fürchte, ja.“
Therese schüttelte den Kopf. „Was hat ihn zu dieser Tat getrieben?“
„Er hat immer behauptet, dass er unschuldig war“, erklärte Katharina.
„Ich habe es anfangs auch nicht wahr haben wollen, aber der als der Vogt die Einzelheiten des Giftmords erzählt hatte, habe selbst ich nicht mehr an seine Unschuld geglaubt. Dass sich seine Freunde von ihm abgewandt haben, war für ihn schlimmer, als der Kerker“, sagte Therese. „Nach diesem Tag, hat keiner mehr mit ihm gesprochen.“
„Wer waren seine Freunde?“
„Er war beliebt. Abends hat er oft die Furt besucht, um zu würfeln. Er war nicht gerne alleine.“
„Mit wem hat er gewürfelt?“
„Schwer zu sagen. Bredelin hatte öfters Besuch. Winand, der Bäcker, und Volmar waren öfter bei ihm. Meist hat er sie eingeladen, um seinen neuen Wein zu kosten.“
Katharina schürzte nachdenklich die Lippen. Schon wieder fiel Volmars Namen. Sie kannte ihn schon so lange und würde ihm ihr Leben anvertrauen, aber sie musste mit ihm reden.
„Hatte Bredelin eine Geliebte oder eine Frau, der er den Hof gemacht hat?“
Therese schloss die Augen und verharrte einen Augenblick regungslos. „Es gab da eine Frau, die er ab und zu besuchte. Sie war etwa sein Alter, und sie kannten sich schon seit der Kinderheit. Bredelin war immer sehr diskret, daher kann ich dir nicht sagen, ob sie eine Liebelei hatten.“
„Weißt du ihren Namen?“
„Ich sehe sie vor mir. Lange braune Haare und ein schüchternes Lächeln. Ich glaube sie hieß Mechthild.“
„Wie weiter?“
„Hab ich vergessen. Ich weiß nur noch, dass sie im Haus neben der Bäckerei wohnte.“
„Bei den Lichbergs?“, fragte Katharina. Sie konnte sich an die Familie erinnern, weil die Frau beim Dorffest am Kuchenstand ausgeholfen hatte.
„So hieß sie! Mechthild Lichberg.“
„Die Lichbergs leben schon lange nicht mehr in Furtenblick. Sie sind eines Tages einfach weitergezogen.“
Therese nickte. „Sie sind kurz nach dem Giftmord aus Furtenblick weg. Mechthild, ihre Mutter und ihr Vater.“
„Weißt du wohin?“
„Keine Ahnung, Katharina. Ich weiß nur, dass Mechthilds Mutter aus Hainengrund stammt. Ich kann dir nicht sagen, ob sie dahin zurückgegangen oder woanders hingezogen sind.“
Katharina dachte nach. Hainengrund war nicht weit von Furtenblick entfernt. Auch wenn die Lichbergs nicht dorthin zurückgekehrt sind, gab es vielleicht noch Verwandte, die wussten, wo sie waren.
„Vielen Dank für die Hilfe“, sagte Katharina und drückte die Hand der alten Frau. „Ich verspreche, dass ich bald mit mehr Zeit wieder zurückkommen. Dann bringe ich auch einen Kuchen mit und du kannst uns einen Kräutertrunk aufkochen.“
„Deinen Kuchen habe ich immer gemocht“, sagte Therese anerkennend. „Warte nicht zu lange damit.“
„Versprochen.“ Dann drehte sie sich um und ging nach Hause.
„Katharina“, rief ihr Therese nach.
„Ja“, antwortete sie und wandte sich nochmals der alten Frau zu.
„Pass auf dich auf“, sagte sie besorgt. „Aberglaube hin oder her. Die ganze Sache gefällt mir nicht. Das ist etwas anderes, als eine gestohlene Kuh.“
Katharina versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber sie spürte, wie sie von der Sorge der Frau ergriffen wurde. Die Worte Thereses würden ihr lange nicht mehr aus dem Kopf gehen, denn noch immer streifte ein Mörder durch Furtenblick.

Philipp stopfte sich einen Löffel Bohnen in den Mund und kaute genüsslich. Auch wenn das Essen bei Loretta gestern gut war, so hatte ihre Mutter doch mehr Gefühl. Einzig die Wirtsfrau Ida konnte ähnlich gut kochen. Er machte sich gerade wieder den Löffel voll, als sein Blick auf Katharina fiel, die müde auf ihren Teller starrte. Sie wirkte, als würde sie jeden Moment im Sitzen einnicken.
„Du solltest dich schlafen legen.“
Katharina schreckte wie aus einem Dämmer auf. „Das mache ich auch, sobald wir gegessen haben.“
„Vielleicht solltest du nicht mehr so lange Spaziergänge machen.“
„Eigentlich hast du Recht“, antwortete sie und rieb sich müde die Augen, „aber ich muss morgen nach Hainengrund.“
„Nach Hainengrund?“
Katharina winkte ab, als wollte sie nicht weiter darüber reden. „Ich will nur eine alte Freundin besuchen, die früher einmal in Furtenblick gewohnt hat.“
Philipp runzelte die Stirn. Wenn Katharina müde war, schwand ihre Fähigkeit zur Lüge. Er war sicher, dass der Spaziergang nach Hainengrund etwas mit Bredelin zu tun hatte, aber er sagte nichts weiter dazu, da er sie sowieso nicht davon abhalten hätte können. Außerdem lag das Dorf nicht weit von Furtenblick entfernt, so dass sie nicht übernachten musste.
Es war offensichtlich, dass Katharina sich nur aus Höflichkeit ihm gegenüber noch wachhielt, daher beeilte er sich mit dem Essen, damit sie endlich Schlaf finden konnte. Morgen Abend wäre immer noch Zeit zum reden.
„Danke für das Essen, Katharina“, sagte er und stand auf. „Ich lege mich auch schlafen. Gute Nacht.“
„Gute Nacht, Philipp“, antwortete Katharina und erhob sich. Sie räumte gähnend die Teller ab, während Philipp nach Hause ging. Er war gespannt, was sie in Hainengrund machen würde.

Es wurde bald Mittag. Katharina war noch immer müde. Sie hatte länger geschlafen und erst spät das Frühstück gemacht, aber die Reise zum Vogt steckte ihr noch immer in den Knochen. Glücklicherweise hatte Philipp nichts mehr über ihren Spaziergang nach Hainengrund wissen wollen, denn er machte sich schon Sorgen, wenn sie bei Einbruch der Nacht in den Wald ging.
Den ganzen Weg zum Nachbardorf hatte sie sich nach ihrem Bett gesehnt. Vor ihr erstreckten sich die Häuser von Hainengrund. Sie ging den unebenen Weg ins Dorf hinein. Die vielen Schlaglöcher und die schief gebauten Dächer machten ihr bewusst, wie wohlhabend Furtenblick war. Die Kleider der Bewohner waren schmutziger, die Schuhe abgetragener, und die Gesichter drückten weniger Zufriedenheit aus.
Mit jedem Schritt wurde sie unruhiger. Die wenigen Bürger, denen sie begegnete, zeigten keine offene Feindschaft, aber sie spürte die misstrauischen Blicke der Leute in ihrem Rücken. Es war eine düstere Atmosphäre, die nur wenig Herzlichkeit zuließ.
Sie überlegte, wen sie nach Mechthild Lichberg fragen sollte, als ihr eine ältere Frau auffiel, die in ihrem kümmerlichen Garten Bohnen erntete. Auch wenn es viele Jahre her war, kam sie Katharina vertraut vor. Es war Christine Lichberg, die Mutter von Mechthild. Ihre langen grauen Haare fielen ihr ungekämmt über den Rücken. Ihr Kleid war schmutzig und mit Stoffresten geflickt. Die Lippen ihres hageren Gesichtes waren konzentriert zusammengepresst.
„Hallo Christine“, sagte Katharina und ging zu ihr hinüber. Die Frau richtete sich auf und blickte sie argwöhnisch an.
„Ich bin Katharina aus Furtenblick“, fuhr sie fort. „Wir haben beim Dorffest Kuchen verkauft.“
„Ah, Katharina“, sagte sie mit dünner Stimme. Ihre misstrauische Haltung wurde entspannter. „Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Was führt dich nach Hainengrund?“
„Mehr oder weniger nur Zufall. Ich bin eigentlich nur auf der Weiterreise“, log sie, „aber da habe ich dich gesehen. Wie geht es dir?“
„Das Leben ist nicht leichter geworden seit mein Burckhart verstorben ist“, sagte sie bedauernd.
„Das tut mir leid zu hören.“
„Es wird schon gehen“, sagte Christine und winkte ab. Sie kam einen Schritt näher. „Stimmt es, dass ein Dämon beim letzten Furtenblicker Dorffest erschienen ist und alles verwüstet hat?“, flüsterte sie.
„Das war kein Dämon, sondern nur ein Verrückter“, antwortete Katharina und wunderte sich, warum sie ebenfalls flüsterte. „Der hat nur irgendetwas Unverständliches geschrien und sich dann in den Fluss gestürzt.“ Sie hatte lange überlegt, wie sie dieses Gespräch angehen sollte, sich dann entschlossen den Namen Bredelin Arken aber nicht zu erwähnen.
Christine bekreuzigte sich. „Der Freitod eines Menschen zieht immer auch anderes Böse an. Selbst bei uns treibt etwas sein Unwesen.“
„Was meinst du damit?“
Christine kam näher, bis sich ihre Köpfe fast berührten. „Am Tag vor dem Dorffest bin ich spät aus dem Wald gekommen. Mein Weg hat mich am Friedhof vorbeigeführt. Normalerweise schaue ich nicht hinein, aber an dem Abend habe ich jemand umherstreifen sehen. Ich konnte nicht gut erkennen, wer es war, weil er einen dunklen Mantel umhatte, aber ich schwöre dir, es war niemand aus Hainengrund. Ich bin stehengeblieben und habe ihn beobachtet. Erst war er ruhig und schien etwas zu suchen. Dann blieb er plötzlich stehen und fing zu schreien an, als würde ihm das Herz bei lebendigem Leib herausgerissen werden. Er ging auf die Knie und hämmerte mit den Fäusten auf die Erde.“
„Hat er das Grab geschändet?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe es mit der Angst zu tun bekommen und bin nach Hause gerannt. Das Schreien war bis zum Dorf zu hören gewesen. Ich habe die Tür verriegelt, die Fenster geschlossen und mich unter meiner Decke verkrochen.“
Christine blickte die Straße entlang, als wollte sie sichergehen, dass niemand lauschen konnte. Dann flüsterte sie weiter.
„Erst am nächsten Morgen habe ich mich wieder hinausgetraut. Die Neugier war stärker als meine Angst, also habe ich mein Kruzifix genommen und bin an die Stelle gegangen, an der ich in der Nacht die Gestalt gesehen habe.“
„Was war dort?“
„Es war das Grab von meinem Burckhart.“
„Von deinem Mann?“, fragte Katharina überrascht. „Was wollte die Person denn dort?“
Christine zuckte die Achseln, senkte aber den Boden, als verheimlichte sie etwas. Katharina war nicht sicher, was sie weitergehen sollte. Wenn sie zu neugierig erschien, würde ihre alte Bekannte misstrauisch werden und nichts weitererzählen. Plötzlich fiel ihr auf, dass niemand außer Christine hier zu wohnen schien. Die Hütte wirkte heruntergekommen und gerade groß genug für eine Person. Vielleicht war ihre Tochter schon wieder weggezogen, aber wenn der Mann Bredelin gewesen war, dann gab es nur einen Grund, warum er auf dem Friedhof zu schreien angefangen hatte.
„Ist dort nur dein Mann begraben oder liegen dort noch andere Tote?“
Christine seufzte und schien unsicher zu sein, ob sie darauf antworten sollte. „Meine Mechthild und ihr Kind haben dort auch ihre letzte Ruhe gefunden“, sagte sie mit schwerer Stimme.
„Deine Tochter ist gestorben?“
Die alte Frau nickte. „Das ist schon viele Jahre her, aber sie fehlt mir immer noch.“
„Was ist passiert?“
Christine hatte Mühe ihre Tränen zurückzuhalten. „Es ist mehr als zwanzig Jahre her, dass wir aus Furtenblick weggegangen sind. Hast du dich je gefragt, warum wir das getan haben?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Ihr wart eines Tages einfach weg. Niemand wusste wohin Ihr gegangen wart.“
„Wir haben Furtenblick gemocht, aber Mechthild hat sich in den falschen Mann verliebt.“
„In wen?“
„In Bredelin Arken“, sagte sie leise. „Wir hielten es immer nur für eine Schwärmerei, aber irgendwann kam sie überglücklich nach Hause. Sie erzählte uns, dass sie ein Kind erwarten und bald heiraten würde. Das war zwei Tage bevor Heinrich Ommert von Bredelin vergiftet worden war.“
Christine schloss kurz die Augen, als würden ihr die Gedanken an diese Zeit immer noch Kummer machen. „Im Moment, als Bredelin mit der Kutsche nach Heidelberg gebracht worden war, war uns klar geworden, dass wir nicht mehr in Furtenblick bleiben konnten. Unsere Tochter trug das Kind eines Giftmörders unter ihrem Herzen, also bauten wir die Hütte meiner Eltern wieder auf und schafften des Nachts unsere Habseligkeiten nach Hainengrund. Wir erzählten niemanden von unserer Abreise und verschwanden ohne Gruß. Wir wollten hier ein neues Leben aufbauen. Burckhart liebte seine Tochter, und er versprach ihr, dass er sich um sie kümmern würde, auch wenn sie keinen Mann für ihr Kind hätte, aber da war es schon zu spät gewesen. Mit der Verurteilung von Bredelin hatte Mechthild jeden Lebensmut verloren.“
Christine wischte sich eine Träne aus den Augen. „Schließlich kam das Kind zur Welt. Wir ließen es taufen und gaben ihr den Namen Marie. Wir hofften, dass die Geburt ihres Kindes Mechthild wieder mehr Lebensmut geben würde, aber auch das half nicht. Sie sprach kaum noch und musste fast zum Essen gezwungen werden.
Nur ein Jahr später fanden wir sie morgens tot auf ihrer Pritsche liegen. Das Kind lag bei ihr und hatte auch aufgehört zu atmen, fast als hätten sich beide entschlossen diese Welt zu verlassen.“
Als Christine mit ihrer Erzählung geendet schwiegen die beiden Frauen lange. Katharina hatte der Tod ihres Mannes schwer getroffen, aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie schlimm es sein musste, Tochter und Enkel zu verlieren. Sie legte tröstend die Hand auf Christines Schulter. Nichts was sie hätte sagen können, würde diesen Schmerz lindern.
Katharina blieb noch lange bei ihrer alten Freundin und lauschte ihren Worten, fast wie früher auf dem Dorffest, als die Welt noch nicht so dunkel erschienen war.

Philipp hatte seine Feldarbeit für heute erledigt. Er musste noch etwas Holz hacken, wollte aber noch kurz bei Albrecht vorbeischauen und einen Krug trinken. Frederich kam ihm entgegen, doch seine sonst so frohgestimmte Laune war wie weggeblasen. Sein Blick war ernst, und er sah sich immer wieder ängstlich um.
„Guten Tag, Herr Bürgermeister“, grüßte Philipp.
„Hallo“, antwortete Frederich kurz.
„Sehen wir uns nachher beim würfeln?“
„Um Gottes willen, nein“, fuhr Frederich auf, als hätte Philipp ihm vorgeschlagen im Fluss schwimmen zu gehen. „Wart Ihr nicht bei der Beerdigung von Lukas Kolf?“
„Doch, aber ich verstehe nicht …“
„Habt Ihr nicht die Worte von Bruder Theobald vernommen? Er hat uns ermahnt ein gottgefälligeres Leben zu führen. Nur so können wir das Böse bekämpfen.“ Frederich packte Philipp am Arm. „Das Trinken und das Würfeln muss aufhören. Dann verwehren wir dem Satan den Zugang in unsere Herzen. Vielleicht erspart uns der Herr dann einen weiteren Mord.“
Philipp fehlten die Worte. Er hatte Frederich noch nie so erlebt. Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Hände drückten schmerzhaft Philipps Arm. Frederich ließ von ihm ab und ging einen Schritt zurück. Er schien selbst überrascht zu sein, dass er die Fassung verloren hatte. Dann bekreuzigte er sich hastig.
„Heute Abend hat Bruder Theobald eine Zusammenkunft in der Kirche angemahnt. Es wäre besser für dich, wenn du das Würfelspiel ausfallen lässt und dich dorthin begibst.“
Frederich sah Philipp nochmals eindringlich in die Augen, bevor er weiterging. Philipp benötigte einen Moment, bis sich seine Verwirrung gelegt hatte. Dann machte er sich auf den Nachhauseweg. Die Lust auf ein Bier war ihm vergangen.

Katharina sah Philipp in seinem Garten. Er hatte seine Jacke ausgezogen und hackte Holz. Schweiß stand auf seiner Stirn und sein Gesicht war gerötet. Die Axt wirkte fast klein in seinen Händen. Wie immer spaltete er die Scheite mit einem schnellen Schlag, doch heute schien sich ein wenig Wut in jeden seiner Hiebe zu mischen. Der Stapel neben ihm musste schon fast ein Klafter hoch sein. Zwischen zwei Schlägen bemerkte Katharina. Er legte seine Axt ab und ging ihr entgegen.
„Wie war es in Hainengrund?“, fragte er neugierig. Er war ein wenig außer Atem.
„Ich habe Christine Lichberg getroffen. Wir kennen uns noch von früher. Sie hat mir alles erzählt. Jetzt verstehe ich Bredelins Verzweiflung.
Bredelin hatte tatsächlich eine Geliebte. Es war Mechthild Lichberg, die Tochter von Christine. Sie erwartete ein Kind von ihm. Bredelin wollte sie heiraten, aber dann wurde er des Giftmordes schuldig gesprochen und ins Gefängnis geworfen.“
„Was geschah mit Mechthild?“
„Die Lichbergs konnten die Schmach nicht ertragen, dass ihre einzige Tochter ein uneheliches Kind von einem verurteilten Mörder erwartete, daher sind sie eines Nachts aus Furtenblick verschwunden. Mechthild erholte sich nie von dem Schock und verlor ihren Lebensmut. Kurz nach der Geburt ihres Kindes verstarben beide.“
„Mein Gott“, flüsterte Philipp und bekreuzigte sich.
„Kurz vor dem Dorffest hat Christine eine Gestalt auf dem Friedhof gesehen. Ich denke, dass es Bredelin war. Als er das Grab von Mechthild und seinem Kind erblickt hatte, wurde er von Verzweiflung gepackt. Er muss so laut geschrien haben, dass man es bis nach Hainengrund gehört hat.“
„Kein Wunder, dass er so verbittert gewesen war. Er war nach mehr als zwanzig Jahren aus dem Gefängnis gekommen und hatte gehofft seine Frau und, zum ersten Mal in seinem Leben, sein Kind zu sehen. Vielleicht hatte er sich die ganzen Jahre auf diesen Moment gefreut, nur um zu erkennen, dass er allein war und dass all seine Hoffnung auf ein Widersehen vergebens war.“
Katharina nickte. „Sein Leben hatte seinen Sinn verloren. Bredelins Familie hatte ihn verstoßen. Seine Freunde hatten ihn verlassen. Seine Frau und sein Kind waren tot. Auch wenn ich es nicht gutheiße, was auf dem Dorffest passiert ist, so kann ich nachfühlen, warum Bredelin die Menschen in Furtenblick verflucht hat.“
„Aber wer hat dann Rudolf Eigbrod und Lukas Kolf ermordet?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Katharina. „Vielleicht machte sich jemand den Fluch zunutze, um die beiden zu töten.“
„Hatte Mechthild noch einen Bruder, der sich für die Schmach seiner Schwester rächen könnte?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Mechthild war das einzige Kind der Lichbergs. Auch ihr Vater ist schon tot und Christine wäre nicht in der Lage eine solche Tat zu begehen.“
„Vielleicht ist doch ein ehemaliger Freund von Bredelin oder ein Verwandter, der noch immer zu ihm stand.“
„Ich weiß es nicht“, wiederholte Katharina niedergeschlagen. „Ich muss noch mehr über Bredelin und den Giftmord erfahren. Ich habe noch immer das Gefühl, als würde ich das Wesentliche übersehen.“
Die Glocken begannen zu läuten. Katharina sah überrascht zur Kirche.
„Bruder Theobald hat heute einen Gottesdienst angesetzt“, erklärte Philipp. „Er möchte den Glauben der Bürger stärken.“
Katharina schloss kurz die Augen. Sie hätte wissen müssen, dass Bruder Theobald die Angst der Menschen ausnutzen würde, um sie in die Kirche zu treiben. Sie wollte gerade eine gehässige Bemerkung machen, als sie Philipps Unruhe spürte. „Du willst doch nicht in die Kirche gehen?“
Philipp wrang seine Hände. „Warum nicht?“
„Weil Bruder Theobald nichts anderes machen wird, als allen die Schuld für den Tod von Lukas Kolf zu geben. Der alte Mann ist verärgert, weil er seinen großzügigsten Wohltäter verloren hat. Jetzt sucht er jemanden, dem er die Schuld geben kann.“
„Aber was, wenn es wirklich ein Fluch ist?“, fragte der große Mann leise. „Du kannst dir doch auch nicht erklären, wer die beiden Männer umgebracht hat und warum.“
Katharina seufzte. Sie mochte Philipp, aber in Momenten wie diesen war sie der Verzweiflung nahe. Warum war er nur so abergläubisch und ließ sich so leicht einschüchtern?
„Geh in die Kirche“, sagte sie gleichmütig. Sie war zu müde, um zu streiten. „Ich mache das Abendessen und warte auf dich, bis Bruder Theobald seine Predigt gehalten hat.“
Philipp lächelte erleichtert. Dann holte er seine Jacke und machte sich auf den Weg zur Kirche. Katharina ging dann Hause. In ihrer Hütte angekommen beobachtete sie vom Fenster aus, wie die Menschen zur Kirche strömten. Außer ihr, würde niemand die Messe verpassen wollen. Manchmal wünschte sie sich, dass sie wieder ihren Frieden mit Gott finden würde, aber solange Bruder Theobald in Furtenblick predigte, würde sie der Kirche fernbleiben.
Sie nahm einen Weißkohl aus ihrer Kammer und begann die Blätter abzuzupfen, als sie eine Idee hatte. Wenn alle Bürger in der Kirche waren, könnte der Mörder das vielleicht nutzen, um sich in Furtenblick umzusehen. Möglicherweise würde er das Haus seines nächsten Opfers ausspähen.
Katharina legte sich einen Umhang um die Schulter und ging hinaus. Die Straßen waren leer. Die Glocken verklangen, während sich der Abend über das Dorf senkte. Das Rot der untergehenden Sonne trübte die Umgebung. Bald würde es dunkel sein. Katharina hielt sich in den schmalen Gassen, ging am Wirtshaus vorbei und stellte sich an eine Hausecke, von der sie den Marktplatz und die Kirche im Auge behalten konnte. Sie ließ ihren Blick über den freien Platz schweifen, als ihr eine Gestalt vor der Kirche auffiel. Sie stand ein Schritt vor den Treppen zum Portal. Katharina erkannte den Mann und ging näher.
„Volmar?“, fragte sie verwundert. Der Holzfäller drehte sich zu ihr um. Sein Blick war abwesend, als würde er nicht wissen, wo er war. „Geht es dir gut? Warum gehst du nicht in die Kirche?“
„Ich schäme mich “, antwortete er.
„Du schämst dich? Warum?“
„Weil ich bei der Beerdigung von Lukas Kolf die ganze Zeit gelächelt habe und froh bin, dass er tot ist.“ Er wandte sich wieder zur Kirche. „Meine Mutter hat immer gesagt, dass man nicht schlecht über die Toten reden darf. Sonst suchen sie einem heim und martern dich.“
Katharina hatte Volmar noch nie so gesehen. Er wirkte, als würde er schlafwandeln. „Ist es wegen Herlinde?“, fragte sie. „Freust du dich deshalb, dass Lukas Kolf tot ist?“
„Herlinde“, flüsterte er leise. „Ich habe diesen Namen schon lange nicht mehr gehört.“
„Du hast sie geliebt?“
„Mehr als mein Leben.“
„Deswegen hast du Lukas Kolf gehasst.“
Er nickte. „Jeden Tag habe ich ihn verflucht und ihm dem Tod gewünscht. Er hatte sie nicht verdient, und ich konnte es nicht ertragen, die beiden zusammen zu sehen.“
Volmar richtete den Blick in die Ferne und seine Augen füllten sich mit Tränen. „Mit ihrem Tod ist auch mein Herz gestorben. Sie war die einzige Frau, die ich je haben wollte.“
Katharina fürchtete sich vor der nächsten Frage. „Hast du Lukas Kolf umgebracht?“
Volmar lächelte schwach. „Jeden Tag habe ich mir vorgestellt, wie ich ihm den Hals umdrehe oder ihm mit meiner Axt den Schädel spalte. Jetzt ist er tot, aber der Schmerz in meiner Brust ist nicht weniger geworden. Ich hatte gehofft, dass sein Tod mir Frieden schenken wird, aber die Erinnerung ist immer noch quälend.“
Der Holzfäller sah ihr in die Augen. „Ich habe ihn nicht getötet. Ich bin zu feige für einen Mord.“
Katharina atmete beruhigt aus. Sie kannte Volmar schon lange. Sie hätte es gemerkt, wenn er sie belogen hätte.
„Wie ein Feigling bist du mir nie vorgekommen.“
„Nur weil ich groß und kräftig bin, heißt das nicht, dass ich ein tapferes Herz habe. Ich hätte zu Herlindes Vater gehen, und ihm die Liebe gestehen müssen.“
„Du kamst aus einfachem Haus und Herlinde …“
„… würde das ganze Gut erben“, ergänzte Volmar. „Ich weiß.“ Er senkte den Kopf. „Aber ich habe es nie versucht. Auch wenn es unwahrscheinlich gewesen wäre, vielleicht hätte er doch ja gesagt. Aber ich war zu feige und so hat er schließlich der Hochzeit mit diesem herzlosen Bastard zugestimmt. Lukas hat sie nie wirklich geliebt.“
Der große Mann begann zu weinen. Er schlug die Hände vor sein Gesicht. Tränen liefen ihm durch die Finger. Katharina legte ihm die Hand auf die Schulter, aber sie wusste, dass es kein Trost war. Bei diesem Schmerz war man immer allein. Sie blieb bei ihm, bis seine Tränen getrocknet waren. Dann wischte er sich über die Augen. In diesem Moment wirkte er alt und gebrochen. All seine Kraft schien mit den Tränen aus ihm herausgeflossen zu sein.
„Ich würde gerne zu Herlindes Grab gehen“, sagte er leise. „Begleitest du mich dorthin? Alleine schaffe ich es nicht.“
„Natürlich“, antwortete Katharina. „Ich wollte sowieso nach Gerlach sehen.“ Sie hakte sie sich bei Volmar ein und ging mit ihm zum Friedhof. Weg von der Kirche und der zornigen Predigt Bruder Theobalds.

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