Die Johannis-Morde – Kapitel 11

Vermutungen

Philipp murrte bei jedem Schritt. Er hatte seine Arme um einen großen Stein geschlungen, den er bei den Feldern aufgehoben hatte. Jetzt trug er ihn durch das ganze Dorf und versuchte die verwunderten Blicke seiner Freunde zu ignorieren.
„Was hast du denn schon wieder?“, fragte Katharina ungehalten.
„Der Stein ist schwer. Ich schwitze und meine Arme tun weh.“
„Ich kann ihn dir leider nicht abnehmen. Dazu bin ich nicht kräftig genug.“
Philipp verdrehte die Augen. „Hätte es nicht auch ein kleinerer Brocken getan?“
„Für das, was ich ausprobieren will, benötige ich einen solchen Stein.“
„Erklärst du mir, warum wir den Felsen bei den Feldern geholt haben und ihn zu der Klippe tragen. Gibt es dort keine Steine?“, fragte Philipp spöttisch.
„Keinen, der dafür geeignet wäre. Ich war schon früh auf und habe mir die Klippe angesehen. Dort liegt kein solcher Brocken, es sei denn du willst einen aus der Felswand schlagen.“
Philipp versuchte sich den Schweiß auf seiner Stirn mit dem Arm wegzuwischen. „Sagst du mir wenigstens, was wir jetzt vorhaben? Du machst den ganzen Morgen schon so geheimnisvoll.“
„Da muss ich mit meiner Erklärung aber weit ausholen.“
„Lass dir Zeit“, sagte Philipp mit einen schiefen Grinsen. „Ich komme momentan sowieso nicht schnell voran. Da kann ich dir aufmerksam zuhören, während ich einen Stein von der Größe eines Kürbisses nach unten trage.“
„Also gut“, sagte Katharina. „Du kannst dich sicher noch an den Anblick von Bredelin auf dem Dorffest erinnern?“
“Ich habe ihn nur kurz gesehen, bevor er in den Fluss gesprungen ist, aber er hatte einen gekrümmten Rücken und schien eines seiner Beine nachzuziehen. Seine Kleidung war dreckig und seine Haare verfilzt.“
„Genau diesen Eindruck hatte ich auch. Selbst wenn er nicht im Fluss an einem Felsen aufgekommen wäre, könnte ein solch geschwächter Mann niemals gegen die Strömung bestehen und sich ans Ufer retten.“
„Unwahrscheinlich.“
„Was wäre, wenn er diese Behinderungen nur vorgetäuscht hätte?“
„Wie kommst du darauf?“
„In Heidelberg habe ich mit den Wächtern geredet. Sie kannten Bredelin. Er ist zwar nie aus seiner Zelle herausgekommen, aber hat jeden Tag seine Muskeln gestärkt. Als sie ihn freigelassen haben, war er so kräftig wie ein junger Feldarbeiter.“
„Aber was ist ihm auf dem Weg nach Furtenblick zugestoßen, was ihn so verkrüppelt hat?“
“Das habe ich mich auch lange gefragt, aber die Antwort ist ganz einfach: Es ist nichts passiert.“
„Wie nichts?“, fragte Philipp verwundert.
„Als Bredelin in Furtenblick angekommen ist, war er immer noch so stark wie vorher. Die Verkrüppelung war vorgetäuscht.“
„Warum sollte er das tun?“
“Weil er vielleicht gar nicht sterben wollte?“
Philipp blieb stehen. „Aber ein Sprung die Klippen hinunter ist der sichere Tod. Dort gibt es so viele Felsen, die jedem die Knochen zerschmettern, wenn man von einer solchen Höhe herunterfällt.“
„Genau das will ich jetzt herausfinden. Ich habe eine Idee, und dazu brauche ich dich und den Felsen.“
Sie waren am Marktplatz angekommen und Katharina deutete zu der Stelle, an der sich Bredelin heruntergestürzt hatte. „Du kannst den Stein ablegen.“ Philipp ließ den Brocken auf den Boden fallen und atmete erschöpft aus.
„Endlich.“ Erleichtert wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Sagst du mir jetzt, was du mit dem Stein vorhast?“
“Im Grunde ist es ganz einfach. Ich will nur sehen, wo Bredelin gelandet ist. Wenn ich unten am Fluss bin, dann musst du dich an den Rand stellen und den Stein gut einen Schritt von dir wegstoßen. Soweit könnte Bredelin gesprungen sein. Ich werde unten sehen, wo der große Brocken aufschlägt, und ob er ein Mensch einen solchen Sprung hätte überleben können.“
„In Ordnung. Ich warte bis du unten bist.“
„Wenn du mich auf der anderen Seite des Flusses siehst, dann wirf den Brocken hinunter.“
Katharina wandte sich ab und ging zum Fluss. Sie war gespannt, ob ihr Versuch gelingen würde.

Philipp lehnte sich an das Gatter und schloss die Augen. Der Weg vom Feld hierher war anstrengend gewesen. Seine Arme schmerzten. Seine linke Hand war aufgeschürft. Er hoffte, dass die nächste Zeit niemand hier vorbeikam. Es würde Fragen nach sich ziehen, warum er einen solchen Felsen über die Brüstung in den Fluss warf, und er hatte keine Lust das zu erklären. Eigentlich wusste er selbst noch nicht genau, warum er das tat, denn Bredelin Arken war tot. Sie hatten seine Leiche gefunden und ihn an der Kreuzung begraben. Selbst wenn er seine Verkrüppelung vorgetäuscht hatte und wenn er nicht vorgehabt hatte sich umzubringen, kamen sie so dem wahren Mörder nicht näher.
Wenn es überhaupt ein Mörder war, dachte Philipp und musste unwillkürlich an den Fluch denken. Er kannte sich mit solchen Dingen nicht gut aus, und er vertraute dabei immer Katharinas Meinung, aber die Worte Bredelins erzeugten immer noch einen kalten Schauer, wenn er daran dachte. Ihm kamen die entstellte Leiche von Rudolf Eigbrod und der blutüberströmte Körper von Lukas Kolf wieder in den Sinn, als ein Kieselstein an die Brüstung schlug und über den Boden klapperte. Philipp schreckte aus seinen Gedanken hoch und drehte sich um.
„Ist ja gut“, rief er nach unten. Er sah hinunter und erblickte Katharina, die ungeduldig winkte. Er hob den Stein auf und stemmte ihn auf seine Schulter. Dann ging er an die Stelle, von der sich Bredelin Arken in den Fluss gestürzt hatte und stieß den Stein von sich.

Als Katharina den Stein herunterfliegen sah, machte sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Der Felsen schlug mit einem lauten Platschen in den Fluss und bespritzte sie mit dem kühlen Wasser. Sie wischte sich kurz über das Gesicht und stellte sich an das Flussufer. Sie konnte den Stein im ersten Moment nicht sehen, hatte sich aber den Punkt gemerkt, an dem er in das Wasser gefallen war. Er war nur ein Stück eingetaucht und dann auf einen Stein geschlagen. Etwas weiter, hätte er das tiefere Wasser erreichen können. Einen Schritt nach rechts, wäre er auf einen scharfen Stein gefallen. Einen Schritt näher an der Felswand, wäre er auf einem vermoderten Baumstamm gelandet.
Katharina zog eine Kordel aus ihrer Tasche, band einen Kiesel daran und warf ihn an der tiefen Stelle ins Wasser. Dann nahm sie einen Ast, und hob die Schnur an, so dass der Stein genau waagerecht in den Fluss ragte. Sie gab so viel Schnur nach, bis diese an Spannung verlor. Dann war der Kiesel am Boden angekommen. zog die Kordel wieder heraus und maß die feuchte Schnur mit ihren Armen ab. Es waren mehr als drei Schritt.
Katharina kaute nachdenklich auf ihrer Lippe. Sie hatte noch nie jemanden von oben in den Fluss springen sehen. Man würde sehr viel Glück und Geschick benötigen, um diesen Sprung zu überleben. Selbst wenn man im tiefen Wasser aufkam, reichten drei Schritte nicht aus, um den Fall unbeschadet zu überstehen. Auch war die Strömung hier sehr stark, und es würde schwierig sein, ans Ufer zu kommen. Nur wenn man sich bis zur kleinen Brücke über Wasser halten konnte, könnte man aus dem Wasser steigen und sich im Wald zu verbergen. Wenn Bredelin das gelungen wäre, wäre er außer Sicht gewesen, noch bevor sie den Weg vom Dorf nach unten gekommen wären.
Philipp kam den Weg herunter gehastet und näherte sich der Stelle am Flussufer.
„Bist du zufrieden?“, fragte er. „Glaubst du, dass man einen solchen Sprung überleben kann?“
„Ich denke man muss toll und lebensmüde sein, um so etwas zu wagen“, antwortete Katharina. „Mit viel Glück könnte man aber eine Stelle treffen, die mehr als drei Schritte tief ist.“
„Das ist nicht viel.“
„Nein, aber es könnte reichen, um es zu überleben.“
Philipp sah zu der Stelle. „Ein wenig zu weit oder zu kurz und deine Knochen werden zerschmettert. Außerdem ist die Strömung sehr stark und Bredelin war in einen großen Umhang gekleidet, der sich schnell mit Wasser vollgesaugt hat.“
„Aber wenn es gelingt, wäre es die perfekte Tarnung“, murmelte sie leise.
„Tarnung für was?“, fragte Philipp.
Katharina ging nicht auf die Frage ein. „Wir können morgen nicht zum Gottesdienst gehen“, sagte sie bestimmt und machte sich auf den Weg zurück ins Dorf.
„Wieso nicht?“
„Weil du krank bist.“
„Wieso krank? Ich fühle eigentlich ganz …“
„Der Speck, den du heute morgen gegessen hast.“
„Wieso? Was war mit dem …“
„Der war schon zu alt, und du hast dir den Magen verdorben.“
„Den Speck haben wir doch erst gestern …“
„Und ich muss dich pflegen. Daher kann ich auch nicht zur Kirche.“
„Das ist ja lieb von dir, dass du mich pflegen willst, aber fühle mich wirklich …“
„Wenn alle in der Kirche sind, gehen wir zur Kreuzung.“
„Wieso zur Kreuzung? Ich dachte, ich habe mir den Magen verdorben, weil der Speck …“
„Vergiss Schaufel und Hacke nicht.“
„Wieso Schaufel und Hacke? Ist es zum pflanzen nicht etwas zu …“
„Wir graben die Leiche von Bredelin Arken aus.“
„Was?“, rief Philipp. „Ich öffne doch kein ungeweihtes Grab. Das bringt Unglück, und außerdem sollen die Toten, deren Ruhe man stört …“
„Fang nicht wieder mit diesem abergläubigen Gewäsch an, Philipp“, unterbrach ihn Katharina ungehalten. „Der Tote wird sich nicht erheben und dir hinterhersteigen oder dich in deinen Träumen heimsuchen.“
„Das sagst du. Was aber, wenn man uns dabei …“
„Es sind alle in der Kirche. Du brauchst keine Angst zu haben, dass uns jemand sieht. Wenn du schnell schaufelst, ist das Grab noch vor der Kommunion wieder zu.“
„Das ist doch Irr. Was erhoffst du dir, wenn wir die Leiche von Bredelin …“
„Und du kannst heute Abend nicht ins Wirtshaus.“
„Wieso kann ich heute Abend nicht in die Furt? Ich habe Albrecht gesagt, dass …“
„Du bist krank.“ Katharina rollte mit den Augen. „Ich werde nachher noch Kräuter einkaufen und bei Ida eine Bemerkung fallen lassen, dass du dich nicht wohl fühlst. Dann wundert sich niemand, dass du morgen nicht im Gottesdienst bist.“
Philipp brummte mürrisch. Er kickte verärgert einen Stein vom Weg, während sie den steilen Pfad nach oben gingen. Katharina hatte auch nicht erwartete, dass er von der Idee begeistert wäre, aber sie musste bei dem Toten Gewissheit haben, dass es wirklich Bredelin Arken war.

Philipp schlug die Schaufel in das Erdreich und hob das Grab an der Kreuzung wieder aus. Er sah sich immer wieder um, ob nicht doch jemand den Weg entlang kam, aber es schienen alle in der Kirche zu sein. Während er die Erde zur Seite trug, murmelte er mürrisch vor sich hin.
„Was hast du denn?“, fragte Katharina, die es sich auf einem großen Stein bequem gemacht hatte.
„Das gefällt mir nicht“, antwortete Philipp missmutig. „Ich lüge nicht gerne, vor allem lüge ich nicht meine Freunde an.“
„Ich kann dich beruhigen. Im Vergleich zur Ruhestörung eines Toten, ist Lügen eine vergleichsweise geringe Sünde.“
Philipp knirschte mit den Zähnen. Er hasste er, wenn sich Katharina über seinen Aberglauben lustig machte. Seine Mutter war eine gläubige Frau gewesen und seine Großmutter hatte ihn schon von Kindesbeinen an gezeigt, wie man den bösen Blick vermied, an welchen Tagen man säte und wann man den Schutz eines gesegneten Ortes aufsuchen musste. Auch Berta hatte versucht ihm diese Rituale auszutreiben, aber seine Frau war nichts im Vergleich mit Katharina. Sie machte sich oft lustig über ihn, aber die Zeit mit Katharina hatte ihn verändert. Vor Jahren hätte er sich nicht vorstellen können, auch nur in die Nähe eines Toten zu kommen, der nicht den Segen eines Priesters erhalten hatte. Jetzt stand er an einer Kreuzung, hatte sich mit einer Lüge vor dem Gottesdienst gedrückt und grub die Leiche eines Mannes aus, der Furtenblick mit einem Todesfluch belegt hatte.
Als er mit der Schaufel ein weiteres Mal in die Erde fuhr, spürte er einen Widerstand. Vorsichtig legte er die Hand des Toten frei. „Ich glaube, ich habe Bredelin gefunden“, wandte er sich zu Katharina. Sie ging zu dem Loch und begann die Erde um den Toten freizulegen. Philipp erschauerte, als er daran dachte, dass die Leiche keinen Kopf mehr hatte.
„Hilf mir, Philipp“, sagte Katharina. Er kam nur widerwillig näher und kratzte die Erde mit der Schaufel weg, was ihm ein Stirnrunzeln seiner Nachbarin einbrachte. Er hatte nicht vor den verfluchten Leichnam zu berühren.
Als die Leiche bis zur Brust freigelegt war, untersuchte Katharina den Toten. Sie wischte den Dreck von der Kleidung, als hielte sie nach einem Makel Ausschau.
„Was suchst du eigentlich?“, fragte Philipp, der sich zwei Schritte entfernte.
„Ich weiß noch nicht“, murmelte Katharina konzentriert und ließ ihre Blicke weiter über die Leiche schweifen.
„Du weißt es nicht? Wir begehen einen solchen Frevel und du weißt nicht, warum wir es tun?“
„Wir haben den Toten ausgegraben, weil ich mir nicht sicher bin, ob es ich wirklich Bredelin ist.“
„Du meinst, er könnte den Sprung überlebt haben?“
„Möglich wäre es“, antwortete sie, während ihre Finger über eine lederne Schnur glitten, welche den abgelaufenen linken Stiefel am Bein hielt. Dann prüfte sie den Umhang des Toten, aber auch dieses Kleidungsstück schien sie nicht weiterzubringen.
„Aber wer soll der Tote sonst sein?“, fragte Philipp. „Es wird niemand aus dem Dorf vermisst. Außerdem trägt er den Umhang von Bredelin. Die Haarfarbe und die Statur stimmen auch.“
„Nur hat er kein Gesicht.“
„Was wahrscheinlich daran liegt, das er mit dem Kopf auf den Felsen geschlagen ist, als er die Klippe heruntergesprungen ist.“
Katharina betrachtete den Toten kritisch. Dann stand sie auf. Sie sah nicht aus, als hätte sie gefunden, was sie gesucht hatte. Die Glocken begannen zu läuten. Philipp nahm die Schaufel in die Hand und lief zu dem Loch.
„Wir müssen den Toten wieder bedecken und nach Hause gehen“, sagt er aufgeregt. „Die Leute werden gleich aus der Kirche kommen.“
„Ich bin noch nicht fertig. Ich brauche mehr Zeit.“
„Willst du Bruder Theobald erklären, warum wir den Toten ausgegraben haben?“
Katharina wirkte unglücklich. Anscheinend hätte sie die Leiche gerne noch weiter untersucht, aber dann schüttelte sie den Kopf. Philipp begann hastig mit dem Schaufeln und bedeckte den toten Körper wieder mit Erde.

Katharina ging grübelnd den Weg zum Marktplatz entlang. Nachdem sie das Loch zugeschüttet hatten und wieder nach Hause gegangen waren, beschwerte sich Philipp darüber, dass er noch auf den Feldern zu tun hatte, aber wegen ihrer verrückten Ideen den ganzen Tag zu Hause bleiben musste. Schließlich hatte sie ihm versprechen müssen, ihn morgen früh als gesund zu entlassen. Als Entschädigung dafür würde sie in die Furt gehen und ein Stück von Albrechts stark gewürztem Weichkäse kaufen.
Katharina wollte gerade in das Wirtshaus hineingehen, als eine Kutsche angefahren kam. An ihren Seiten prangte das Zeichen des Vogts. Sie hielt inne. Warum war Anselm Lotz nach Furtenblick gekommen?
Die Ankunft war auch anderen Bürgern nicht entgangen. Immer mehr Schaulustige kamen und starrten auf die Kutsche, die vor dem Haus des Bürgermeisters angehalten hatte. Frederich Rump hatte die Ankunft ebenfalls bemerkt. Er kam aus dem Haus gelaufen. Fast panisch richtete er seine Hose und sein Hemd. Wahrscheinlich hatte er wieder in seinen Kleidern Mittagsschlaf gehalten.
Der Kutscher stieg ab und öffnete die Tür. Anselm Lotz stieg aus.
„Ich habe ihn älter in Erinnerung“, sagte eine Frau neben Katharina.
Einen Augenblick nach dem Vogt verließ ein weiterer Mann die Kutsche. Er war kaum älter als dreißig Jahre, hatte helle Haut, schwarze Haare und war gut gekleidet. Katharina hatte das Gefühl, dass sie den jungen Mann kannte. Irgendetwas an ihm kam ihr vertraut vor.
„Ist das Arnold von Erenkirch?“, fragte ein junger Mann.
„Viel zu jung“, antwortete ein älterer Bauer.
„Vielleicht sein Sohn?“
„Sein ehelicher oder einer seiner Bankerts?“, warf eine Frau ein, was die Anwesenden zum Lachen brachte.
Die beiden Männer besprachen sich kurz mit dem Bürgermeister. Frederich hörte zu und nickte ehrerbietig. Dann ging er auf die Wartenden zu.
„Liebe Bewohner von Furtenblick“, sagte er und hob die Hände. „Ich möchte euch bitten, euch im Wirtshaus einzufinden. Unser geschätzter Vogt möchte etwas verkünden, also kehrt nach Hause zurück und bittet eure Nachbarn und Freunde auch zu kommen. Wir wollen ihn nicht warten lassen.“
Dann ging der Bürgermeister zu seinen Gästen zurück, während sich die Anwesenden zerstreuten.
Katharina entschloss sich nicht nach Hause zu gehen, sondern sich sofort ins Wirtshaus zu begeben. Philipp und ihre Tochter würden alles Wichtige von ihr erfahren. Noch bevor sie in der Furt Platz genommen hatte, hallte die Stadt von Gerüchten und Vermutungen wider.

Katharina saß auf einem Stuhl im völlig überfüllten Wirtshaus. Es war laut. Sie konnte kaum die Worte von Bruder Theobald verstehen, der nur einen Schritt neben ihr saß. Es war drückend eng. Die Tür und die Fenster standen offen, damit die Wartenden draußen auch etwas sehen konnten. Albrecht hatte Kisten zusammengestellt, damit der Vogt und sein Gast besser sichtbar waren. Katharina nippte ab und zu an einem Bier, das ihr der Wirt hingestellt hatte. Ansonsten versuchten Albrecht und seine Frau den Wünschen ihrer Gäste so schnell es ging nachzukommen. Durch die Anwesenheit von Bruder Theobald war Katharina eine der wenigen, die etwas zu trinken bestellt hatten. Der Priester hatte seine Augen überall und schien jede Verfehlung zu bemerken. Aber weil sich Katharina nicht gerne gängeln ließ und sie Bruder Theobald gerne ärgerte, nahm sie den Krug und prostete dem Geistlichen zu.
In der Zwischenzeit hatte sich herumgesprochen, dass der alte Vogt sich zur Ruhe gesetzt und die Arbeit seinem Sohn übergeben hatte. Als Katharina den Krug wieder abließ, kam Anselm nach vorne und stellte sich auf die Kisten. Die Gespräche verstummten, als der Vogt zu sprechen anfing.
„Liebe Bürger von Furtenblick“, sagte er laut. „Ich bin heute hierhergekommen, um euch den Erben des Gutes von Lukas Kolf vorzustellen. Seinen Sohn, Nicolaus Grumbach.“
Ein Aufschrei der Verwunderung hallte durch das Wirtshaus. Katharina war für einen Moment völlig verwirrt. Hatte nicht der Bürgermeister ein Schreiben erhalten, bei dem Graf Arnold von Erenkirch als der neue Besitzer ernannt worden war? Wer hatte dann den Brief geschrieben?
Viel interessanter war aber die Tatsache, dass Lukas Kolf einen Sohn gehabt haben sollte. Wenn das stimmte, warum hieß er dann nicht auch Kolf? War es am Ende ein uneheliches Kind? Katharina sah zu Bruder Theobald, dem vor Schreck der Atem gestockt war. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als sie den bleich gewordenen Geistlichen beobachtete, der immer von der Tadellosigkeit des ermordeten Gutsbesitzers gepredigt hatte.
Als sich der angesprochene Mann neben Anselm auf die Kisten stellte, wusste sie, woher sie ihn kannte. Seine Gesichtszüge, seine schwarzen Haare und die helle Haut konnten die Ähnlichkeit zu Lukas Kolf nicht verbergen. Er war wahrlich sein Sohn.
„Bitte“, versuchte Anselm die Anwesenden zu beruhigen. Es wurde nur langsam leiser. „Bürgermeister Rump hat mir den Brief gezeigt, in dem angeblich Graf Arnold von Erenkirch als neuer Besitzer des Weingutes benannt wurde. Ich kann euch versichern, dass diese Nachricht ebenso falsch ist, wie das Siegel darauf. Der Brief kam weder von mir, noch wurde er von mir in Auftrag gegeben. Ich fürchte, dass sich ein Unbekannter einen schlechten Scherz erlaubt hat.“
Katharina schüttelte den Kopf. Kaum jemand in Furtenblick konnte so etwas machen. Die wenigsten konnten schreiben, noch verfügten sie über die Wortgewandtheit einen solchen Brief so eloquent zu verfassen. Weiterhin kannte niemand, außer Frederich Rump, das Siegel des Vogts und wäre nicht in der Lage, dieses zu fälschen.
„Ich verspreche euch, dass ich den Schuldigen überführen und bestrafen werde.“
Katharina runzelte die Stirn. Wenn man bedachte, was die letzten Tage in Furtenblick geschehen war, war der gefälschte Brief das kleineste Problem. Wenn man aber berücksichtigte, dass deswegen beinahe das Dorf abgebrannt wäre, konnte sie verstehen, dass einige den Schuldigen gerne hängen sehen würden.
„Dessen ungeachtet möchte ich mich heute um die Vorstellung von Nicolaus Grumbach kümmern“, versuchte sich Anselm über das anhaltende Gerede der Bürger bemerkbar zu machen. Der Sohn von Lukas fühlte sich in dem engen, lauten Gasthaus sichtlich unwohl, aber dann legte er die Hand auf die Schulter des Vogts und wandte sich den Bürgern zu. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin verstummten die Anwesenden.
„Mein Name ist Nicolaus Grumbach“, sagte der junge Mann mit ruhiger, aber kräftiger Stimme. „Ich bin der Sohn von Lukas Kolf. Meine Mutter war Agathe Grumbach, die vor fünfundzwanzig Jahren hier in Furtenblick gelebt hat.“
Ausrufe der Überraschung durchbrachen die Stille. Anscheinend konnten sich manche noch an die Frau erinnern, aber Katharina sagte der Name nichts.
„Sie hatte sich als junge Frau von Lukas Kolf und seinen Versprechungen einer baldigen Vermählung verführen lassen“, fuhr Nicolaus nicht ohne Verbitterung in der Stimme fort. „Als meine Mutter schließlich ein Kind erwartete, weigerte sich mein Vater sein Versprechen einzulösen. Stattdessen brachte er sie aus Furtenblick zu einer Tante, damit sie nicht der Ehe mit Herlinde Ommert im Weg stand.“
Katharina bewunderte den jungen Mann, der so offen über eine Untat seines Vaters sprach, eines verstorbenen und geschätzten Mitglieds dieser Gemeinde. Nicht wenige würden den guten Eindruck, den sie von Lukas Kolf hatten, noch einmal überdenken müssen.
„Schließlich fand meine Mutter eine Stelle als Magd bei einem älteren Witwer, der ein großes Gut besaß. Sie kochte, wusch und buk für ihn. Als ihn sein Rücken ins Bett zwang, pflegte sie ihn bis zum Tag seines Todes. Da der alte Mann mit seinen Kindern verstritten war, vererbte er meiner Mutter seinen Hof, die über Nacht zu einer der reichsten Frauen der ganzen Region wurde.
Ich war damals erst sieben Jahre alt. Mein Leben bei meiner Tante war angenehm gewesen, aber durch das Erbe wurde es besser, als es mir mein Vater je hätte bieten können.“
Nicolaus sah über die schweigende Menge. Es war still. Die Bürger lauschten gebannt den Worten seiner warmen Stimme.
„Ich sage das, um euch zu beruhigen“, fuhr er fort. „Ich habe meinen Frieden mit meinem Vater gemacht und hege keinen Groll gegen euch, nur weil er hier gelebt hat. Ich habe von meiner Mutter gelernt ein großes Gut zu verwalten und werde den Weinanbau weiter fortführen.“
Katharina konnte spüren, wie die Erleichterung durch die Menschen fuhr. Manche fingen wieder an leise miteinander zu reden. Nicht weit von ihr stand Janke auf. Er arbeitete schon von Kindesbeinen an auf den Weinbergen. Er wirkte ernst und sein teigiges Gesicht sah angespannt aus. Dann fing er mit seinen großen Händen zu klatschen an. Das Geräusch klang gespenstisch in dem Wirtshaus, vielleicht auch, weil niemand damit gerechnet hatte, doch immer mehr fielen in das Klatschen ein, bis das Wirtshaus vor Applaus bebte.
Katharina sah zu Nicolaus Grumbach, dessen ernste Gesichtzüge milder wurden und in denen sich der Hauch eines Lächelns zeigte. Seine Augen fingen an zu leuchten. Plötzlich war er nicht mehr der unnahbare Mann, der seinem Vater so ähnelte. Katharina lächelte über den neuen Herrn des Weinguts. Es hatte nur offener Worte bedurft, damit er einen Platz im Herzen der Bürger fand.

„Wann immer Ihr meine Hilfe braucht“, sagte Frederich überschwänglich, „könnt Ihr mich besuchen.“
„Vielen Dank, Bürgermeister“, antwortete Nicolaus und schüttelte dem dicken Mann die Hand. Dann bestieg er die Kutsche.
„Ich will zuerst einmal das Gut besichtigen“, fuhr er fort. „Dann werde wieder nach Furtenblick kommen.“
Die Kutsche fuhr ruckartig los und schlug den Weg zu den Weinbergen ein. Frederich winkte, bis sie nicht mehr zu sehen war. Dann seufzte er zufrieden.
Nicolaus Grumbach war ein Geschenk Gottes. Die letzten Tage waren die schlimmsten in seinem Leben gewesen, aber heute hatte er die Zufriedenheit der Bürger fast greifen können. Für kurze Zeit schienen der Fluch und die Morde weit weg zu seien. Vielleicht ging es jetzt wieder bergauf.

Nicolaus blieb auf den Stufen zum Gutshaus stehen und betrachtete das Gebäude. Es war schön anzusehen und strahlte hell in der Sonne. Sein Vater hatte sich gut um das Anwesen gekümmert. Die Aussicht war wundervoll. Man konnte über die Weinfelder zum Dorf hinunter blicken. Darüber hinaus waren die weiten Wälder, nur unterbrochen von einigen Feldern und Wiesen, auf denen Tiere grasten. Nicolaus wollte hineingehen, als ihm ein älterer Mann entgegengelaufen kam. Er hatte eine gepflegte Erscheinung und sein aufrechter Gang ließ darauf schließen, dass er gewohnt war Befehle zu geben. Er verneigte sich tief vor Nicolaus.
„Herr Grumbach“, sagte er, als er sich wieder aufgerichtet hatte. „Mein Name ist Henn Petter. Ich war der Gutsverwalter Eures Vaters. Darf ich Euch zuerst mein Beileid zu Eurem Verlust aussprechen.“
„Ist nicht notwendig“, antwortete Nicolaus ungerührt und winkte ab. „Ich habe meinen Vater kaum gekannt, da er meiner Mutter verboten hat, mich hierher zu bringen. Daher vermisse ich ihn auch nicht.“
Henn lächelte verlegen. „Wenn Ihr wünscht, zeige ich Euch das Anwesen und stelle Euch die Bediensteten vor.“
Nicolaus nickte zustimmend.
„Euer Vater hat großen Wert bei der Auswahl seiner Diener gelegt, aber wenn Ihr Eure eigenen Bediensteten hierher bringen möchtet“, fügte Henn dazu, „werde ich mich um die Entlassung kümmern.“
„Ihr müsst niemand entlassen“, sagte Nicolaus. Erleichterung spiegelte sich in Henns Gesicht wider. „Meine Diener sind im Haus meiner Mutter gut aufgehoben. Ich habe nicht mit dem Tod meines Vaters gerechnet, daher habe ich diesbezüglich auch keine Vorbereitungen getroffen. Wenn sie meinem Vater gut gedient haben, werden sie meinen Ansprüchen genügen.“
Henn führte Nicolaus in das Haus hinein. Im Gang zum großen Saal standen alle Bediensteten des Guts in einer Reihe. Die Frauen knicksten vor ihm, und die Männer verneigten sich. Nicolaus spürte die Anspannung der Menschen. Sie schienen unsicher zu sein, wie sie sich bei ihrem neuen Herrn zu verhalten hatten. Er ließ sich den Namen und die Aufgabe eines jeden Anwesenden sagen. Dann schüttelte er dem Angesprochenen die Hand, bevor er zum nächsten weiterging. Es dauerte eine Weile, bis er alle Angestellten kennengelernt hatte, aber jeder der Männer und Frauen machte einen guten Eindruck auf ihn. Mit einem Wink entließ Henn die Wartenden.
„Wenn Ihr möchtet, zeige ich Euch nun die Räume des Hauses.“
„Das kann warten“, sagte Nicolaus. „Lasst uns lieber durch die Weinberge laufen. Ich möchte wissen, welche Sorten mein Vater angebaut hat.“
„Es wird mir eine Freude sein“, sagte er und deutete auf die Tür. Dann folgte er dem neuen Gutsherrn nach draußen.
Als sie über die Felder gingen, nahm sich Nicolaus viel Zeit. Er betrachtete den Traubenwuchs, überprüfte den Kammertbau und ließ die Erde durch seine Finger rinnen.
„Das ist ein guter Weinberg“, sagte er zu Henn. Der Verwalter straffte stolz die Schultern.
„Euer Vater hat die Reben immer gut gepflegt und seine Arbeiter verstehen viel vom Weinbau.“
„Was ist passiert?“, fragte der junge Mann und deutete auf die verbrannten Reben.
„Aus Verzweiflung, dass Graf Arnold von Erenkirch der neue Besitzer werden sollte, hat einer der Arbeiter ein Feuer gelegt, das beinahe auf den Wald übergegriffen hätte.“
„Dafür, dass das Feuer an mehreren Stellen ausgebrochen ist, sind die Schäden noch gering.“
Henn nickte. „Einer unserer Waldarbeiter hat den Brand früh gerochen. Das ganze Dorf hat beim Löschen geholfen und so eine Ausbreitung verhindert.“
„Den Bürgern von Furtenblick scheint der Weinberg wichtig zu sein.“
„Er war schon immer Teil unseres Dorfs und wird ebenso geschätzt, wie unsere Kirche oder unser großer Marktplatz.“
„Das ist schön zu wissen“, sagte Nicolaus leise. Dann wandte er sich wieder dem Verwalter zu.
„Lasst uns zu den verbrannten Reben gehen. Ich will sehen, was es zu tun gibt, damit der Weinberg wieder erblüht.“
Nicolaus ließ seinen Blick über den gut angelegten Kammertbau schweifen. Auch wenn er nie ein herzliches Verhältnis zu seinem Vater gehabt hatte, von Wein hatte der alte Mann etwas verstanden.

„Lukas Kolf hatte einen Sohn“, wiederholte Philipp und nickte anerkennend. Abwesend biss er in den Käse, den ihm Katharina gebracht hatte. Er saß am großen Tisch in seinem Haus und hörte sich den Bericht seiner Nachbarin an. Er bedauerte es, nicht dabei gewesen zu sein.
„Hat man herausgefunden, wer den Brief geschrieben hat?“, fragte er kauend.
Katharina schüttelte den Kopf. „Anscheinend nicht. Der Vogt ist auch nicht weiter darauf eingegangen, aber wer immer dafür verantwortlich war, hat sich einen wirklich schlechten Scherz erlaubt.“
„Aber warum macht jemand so etwas?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das Teil eines Plans, den wir noch nicht verstehen können. Vielleicht ist es aber auch großer Zufall und hat nichts mit dem Fluch von Bredelin oder den Morden zu tun.“
„Vielleicht wollte sich jemand am Vogt rächen und hat deshalb sein Siegel gefälscht.“
„Der Vogt mag vielleicht verärgert sein, aber von allen Beteiligten hat ihn der Brief am wenigsten getroffen. Mit der Vorstellung von Nicolaus Grumbach hat er seine Arbeit getan.“
Philipp biss ein weiteres Stück Käse ab. Er ging im Geiste die Leute in Furtenblick durch, die Lukas Kolf nicht gemocht hatten, als seine Grübeleien von Katharina unterbrochen wurden.
„Ich muss noch fegen“, sagte sie und stand auf. „Und wenn ich deinen Boden ansehe, dann wäre das auch eine gute Idee für dich.“
„Ich kann nicht, ich bin krank“, sagte Philipp und grinste breit.
Katharinas Augen verengten sich für einen Moment. Dann nahm sie ihren Korb und ging hinaus. „Bis morgen“, sagte sie noch, bevor sie die Tür schloss. Philipp winkte zum Abschied und aß zufrieden weiter.

Katharina mühte sich den Weg zum Gut hinauf. Natürlich würde sie ihren Boden heute nicht mehr fegen, aber wenn sie Philipp erzählt hätte, dass sie zu Nicolaus Grumbach wollte, hätte er sie mit Fragen gelöchert. Es war schon Abend, und die Sonne sandte ihre letzen roten Strahlen hinaus. Die Arbeiter waren nach Hause gegangen und um das Gut herum waren Fackeln angezündet worden. Katharina ging bis zum Eingang, überprüfte nochmals den Sitz ihrer Haare, bevor sie an die Tür klopfte. Es dauerte einen Augenblick, dann kam Henn Petter zum Eingang. Sie war überrascht, dass der Gutsverwalter ihr persönlich die Tür öffnete.
„Hallo Henn“, sagte sie und nickte kurz.
„Katharina. Was führt dich zu uns?“, fragte er verwundert.
„Ich muss mit dem neuen Gutsherrn reden.“
„Herr Grumbach hat den ganzen Tag die Weinberge besichtigt. Er ist müde und ruht sich aus, daher wäre es besser …“
„Henn“, unterbrach sie ihn und blickte ihm tief in die Augen. „Du kennst mich. Ich bin nicht der Bürgermeister. Ich habe wahrlich besseres zu tun, als andere Leute zu langweilen. Du kannst mir glauben, dass ich den Weg hierher nicht auf mich genommen hätte, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.“
Der Verwalter sah sie einen Moment nachdenklich an. Dann nickte er. Ohne ein weiteres Wort führte er sie in das große Wohnzimmer. Nicolaus saß auf einem bequemen Stuhl vor dem brennenden Kamin und trank ein Glas Wein. Er erhob sich, als er Katharina ansichtig wurde.
„Das ist Frau Katharina Volck“, stellte Henn sie vor. „Bitte entschuldigt die Störung, aber sie hat mir gesagt, dass sie dringend mit Euch reden muss.“
Nicolaus schüttelte Katharina höflich die Hand und deutete auf einen Stuhl. „Ist in Ordnung, Henn“, sagte er und setzte sich wieder, nachdem Katharina Platz genommen hatte. „Darf ich Euch etwas Wein anbieten?“
„Danke, nein“, lehnte Katharina freundlich ab.
Nicolaus nickte Henn zu, der sich daraufhin zurückzog. Katharina richtete ihr Kleid und sah unsicher zu dem neuen Gutsherrn. Sie war von der Ähnlichkeit zu Lukas Kolf fasziniert. Im Gegensatz zu seinem Vater fehlte ihm aber die Kälte in seinen Augen. Seine Höflichkeit war echt, und er hatte ein einnehmendes Lächeln.
„Ich danke Euch für Eure Freundlichkeit, aber mein Besuch ist eher ernster Natur.“ Katharina suchte nach Worten. „Wir Ihr wisst, wurde Euer Vater ermordet.“
„Der Vogt und der Bürgermeister haben mir von der Art seines Todes, den anderen Toten und vom Fluch während des Dorffestes erzählt“, antwortete Nicolaus und trank einen Schluck Wein.
„Ich weiß nicht, wie genau die Erzählungen waren, aber Euer Vater wurde grausam getötet. Wer immer das getan hat, musste ihn sehr gehasst haben.“
„Und Ihr fragt Euch, ob ich ihn vielleicht umgebracht habe, um mich für die Schmach der Abweisung zu rächen?“
Katharina war von der Offenheit des jungen Mannes überrascht. Sein Gesicht war ruhig, als hätte er mit solchen Vorwürfen gerechnet.
„Eigentlich nicht“, fuhr Katharina fort. „Ihr hattet sicher ein Motiv Euren Vater zu töten, aber das erklärt den Tod von Rudolf nicht.“
Nicolaus lächelte. „Ihr seid eine ehrliche Frau. Nicht viele hätten den Mut hierher zu kommen und mich des Mordes an meinem Vater zu verdächtigen, auch wenn das viele in Furtenblick denken.“
„Ihr seid zu hart zu Euch. Eure Worte im Wirtshaus haben Euch viele Sympathien eingebracht. Auf mich wirkt Ihr nicht wie ein rachsüchtiger Mörder.“
Nicolaus spielte nachdenklich mit dem Becher in seiner Hand. „Es gab eine Zeit, in der ich tatsächlich davon geträumt habe, meinen Vater zu töten. Damals war ich noch ein Heranwachsender, und ich wollte die Demütigung meiner Mutter tilgen. Aber je älter ich wurde, umso mehr wurde mir klar, dass ich mein Leben nicht für diesen Mann zerstöre durfte. Die ersten Jahre waren für meine Mutter sehr schwer gewesen. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, aber schließlich kam sie durch einen glücklichen Zufall zu Reichtum, der selbst den meines Vaters übertraf. Ich hatte die besten Lehrer und genoss ein behütetes Leben auf einem großen Gut.“
Nicolaus trank einen Schluck Wein.
„Mein Vater verschwand Jahr um Jahr mehr aus meinen Gedanken. Er hatte meiner Mutter verboten ihn zu besuchen, aber vor vier Jahren, erhielt ich einen Brief von Anselm Lotz, mit der Bitte ihn aufzusuchen. Es ginge um eine wichtige Erbsache, schrieb der Vogt.
Ich machte mich auf, und als ich dort ankam, erwartete mich ein älterer Mann, der mich mit großen Augen ansah. Ich erkannte ihn sofort, denn wir sehen uns sehr ähnlich. Einen Augenblick war ich geneigt, ihm all das heimzuzahlen, was meine Mutter wegen ihm erleiden musste, aber als ich die Tränen in seinen Augen schimmern sah, packte mich das Mitleid. Er war ein gebrochener Mann, dem erst in diesem Moment die Tragweite seiner Tat bewusst geworden war. Ich war sein einziges Kind, und er hatte mich seit fast zwanzig Jahren nicht gesehen.“
Nicolaus starrte in die Flammen, als würde sich die Begegnung in Feuer widerspiegeln.
„Die Zusammenkunft war vielleicht nicht so herzlich, wie man sich ein solches Wiedersehen vorstellt, aber am Ende hat er mich vor den Augen des Vogts als seinen Sohn und einzigen Erben anerkannt. Spätestens da haben sich meine Rachegedanken in Luft aufgelöst. In den folgenden Monaten haben wir uns sogar noch zwei Mal getroffen. Nicht hier“, warf er ein, „aber mit der Zeit entdeckten wir, dass wir viel gemeinsam hatten. Uns verband die Liebe zum Wein und so redeten wir bis spät in die Nacht über Rebsorten, Weinlagen und Weiterverarbeitung. Am Ende habe ich meinen Vater sogar schätzen gelernt. Ich traure nicht um ihn, aber ein wenig bedauere ich seinen Tod.“
Katharina war von Nicolaus’ Erzählung fasziniert. Sie fühlte sich auch geschmeichelt, dass Lukas’ Sohn ihr so viele intime Details über sein Leben erzählt hatte.
„Habt Ihr eine Ahnung, wer den Tod Eures Vaters gewollt haben könnte?“
Nicolaus schüttelte den Kopf. „Mein Vater war kein einfacher Mann, aber ich glaube, er hat die Menschen um sich gerecht behandelt. Was glaubt Ihr?“
„Ich denke, dass die Antwort bei dem Giftmord vor mehr als zwanzig Jahre zu suchen ist. Euer Vater wäre dabei beinahe gestorben. Bredelin, der Mann, der sich auf dem Dorffest das Leben genommen hat, wurde deswegen zu Kerker verurteilt. Ich habe mit dem alten Vogt über den Prozess gesprochen. Dann war ich in Heidelberg und habe die Wärter von Bredelin befragt, aber noch immer habe ich das Gefühl, dass ich irgendetwas übersehe.“
Nicolaus lächelte. „Ich bewundere eure Hartnäckigkeit und bedauere es, dass ich Euch nicht helfen kann, aber von den Giftmorden weiß ich nichts. Auch meine Mutter hat dies nie erwähnt.“
Katharina stand auf und schüttelte Nicolaus die Hand. „Ihr habt mir sehr geholfen, und ich bin Euch für Eure Gastfreundschaft dankbar.“
Nicolaus erhob sich ebenfalls.
„Sollte ich etwas zum Mörder Eures Vaters herausfinden“, sagte Katharina, „verspreche ich, dass ich Euch sofort aufsuche.“
„Ich danke Euch.“
„Einen schönen Abend noch“, sagte sie und verließ das Wohnzimmer. Henn wartete schon an der Tür und ließ sie hinaus. Sie nickte ihm dankend zu und ging wieder ins Dorf zurück. Sie verließ das Gut mit dem Gefühl, dass der neue Herr sich um das Wohl der Bürger von Furtenblick kümmern würde. Aber der gesuchte Mörder war er nicht.

Es war schon spät. Die ersten Gäste der Furt machten sich wieder auf den Weg nach Hause. Trotz der Versammlung war es ein ruhiger Tag gewesen. Albrecht spülte die letzten Becher, als die Tür aufging und ein großer Mann hineinhuschte. Er sah sich ängstlich um, als würde er verfolgt werden. Er hatte einen weiten Mantel an und ein Hut war in sein Gesicht gezogen. Er kam mit gesenktem Kopf auf den Wirt zu.
„Hallo Albrecht“, sagte der große Mann.
„Philipp“, antwortete der Wirt überrascht. „Wirst du verfolgt oder warum schleichst du dich so herein?“
„Eigentlich hat mir Katharina noch nicht erlaubt hier zu sein, weil sie möchte, dass ich mich ausruhe, bis ich vollends genesen bin.“
„So richtig krank siehst du aber nicht aus.“
„Mir ging es wirklich schlecht“, antwortete Philipp eindringlich.
„Ich bin nicht deine Mutter“, beruhigte Albrecht und hob seine Hände.
„Na, Philipp, hat dir Katharina erlaubt ins Wirtshaus zu kommen?“, bemerkte Ida, die gerade aus der Küche kam.
„Hast du nichts zu tun?“, entgegnete der große Mann ungehalten. Ida kicherte und ging weiter, während Albrecht ihm lächelnd ein Bier hinstellte.
„Trink erst Mal, Philipp. Keiner von uns wird Katharina etwas von deinem Besuch sagen.“
Dann nahm der Wirt selbst einen Krug in die Hand und prostete Philipp zu. „Auf deine Gesundheit“, sagte er und trank einen tiefen Schluck.
Das Gesicht seines Freundes hellte sich auf, als er den Krug in einem Schluck leerte. Dann schenkte er wieder nach.

Philipp schloss die Tür des Wirtshauses und stützte sich an der Wand ab. Er atmete die kühle Nachtluft ein. Sein Kopf pochte und ihm war schwindelig. Er hatte viel zu viel getrunken. Philipp schüttelte den Kopf und versuchte den Schwindel abzuschütteln. Er ging ein paar Schritte, hatte aber Mühe gerade zu laufen. Er torkelte zurück zum Wirtshaus und tastete sich an der Wand entlang. Bevor sein Kopf nicht klarer war, ging er besser nicht über den Marktplatz, sondern durch die Nebengassen, auch wenn der Weg weiter war. Dort konnte er sich wenigstens an den Wänden abstützen.
Die Gasse war dunkel, aber in den kleinen Lücken zwischen den Häusern gelangte genug Mondlicht hindurch, dass er den Weg finden konnte. Er überquerte eine kleine Straße, als er ein leises Rascheln vernahm. Philipp blieb stehen, lehnte sich an die Wand und wandte den Kopf nach vorne. Für einen Augenblick hatte er Angst, dass ein Bekannter ihn so sehen konnte, aber er sah nur dunkle Schemen. Wahrscheinlich fraßen die Ratten die Reste von Albrechts Müll. Er schickte ein stilles Gebet zum Himmel, dass Katharina schon schlief und ging weiter. Er löste sich von der Wand, um einem Stapel Brennholz auszuweichen, als ihm eine Gestalt auffiel, die völlig in schwarz gewandt war. Selbst die Augen waren verdeckt. Philipp war unsicher, ob ihm seine Sinne einen Streich spielten, denn die Person rührte sich nicht.
Er ging einen Schritt näher heran, als er durch den Stoff den Hauch des Atems in der kalten Nacht erkannte. Er wollte die Gestalt fragen, was sie in der Nacht hier machte, als sich diese blitzartig auf ihn stürzte. Philipp war überrascht und viel zu betrunken um reagieren zu können. Er fühlte einen stechenden Schmerz in der Schulter. Ein lauter Schrei entfuhr seiner Kehle. Die Gestalt zog das Messer aus ihm heraus und wollte ein weiteres Mal zustechen, aber Philipp konnte die Hände noch hochreißen, so dass die Klinge in seinen Unterarm drang. Er taumelte nach hinten, stieß gegen den Holzstapel, verlor das Gleichgewicht und schlug hart mit dem Kopf auf. Seine Sinne spielten verrückt. Er wusste nicht mehr, wo oben oder unten war. Sein Körper war ein einziger Schmerz, als Blut sein Hemd durchnässte. Philipp schlug die Arme über den Kopf und krümmte sich zusammen. Er erwartete jeden Augenblick wieder die Klinge in seinem Körper zu spüren. Er wusste nicht, wo der Angreifer war, aber er hätte keine Mühe gehabt, ihn abzustechen. Etwas Hartes traf ihn am Hinterkopf. Dann erbrach er sich auf den kalten Boden und fiel in eine tiefe Dunkelheit.

Katharina schreckte aus dem Bett. Irgendetwas hatte sie geweckt. Sie sah sich schläfrig um, konnte aber den Grund für ihre Schlaflosigkeit nicht erkennen. Vor ihrer Tür bemerkte sie ein flackerndes Licht. Einen Augenblick später klopfte jemand wild an ihre Tür. Katharina sprang auf, nahm einen Umhang von ihrem Stuhl und rannte aus dem Schlafzimmer. Es war kein gutes Zeichen, wenn jemand noch so spät zu ihr kam. Kalte Angst bemächtigte sich ihr. Sie riss die Tür auf. Ida stand davor und war in Tränen aufgelöst.
„Komm schnell“, sagte sie weinend. „Sie haben Philipp halb tot in der Gasse gefunden.“
Katharina rannte an Ida vorbei. Der Boden war kalt, und die Steine gruben sich in ihre nackten Füße, aber in ihrer Angst fühlte sie keinen Schmerz. Ihr Herz raste und Tränen traten ihr in die Augen, als sie zum Marktplatz lief. Fackeln erleuchteten den Eingang des Wirtshauses. Der Umhang wurde ihr fast von der Schulter geweht, aber sie wurde nicht langsamer. Vor der Furt hatten sich Männer versammelt. Sie rannte an ihnen vorbei und kam zu Albert, der vor einem reglosen Körper auf dem Boden kniete. Dann sah sie Philipp. Sein Kopf war von verkrustetem Blut bedeckt. Albrecht hatte ihm ein Tuch um den Arm gebunden, das rot getränkt war. Der Wirt hielt seine Hand auf eine Wunde an der Schulter. Katharina nahm ihren Umhang ab, stieß Albrechts Hand weg und legte den Stoff auf die Verletzung. Sie spürte, wie das Blut aus der Wunde sickerte. Irgendetwas Scharfes musste ihn verletzt haben.
„Wir haben ihn in der Gasse gefunden“, sagte Albrecht mit gebrochener Stimme. „Wir wissen nicht, wer ihm das angetan hat. Wenn er nicht den Holzstapel umgeworfen hätte, hätten wir ihn nicht gehört, und er wäre dort verblutet.“
Katharina tastete Philipps Hinterkopf ab. Sie fand eine große Schwellung, die nicht allein von einem Sturz herrühren konnte. Sie konnte hier nichts machen. Es war dunkel und kalt. Der Boden war schmutzig und klebrig. Alles was sie brauchte, war bei ihr zu Hause.
„Bringt ihn zu mir nach Hause“, sagte sie zu Albrecht und stand auf.
Der Wirt wandte sich der Tür zu und rief Männer hinein.
„Wir müssen ihn ruhig halten“, erklärte Katharina den hereineilenden Helfern. „Wir legen ihn auf einen Tisch und tragen ihn darauf zu mir. Aber ihr müsst behutsam sein“, sagte sie mahnend. „Packt ihn nur bei der Hose und an der Jacke. Ich halte seinen Kopf.“ Die Männer nickten, stellten sich neben Philipp und hoben ihn vorsichtig hoch. Dann legten sie ihn auf einem Tisch ab. Katharina schob ihm eine Decke unter den Kopf.
„Beeilt Euch“, sagte sie. „Er verliert viel Blut. Und haltet ihn gerade.“ Die Männer hoben den Tisch an und gingen aus dem Wirtshaus. Sie konnte die Anstrengung in ihren Gesichtern sehen, aber keiner von ihnen würde stehenbleiben, bis sie Philipp zu ihr gebracht hatten. Dessen war sie sicher.
Katharina versuchte das Blut in der Wunde an der Schulter zu stoppen, aber ihr Umhang tränkte sich immer mehr. Als sie den Marktplatz hinter sich gelassen hatten, spürte sie Schmerzen in ihren Zehen. Sie konnte den linken Fuß kaum noch belasten. Ein Stein hatte ihr in den Ballen geschnitten, aber sie biss sich auf die Lippe und ignorierte den Schmerz. Diese kleine Wunde war nichts, im Vergleich zu jenen Philipps.
Ihr Blick wandte sich zu dem blutverkrusteten Gesicht seines Nachbarn. Die Augen waren geschlossen, aber sein Gesichtsausdruck war in Schmerz verzerrt, als würde er selbst in der Ohnmacht noch leiden müssen. Es war kaum noch Leben in ihm.

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