Die Johannis-Morde – Kapitel 9
Nachrichten
Es war später Mittag, als es an der Tür von Bürgermeister Rump klopfte. Frederich hielt gerade seinen Mittagsschlaf. Er gähnte und erhob sich murrend aus dem Bett. Er zog sich einen Mantel über und öffnete dem Besucher. Ein junger Mann in Reitkleidung stand vor ihm.
„Bürgermeister Rump?“, fragte er.
Frederich nickte müde.
„Ich habe eine Nachricht vom Vogt“, fuhr er fort und hielt ihm ein Stück Pergament hin. Der Bürgermeister nahm es an sich. Der junge Mann verneigte sich und entfernte sich wieder. Frederich schloss die Tür. Dann brach das Siegel und öffnete das Pergament. In großzügigen Lettern stand geschrieben:
„Sehr geehrter Bürgermeister Rump,
nach dem Tod von Lukas Kolf war es uns nicht möglich, einen Erben für das Gut und die Weinberge zu ermitteln. Daher haben wir den Entschluss gefasst, Arnold von Erenkirch als Verwalter zu bestimmen, der das Anwesen im Interesse aller betreuen wird. Der geschätzte Graf wird Euch alsbald einen Besuch abstatten, um seine neuen Besitztümer einzusehen.“
Gezeichnet war das Schreiben mit Landvogt Anselm Lotz.
Frederich hielt die Luft an. Dann las er das Schreiben erneut, aber auch dieses Mal war die Nachricht des Vogts eindeutig. Er spürte wie sein Herz zu rasen begann und ihm der Schweiß die Stirn hinunterlief. Dann rannte er, so schnell es sein dicklicher Körper erlaubte, zur Kirche. Dass er nur in Hemd und Hose gekleidet war, hatte er vergessen.
„Das ist ungeheuerlich“, schrie Bruder Theobald. „Wenn es keinen Erben gibt, steht das Gut der Kirche zu.“ Der Priester war vom Bürgermeister aufgeschreckt worden, weil dieser fast seine Tür eingeschlagen hätte. Eigentlich hasste Frederichs Angewohnheit, ständig in Panik zu verfallen, aber in diesem Fall war er froh, als Erster davon erfahren zu haben.
„Arnold von Erenkirch“. Der Bürgermeister ging unruhig hin und her, während er ängstlich an seinen Fingerknöcheln kaute.
„Das muss ein Missverständnis sein“, fuhr der Geistliche fort. „Wenn der Bischof davon erfährt, wird er den Vogt aufsuchen und diese ganze Sache klären.“
„Wie sage ich es ihnen? Wie sage ich es ihnen?“, stotterte Frederich. Bruder Theobald hielt in seinen Grübeleien kurz inne und widmete sich seinem verstörten Gast. „Wem wollt Ihr was sagen?“
„Den Bürgern von Furtenblick“, erklärte der Bürgermeister verzweifelt.
„Warum wollt Ihr das tun?“
„Sie müssen doch wissen, was geschieht. Viele Männer arbeiten auf den Weinfeldern. Wenn die Zeit der Ernte kommt, ist fast das ganze Dorf mit der Lese beschäftigt. Nach dem Tod von Lukas Kolf werde ich ständig gefragt, wie es mit dem Gut weitergeht und wer der neue Besitzer sein wird.“
„Ihr solltet noch warten.“
„Warum?“
„Weil die Bürger für eine solche Enthüllung noch nicht bereit sind. Ich weiß, welchen Ruf der Graf hat, aber ich bin mir sicher, dass wir mit Gottes Hilfe auch dies ertragen werden können. Wir sollten aber einen besseren Zeitpunkt abwarten.“
„Welcher Zeitpunkt wäre besser als sofort? In dem Schreiben wurde mir angekündigt, dass der Graf das Anwesen besichtigen möchte. Stellt Euch vor, die Bürger wissen nichts von der Entscheidung des Vogts, und der Graf kommt auf das Gut gefahren. Wie stehe ich dann da?“
„Vielleicht sollte man dies nach einem Gottesdienst machen. Dann sind die Menschen ruhiger und können besser mit einer solchen Nachricht umgehen. Wenn ich während der Predigt auch noch ein paar gute Worte über den neuen Gutsherrn finde …“
„Gute Worte?“, fuhr Frederich dazwischen. „Arnold von Erenkirch ist ein Trinker und Spieler, der seine Untergebenen ausbeutet. Er hat öfters Ehebruch begangen hat, als Ähren auf unseren Feldern stehen.“
Bruder Theobald hob beschwichtigend die Hände. „Ich bin sicher, diese Geschichten sind nur Unterstellungen. Der Bischof hat mir einmal von dessen Großzügigkeit beim Bau eines neuen Kirchenschiffs erzählt, daher kann der Graf kein schlechter Mensch sein.“
Der Bürgermeister hörte Bruder Theobald kaum mehr zu. Er vergrub sein Gesicht in seinen Händen und ging weiter auf und ab. Der Geistliche atmete müde aus. Er hatte keine Ahnung, warum die Menschen solche Angst vor Arnold von Erenkirch hatten. Er vertraute den Worten des Bischofs, dass der alte Graf ein gottesfürchtiger Mann war und dass alle Geschichten über ihn nur bösartige Verleudmungen waren.
Katharina schloss die Tür ihres Hauses und machte sich auf den Weg zum Wald. Sie wollte Beeren sammeln gehen, als sie vor dem Wirtshaus eine aufgebrachte Menge erblickte. Es wurde geschrien, wild gestikuliert, und manchmal kam es sogar zu kleinen Rangeleien. Inmitten der Menschen stand Bürgermeister Rump, der sich alle Mühe gab, die Anwesenden zu beruhigen.
Katharina blieb stehen. Gestern noch hatte sich niemand vor die Tür gewagt und jetzt war das halbe Dorf vor dem Wirtshaus. Als sie näher kam, löste sich Philipp aus der Menge.
„Was ist hier los?“, fragte sie den großen Mann. „Ist wieder jemand ermordet worden oder wollen sie jemand lynchen?“
„Weder noch, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Neuigkeiten besser sind“, antwortete Philipp spöttisch. „Frederich hat ein Schreiben vom Vogt bekommen, dass Graf Arnold von Erenkirch das Gut von Lukas Kolf übernehmen wird.“
„Arnold von Erenkirch?“, stieß Katharina überrascht aus. Jetzt verstand sie den Grund für die Aufregung. „Der Graf ist ein Säufer und Weiberheld, wie es keinen zweiten gibt. Er hat den größten Teil seiner Güter verspielt und soll selbst sein Anwesen verpachtet haben.“
Katharina schüttelte den Kopf. Arnold von Erenkirch würde die Weinberge in weniger als einem Jahr entweder völlig zugrunde richten oder das Gut verkaufen. Die Reben waren die wichtigste Einnahmequelle des Dorfs. Kein Wunder, dass die Bürger so aufgebracht waren.
„Das kann nicht sein“, sagte Katharina. „Ich habe den Vogt kennengelernt. Er ist ein zuvorkommender und wohlerzogener Mann. Er würde niemals eine solche unüberlegte Entscheidung treffen.“
„Der Vogt ist auch nur eine Diener des Fürsten“, warf Philip ein. „Auch wenn er mit der Entscheidung nicht einverstanden wäre, muss er den Befehlen seines Herrn gehorchen. Wer weiß, wie der Graf zum Fürsten steht. Sicher sind sie auf irgendeine Weise miteinander verwandt.“
Philipp hatte Recht. Sie hatte den Vogt immer als Herrn über ihr Gebiet gesehen, aber tatsächlich war er nur der verlängerte Arm des Fürsten. Wer konnte verstehen, was in den Köpfen der Adligen vorging? Die wenigsten scherten sich um die einfachen Bürger, weder hier in Furtenblick noch in einem anderen Dorf.
Katharina seufzte. Als ob sie mit dem Fluch und den Morden nicht schon genug Probleme hatten. „Ich will noch ein paar Beeren sammeln“, sagte sie zu Philipp. „Ich bin noch immer müde, daher möchte ich dich bitten, heute in der Furt zu essen. Ich muss noch saubermachen und werde mich früh ins Bett legen.“
Philipp nickte. „Du kannst mir morgen früh mehr von deinem Besuch beim Vogt erzählen.“ Dann hob sie kurz die Hand und ging weiter. Sie brauchte jetzt die Ruhe und Abgeschiedenheit des Waldes.
Philipp ließ die Menge auf dem Marktplatz hinter sich und ging in das Wirtshaus. In der Furt war es fast so laut, wie in bei einer Hochzeit. Es war kaum Platz zum Stehen. Alle Stühle waren belegt und der Geruch von frisch gezapftem Bier wurde von dem Duft gebratenen Specks überlagert. Er drängte sich durch die Menge, bis er die Theke erreicht hatte.
„Gib mir ein Bier“, rief Philipp zu Albrecht. Der Wirt nickte und nahm einen Krug zur Hand. Philipp wurde auf eine Auseinandersetzung zwischen Johannes Sitter und dem Bürgermeister aufmerksam. Frederich war kurz hinter ihm hereingekommen und hatte sich sofort dem Unmut der Leute stellen müssen.
„Lieber reiße ich jede einzelne Rebe raus, bevor sie der versoffene Erenkirch bekommt“, schrie Johannes und erntete stürmischen Applaus für seinen Ausruf.
„Das hilft uns auch nicht weiter“, versuchte Frederich zu besänftigen.
„Mein ganzes Leben habe ich auf den Weinbergen gearbeitet“, fuhr der angetrunkene Arbeiter fort. „Und das soll jetzt einem versoffenen Hurenbock geschenkt werden, bloß weil er den Hintern des Fürsten geküsst hat oder weil er über irgendeine Mätresse mit ihm verwandt ist?“ Lautes Lachen folgte diesen Worten.
Der Bürgermeister wirkte inmitten der aufgebrachten Menge verloren. Alle seine Worte und Beschwichtigungsversuche schienen die Leute nur noch wütender zu machen. Sicher bereute er es schon, dass er nach zwei Bier so freimütig von dem Brief des Vogts erzählt hatte.
Johannes stieg auf einen Tisch. Er schwankte betrunken und konnte sich kaum oben halten. „Eher brenne ich die Felder nieder, als dass sie der verdammte Graf bekommt.“ Dann riss er den Krug zum Gruß hoch, verlor aber das Gleichgewicht und landete in der Menge, die den Absturz mit brüllendem Lachen quittierte.
Philipp fiel in das Lachen mit ein. Sobald Johannes mehr als zwei Krüge getrunken hatte, verlor er jede Hemmungen und begann mit Schmähungen. An diesem Tag hatte er es auf Graf Arnold von Erenkirch abgesehen. So betrunken, wie Johannes war, würde er das nicht mehr lange durchhalten. Dann warfen sie ihn immer in einen Trog. Anschließend war er wieder so nüchtern, dass er zumindest nach Hause schwanken konnte.
Johannes rappelte sich vom Boden auf, Philipp einen Krug von Albrecht gereicht bekam. Bruder Theobald hatte gestern Zurückhaltung beim Trinken angemahnt, aber ein Bier würde er sich genehmigen. Es würde noch ein langer Abend werden.
Katharina zog ihr Nachtgewand an und legte sich ins Bett. Zufrieden schloss sie die Augen. Trotz ihrer Müdigkeit gingen ihr die Worte von Philipp durch den Kopf. Hatte sie sich im Vogt geirrt? Sie hatte ihn für einen vertrauenswürdigen Mann gehalten, aber warum hatte er ihr verschwiegen, dass Arnold von Erenkirch das Gut verwalten sollte? War er wirklich vom Fürsten dazu gezwungen worden? Vielleicht war es ihm peinlich gewesen, mit ihr darüber zu reden, oder hielt er sie doch für weniger wichtig, als sie geglaubt hatte?
Katharina konnte die trüben Gedanken nicht vertreiben. Das idyllische Leben in Furtenblick schien zu Ende sein. Zwei Bürger waren ermordet worden, und der neue Gutsherr war ein Trunkenbold.
Ihr kamen Zweifel. Waren sie wirklich verflucht? Hatte der Tod von Bredelin zu all dem geführt? Gab es einen Mörder oder waren hier die Mächte Satans am Werk?
Katharina schlug die Hände vor das Gesicht. Sie hasste diese Ungewissheit. Je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr Fragen kamen ihr in den Sinn. Sie musste etwas tun. Bredelins Familie aufzusuchen war sinnlos. Sie würden ihren Sohn wahrscheinlich verleugnen, wenn sie Katharina überhaupt empfangen würden. Und so blieb als einziger Ort das Gefängnis. Der Weg nach Heidelberg war weit, aber eine andere Idee hatte sie nicht. Mit dem festen Entschluss morgen jemanden zu suchen, der sie nach Heidelberg brachte, schlief sie ein.
Philipp wankte aus dem Wirtshaus. Er hatte mehr getrunken, als ihm gut getan hatte, aber jedes Mal, wenn jemand einen unfeinen Trinkspruch auf Arnold von Erenkirch ausgesprochen hatte, hatte er sich verpflichtet gefühlt, mitzutrinken. Der ganze Abend in der Furt war den Geschichten und Gerüchten über den Graf gewidmet gewesen. Und es war nur Schlechtes gewesen. Wie konnte ein Mensch sich solche Fehltritte im Leben erlauben und immer noch nicht am Galgen geendet sein?
Philipp streckte sich und atmete tief ein. Die frische Luft belebte ihn und vertrieb den Schwindel. Die Tür zum Wirtshaus öffnete sich und Volmar trat hinaus. Er schwankte ebenfalls.
„Verfluchtes Bier“, murmelte er.
„Vielleicht wärst du lieber beim Wein geblieben“, sagte Philipp grinsend. Der Holzfäller brummte nur missmutig und rieb sich die Schläfen.
„Irgendwie fühle ich mich zu alt für solche Trinkgelage, aber es war aufschlussreich, mehr über den neuen Gutsherrn zu erfahren.“
Philipp legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. „Ich werde mal nach Hause gehen. Auf mich wartet morgen noch ein Klafter Holz. Da will ich ausgeschlafen sein.“
„Gute Nacht, Philipp.“ Volmar machte sich zu seiner Hütte auf. Philipp atmete nochmals tief ein und schwankte nach Hause. Dann wandte er sich nochmals kurz zu Volmar, der auf dem Marktplatz stehengeblieben war.
„Bist du schon eingeschlafen?“, fragte Philipp und lachte. Der Holzfäller antwortete nicht, sondern blieb nur regungslos stehen. Philipp lag ein weiterer spöttischer Spruch auf der Zunge, aber die angespannte Haltung seines Freundes ließ ihn innehalten. Er schloss zu ihm auf.
„Was ist los?“
„Riechst du das nicht?“
Philipp atmete tief ein, konnte aber nichts ungewöhnlich wittern. „Nein.“
Volmar ging weiter. Sein ganzer Körper war angespannt, wie eine Bogensehne, die nur darauf wartete losgelassen zu werden.
„Geh ins Wirtshaus und hol alle raus“, sagte er eindringlich. „Irgendwo brennt es.“ Dann lief Volmar los und seine Schritte führten ihn zu den Weinfeldern.
Katharina wachte matt aus dem tiefen Schlaf auf. Sie hatte von der Kirche in Furtenblick geträumt. Sie war vor dem Hauptportal gestanden, und die Glocken hatten ohrenbetäubend gedröhnt. Sie hatte sich die Ohren zugehalten, denn der Lärm hatte sie fast wahnsinnig gemacht. Dann war sie erwacht. Im Dämmer zwischen Wachen und Schlaf wurde ihr bewusst, dass die Glocken tatsächlich läuteten. Leiser als in ihrem Traum, aber trotzdem hörbar.
War es schon so früh? War heute Morgen wieder ein Gottesdienst? Sie wollte Bruder Theobald verdammen, als ihr bewusst wurde, dass es tiefe Nacht war.
Ruckartig richtete sie sich auf. Ihre Müdigkeit war verflogen. Inmitten des Geläuts hörte sie Stimmen. Katharina ging ans Fenster und sah zur Kirche. Sie konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen, als sie ein Flackern in den Augenwinkeln wahrnahm. Die Weinreben brannten! Für einen Augenblick setzte ihr Atem aus. Dann legte sie ihr Nachtgewand ab, zog sich ein Kleid über und schlüpfte beim Herausgehen in die Schuhe. So schnell sie ihre Füße trugen, rannte sie los.
Philipp hustete und konnte durch den Rauch kaum etwas sehen. Trotzdem schlug er unermüdlich mit einem Ast auf die Flammen ein. Die kleinen Funken brannten unangenehm auf seiner Haut, aber Philipp wich keinen Schritt zurück. Der gute Geruchssinn seines Freundes hatte wahrscheinlich Schlimmeres verhindert, aber das Feuer breitete sich weiter aus.
„Wir müssen die Holzgestelle der Weinreben zum Wald abschlagen“, schrie Volmar. „Das Feuer darf nicht dorthin übergreifen.“
„Hast du eine Axt oder anderes Werkzeug hier gesehen?“
„In dem Rauch finden wir sowieso nichts. Wir müssen die Stützen mit unseren Händen rausreißen.“
Philipp nickte und lief seinem Freund hinterher. Am Waldrand angekommen packte Volmar eine der eingegrabenen Stangen, welche die Querstrebe hielt, auf denen die Reben abgelegt waren. Er ging in die Knie, spannte die Schultern an und verharrte einen Moment in dieser Haltung. Dann zog er mit einem Ruck das Holz heraus, wobei er vom Schwung beinahe von den Füßen gerissen wurde. Die Stange warf er zur Mitte des Weinberges.
„Wir dürfen auch die kleinen Hölzer und Reben nicht vergessen“, schrie er Philipp zu. „Wir müssen alles Brennbare in die Mitte schaffen.“
Ein paar Männer kamen zu ihnen gelaufen. Philipp erkannte den Bäcker Winand Gebhard, den Metzger Haug Bindrim und Albrecht.
„Hierher“, schrie Volmar und winkte. Während Philipp eine Stange aus dem Boden zog, gab sein Freund den Neuankömmlingen Anweisungen. Dann machten auch sie sich an die Arbeit, während sich das Feuer weiter dem Wald näherte.
Katharina kam an den Marktplatz und stolperte beinahe über eine dickliche Frau, die mit Töpfen und Eimern beladen war.
„Ida“, sagte sie überrascht und nahm der Frau zwei Eimer ab. „Ich helfe dir.“
„Danke“, antwortete die Wirtin, während sie weiter in Richtung der Weinfelder lief.
„Weißt du, wie schlimm es ist?“, fragte Katharina.
„Ich war auch noch nicht oben. Albrecht hat mir nur zugerufen, dass die Reben brennen, und dass ich alle Töpfe und Eimer mitnehmen soll, die ich tragen kann. Dann ist er losgerannt.“
„Aber wie konnte das geschehen? Auch wenn es die letzten Tage nicht geregnet hat, ist es nicht trocken genug, dass die Reben einfach Feuer fangen.“
Ida zuckte mit den Schultern. „Selbst im trockensten Sommer ist hier noch nie ein Brand ausgebrochen. Ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist.“
Katharina musste unwillkürlich an den Fluch denken. Bredelin hatte geschworen, dass das dritte Opfer im Feuer verbrennen würde. Vielleicht war es jetzt soweit. Sie behielt diesen Gedanken für sich. Sie hatte beim Dorffest gesehen, wie leicht die Leute in Panik geraten konnten. Sie wunderte sich sowieso, wie viele Männer und Frauen sich aufgemacht hatten, um beim Löschen zu helfen. Anscheinend war die Angst vor dem Verlust der Felder größer, als die Furcht vor dem Fluch.
Katharina lief neben der Wirtin, die erstaunlich schnell für ihr Gewicht war. Das Flackern des Feuers leuchtete gespenstisch in der Nacht und warf bizarre Schatten. Als sie dem Reben näher kam, spürte Katharina die Wärme, der Flammen.
„Wir müssen zum Brunnen an der Unterseite der Weinfelder“, schlug Katharina vor und nahm Ida zwei weitere Töpfe ab. Der Weg kam ihr endlos weit vor, und mit jedem Schritt wurde der Rauch dichter.
Philipp zog mit aller Kraft an der Stange. Seine Schultern schmerzten, und der Rauch trieb ihm Tränen in die Augen, aber er arbeitete ohne Unterlass. Neben ihm hatte sich Haug Bindrim auf den Boden gekniet und hustete krampfhaft. Das Gesicht des Metzgers war schweißüberströmt, aber er erhob kurz darauf wieder und half Philipp die Stange aus dem Boden zu ziehen. Dann rissen sie die Reben und Stützhölzer ab und warfen sie in die Mitte des Weinfelds.
Der Boden war trocken. Es hatte wenig geregnet, und der Wald neben den Weinbergen führte dichtes Unterholz. Wenn sich die Flammen bis hierhin ausbreiteten konnten, würde das Feuer wie ein Sturm über das Dorf fegen. Dann wären alle Löschversuche vergebens. Sie mussten den Kampf hier gewinnen. Philipp riss die nächste Stange aus dem Boden und warf sie von sich, als Volmar zu ihnen gelaufen kam.
„Die erste Reihe haben wie geschafft“, schrie der Holzfäller. „Wir müssten die Flammen eigentlich schon im Griff haben, aber das Feuer ist an mehreren Stellen ausgebrochen.“
„Wie kann das sein?“, fragte Haug. „Wie kann ein Feuer mitten in der Nacht an verschiedenen Stellen ausbrechen?“
„Ich habe auch etwas verbranntes Stroh gefunden.“
„Stroh?“, fragte Philipp ungläubig. „Wie kommt Stroh auf die Felder?“
„Jemand hat den Brand gelegt.“
„Was?“, brüllte Haug. „Wer brennt die Felder ab und riskiert dabei, dass das Dorf in Flammen aufgeht?“
Philipp presste den Mund zusammen. Ihm kamen die Worte von Bredelin in den Sinn. Er hatte einen Tod durch Feuer angekündigt. Vielleicht war es soweit. Der Fluch suchte sie heim. Er sah in die Gesichter seiner Freunde. Sie schienen eher wütend, als verängstigt zu sein. Anscheinend hatte keiner von ihnen einen Zusammenhang zum Fluch hergestellt. Er würde ihnen seine Gedanken besser nicht mitteilen.
„Wir kümmern uns später darum“, sagte Volmar. “Lass uns zum Brunnen gehen und die Leute hierher bringen. Wenn wir den Boden wässern, sterben die Flammen ab, bevor sie den Wald erreichen. Der Wind ist günstig.“
Philipp nickte und folgte dem Holzfäller zum Brunnen.
Katharina trug den großen Eimer zu einer brennenden Rebe und schüttete den Inhalt darüber. Funken spritzten hoch und der dunkle Rauch ließ sie husten. Ihre Arme schmerzten, und ihre Schuhe waren nass. Die Ärmel ihres Kleides waren angesengt, und ihre Hände waren schwarz vor Ruß. Es kamen immer mehr Bürger, aber der Wege vom Brunnen zu den Feldern waren lang. Sie konnten nicht schnell genug das Wasser herausschöpfen. Der Fluss war zu weit, daher war sich Katharina nicht sicher, ob sie es schaffen würden, die Flammen zu löschen.
Sie hastete zurück und sprang über eine verkohlte Rebe. Der Qualm war dicht wie Nebel. Für einen Moment wurde ihr schwindelig, aber dann schüttelte sie den Kopf und lief weiter. Sie würde jetzt nicht aufgeben.
Philipp, Volmar und Haug rannten zum Brunnen. Sie konnten durch den Rauch kaum etwas sehen, als Volmar über etwas stolperte und der Länge nach hinschlug. Im ersten Moment dachte Philipp, dass sie einen Felsen übersehen hätten, doch dann bewegte sich der Felsen. Philipp kam näher und erkannte Frederich, der sich auf dem Boden krümmte und hustete.
„Bürgermeister Rump“, sagte Philipp und half dem Mann auf. „Was ist passiert?“
„Ich bin zu schnell gelaufen“, sagte er keuchend und holte tief Luft. „Im Rauch habe ich die Orientierung verloren und bin über eine Wurzel gestürzt.“
Volmar rappelte sich fluchend wieder auf. „Wir müssen zum Brunnen.“ Er hakte sich bei Frederich unter und zog ihn mit sich.
„Ja“, japste der Bürgermeister und versuchte Schritt zu halten.
„Frederich ist wirklich zu nichts nutze“, flüsterte Haug zu Philipp. Irgendwie hatte der Metzger Recht, aber obwohl der Bürgermeister eigentlich ein Feigling war, musste er ihm zu Gute halten, dass er nach oben gekommen war. Vielleicht war er gar nicht so verweichlicht, wie er immer gedacht hatte.
Ida war zwei Schritte vor Katharina. Sie hatte einen großen Topf in der Hand. Das Wasser schwappte bei jedem Schritt über, aber die Wirtin rannte ohne innezuhalten zu den brennenden Rebstöcken. Dort angekommen, holte sie aus und wollte das Wasser in das Feuer schütten, als sie in ein Loch trat. Sie fiel mitsamt dem Topf in die Flammen.
„Ida.“ Katharina rannte zu ihr. Die dickliche Frau schrie und rollte sich aus dem Feuer. Ihr Kleid hatte am Ärmel Feuer gefangen.
Katharina schüttete den Inhalt ihres Eimers auf die Wirtin. Dann warf sie das Gefäß zur Seite und zog sie von der brennenden Rebe weg. Die Flammen an Idas Kleid waren fast erloschen, aber sie klopfte noch auf ihren Ärmel, bis auch die letzten Funken verschwunden waren.
Katharina kniete sich neben die Wirtin auf den Boden. „Geht es dir gut?“, fragte sie besorgt.
Ida sah das verkohlte Kleid an ihrem Ärmel an. „Gott sei Dank, dass du hinter mir warst“, antwortete sie sichtlich erschreckt. „Aber bis auf ein verbranntes Kleid geht es mir gut.“
Katharina seufzte und legte sich auf dem Boden ab. Die Erde war matschig, aber das war ihr egal. Sie musste einen Moment zur Ruhe kommen.
„Bitte mach so etwas nie wieder“, sagte sie und versuchte ihr klopfendes Herz zu beruhigen. „Wir sind wirklich zu alt für so was.“
„In Ordnung.“ Ida umarmte Katharina kurz. „Ich versuche das Feuer zu löschen, ohne mich in die Flammen zu werfen.“ Sie stand auf und sah in die brennenden Reben. „Schade um den Topf.“
Sie packte Katharina an den Armen und zog sie hoch. „Nimm deinen Eimer und komm. Wir müssen weiterlöschen.“
Katharina lächelte. Ida war wirklich durch nichts zu erschüttern. Sie gingen wieder zurück zum Brunnen und waren nicht weit gelaufen, als Katharina die große Schlange am Brunnen bemerkte. Jetzt war das ganze Dorf auf den Beinen. Jeder hatte Schüsseln, Töpfe oder andere Gefäße mitgenommen.
„Das hat keinen Sinn“, sagte sie zu Ida. „Wir müssen zur nächsten Wasserstelle.“
„Die ist weiter oben an der kleinen Hütte.“
„Auch wenn der Weg länger ist, so kommen wir wenigstens schneller an Wasser. Nimm dir noch Leute mit. Dann ist mehr Platz am Brunnen.“
Katharina drehte sich um und wollte loslaufen, als sie Johannes Sitter bemerkte. Er stand am Rand der Weinberge und blickte mit starren Augen auf das Feuer. Im ersten Moment glaubte Katharina darin Verzweiflung zu erkennen, da Johannes schon viele Jahre auf den Weinbergen gearbeitet hatte. Dann begriff sie Wahrheit. Es war nicht Kummer, sondern Reue.
Philipp hatte mit Volmar, Haug und Frederich den Brunnen erreicht. Die Bürger hatten Gefäße mitgebracht und rannten aufgebracht umher, um die Flammen zu löschen. Er wollte die Leute anrufen, damit sie ihnen zum Waldrand folgten, als Volmar plötzlich stehenblieb. Philipp wäre beinahe auf ihn aufgelaufen. Die Augen des Holzfällers waren auf Johannes Sitter gerichtet, der mit schreckensgeweiteten Augen auf das Feuer starrte. Philipp spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Was sie im Rausch des Trinkgelages als dummes Gerede abgetan hatten, hatte sich bewahrheitet. Johannes hatte die Felder angezündet. Bevor Philipp reagieren konnte, war Volmar auf den Arbeiter zugegangen und schlug ihn mit einem harten Fausthieb nieder. Alle Köpfe wandten sich den beiden Streitenten zu.
„Du verfluchter Säufer“, schrie Volmar. „Totschlagen müsste man dich. Wenn das Feuer zum Wald übergreift, brennt das ganze Dorf ab.“
„Das wollte ich nicht“, sagte Johannes verzweifelt. „Ich wollte nur, dass der Graf die Felder nicht bekommt.“
„Was interessiert es dich?“, fuhr der Holzfäller dazwischen. „Was schert dich dein Herr, wenn er dir Arbeit gibt und dir deinen Lohn zahlt?“
„Du kennst Arnold von Erenkirch nicht“, schrie Johannes. „Ich habe zwei Jahre für diesen Hund gearbeitet. Er trinkt den ganzen Tag, zahlt schlecht und lässt seine Arbeiter schlagen. Er vergeht sich an den Töchtern seiner Angestellten und verstößt sie, wenn sie ihm einen Bankert gebären. Der Graf hat nicht mehr als Dreck verdient.“
Volmar vergrub sein Gesicht in den Händen. Es kostete ihn sichtlich Mühe Johannes nicht erneut zu schlagen. Dann wandte sich der Holzfäller den Wartenden zu.
„Wir müssen weitermachen“, rief er. „Um den Brandstifter kümmern wir uns später. Schüttet alles Wasser oben an den Waldrand. Wir haben schon eine Reihe Rebstöcke abgerissen. Wenn das Feuer nicht auf die Bäume übergreift, wird es verlöschen.“
Einen Moment sahen sich die Männer und Frauen unsicher an. Dann schrie Philipp „Kommt mit“, und winkte den Bürgern. Plötzlich kam Bewegung in die Menschen. Alle, die ihre Gefäße gefüllt hatten, folgten ihm.
Katharina rieb sich die tränenden Augen. Sie war die ganze Nacht umher gerannt und hatte Eimer mit Wasser getragen. Ihr Kleid war vom Ruß geschwärzt und hatte kleine Brandlöcher von den unzähligen Funken, die der Wind umhergetrieben hatte.
Die ersten Strahlen der Sonne beleuchteten die Szenerie. Fast ein Fünftel der Weinreben war verbrannt. Nur weil die Arbeiter vom Gut eine Schneise in die Mitte geschlagen hatten, hatte das Feuer die oberen Felder verschont. Der Plan von Volmar war aufgegangen. Das feuchte Erdreich hatte das Übergreifen auf den Wald verhindert und so das Dorf vor dem Schlimmsten bewahrt. Der Rauch wurde weniger. Hier und da wurden noch kleinere Feuer ausgeschlagen oder glimmende Reste mit Wasser übergossen, aber die Gefahr war gebannt.
Die ersten Bürger gingen wieder ins Dorf zurück. Auch ihnen waren die Strapazen und Schrecken der Nacht anzusehen, aber keiner von ihnen war zurückgewichen. Trotzdem war keine Freude in ihren Augen zu lesen.
„Ein Wahnsinn“, sagte Ida, die einen letzten Eimer mit Wasser ausleerte und sich neben Katharina stellte. Das Gesicht der Wirtin war vom Ruß geschwärzt, und ihre Haare standen wirr zu allen Seiten ab. Ihr angebranntes Kleid war durchnässt und von Asche verschmutzt. Sie sah zum fürchten aus.
„Ich glaube das Feuer ist aus“, sagte Katharina und rieb sich die schmerzenden Arme.
„Dann wird es Zeit nach Hause zu gehen und was zu essen.“
Katharina sah an sich herunter. „Vielleicht wäre ein kurzes Bad auch keine schlechte Idee.“
„Aber erst nach dem Frühstück“, erwiderte Ida grinsend.
Katharina hob zwei Töpfe auf und nickte. Dann ging sie mit der Wirtin zurück ins Dorf.
Philipp nahm sich einen Eimer Wasser und schüttete ihn sich über den Kopf. Seine Haut fühlte sich warm an, als wäre er den ganzen Tag in der Sonne gelegen. Sein linker Handrücken war verbrannt und seine Augen tränten.
Volmar und Haug traten noch ein paar kokelnde Äste aus, während sich Frederich Rump an einen Baum stützte.
„Die Gefahr ist gebannt“, sagte Philipp zum Bürgermeister. Frederich versuchte zu lächeln, was ihm aber nicht gelang, weil er wie ein Blasebalg in der Schmiede keuchte. Philipp hatte den dicken Mann noch nie so schmutzig gesehen, aber we hatte sich heute den Respekt der Männer verdient. Er war nicht schnell oder kräftig, hatte aber keinen Moment gezögert und ihnen geholfen. Selbst Volmar hatte ein anerkennendes Nicken zustande gebracht.
Ein neuer Tag brach an. Der Himmel war klar, aber heute hätte sich Philipp gewünscht, dass er Wolken mit sich brachte.
„Lass uns noch einmal durch die Felder gehen und die übriggebliebene Glut löschen“, bat Volmar. „Dann können wir beruhigt nach Hause gehen.“
Philipp nickte matt und machte sich mit den Männern auf den Weg. Er war zum Umfallen müde, aber er durfte nicht ruhen, bis sicher war, dass das Feuer nicht mehr auflodern konnte.
Katharinas Haare waren noch nass, aber sie fühlte sich wohler, nachdem sie sich gewaschen und ein neues Kleid angezogen hatte. Philipp war nach dem Feuer sofort in den Fluss gesprungen und mit seinen nassen Hosen nach Hause gelaufen. Die Hitze hatte sein Gesicht gerötet. Er hustete noch, sah ansonsten aber unversehrt aus. Als sie den nassen und müden Mann die Straße hinaufkommen sah, hatte sie gelächelt. Was immer in Furtenblick passieren würde, Philipp würde sich jeder Gefahr stellen, auch wenn er abergläubisch wie ein alte Vettel war. Sie kannte keinen Mann, der ein größeres Herz hatte.
Als er sich umgezogen hatte, hatte Katharina das Frühstück zubereitet. Sie hatte zwei Eier mehr gebraten. Erst langsam wurde ihr klar, wie viel Glück sie gehabt hatten, dass Volmar das Feuer bemerkt hatte.
„Was wird mit Johannes passieren?“, fragte Katharina, während sie ein Stück Speck durchschnitt.
„Seit ihn Volmar niedergeschlagen hat, hat ihn niemand mehr gesehen. In seiner Hütte ist er nicht. Wahrscheinlich ist er aus Angst vor Strafe verschwunden. Einem Brandstifter droht der Tod durch den Strick.“
„Wollt ihr in nicht suchen?“
„Das ist sinnlos. Das überlassen wir dem Vogt. Der Bürgermeister geht zu ihm und wird vom Feuer berichten. Außerdem will er mehr über die Vergabe des Weinguts an Arnold von Erenkirch wissen.“
Katharina aß den Speck, bevor sie weitersprach. „Ich muss nach Heidelberg“, erwähnte sie in beiläufigem Ton. Philipp hielt mit dem Essen inne.
„Nach Heidelberg? Was in Gottes Namen willst du dort?“
„Ich muss mehr über Bredelin Arken herausfinden.“
„In Heidelberg? Ich dachte seine Familie stammt aus dieser Region?“
„Er war mehr als zwanzig Jahre im Kerker. Vielleicht kann ich von den Wärtern oder einem Mitgefangenen etwas erfahren.“
Philipp runzelte die Stirn. „Du meinst, du gehst dorthin, fragst die Kerkerwachen über Bredelin aus und sie geben dir freudig Auskunft?“
„Natürlich nicht. Ich nehme Geld mit und überzeuge die Wachen damit.“
„Glaubst du nicht, dass das Geld verschwendet ist? Bredelin war mehr als zwanzig Jahre im Kerker. Was kann er dort gemacht haben, was uns dem Mörder näherbringt?“
„Das weiß ich noch nicht“, sagte Katharina zögerlich. „Aber alles begann mit dem Giftmord an Heinrich Ommert. Ist dir nicht aufgefallen, dass sowohl Rudolf Eigbrod, wie auch Lukas Kolf mit Bredelin Arken zu tun hatten? Ich bin mir sicher, dass diese Morde damit zusammenhängen, auch wenn Bredelin schon tot ist. Irgendjemand ist noch in diese Geschichte verwickelt. Und wenn ich den Tod von Rudolf und Lukas aufklären kann, dann kenne ich auch den Mörder und weiß wer das nächste Opfer ist.“
„Du willst dich allen Ernstes dem Fluch entgegenstellen?“
Katharina seufzte. „Es gibt keinen Fluch, Philipp. Ich bin mir sicher, dass irgendein menschliches Wesen diese Morde begeht und es so aussehen lässt, als erfülle sich der Fluch.“
„Aber wer, Katharina? Bredelin Arken ist tot und so verkrüppelt wie war, könnte er niemanden umbringen, auch wenn er sich nicht in den Fluss gestürzt hätte. Er hat keine Verwandten hier und sein Kind ist gestorben. Seine Familie hat ihn verstoßen.“
„Ich weiß es nicht“, sagte sie resigniert. „Vielleicht hatte er ein weiteres uneheliches Kind, das seinen Vater rächen will. Vielleicht ein Bruder oder ein Freund, der noch in Furtenblick lebt. Mein Besuch beim Vogt hat mir nicht viel geholfen. Auch Christine hat mich dem Mörder nicht näher bringen können, also muss ich an anderer Stelle weitermachen. Ich muss mehr über die letzten Jahre von Bredelin herausbekommen. Das geht nur in Heidelberg.“
Sie hob drohend einen Löffel. „Philipp Kohlhepp. So sehr du dich auch bemühst, du wirst mich nicht von meinem Vorhaben abbringen.“
Philipp lächelte. „Ich kenne dich schon lange genug. Eher könnte ich einen ausgewachsenen Bullen niederringen, als dich von etwas abzubringen. Ich bin bloß nicht glücklich darüber, dass ich dich nicht nach Heidelberg begleiten kann, weil ich helfen muss, die Felder wieder aufzubauen.“
„Ich gehe nicht zum ersten Mal nach Heidelberg und bin auch schon alt genug, um alleine auf mich aufzupassen.“
„Zu Fuß wirst du die Strecke nicht laufen können.“
„Ich dachte, vielleicht kann ich einem vorbeifahrenden Händler ein paar Münzen geben, damit er mich …“
Philipp hob die Hand. „Eine schlechte Idee“, sagte er bestimmt. „Du solltest mit jemand reisen, den du kennst, damit du nicht deine Münzen los bist und irgendwo im Wald ausgesetzt wirst.“
„Kennst du vielleicht jemanden, der rein zufällig mit einer Kutsche nach Heidelberg fahren und das, wenn möglich, auch noch in diesem Jahr?“, fragte Katharina spöttisch. Sie wusste, wie weit der Weg war und dass nur selten jemand diese Mühe auf sich nahm.
„Cuno“, antwortete Philipp kurz.
„Wer?“
„Cuno Treis. Der Bäckerlehrling. Winand schickt ihn regelmäßig nach Heidelberg um Zutaten zu kaufen. Außerdem muss Cuno die Hofkonditoreien besuchen, um das neuste Backwerk zu erstehen, damit Winand es nachmachen kann.“
Katharina war überrascht. Sie wusste nicht, dass Winand seinen Lehrling nach Heidelberg fahren ließ.
„Wann fährt er wieder dorthin?“
„Überlass das mir“, sagte Philipp und erhob sich vom Tisch. „Ich besuche ihn mal. Er schuldet mir seit unserem letzten Würfelspiel noch mehr als einen Gefallen.“
„Ich dachte, du hättest aufgehört …“
„Bis gleich“, sagte Philipp und ging eilig hinaus. Die Tür fuhr etwas lauter als sonst ins Schloss. Katharina sah ihn noch schnell am Fenster vorbeilaufen. Dann gab sie einen Laut der Missbilligung von sich und räumte die Teller ab. Soweit zu seinem Versprechen nicht mehr würfeln zu wollen. Darüber würden sie noch reden. Aber erst musste sie nach Heidelberg. Vielleicht konnte sie dann den Mörder finden.