Die Johannis-Morde – Kapitel 10

Kerker

Philipp fluchte. Er ärgerte sich, dass er vom Würfeln erzählt hatte. Katharina würde ihm wieder Vorhaltungen machen. Sie mochte nicht, dass er würfelte, weil sie Angst hatte, dass er sein Geld verspielen könnte. Sie würde ihm nicht glauben, dass der Einsatz in der Furt nur eine Münze pro Abend war. Außerdem gewann er öfters, als dass er verlor.
Mürrisch ging er über den Marktplatz zur Bäckerei. Winand Gebhard brachte gerade neues Brot in den Laden, das er in einen großen Korb legte.
„Guten Morgen, Winand“, sagte Philipp.
„Hallo, Philipp“, antwortete der Bäcker. „Du kommst gerade richtig. Das erste Brot ist fertig.“ Er sah ihn mit misstrauisch an. „Oder bist du gekommen, die Würfelschulden einzutreiben?“
„Weder noch.“ Philipp hob besänftigend die Hände. „Kannst du mir sagen, wann Cuno wieder nach Heidelberg fährt?“
„Ich hatte das nicht vor nächsten Monat geplant. Ich habe noch alles, was ich brauche. Wieso fragst du?“
„Katharina muss nach Heidelberg. Ich würde sie gerne von jemand dorthin gebracht sehen, dem man vertrauen kann.“
„Ist es wichtig?“
„Scheinbar“, antwortete Philipp. „Wenn ich deine Schulden vergesse, kannst du dann Cuno früher nach Heidelberg schicken?“
Die Miene des Bäckers hellte sich auf. „In Ordnung, Philipp. Gib mir heute noch Zeit. Ich muss noch etwas Arbeit aufholen. Dann richte ich alles und morgen, mit den ersten Strahlen der Sonne, geht es los.“
„Abgemacht“, sagte Philipp und streckte Winand die Hand hin. Der Bäcker schlug ein und drehte sich zur Backstube um. „Cuno, du fauler Nichtsnutz“, brüllte er. „Komm sofort nach vorne.“
Philipp hörte ein Rumpeln. Dann kam ein mit Mehl übersäter junger Mann nach vorne gehastet. Er sah übermüdet aus, als hätte er gerade ein Nickerchen gemacht. Während der Lehrling sich Belehrungen von Winand anhören musste, verabschiedete sich Philipp mit einem Winken. Wenn Katharina nach Heidelberg wollte, würde sie wenigstens sicher dort ankommen.

Katharina war nach dem Frühstück zum Metzger gegangen, um noch etwas Fleisch zu erstehen. Sie wollte es während ihrer Abwesenheit einlegen, bevor sie sich um ihren Garten zu kümmern hätte. Die zwei Tage beim Vogt, der Besuch bei Christine und ihre morgige Reise nach Heidelberg machten sich bemerkbar. Das Unkraut spross schon wieder, und sie käme kaum mit dem rupfen nach, wenn sie sich heute nicht darum kümmern würde.
Es war viel Betrieb im Dorf. Die Männer waren nicht auf ihre Felder gegangen, sondern halfen die Folgen des Brandes wegzuräumen. Auch wenn sich viele über den neuen Herrn des Weinguts erzürnt hatten, so sahen sie es als ihre Pflicht an, die Felder von dem verkohlten Holz zu befreien. So unerfreulich die Ereignisse der gestrigen Nacht gewesen waren, es lenkte die Menschen vom Fluch ab und machte es Bruder Theobald schwieriger, die Bürger einzuschüchtern. Auch wenn die Folgen für die Ernte verheerend waren, vielleicht hatte es doch etwas Gutes gehabt.
Katharina kam an der Kirche vorbei, als sie Ida vor dem geschlossenen Portal stehen sah.
„Mach endlich auf“, rief die Wirtin erbost und klopfte an die große Tür.
Katharina ging zu ihr. „Was ist denn los?“
„Bruder Theobald hat das Portal zur Kirche noch nicht geöffnet. Heute ist der Todestag meines Vaters. Ich würde gerne für ihn beten, aber anscheinend ist unser Priester noch nicht erwacht.“
„Seit wann ist das Portal abgeschlossen?“, fragte Katharina überrascht. Auch wenn sie schon lange nicht mehr morgens in der Kirche gewesen war, war die Tür immer offen gewesen.“
„Seit ein paar Tagen. Mit dem Tod von Lukas Kolf hat sich Bruder Theobald entschlossen, das Portal des Nachts zu verschließen. Vielleicht hat er Angst, dass ihn der Fluch holt.“
„Aber Bruder Theobald schläft doch in der kleinen Hütte hinter der Kirche. Was nützt es, wenn er das Portal schließt?“
Ida ging näher zu Katharina. „Der verrückte Priester schläft schon eine ganze Zeit neben dem Altar“, flüsterte sie. „Er hat einmal vergessen abzuschließen und da hab ich ihn spät abends schnarchend vor dem Kruzifix liegen sehen.“
Ein lautes Poltern unterbrach ihr Gespräch. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss und das Portal ging auf. Bruder Theobald rieb sich müde die Augen und unterdrückte ein Gähnen. Seine wenigen Haare standen wild vom Kopf ab und seine Kutte war zerknittert, als hätte er die ganze Nacht darin verbracht.
Ida nickte dem Priester zu und schien alle Mühe zu haben, keine bissige Bemerkung von sich zu geben. Für einen Augenblick traf sich Katharinas Blick mit Bruder Theobald. Auch wenn der Mann sich Mühe gab, möglichst würdevoll zu wirken, so konnte nicht verbergen, dass er schreckliche Angst hatte, die ihn des Nachts wie ein verängstigtes Kind in die Kirche trieb.

Philipp lehnte sich bequem auf seine Schaufel und verfolgte das Streitgespräch zwischen Volmar und Henn Petter, dem Verwalter des Weingutes.
„Wir müssen den Abstand des oberen Feldes zum Wald vergrößern“, erklärte Volmar. „Nur weil das Feuer sich nicht nach oben ausgebreitet hat, heißt das nicht, dass diese Rebstützen nicht auch in Flammen aufgehen können.“
„Es macht doch keinen Sinn noch gute Stöcke rauszureißen.“
„Ich will die Reben ja nicht rausreißen, sondern auf das verbrannte Gebiet umpflanzen. Wir werden die Erde umgraben und mit Waldboden mischen. Dann müsste sich der Wuchs bald wieder einstellen.“
„Ein Umpflanzen überstehen die wenigstens Reben. Wir haben schon zu viel Wein durch das Feuer verloren.“
„Wenn ein Feuer auf den Wald übergreift, werdet Ihr nicht nur den Wein verlieren. Das Gut wird schneller brennen, als ein Strohballen.“
Dem Verwalter sah man die Strapazen der letzten Nacht noch an. Er und alle Bediensteten hatten bei der Löschung des Feuers mitgeholfen. Henn hatte dunkle Ringe unter seinen geröteten Augen. Seine Haare waren nicht so akkurat wie sonst gekämmt und ein Zipfel des Hemdes hing aus seiner Hose.
„Macht was Ihr wollt“, gab er resigniert nach und warf die Hände in die Luft. „Ich war der Verwalter von Lukas Kolf. Was interessiert es mich, was mit dem Wein passiert.“ Er drehte sich um und ging wieder zum Gutshaus zurück.
Volmar nahm eine Hacke und wandte sich zu Philipp. „Lass uns an die Arbeit gehen. Solange Arnold von Erenkirch noch nicht da ist, können wir die Weinberge so umpflanzen, wie es uns gefällt. Wenn der Trunkenbold erst angekommen ist, werde ich keinen Fuß mehr hierher setzen.“
Philipp nickte und schulterte seine Schaufel. Es gab viel zu tun.

Katharina sah in Philipps müde Augen. Die Anstrengungen der letzten Tage waren deutlich zu sehen. Er hatte Mühe sich wachzuhalten und gähnte oft. Einzig sein Hunger war ungezähmt, als er den dicken Eintopf in sich hineinschaufelte.
„Hast du alles gepackt, was du brauchst?“, fragte Philipp mit vollem Mund.
„Ich reise nicht um die Welt, Philipp“, antwortete Katharina. „Wir werden morgen Nacht wieder zurück sein.“
„Sei vorsichtig. Heidelberg ist nicht Furtenblick. Dort gibt es finstere Gesellen, die nur darauf warten, unwissende Fremde auszunehmen. Was immer du tust, zeige niemals dein Geldsäckel hervor und verstaue es tief in deiner Kleidung.“
Katharina wollte erwidern, dass sie alt genug sei, und dass sie schon öfter in Heidelberg war, hörte aber Philipp geduldig zu, wie er ihr weitere Verhaltensregeln für die große Stadt und den Umgang mit Kerkerwärtern gab. Im Grunde machte er sich nur Sorgen.
„Halte dich auf der großen Brücke auf. Dort ist am meisten Verkehr und du findest am schnellsten Hilfe, wenn dich jemand ausrauben will“, sagte er abschließend und stopfte sich den letzten Löffel Eintopf hinein.
Katharina nickte und stand mit Philipp auf.
„Vielen Dank, für den köstlichen Eintopf.“, sagte er. Er seufzte zufrieden und er rieb sich den Bauch. Doch dann schlich sich wieder der Ausdruck der Sorge in seine Augen.
„Mir wird nichts passieren“, beschwichtigte Katharina. „Ich werde dir übermorgen alles berichten.“
Philipp stand einen Augenblick unsicher vor ihr. Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann hob er die Hand und ging hinaus. Katharina räumte die Teller ab, wischte sich die Hände am Rock ab und nahm eine Kerze zur Hand. Dann legte sie sich auf den Boden und holte ihre Ersparnisse aus dem Versteck unter dem Kleiderschrank. Es waren nicht viele Münzen, aber sie würden für den Kerkerwärter genügen. Dann nahm sie das Mehl von der Anrichte und begann zu backen. Das Geld wäre nicht ihr einziges Bestechungsmittel.

Der junge Bäckerlehrling hatte sich an die frühen Zeiten des Aufstehens noch nicht gewöhnt. Cuno hatte Mühe die Augen offenzuhalten. Er hatte die Zügel des Pferdes locker auf seinen Händen liegen und lenkte den Wagen über die Straße. Es war noch dunkel, aber die ersten Strahlen der Sonne zeigten sich schon am Horizont. Katharina rieb sich müde die Augen und sehnte sich nach ihrem Bett, aber sie wollte mehr über die Gefangenschaft von Bredelin Arken herausfinden, auch wenn sie den ganzen Weg nach Heidelberg auf diesem kleinen Wagen sitzen musste. Wenn sie gut vorankämen, würden sie am späten Mittag die Stadt am Neckar erreicht haben. Katharina versuchte sich am Weg durch den Wald zu erfreuen, aber der frühe Morgen forderte seinen Tribut. Sie legte die Hände auf den Korb. Ihr Kopf sackte nach vorne. Dann fiel sie in einen unruhigen Dämmerschlaf.

Philipp legte die Schaufel beiseite und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand schon hoch, und er hatte die Arbeit aufgeholt, die er gestern auf den Weinbergen verloren hatte. Dort war seine Pflicht getan. Die verbrannten Reben waren weggeschafft, und das dunkle Erdreich mit Waldboden aufgelockert. Wer immer das Gut übernahm, konnte die Felder wieder bepflanzen.
Dies alles war kein Akt der Nächstenliebe gewesen. Philipp würde nicht einen Handstreich für Graf Arnold von Erenkirch machen, aber er und die anderen Männer des Dorfes, hatten sich von Volmar überzeugen lassen, die Abwesenheit des Gutsbesitzers zu nutzen, um die Felder weiter vom Wald wegzubauen. So konnte weder ein Waldbrand auf die Reben, noch ein Feuer im Weinberg auf den Wald zugreifen.
Er griff zu einem Krug und kühlte seinen Durst, während seine Gedanken zu Katharina abschweiften. Sie müssten bald in Heidelberg ankommen. Philipp hoffte, dass sie vorsichtig war. Der Kerker war wahrlich kein Ort, an dem sich eine Frau herumtreiben sollte.

Katharina wurde wach, als der Wagen plötzlich anhielt. Sie öffnete blinzelnd die Augen und sah sich um. Der Morgen war schon fortgeschritten, aber es war noch immer kühl. Auf dem Weg standen zwei Kutschen. Ein Pferd war an einem Baum festgebunden, und eine große Menschenmenge hatte sich bei einer Lichtung versammelt. Ein Büttel hielt sie von irgendetwas zurück.
Katharina erhob sich und stellte sich auf den Kutschbock. Bei der Lichtung lag ein schlaffer Körper. Der tote Mann war gut gekleidet, aber sein Kopf war blutüberströmt. Irgendjemand hatte ihm den Schädel eingeschlagen.
Katharina ging von der Kutsche herunter und näherte sich der Menschenmenge. Sie wollte dichter heran, aber der Büttel hielt sie zurück, damit sein Kamerad den Toten untersuchen konnte.
„Das ist Marquard Lauenbach“, sagte eine Frau zu dem Wächter.
„Woher wollt Ihr das wissen?“, fragte er unwirsch.
„Der gute Herr Lauenbach kehrt immer in unserem Gasthof ein“, antwortete sie und bekreuzigte sich. „Er ist ein Gewürzhändler aus Heidelberg, der Wirte aus der Gegend beliefert.“
„Wo sind seine Gewürze?“
„Er war immer mit einem Pferd unterwegs gewesen.“
„Ein Pferd haben wir nicht gesehen. Wahrscheinlich hat das der Mörder gestohlen.“
Der andere Büttel kam zu seinem Kameraden. „Der Mann hat nichts von Wert bei sich. Wahrscheinlich wurde er von einem Räuber erschlagen, aber wenn er ein Händler aus Heidelberg war, müssen wir dorthin hinbringen und dem Vogt übergeben.“
Katharina betrachtete den Toten. Sein Gesicht war kaum zu erkennen und eine Blutlache hatte sich um seinen Kopf gebildet. Die ersten Fliegen ließen sich in der dunklen, zähen Masse nieder. Es hatte schon lange keinen Raubüberfall mehr gegeben. War dies ein unglücklicher Zufall oder hing auch dieser Mord mit dem Fluch Bredelins zusammen?
Die Büttel fingen an eine Bahre zu bauen und wickelten den Toten in seinen Umhang. Katharina ging wieder zum Wagen zurück. Sie stieg auf den Kutschbock, als sie Cunos Nervosität bemerkte. Er hatte wahrscheinlich noch nie einen ermordeten Menschen gesehen.
„Wir können gleich weiterfahren“, versuchte ihn Katharina zu beruhigen. „Sobald die Wagen von Straße sind, werden wir unseren Weg fortsetzen können.“
Cuno lächelte, aber er konnte seine Unruhe nicht verbergen. Katharina setzte sich wieder und versuchte ihre düsteren Gedanken zu vertreiben. Sie waren zu weit von Furtenblick entfernt, als dass dieser Mord mit den Ereignissen in ihrem Heimatdorf zu tun haben konnte. Nicht alles hing mit Bredelins Fluch zusammen, schalte sie sich. Die Schaulustigen zerstreuten sich und stiegen wieder auf ihre Wagen. Bald konnten sie weiterfahren.

Katharina betrat die große Brücke und verweilte einen Moment. Ihre Augen folgten dem Neckar, der sich durch das Tal schlängelten und an dessen Ufern sich die sacht ansteigenden Hügel erhoben. Sie war schon lange nicht mehr hier gewesen und wurde immer wieder von der Größe der Stadt gebannt. Auf der Brücke herrschte ein Gedränge, wie bei ihrem Dorffest. Händler fuhren ihre Waren aus, ein Strom an Menschen versuchte in die Stadt zu kommen, ein noch größerer wieder heraus. Irgendwo dazwischen war Cuno, der sich zu einem Lieferanten aufmachte. In zwei Stunden würden sie sich am anderen Ufer wieder treffen. So lange hatte Katharina Zeit.
Sie riss sich vom Anblick los und wandte sich dem großen Tor zu. Es war aus rotem Stein erbaut, gut zehn Schritte hoch und hielt ein großes metallenes Gatter, das zur Hälfte hochgezogen war. Auf dem Tor waren ein schmaler Wehrgang und ein kleines Häuschen gebaut, auf dem der Brückenwärter lebte. Davor erhoben sich zwei runde Türme. Vor der Tür des linken Turmes standen zwei Wachen, die gelangweilt dem Strom der Menschen hinterher blickten. Katharina ging näher heran, als ihr der Gestank nach Schweiß und Fäkalien entgegenschlug. Sie hatte Mühe nicht zurückzuzucken und versuchte ein freundliches Gesicht zu machen.
„Besuch is’ nich’ gestattet“, begrüßte sie der ältere Mann und winkte Katharina weg, bevor sie etwas sagen konnte. Seine Kleidung war schmutzig und Katharina wusste nicht, ob der Gestank von ihm oder aus dem Gefängnis kam. Seine Nase war schief, und unter dem Kinn hatte er eine hässlich aussehende Narbe.
„Eigentlich will ich niemand besuchen, sondern nur mit Euch reden“, erwiderte Katharina und setzte ein strahlendes Lächeln auf.
„Die Huren werden auch immer dreister“, murmelte der Mann zu seinem jüngeren Kameraden, der für die Bemerkung nur ein mürrisches Brummen übrighatte. „Hier gibt es nichts für dich zu holen“, fuhr er unwirsch fort und winkte sie weg.
Katharina biss sich auf die Zähne und ballte die Faust. Als Hure war sie noch nie bezeichnet worden.
„Ich will nur etwas über einen ehemaligen Gefangenen wissen“, sagte sie geduldig. Wie aus dem Nichts erschienen zwei Münzen in ihrer Hand. Die Augen der beiden Soldaten blitzten gierig. Sie wollten danach greifen, aber Katharina legte die Finger darüber.
„Kanntet Ihr Bredelin Arken?“, fragte sie.
Die Soldaten gingen wieder einen Schritt zurück, aber ihre Aufmerksamkeit war geweckt. „Der Giftmörder? Den kennt jeder. Den hat schon mein Vater bewacht, so lange war der eingesessen.“
„Erzählt mit mehr von ihm.“
„Da gibt es nich’ viel zu erzählen. Die ersten Jahre soll er nur geheult und geschrien haben. Dass er unschuldig sei und so n’ Zeuch. Irgendwann haben n’ paar Wärter ihn dann mal ordentlich verkloppt. Dann war Ruhe. Als ich zur Wache gekommen bin, war er den ganzen Tag nur in der Ecke gesessen und hat auf die Wand gestarrt. Hat kaum was gegessen und nix gesprochen. Mein Vater hat gesagt, wenn sie anfangen so zu glotzen, leben sie nicht mehr lange. Aber dann haben wir ihm Narben-Otto in die Zelle gesetzt, und er ist richtig aufgelebt.“
„Narben-Otto?“, fragte Katharina.
„Ihr seid nich’ von hier, oder? Narben-Otto ist einer der übelsten Typen in Heidelberg. Hat so manchem edlen Mann n’ Knüppel über die Rübe gezogen und sein Geld geklaut. Der Richter hat es aber irgendwie nich’ übers Herz gebracht, den Knaben zu hängen. Is’ ne Legende hier.“
Katharina zuckte mit den Achseln.
„Dem haben sie als Kind schon so oft aufs Mauls gehauen, dass sein Gesicht voller Narben ist“, warf der andere Wärter ein. „Daher der Name.“
Katharina nickte verstehend. Aber eigentlich war sie nicht hier um Räuber-Geschichten zu hören.
„Na, egal“, fuhr der Ältere wieder fort. „Aber Bredelin und Otto sind richtig gute Freunde geworden. Sie haben den ganzen Tag gequatscht. Meist hat Otto was über seine Raubzüge erzählt und wie er in die Häuser der Reichen eingebrochen ist.“
„Und Bredelin?“
„Bredelin hat an ihm gehangen, als wäre er n‘ verdammter Heiliger. Keine Ahnung, was er an dem gefunden hat.“
„Sie haben den ganzen Tag geredet?“
„Anfangs ja, aber dann hat Bredelin angefangen Grundrisse oder irgendwas auf den Boden zu zeichnen. Die hat er dann tagelang mit ihm besprochen, fast als wollte er lernen, wie man n’ Bruch macht. Irgendwann war uns das zu heikel, und wir haben den Otto in eine andere Zelle verlegt. Mit seinen Grübeleien hat Bredelin aber nicht aufgehört, bis er rausgekommen is‘.“
„Wie kam Bredelin zu seinen Verletzungen?“, fragte Katharina.
„Was für Verletzungen?“
„Ich hab ihn nach seiner Entlassung gesehen. Er hat sein linkes Bein nachgezogen und sein Rücken war krumm.“
„Da müsst Ihr was verwechselt haben. Wenn Bredelin nicht über irgendetwas nachgegrübelt hat, hat er in seiner Zelle rumgehampelt. Hat jeden Tag irgendwelche Sachen gemacht. Als er hier raus gegangen ist, war er so flink wie n’ Jüngling und sein Rücken war so gerade wie n’ Stock.“
Katharina war überrascht. Bredelin hatte kaum gehen können. Sie konnte sich noch an seine gekrümmte Haltung und das nachgezogene Bein erinnern. Was war auf dem Weg zwischen Heidelberg und Furtenblick passiert?
„Ich will ja nich’ aufdringlich sein, aber es wird Zeit Ihre Münzen loszuwerden“, sagte der Wärter.
Katharina schloss die Hand fester. „Erst muss ich mit Narben-Otto reden.“
„Oh, das is’ keine gute Idee. Niemand darf mit den Gefangenen reden. Vor allem nich’ mit dem alten Otto. Da kriegen wir richtig Ärger.“
Katharina lächelte und öffnete den Korb. „Wie wäre es, wenn ich noch einen Kuchen dazugebe?“ Die beiden Wärter kamen näher und starrten auf das Gebäck. Es war noch leicht warm und roch verführerisch nach Himbeeren.
„Hol mich doch …“
Katharina nahm den Kuchen heraus.
„Wir werden richtig Ärger bekommen …“, fing der jüngere der beiden an.
„Halt die Schnauze, Kleiner“, fuhr der Ältere dazwischen. „Mein Weib backt, als wollte sie mich ins Grab bringen. Über ihre Kochkünste will ich gar nich’ reden.“ Er wandte sich Katharina zu.
„Abgemacht. Die Münzen und der Kuchen. Dann dürft Ihr kurz mit Narben-Otto reden. Aber nur durch die geschlossene Tür.“
Katharina nickte, ließ die Münzen in die Hand des Wärters fallen und gab ihm den Kuchen. Der Mann riss sich gierig ein Stück ab und biss hinein. Er seufzte und schloss für einen Augenblick die Augen. Dann schlenderte er zur Tür und hämmerte dagegen.
„Pennst du wieder, Bastian?“, rief er mit vollem Mund. „Mach die Tür auf. Ich hab hier Besuch für das alte Narbengesicht.“
„Wir sind kein Bordell“, antwortete eine raue Stimme. „Hier darf niemand besucht werden.“
„Ich komm gleich rein und hau dir aufs Maul, wenn du nicht sofort die Tür aufmachst.“
Einen Moment lang passierte nichts. Dann hörte Katharina wie ein Schlüssel gedreht und ein Riegel zurückgezogen wurde. Ein dicker Mann mit fettigen Haaren sah heraus. „Wir kriegen noch mal richtig Ärger wegen dir, Gelfrid.“
„Is’ gut, Bastian. Führ die Frau zum alten Otto. Lass sie aber nicht allein und mach’s kurz.“
Der dicke Türwärter schüttelte verärgert den Kopf. Dann winkte er Katharina hinein, während Gelfrid unwillig den Kuchen und die Münzen mit seinem jüngeren Kameraden teilte.
Der Türwächter schloss wieder ab. Katharina musste sich die Hand vor die Nase halten. Der Gestank war abstoßend. Der Boden war glitschig und durch die schmalen Ritzen im Turm drang kaum Licht, als sie eine enge Wendeltreppe hinaufgingen. Sie hörte das Geräusch von umher kriechenden Ratten, das ab und zu von dem irren Lachen eines Gefangenen unterbrochen wurde. Der dicke Mann keuchte, als er sich nach oben mühte.
„Heute ist der alte Otto ein richtig gefragter Mann. Hat das alte Narbengesicht Geburtstag, oder warum wollen ihn so viele Leute sehen?“
Katharina blieb stehen und nahm die Hand vom Gesicht. „Was meint Ihr?“
„Na, heute Morgen war schon eine junge Frau hier. Hat gesagt, sie ist die Nichte und hat ihm eine große Wurst und Brot gebracht.“
Katharina stockte der Atem. „Ich dachte hier darf niemand besucht werden?“
„Eigentlich nicht, aber Gelfrid hat geschworen, dass der alte Otto wirklich Geburtstag hat.“
Katharina fluchte. Das war kein Zufall. „Beeilen wir uns“, drängte sie den Wärter. Ein paar Treppenstufen weiter, deutete er auf eine Zelle. Die Gitter waren verrostet und ein winziges Fenster spendete Licht. Katharina sah hinein und erkannte einen Mann mit grauen Haaren, der auf einem Lager von vermodertem Stroh schlief.
„Wach auf, Otto.“ Der Angesprochene reagiert nicht. Er blieb liegen, als wäre er in einen tiefen Schlaf gefallen. Verärgert zog der Wärter einen Knüttel aus dem Gürtel und schlug an die Gitterstäbe.
„Verdammt Narbenfresse, steh auf. Du hast Besuch.“
Otto bewegte sich noch immer nicht. Der Wärter spuckte ein paar unflätige Worte aus, nahm einen Schlüssel aus einem Bund und öffnete die Zelle. „Mach dass du hochkommst“, schrie er und zog den Gefangenen an den Haaren. Dann sah Katharina sein Gesicht. Die Augen von Narben-Otto waren weit geöffnet. Er hatte Schaum vor dem Mund und seine Zunge hing grotesk heraus. In seiner Hand waren noch die Reste einer Wurst. Der Wärter fluchte und ließ den Mann los. Erschreckt wischte er sich die Hände an seiner schmutzigen Hose. Dann lief er zu Katharina, schloss die Zelle ab und packte sie am Arm.
„Geht jetzt. Schnell.“ Der Panik nahe schob er sie die Treppe herunter. „Gelfrid“, brüllte er und stolperte nach unten. Sein Schrei hallte laut durch das Gemäuer. „Otto ist abgekratzt.“
„Was?“, hörte man eine Stimme von unten. Dann hämmerte es laut. „Mach die verfluchte Tür auf.“ Bastian werkelte an dem Riegel herum und öffnete mit zitternden Fingern den Zugang zum Gefängnis. Der alte Wächter rannte an ihnen vorbei. Sein jüngerer Kamerad wollte ihm folgen, doch Gelfried hielt ihn auf. „Bleib hier“, sagte er streng. „Bring die Frau weg und lass niemanden hinein.“
Dann wandte er sich Bastian zu. „Und du hörst auf so rumzubrüllen. Ich schau mir das an. Wir bekommen das irgendwie hin.“ Der dicke Türwärter nickte und umfasste ängstlich seinen Schlüsselbund.
Katharina wurde am Arm gepackt und aus dem Gefängnis geführt. Draußen angekommen befreite sie sich aus dem Griff des jungen Wärters und ging zurück auf die Brücke. Erst jetzt bemerkte sie, wie ihre Knie zitterten. Otto war einem feigen Giftmord zum Opfer gefallen. Er war auf die gleiche Weise gestorben, wie Heinrich Ommert. Aber warum? Was hatte er mit all dem zu tun? Es gab nur eine Erklärung. Jemand wollte nicht, dass sie mehr über die Vergangenheit von Bredelin Arken erfuhr.

Als die Glocken läuteten, kamen die Bewohner aus ihren Häusern und gingen zur Kirche. Sie hielten die Köpfe gesenkt, als fürchteten sie sich vor Bestrafung. Er stand in den Schatten und genoss den Anblick der ängstlichen Lämmer. Viele gingen nah an ihm vorbei, aber keiner bemerkte ihn. Er spürte wie der Fluch an ihm zerrte. Er verlangte das dritte Opfer, vom Feuer aufgefressen, aber er wollte sich noch an der Furcht der Menschen laben. Ihre Angst war fast greifbar und schenkte ihm ein Gefühl der Zufriedenheit.
Als der letzte Bürger die Kirche betreten hatte, kam er aus den Schatten und näherte sich. Je näher er an das heilige Gebäude kam, umso unwohler fühlte er sich, aber seine Neugier zog ihn weiter. Er ging bis vor das große Portal, öffnete die Tür einen Spalt und lauschte der Predigt. Die Worte hallten laut durch den Raum, und er konnte kaum etwas verstehen, aber er spürte den Zorn des Geistlichen mit jeder Silbe.
Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als die Zuhörer vor Scham zitterten, während der Priester ihnen mit der ewigen Verdammnis drohte. Jetzt verstanden die Menschen, dass die Hölle kein Ort war, in den man erst nach Tod verbannt wurde. Sie suchte einen schon früher heim.

Katharina hatte den leeren Korb auf dem Schoß und blickte starr nach vorne. Die Kutsche ruckelte den Weg entlang, der in der Abenddämmerung kaum noch zu sehen war. Auf der kleinen Ladenfläche klapperten die Kisten mit Cuno’s Einkäufen. Eigentlich hatte sie nach dem Besuch im Gefängnis noch durch Heidelberg spazieren wollen, aber der Mord an Otto hatte ihr jede Freude genommen. Das vom Gift entstellte Gesicht ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Über was hatte sich Bredelin mit Otto unterhalten? Welche Pläne hatten sie zusammen ausgeheckt, und was hatte Otto gewusst, dass er deswegen sterben musste?
Katharina rieb sich müde die Augen. Sie hatte sich mehr von diesem Besuch erhofft. Ihr blieb nur die Erkenntnis, dass irgendjemand ein böses Spiel mit ihnen trieb, und dieser jemand war ihr weit voraus. Hinter allem steckte mehr, als sie verstand, aber je stärker sie sich den Kopf darüber zerbrach, umso weniger schien sie weiterzukommen.

Philipp ging aus dem Wirtshaus und streckte sich ausgiebig. Es wurde dunkel und ein kühler Wind trieb die Blätter auf dem Marktplatz vor sich her. Die Arbeit auf dem Feld hatte ihn ermüdet und nach den Vorwürfen Bruder Theobalds, dass die Furtenblicker ein wenig gottgefälliges Leben führten, hatte er Durst bekommen. Der Priester wäre sicher nicht glücklich zu hören, dass er nach dem Gottesdienst ins Wirtshaus ging, aber Philipp war das egal. Früher wäre er sofort nach Hause gegangen und hätte in einem Gebet um Vergebung seiner Sünden gefleht, aber scheinbar war der Einfluss von Katharina doch stärker, als er geglaubt hatte.
Als er an seine Nachbarin dachte, ging sein Blick zur Bäckerei. Der kleine Wagen von Winand war noch nicht wieder zurück. Er hatte gesagt, dass sie erst in der Nacht zurückkehrten, aber trotzdem wünschte er sich, dass Katharina wieder da wäre. Sie hatten weder zusammen gefrühstückt, noch das Abendbrot eingenommen. Philipp vermisste diese Zusammenkunft.
Er seufzte und machte sich auf den Weg nach Hause. Sein Blick ging unwillkürlich zu den Weinfeldern. Er hatte lange mit Volmar geredet, und die wenigsten Bürger schienen wirklich verstanden zu haben, wie knapp Furtenblick einer Katastrophe entgangen war. Aber wenigstens war niemand bei dem Brand gestorben.
Zu Hause angekommen gähnte Philipp und zog sich aus. Er hoffe, dass er heute Nacht endlich ausschlafen konnte und Furtenblick eine weitere Katastrophe erspart bleiben würde.

Katharina winkte Cuno zum Abschied und machte sich auf den Heimweg. Ihr Rücken tat weh und ihr Kopf schmerzte. Sie war froh wieder daheim zu sein. Sie hatte die ganze Fahrt zurück über die Morde nachgedacht, aber es irgendwann müde aufgegeben. An ihrem Haus angekommen, öffnete sie die Tür und ging hinein. Sie stellte den Korb zur Seite und begab sich ins Schlafzimmer. Ohne sich zu waschen zog sie ihr Nachtgewand an und legte sich ins Bett. Erst jetzt spürte sie, wie müde sie war. Sie zog die Decke über sich und glitt in den Schlaf hinüber. Sie war fast eingedämmert, als sie die Erkenntnis wie ein Schlag traf. Sie richtete sich ruckartig auf und war mit einem Male hellwach.
Vielleicht waren sie nur einem Schauspiel aufgesessen. Der Wächter hatte gesagt, dass Bredelin noch bei guter Gesundheit gewesen war. Er hatte weder Probleme mit dem Rücken gehabt, noch das Bein nachgezogen. Auch Christine hatte nicht erwähnt, dass die Gestalt auf dem Friedhof ein Gebrechen gehabt hatte.
Wenn Bredelin völlig gesund war, warum hat er sich beim Johannis-Fest krank gestellt? Um mehr Mitleid zu erregen?
Während die Gedanken durch ihren Kopf rasten, drängte sich ein Verdacht immer mehr auf. Sie sprang aus dem Bett, rannte aus dem Schlafzimmer und öffnete die Tür. So schnell ihre nackten Füße sie trugen, lief sie zu Philipps Haus.

Philipp schlief fest, als er vom Hämmern an seiner Tür geweckt wurde. Bevor er wusste, wie ihm geschah, hatten ihn seine Füße schon aus dem Bett und zum Eingang getragen. Die wilde Art des Hämmerns ließ ihn sich instinktiv beeilen. Er öffnete die Tür und sah Katharina im Nachtgewand vor sich stehen. Es bedeckte sie nur wenig, und er gab sich Mühe ihr ausschließlich in die Augen zu sehen, auch wenn andere Körperteile sein Interesse weckten.
„Na endlich, warum dauert das solange?“, fragte sie aufgebracht.
Philipp sah nach draußen. Im ersten Moment hatte gedacht, es wäre schon morgen, und er hätte verschlafen, aber allem Anschein nach, war es immer noch Nacht.
„Äh, hallo Katharina. Komm doch …“
„Keine Zeit“, unterbrach sie ihn. „Ich habe mit den Wärtern in Heidelberg gesprochen und ich glaube ich habe etwas Wichtiges herausgefunden.“
„Wirklich. Was hast …“
„Lange Geschichte. Ich erzähle es dir morgen.“
„In Ordnung, aber …“
„Eigentlich hätte ich gerne mit einem Mitgefangenen gesprochen, aber der lag vergiftet in seiner Zelle.“
„Was? Vergiftet? Wer hat ihn …“
„Ich brauche morgen früh deine Hilfe. Die Feldarbeit kann warten. Nach dem Frühstück gehen wir zum Fluss.“
„Was wollen wir denn am …“
„Ich will etwas ausprobieren. Vielleicht kann ich dir dann sagen, wer der Mörder von Rudolf Eigbrod und Lukas Kolf ist.“
„Hat das etwas mit dem Fluch zu …“
„Warum bist du überhaupt so spät noch auf?“, erboste sich Katharina. „Du siehst müde aus und brauchst morgen einen klaren Kopf, also lege dich wieder ins Bett.“ Dann drehte sie sich um und ging wieder zurück zu ihrem Haus.
Philipp blieb noch kurz stehen und blinzelte verwirrt in die Nacht hinein. Dann trat er einen Schritt zurück und schloss die Tür. Einen Augenblick lang war er nicht sicher, ob er den Besuch von Katharina wirklich erlebt hatte oder ob er träumte. Dann ging er zurück in sein Schlafzimmer, legte sich ins Bett und war binnen eines Augenblicks wieder eingeschlafen.

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