Die Johannis-Morde – Kapitel 12
Letzte Hoffnung
Die ersten Strahlen der Sonne drangen in Katharinas Schlafzimmer, als sie die Nadel mir ruhiger Hand durch die Haut von Philipps Unterarm zog. Er war noch immer nicht bei Bewusstsein. Die Männer hatten ihn auf ihr Bett gelegt. Dann hatte sie ihn ausgezogen, damit sie den ganzen Körper nach Wunden untersuchen konnte. Schließlich hatte sie zwei Stichwunden und eine schwere Kopfwunde behandeln müssen. Die Verletzungen in der Schulter und im Unterarm waren tief. Er hatte viel Blut verloren, und Katharina hatte die Schnitte nähen müssen. Was ihr aber am meisten Sorgen machte, war die Wunde am Kopf. Sie hatte keine Ahnung, wie schlimm die Folgen dieses Schlages waren. Sie vermutete, dass Philipp deswegen noch nicht bei Bewusstsein war.
Sie hatte die Verletzungen ausgewaschen, aber die Wunden waren schmutzig gewesen. Wenn sie sich entzündeten, konnte es zur Bildung von Eiter, zu Wundbrand und schließlich zum Tod führen. Sie hatte Schafgabe auf die Verletzung aufgetragen und hoffte, dass die Pflanze den Wundbrand verhinderte, aber wahrscheinlich war es schon zu spät gewesen.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Du hast alles getan was möglich ist“, sagte ihre Tochter mit sanfter Stimme. „Willst du dich nicht ausruhen? Ich wache neben dem Bett.“
Katharina schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht müde“, antwortete sie und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Loretta war kurz vor Morgengrauen gekommen. Sie hatte Ida abgelöst, die Katharina bei der Versorgung von Philipps Wunden geholfen hatte.
„Geh nach Hause und kümmere dich um meine Enkelin“, sagte sie und versuchte zu lächeln. „Ich werde bei Philipp wachen.“
„Ich werde heute Mittag wieder vorbeikommen und dir etwas zu essen bringen.“ Dann umarmte sie Katharina fest, gab ihr einen Kuss auf die Wange und ging hinaus.
Während ihre Tochter die Tür schloss, betrachtete sie Philipp. Sie legte ihre Finger auf seine Hand. Wer hatte ihm das angetan? Die Männer, die ihn gefunden hatten, hatten noch in der Nacht nach dem Angreifer gesucht, aber niemanden gefunden. Wahrscheinlich war er sofort nach der Tat geflohen oder hatte sich in einem Haus versteckt. Aber warum wollte jemand Philipp töten? Er hatte keine Feinde und wurde von allen wegen seiner Hilfsbereitschaft geschätzt. Als man Bredelin Arken verurteilt hatte, hatte er noch nicht einmal in Furtenblick gewohnt.
Katharina schossen die Tränen in die Augen, und sie begann hemmungslos zu schluchzen. Bis zum Dorffest hatte sie ein gutes Leben geführt. Die Freundschaft zu Philipp hatte ihr über den Tod von Gerlach hinweggeholfen. Ihr Garten und das Feld ernährten sie, so dass sie selbst in schweren Wintern nicht hungern musste. Ihre Tochter war glücklich verheiratet und hatte ihr eine bezaubernde Enkeltochter geschenkt.
Vielleicht lag es daran, dachte sie verbittert. Vielleicht gönnte Gott ihr kein gutes Leben. Jetzt hatte das Schicksal wieder einen Menschen getroffen, der ihr am Herzen lag. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht die Neugier zum Vogt und dann nach Heidelberg getrieben hatte, sondern die Angst. Sie hatte versucht dem Mörder auf die Spur zu kommen, nicht weil sie ihre drängende Neugier befriedigen wollte, sondern weil sie ihr bisheriges Leben bedroht gesehen hatte. Doch alle ihre Bemühungen waren vergebens gewesen. Sie wusste nicht, wer Rudolf Eigbrod und Lukas Kolf getötet hatte und zum ersten Mal kamen ihr Zweifel. Waren sie wirklich verflucht? Sollte die abergläubische Angst, der auch Philipp manchmal erlag, am Ende doch nicht so töricht sein? Hatten die letzten Worte von Bredelin Arken dies bewirkt?
Philipp stöhnte und warf sich auf den Bett herum. Er wandte sich unter seiner Decke, als durchlebte er den Angriff im Traum ein weiteres Mal. Katharina griff nach seiner Hand und versuchte leise auf ihn einzureden, aber wurde nicht ruhiger. Er bäumte sich auf, dann erschlaffte sein Körper, und er fiel mit einem Aufstöhnen zurück. Katharina nahm ein feuchtes Tuch und wischte ihm das Gesicht ab. Ihre Gedanken galten nur noch ihm. Sollte der Mörder töten, wen er wollte. Nur Philipp wollte sie ihm nicht geben.
„Sie hat es überstanden“, sagte Willems Frau. Dann schloss sie Hedwigs Augen und deckte die Tote zu. Dem Schmied liefen Tränen die Wangen hinunter. Für einen Augenblick drohte ihn die Verzweiflung zu übermannen. Dann ballte er die Fäuste und brüllte seinen Kummer hinaus. Er wandte sich zur Tür und schlug mit aller Kraft auf das Holz ein, bis seine Knöchel blutig waren. Splitter flogen durch den Raum, bis die Tür aus der Halterung krachte. Willem sank zu Boden und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. „Mutter“, weinte er.
Als er den Kopf hob, stand Eckwin vor ihm. Die Kleidung des Jägers war schmutzig und seine Stiefel waren voller Dreck. Er schien unsicher zu sein, was er machen sollte, als er den Schmied tränenüberströmt auf dem Boden knien sah. Dann begann er zu sprechen. „Ich habe Ubald gefunden.“
Es war Abend geworden. Katharina fürchtete sich vor der kommenden Dunkelheit. Des Nachts verschlimmerte sich Philipps Zustand. Sein Fieber nahm zu, und er wälzte sich unruhig im Bett. Sie nahm ein feuchtes Tuch zur Hand und wischte ihm den Schweiß von der Stirn. Sein Gesicht hatte all die Sanftheit verloren, welche den großen Mann immer ausgezeichnet hatte. Die Augen waren zugekniffen und sein Mund im Schmerz verzogen. Seine schweißnassen Haare und seine unrasierten Wangen ließen ihn ungepflegt aussehen. Katharinas Brust drohte vor Kummer zu bersten. Ihre Trauer war längst der Wut über ihre Hilflosigkeit gewichen. Sie fühlte sich schwach und dumm, wie sie neben dem Bett saß und Philipp beim Sterben zusah.
Die Tür ging ruckartig auf. Ihre Tochter kam hineingelaufen.
„Irgendetwas geht dort unten vor“, sagte Loretta atemlos.
„Was geht es mich an“, antwortete Katharina, ohne den Kopf zu heben.
„Willems Mutter ist heute gestorben. Er hat sich mit seinen Männern aufgemacht, um einen Schuldigen zu finden.“
„Ich habe hier zu tun. Was kümmert mich der verrückte Schmied? Philipp braucht meine Hilfe. Sollen die Leute auf sich selbst aufpassen.“
„Ich glaube, sie haben Ubald gefasst.“
Eckwin zog Ubald auf den Marktplatz. Er hatte ihm die Hände auf den Rücken gefesselt und eine Schlinge um den Hals gelegt. Eine Platzwunde verunstaltete die Stirn des jungen Mannes. Getrocknetes Blut gab seinem Gesicht ein groteskes Aussehen. Ubald blickte sich wie ein gehetztes Tier um. Willem und Thomas gingen neben Eckwin. Ihr breites Grinsen zeigte den Stolz über diesen Fang, während immer mehr Menschen auf den Marktplatz strömten.
„Endlich habt ihr den Bastard gefangen“, rief eine Frau und spuckte Ubald an.
„Knüpft ihn auf“, schrie eine andere.
Ein Mann kam näher und winkte mit einem kleinen Messer vor Ubalds Gesicht. „Warum schneiden wir den Dämon nicht aus ihm raus?“
Ubalds Augen wurden groß. Er wollte davonlaufen, aber Eckwin riss an dem Seil, und die Schlinge zog sich erbarmungslos zu. Ubald keuchte und bekam keine Luft. Er sank auf die Knie und versuchte seine Hände freizubekommen. Sein Gesicht wurde rot und er drohte zu ersticken, als Eckwin das Seil endlich wieder locker ließ. Die Menge grölte vor Freude.
„Lass mich auch mal“, sagte Thomas und nahm Eckwin den Strick ab.
Ein großer Mann drängte sich durch die Menge. Er schob alle Gaffer rücksichtlos zur Seite, ging zu Eckwin und schickte den Jäger mit einem harten Schlag zu Boden. Die Menge wich ängstlich zurück, während sich der Neuankömmling Thomas und Willem zuwandte.
„Lasst ihn los“, schrie Volmar und hob seine Axt, „oder ich schlage eure Schädel ein.“
„Du darfst es gerne versuchen“, brüllte ihm Willem entgegen und lies seinen Schmiedehammer in seine Handfläche klatschen.
„Wir beenden das Treiben des Dämonenjüngers endgültig“, antwortete Thomas und zog den Strick um Ubalds Hals enger. „Wenn er erst an einem Ast baumelt, wird er keinen mehr umbringen.“
„Ihr seid wahnsinnig“, warf ihnen Albrecht entgegen. Er stellte sich neben Volmar gestellt und hob den großen Holzscheid in der Hand. „Der Junge hat niemandem etwas zuleide getan.“
„Und wo war er die letzten Tage?“, fragte Willem.
„Ich habe ihn vor euch Mordbrennern in Sicherheit gebracht“, antwortete Volmar. „Sonst hättest du ihn in seiner Hütte verbrannt.“
„Ich wusste, dass du mit dem Verschwinden des Verrückten etwas zu tun hast. Vielleicht steckst du mit ihm unter einer Decke, und ihr plant schon eure nächste Tat.“
„Die einzigen, die heute sterben werden, sind du und dieser Wurm Thomas“, drohte Volmar, „wenn ihr Ubald nicht sofort die Fesseln löst.“
„Ich habe gehofft, dass du so etwas sagst“, antwortete Willem lächelnd und ging auf den Holzfäller zu. Er holte mit dem Hammer aus, während Volmar seine Axt hob.
„Hört auf!“, fuhr Katharinas Stimme wie eine Peitsche dazwischen. Die Männer hielten inne und wandten ihr die Köpfe zu. Sie stellte sich zwischen Willem und Volmar. „Schau, was der Fluch aus dir gemacht hat“, sagte sie zu dem Schmied. „Du willst einen Mord an einem Unschuldigen zu begehen.“
„Der Bengel ist nicht unschuldig“, warf Thomas ein. „Er ist ein Dämonengezücht, das…“
„Sei still“, fuhr sie den Mann an. „Sieht so ein Dämon aus?“, fragte sie ihn und deutete auf Ubald. Dann wandte sie sich an die gaffende Menge. „Als ich noch in die Kirche gegangen bin, hat Bruder Theobald oft von Dämonen und der Verführung durch den Teufel gesprochen. Bei ihm hatten diese Kreaturen aber Hörner, Pferdefüße und stanken nach Schwefel.“
„Der Dämon verstellt sich …“, fing Thomas wieder an.
„Du bist ein Narr“, unterbrach ihn Katharina zornig. „Und jeder, der das glaubt, ist noch ein größerer Narr.“
„Wer sonst hat Rudolf und Lukas umgebracht?“
„Ich weiß es nicht, aber glaubst du, dass ihr einen Menschen umbringen könnt und ungestraft davonkommt?“, fragte sie Thomas. „Es wird keine drei Tag dauern, dann lässt der Vogt euch alle aufknüpfen. Die einzig Besessenen seid ihr.“
„Wenn wir den Bastard umbringen, wird sich Gott wieder gnädig zeigen“, rief eine Frau aus der Menge.
„Gott hat uns längst verlassen“, schrie Katharina und ballte die Fäuste. „Wie könnt ihr glauben, dass ein Lynchmord ihn zufriedenstellen wird?“
Es war ruhig auf dem Marktplatz. Die Menschen wandten betreten den Blick ab, als würden sie sich erst jetzt ihrer Tat bewusst werden. Selbst Thomas schwieg.
„Meine Mutter ist tot“, sagte Willem in die Stille. Er schien Mühe zu haben, seine Tränen zu unterdrücken.
„Das tut mir Leid“, antwortete Katharina mitfühlend und legte ihm die Hand auf seine breite Schulter. „Aber Hedwig war eine alte Frau. Sie hatte ihr Leben gehabt. An ihrem Ende war kein Dämon Schuld. Ubald zu töten wird nichts ändern.“
„Aber die Morde …“, versuchte Willem zu erklären.
„… waren nicht sein Werk. Mich bedrücken die Toten auch, und es macht mich wahnsinnig, dass ich dem Täter nicht auf die Spur komme, aber es ist falsch, einen Unschuldigen zu töten.“
Sie legte auch die zweite Hand auf die Schulter des Schmieds. „Geh nach Hause, und trauere um deine Mutter, Willem. Sie hätte nicht gewollt, dass du ihretwegen mordest.“
Willem schlug die Hände vor sein Gesicht und weinte bitterlich. Sein ganzer Körper bebte, und für einen Augenblick war das Schluchzen des großen Mannes das einzige Geräusch auf dem großen Platz. Dann nahm Katharina die Hände von seinen Schultern und sprach ein paar tröstende Worte, die nur der Schmied verstehen konnte. Willem nickte und wischte sich die Tränen vom Gesicht.
„Lass ihn laufen“, sagte er zu Thomas und wandte sich um. Er ließ seinen Hammer fallen und still nach Hause.
Katharina sah dem Schmied nach, während sich die Menge auf dem Marktplatz zerstreute. Volmar ging zu Ubald und befreite ihn von seinen Fesseln, während sich Albrecht seine Wunde an der Stirn ansah.
„Nichts was man mit einem guten Becher Wein nicht wieder hinbekommt“, sagte der Wirt und klopfte Ubald beruhigend auf die Schulter.
Der junge Mann hatte den Kopf gesenkt und wartete, bis sich die Menge zerstreut hatte. Erst als noch Volmar, Albrecht und Katharina mit ihm alleine waren, schien er seine Angst abzulegen. Es zeigte sich sogar die Spur eines Lächelns auf seinem Gesicht.
Katharinas Knie zitterten. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie viel Angst sie tatsächlich gehabt hatte. Sie schloss für einen Moment die Augen und versuchte ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Sie nickte Ubald freundlich zu, der ihre Geste dankbar erwiderte. Dann machte sie sich auf den Weg nach Hause.
Es war dunkel. Philipp wusste nicht, ob er die Augen geschlossen hatte oder ob seine Umgebung frei von Licht war. Er hatte keine Ahnung, wo er war, aber er spürte eine vertraute Berührung an seiner Hand. Dann sah er Berta auf seinem Bett liegen. Er saß auf einem Schemel und hielt ihre viel zu zarten Finger. Ihr Gesicht war von Schweiß bedeckt, und ihr Atem kam in kurzen Stößen. Ihr Körper war ausgemergelt. Die Knochen zeichneten sich auf dem verschwitzen Nachthemd ab. Er hatte alles versucht, aber das Fieber war täglich schlimmer geworden. Tag und Nacht hatte er ihre Hand gehalten und zu Gott gefleht, dass er ihr Berta nicht nehmen dürfe, aber es war vergebens gewesen. Philipp konnte nur noch ihre Schmerzen lindern. Er saß schon den dritten Tag bei ihr und war nicht einen Schritt vor die Tür gegangen. Er wollte im Moment ihres Dahinscheidens bei ihr sein.
Ihr Atem wurde flacher. Dann wandte sie sich ihm zu und lächelte. Es war das bezaubernde Lächeln, das ihn vom ersten Moment an betört hatte. Er strich ihr sanft über die Stirn. Dann schloss sie die Augen und ihre Brust hob sich nicht mehr.
Philipp weinte und beugte sich über ihren Kopf, um ihre Stirn ein letztes Mal zu küssen. Dann verwandelte sich Bertas Antlitz in eine dunkle Maske, erhob sich vom Bett und stürzte sich auf ihn. Philipp fiel vom Schemel und schlug hart mit dem Kopf auf. Der Raum drehte sich um ihn. Die Gestalt kniete sich auf seine Brust, zog ein Messer unter dem Nachthemd hervor und stach ihm die Klinge tief in die Schulter.
Der Schmerz war unerträglich. Philipp bäumte sich schreiend auf und versuchte das Messer wieder herauszuziehen, doch die Gestalt hielt die Waffe fest umklammert. Er glaubte ein Lächeln hinter der Maske zu erkennen. Dann fiel er zurück in die Dunkelheit.
Katharinas Tisch war voller Speisen und Getränke. Loretta hatte ihr einen Korb mit Brot und Obst gebracht. Ida war zwei Mal gekommen und hatte ihr frisch gebratenes Fleisch mit Gemüse hingestellt. Selbst Albrecht hatte kurz mit einem Krug Wein in der Hand vorbeigeschaut, doch Katharina verspürte keinen Hunger und keinen Durst. Seit drei Tagen saß sie nun neben Philipps Bett und hoffte, dass der große Mann endlich aufwachte.
Es war schon tiefe Nacht, und der dichte Nebel hatte ihr Haus zu einer Insel inmitten eines undurchdringlichen Weiß‘ gemacht. Die Bewohner Furtenblicks schliefen. Katharina fühlt sich einsam, wie seit Gerlachs Tod nicht mehr. Erst jetzt spürte sie, wie viel ihr der Alltag mit Philipp bedeutete. Sie vermisste das gemeinsame Essen und seine wohlklingende ruhige Stimme. Sie sehnte sich nach dem Streit mit ihm, wenn er sich wieder vom abergläubischen Gerede hatte beeindrucken lassen. In dieser dunklen Stunde verstand sie, wie sehr Philipp ein Teil von ihrem Leben geworden war.
Katharina legte ihm die Hand auf die Stirn. Das Fieber nahm zu. Sein Körper zitterte und er warf sich immer öfters im Bett umher. Sie nahm ein Tuch, tauchte es in eine Schüssel mit Wasser und tupfte ihm sanft das Gesicht ab. Dann zog sie die Decke weg und nahm vorsichtig den Verband von seiner Schulter. Sie holte die Kerze näher heran und beugte sich vor. Die Wunde nässte und Katharina vermeinte Eiter zu sehen. Sie legte den Verband wieder zurück und schloss die Augen. Die Wunde hatte sich entzündet. Tränen rannen ihr die Wangen herunter. Philipp würde die nächsten Tage nicht überleben. Wenn ihn nicht das Fieber umbrachte, würde er am Wundbrand sterben.
Katharina nahm die Hand des großen Mannes in ihre. Er war so stark, doch die Verletzungen waren selbst für ihn zu viel gewesen. Er hatte zu viel Blut verloren.
Katharina schluchzte hemmungslos. Es war alles ihre Schuld. Hätte sie ihn nicht gezwungen sich krank zu stellen, wäre er früher ins Wirtshaus gegangen. Dann hätte er den Mörder nicht getroffen, wäre nicht verletzt worden und läge nicht im Sterben.
Philipp stöhnte und warf sich im Bett umher. Katharina nahm das Tuch, feuchtete es wieder an und tupfte ihm sanft die Stirn ab. Dabei redete sie beruhigend auf ihn ein, in der Hoffnung, dass ihre Stimme bis zu ihm durchdrang. Es dauerte etwas, aber schließlich entspannte sich Philipp wieder, und sein Atem wurde wieder leiser. Sie deckte ihn zu und küsste ihm sanft auf die Stirn. Einen Augenblick betrachtete sie noch sein Gesicht. Dann stand sie auf und löschte die Kerze. Im Dunkeln ging sie zur Tür, nahm ihren Umhang vom Stuhl und lief in die Nacht.
Es war kalt, aber Katharina begrüßte den kühlen Nebel, der ihr ins Gesicht stach. Er weckte ihre Lebensgeister und für das, was sie jetzt vorhatte, brauchte sie ihre ganze Kraft. Sie drehte sich nicht um, als sie den Weg zum Marktplatz ging. Es gab kein zurück mehr.
Albrecht fand kaum Schlaf. Das Schicksal von Philipp ging ihm nicht aus dem Kopf. Er fühlte sich mitschuldig, was seinem Freund geschehen war, da er nur wenige Schritte hinter seinem Wirtshaus angegriffen worden war. Philipp hatte an diesem Abend sehr viel getrunken. Vielleicht hätte er ihn nach Haus begleiten sollen. Dann würde sein Freund unversehrt im Bett schlafen und nicht mit dem Tode ringen.
Ein lautes Klopfen riss ihn aus seinen Grübeleien. Albrecht sprang aus dem Bett und rannte nach unten. Ein so später Besuch verhieß nie etwas Gutes. Seine Hände zitterten. Er durchquerte den Wirtsraum, hob den Riegel an und öffnete die Tür. Als er Katharina davor sah, sträubten sich seine Nackenhaare. Sie würde Philipp niemals allein lassen. Ihr Kommen war kein gutes Zeichen.
„Hallo Katharina“, sagte er und wappnete sich für eine Schreckensnachricht. „Wie geht es Philipp?“
„Er wird die nächsten Tage nicht überleben“, sagte sie und kämpfte mit den Tränen.
Der Wirt ballte die Faust. Er spürte wie seine Knie weich wurden.
„Seine Wunden haben sich entzündet.“
Albrecht hatte es geahnt. Er stützte sich an den Türrahmen. Wer hatte Philipp umbringen wollen? Er konnte sich keinen Grund vorstellen, warum jemand einen Groll gegen den großen Mann hegte.
„Ich habe eine Idee, wie wir ihm helfen können“, sagte Katharina weiter und riss den Wirt aus seiner Lethargie.
„Komm rein“, sagte er. Im Wirtshaus war es dunkel, aber Albrecht wollte keine Zeit mit dem Anzünden einer Fackel verschwenden. Er konnte nur Katharinas Silhouette erkennen.
„Wir müssen nach Frankfurt. Noch heute Nacht. Wir dürfen keine Zeit verschwenden. Ich kenne vielleicht jemand, der uns helfen kann.“
„Ich wusste nicht, dass es etwas gegen Wundbrand gibt“, bemerkte Albrecht. „Ist die Heilkunst schon so weit fortgeschritten?“
Katharina schüttelte den Kopf. „Nicht die Heilkunst, die wir kennen“, antwortete sie. „Aber das Wissen der Araber ist unserem weit überlegen, auch wenn eine solche Meinung schon Leute auf den Scheiterhaufen gebracht hat.“
„Du willst einen arabischen Arzt aufsuchen?“, fragte Albrecht.
„Keinen arabischen, sondern einen jüdischen. Viele jüdische Ärzte lernen in arabischen Städten. Wenn es einen Arzt gibt, der etwas über diese Heilkunst weiß, dann finden wir ihn in Frankfurt.“
„Du willst ins Judenviertel?“
Katharina nickte. „Ich kann verstehen, wenn du mich nicht dorthin fahren willst, aber du bist der erste der mir eingefallen ist.“
„Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir dort Hilfe finden?“
„Gering“, antwortete Katharina. „Ich weiß auch nicht viel und kann mich nur auf Gerüchte und Erzählungen stützen, die ich die letzten Jahre aufgeschnappt habe, aber mir fällt nichts anderes ein. Meine Heilkunst ist am Ende. Das einzige was ich noch machen kann, ist ihm die Schmerzen nehmen, bis er stirbt.“
Albrecht brummte missmutig. „Mir genügt dein Wort. Ich küsse einem Juden sogar den Hintern, wenn er Philipps Leben rettet. Wenn es eine winzige Hoffnung gibt, dass wir in Frankfurt ein Mittel finden, dann werden wir uns dorthin aufmachen. Ida“, brüllte der Wirt. „Steh auf und komm runter.“
Dann ging er zur Theke und suchte nach einer Fackel. Es wurde Zeit für etwas Licht.
Katharina umarmte die dickliche Frau des Wirts. „Vielen Dank, dass du dich um ihn kümmerst. Es fällt mir schwer ihn alleine zu lassen, aber bei dir weiß ich ihn in guten Händen.“
Ida erwiderte die Umarmung. „Mach dir keine Sorgen. Loretta und ich werden bei Philipp wachen, bis du wieder zurück bist.“
Katharina unterdrückte die aufkommenden Tränen, als sie an den großen Mann in ihrem Bett dachte. Sie hatte nur wenig Hoffnung, aber neben Philipps Bett zu wachen und untätig zuzusehen wie er starb, konnte sie nicht. Sie wollte nicht so leicht aufgeben.
Albrecht hatte ein Pferd vor seinen Wagen gespannt und kam durch die Gasse vor das Wirtshaus. Die Hufe hallten gespenstisch in der dunklen Nacht über den Marktplatz. Seine Silhouette war im dichten Neben kaum zu sehen, aber er hatte an den Seiten des Kutschbocks zwei Lampen aufgehängt, die ihnen Licht spendeten. Sie mussten den ganzen Tag fahren, um nach Frankfurt zu kommen, daher wollten sie keine Zeit vergeuden.
Ida gab Albrecht ein Korb mit Bier, Brot und kaltem Fleisch. Sie umarmte ihren Mann herzlich. Katharina spürte Neid, als sie das glückliche Paar sah. Dann trat die Wirtin einen Schritt zurück und hob mahnend den Finger.
„Pass mir gut auf Katharina auf. Es ist noch dunkel und auch Frankfurt ist wahrlich kein ungefährliches Pflaster.“
„Ich fahre ja nicht zum ersten Mal mit dem Wagen, Weib“, antwortete Albrecht mürrisch und hielt Katharina die Hand hin, damit sie auf den Kutschbock springen konnte. Während sie nach oben kletterte, spürte sie eine wohlige Vertrautheit zu diesen beiden Menschen. Es war schön, in Momenten wie diesen, auf ihre Hilfe vertrauen zu können.
Albrecht ließ die Zügel schnalzen, und das Pferd zog den Wagen aus Furtenblick hinaus. Katharina winkte Ida zum Abschied. Dann wurde auch sie vom Nebel verschluckt.
Die ersten Strahlen der Sonne drangen durch das diesige Weiß. Albrecht löschte die Lampen und ließ das Pferd schneller laufen. Sein Blick glitt zu Katharina, die noch immer schlief. Sie hatte sich letzte Nacht kaum und diese Nacht gar nicht ausgeruht, daher war er froh, dass sie auf der Fahrt zur Ruhe kommen konnte. Ihr Gesicht war noch immer in Sorge gegrämt, aber ihr Atem war sanft und gleichmäßig. Selbst das Ruckeln der Kutsche weckte sie nicht. Es war noch ein langer Weg. Sie würden nicht vor dem Abend ankommen, aber er würde Katharina sicher nach Frankfurt und wieder zurück bringen. Ihretwegen. Und für Philipp.
Ida nahm den Becher in die Hand und tröpfelte Philipp ein wenig Wasser in den Mund. Für einen Augenblick schien der große Mann zu schlucken, dann hustete er und spuckte die Flüssigkeit wieder aus. Sein ganzer Körper verkrampfte sich, und er bäumte sich im Bett auf.
„Es hat keinen Sinn“, sagte Loretta hinter ihr. „Er kann nichts mehr schlucken.“
„Es ist nicht schlimm, dass er nichts isst“, bemerkte die Wirtin, „aber wenn er kein Wasser zu sich nimmt, wird er austrocknen, noch bevor er Wundbrand bekommt.“
„Es bleibt uns nichts anderes übrig, als es ihm mit dem Tuch vorsichtig einzuträufeln.“
Ida brummte mürrisch und stellte den Becher zur Seite. „Hör zu, du großer Klotz“, sagte sie zu dem bewusstlosen Philipp. „Streng dich gefälligst an. Ich lasse nicht zu, dass du uns jetzt einfach so wegstirbst, vor allem weil ich ein Säckel meiner hart erarbeiteten Münzen darauf gewettet habe, dass du und Katharina binnen eines Jahres heiraten.“
Dann wandte sie sich der sichtlich überraschten Loretta zu. „Manchmal muss man so mit ihm reden“, erklärte sie in ruhigerem Ton. „Dann macht er, was man ihm sagt.“
Die Wirtin versuchte sich ein Lächeln abzuringen, hatte aber alle Mühe ihre Tränen zurückzuhalten. Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben, doch hatte sie schon öfters solche entzündeten Verletzungen gesehen. Wenn Katharina nicht mit einem Wunder nach Hause kam, würde Philipp nicht mehr erwachen.
Albrecht lenkte die Kutsche durch das Wollgrabentor in die Judengasse. Die Strasse war kaum vier Schritt breit. Die Häuser waren zu hoch gebaut, als dass Sonnenlicht hindurch dringen konnte. Obwohl es noch früher Abend war, fühlte sich Albrecht wie in einem dunklen Wald. Es war eng und stickig. Auf der Straße stank es nach menschlichen Ausdünstungen und Abfall, gemischt mit dem Geruch nach fremden Speisen. Die Fenster waren schmierig. Manche von ihnen waren eingeworfen und mit Brettern notdürftig zugenagelt. Die Wände waren schmutzig und die Giebel der Dächer schief. Er hatte eine andere Welt betreten. Die Menschen betrachteten ihn misstrauisch bis hin zur Feindseligkeit, aber keiner stellte sich ihnen in den Weg oder wollte sie aus dem Viertel vertreiben. Die Leute drängten sich Schulter an Schulter durch die an der Stadtmauer gelegene Gasse. Ihre Kleidung unterschied sie kaum von anderen Städtern, nur hatte jeder von ihnen einen gelben Kreis oder Ring auf seine Kleidung genäht.
„Was ist das für ein Zeichen?“, fragte er Katharina.
„Das ist ein Judenring“, antwortete sie. „Jeder Jude muss ein solches Stoffstück auf der Kleidung tragen“
„Und was ist, wenn er sich weigert?“
„Dann wirft man ihn in den Kerker“, antwortete Katharina ungerührt.
Albrecht wollte das Thema weiterführen, aber er hatte alle Mühe sein Pferd unter Kontrolle zu halten. Es war die vielen Menschen nicht gewöhnt. Der Wirt versuchte das Tier mit seiner Stimme zu beruhigen.
„Halt an, Albrecht“, sagte Katharina und legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich gehe zu Fuß weiter. Am Besten wartest du am Ende der Gasse. Dann kannst du das Pferd ausspannen.“
„Ich habe keine gutes Gefühl, dich hier alleine zu lassen“, sagte Albrecht und blickte sich verstohlen um.
„Ich muss nach dem Weg fragen, und das kann ich nicht vom Wagen aus“, antwortete sie.
Albrecht nickte. „Wenn du Hilfe brauchst, dann rufst du laut. Ich komme sofort.“
Katharina lächelte ihn dankbar an. Dann stieg sie ab.
Im Judenviertel war es unerträglich eng. Katharina fühlte sich wie ein Eindringling. Ihr kamen die Kleidung und die Frisuren der Menschen fremd vor, aber sie wollte sich nicht von den Vorurteilen leiten lassen. Sie musste einen jüdischen Heilkundigen finden, sonst würde Philipp einen qualvollen Tod erleiden.
Sie sah noch einmal zu Albrecht. „Ich werde bald wieder zurück sein.“
Der Wirt nickte. Dann drehte sie sich um und verlor sich in den Menschen. Katharina ging die schmale Gasse entlang und las die Schilder, aber keines von ihnen deutete auf einen Heilkundigen hin. Sie wollte einen der Passanten ansprechen, aber die Bewohner wichen ihr aus. Sobald sie näher kam, senkten sie den Kopf und gingen schnell weiter. Sie wollte fast aufgeben, als sie eine ältere Frau sah, die vor ihr stehengeblieben war und sie mit strengem Blick musterte. Ihr Rücken war krumm, aber ihre stolze Kopfhaltung ließ auf einen starken Geist schließen. Ihre Kleidung war abgetragen, aber von gutem Schnitt und edlem Stoff. Einzig der gelbe Ring an ihrer Brust störte die Eleganz.
„Was führt Euch hierher? Das ist das Viertel der Juden. Habt Ihr Euch verlaufen?“
„Nein“, antwortete Katharina und versuchte zu lächeln. „Ich suche den Rat eines jüdischen Heilkundigen. Ein Freund von mir liegt im sterben und mein Wissen reicht nicht aus, um ihn zu heilen.“
„Hier gibt es keine Heilkundigen“, sagte die Frau schroff.
„Wieso nicht?“, fragte Katharina überrascht.
„Weil es uns verboten ist.“
„Warum ist es euch verboten?“
Die Frau lachte kurz auf. „Ihr müsst vom Land sein“, sagte sie. „Ihr wisst nicht viel von Juden, oder?“
Katharina zuckte die Achseln. „Genaugenommen bin ich nur einmal einem begegnet, daher weiß ich nicht viel von euch.“
„Wann war das?“
„Es ist schon viele Jahre her“, erzählte Katharina. „Ich war im Wald, als ich einen Mann neben dem Weg sitzen sah. Er hatte sich den Fuß gebrochen. Die Schmerzen hatten ihn fast wahnsinnig gemacht. Er hat immer gerufen, ‚bringt mich zu Aviel. Bringt mich zu Aviel nach Frankfurt‘.
Ich habe versucht ihn zu beruhigen, aber dann waren die Schmerzen wohl zu groß, und er hat das Bewusstsein verloren. Der Weg zu meinem Dorf war zu weit und hatte nicht die Kraft ihn zu tragen. Es wurde schon dunkel, aber da es eine warme Sommernacht war, musste ich mich nicht sorgen, dass er erfriert. Ich habe ihm den Bruch gerichtet, den Fuß verbunden und ihm einen Stock geschnitzt, dass er aufstehen kann, wenn er wieder aus seiner Ohnmacht erwacht. Am nächsten Morgen wollte ich ihm etwas Brot bringen, aber er war schon wieder verschwunden.“
Die alte Frau musterte Katharina, als wäge sie ab, ob sie ihr trauen könnte. Dann wurde ihr Gesichtsausdruck ein wenig milder. „Ihr solltet vielleicht in den Gemüseladen von Aviel Kohn gehen“, sagte die Frau und hob beim Vornamen des Mannes die Augenbraue. „Es ist das dritte Geschäft vom Bornheimer Tor aus“, ergänzte sie und deutete in das Viertel hinein. Dann ging sie ihrer Wege und war bald in der Menge verschwunden.
Katharina nahm den Weg wieder auf, bis sie am Bornheimer Tor angekommen war. Sie zählte die Geschäfte und trat in einen kleinen Laden. Ein schmaler grauhaariger Mann hob eine Kiste mit Gemüse hinein.
„Verzeiht, guter Herr. Seid Ihr Aviel Kohn?“
Der Mann blinzelte überrascht und musterte Katharina. „Ja“, antwortet er misstrauisch. „Wollt Ihr etwas Gemüse kaufen?“
„Nein. Ich suche den Rat eines Heilkundigen.“
„Entschuldigt, meine Dame, aber ich verkaufe Gemüse. Wie kommt Ihr darauf, dass es hier einen Heilkundigen gibt?“
„Eine ältere Frau hat mir den Weg gezeigt.“
„Wie sah sie aus?“
Katharina beschrieb die Frau und erzählte dem Händler die Geschichte von dem Mann im Wald. Als sie geendet hatte, stellte Aviel die Kiste ab und deutete auf einen Durchgang hinter der Theke.
„Folgt mir“, sagte er und ging voran. Dann zog er einen Schlüssel aus der Kutte und machte eine Tür auf, die in ein Hinterzimmer führte. Katharina schlug der starke Geruch von Alkohol entgegen. Eine Pritsche war in der Ecke aufgebaut, über der ein helles sauberes Laken gespannt war. Auf einem Tisch lagen Messer, Pinzetten und andere Gerätschafen, die Katharina noch nie gesehen hatte. Sie waren sauber poliert und glänzten im Schein der Lampe. Gegenüber der Pritsche war ein Schrank, in dem unterschiedliche Kräuter und Pflanzen aufbewahrt wurden.
„Ihr habt also meinen Neffen Erez versorgt“, sagte der Händler und ging in den Raum hinein.
„Ihr seid verwandt?“
„Hier sind irgendwie alle miteinander verwandt“, antwortete Aviel achselzuckend und deutete auf einen kleinen Schemel. „Er war auf dem Weg von Heidelberg nach Frankfurt. Sein Pferd hatte ihn abgeworfen. Dabei hat er sich den Fuß gebrochen. Eines Morgens ist er aufgewacht und sein Bein war verbunden.“ Aviel lächelte.
„Einfältig wie Erez ist, hat er geglaubt ein Engel hätte ihn gerettet. Auf jeden Fall hat er es Euch zu verdanken, dass er noch laufen kann. Ihr habt ihm den Bruch gut gerichtet.“
„Bei uns bricht sich ständig jemand etwas“, wiegelte Katharina ab. „Da lernt man schon von Kindesbeinen an, so etwas zu behandeln.“
Sie sah sich interessiert um. „Warum macht Ihr hier so ein Geheimnis um Eure Heilkunst? Warum dürft Ihr sie nicht ausüben.“
„Man sieht es nicht gerne, wenn Juden sich als Heilkundige ausgeben“, erklärte Aviel. „Die Menschen glauben, dass auch die beste Arznei sich in Gift verwandelt, sobald ein Christ es aus der Hand eines Juden empfängt. Daher ist es besser einen solchen Dienst nicht anzubieten.“
Katharina schüttelte den Kopf.
„Womit kann ich Euch Euer Werk vergelten?“
Katharina erzählte Aviel von dem Angriff auf Philipp und wie sie die Wunden genäht hatte.
„Die Wunden oberflächlich zu säubern war gut“, erklärte Aviel, „aber wahrscheinlich ist der Schmutz schon mit dem Messer in die Wunde eingedrungen. Wenn er außerdem viel Blut verloren hat, ist sein Körper zu geschwächt, um dagegen anzukämpfen.“
„Philipp hat Fieber und die Wunde ist entzündet. Das bedeutet den sicheren Tod, aber Eure Heilkunst ist viel weiter. Gibt es etwas was man dagegen tun kann?“
Aviel schürzte nachdenklich die Lippen. „Ich bin einem arabischen Medicus in die Lehre gegangen, der eine kleine Herde Schafe in seinem Haus hielt. Jedes mal, wenn er einen Kranken mit entzündeter Wunde behandelt hatte, ging er in den Stall und kam mit etwas Schafskot wieder. Dann goss er Honig darüber und stellte es in einen feuchten Raum. Er wartete, bis sich Schimmelpilze gebildet hatten. Diese kratze er vorsichtig ab und legte sie auf die Verletzung. In den meisten Fällen haben sich die Entzündungen zurückgebildet, und die Kranken wurden wieder gesund.“
„Er hat die Wunden mit Schimmelpilzen behandelt?“, fragte Katharina verwundert.
Aviel nickte. Er stand auf und ging zum Schrank. Dort nahm er ein kleines Tongefäß heraus und öffnete den Deckel. „Ich habe immer etwas Schafskot mit Honig auf Vorrat“, sagte er lächelnd. „Die Pilze müssten für Euren Freund reichen, aber am besten setzt Ihr selbst etwas Schafskot an. Füllt ein kleines Gefäß auf und beträufelt es mit einem Löffel Honig. Dann lasst es offen in einem feuchten Raum oder Schrank stehen, aber achtet unbedingt darauf, dass sich keine Mücken oder anderes Ungeziefer darauf niederlassen. Wenn doch, dürft Ihr die Pilze nicht auftragen.“
Katharina nickte und nahm das Gefäß mit dem Schimmel ehrfürchtig entgegen. Sie konnte es noch immer nicht glauben, dass es so einfach seien sollte. Aviel gab ihr noch Ratschläge, wie sie die Pilze auf der Wunde platzieren sollte. Dann reichte er ihr ein Tuch, um das Gefäß abzudecken und streckte ihr die Hand hin.
„Es hat mich gefreut Euch kennenzulernen“, sagte er lächelnd.
Katharina erwiderte das Lächeln, doch statt ihm die Hand zu schütteln, umarmte sie den Mann fest. Dann löste sie sich von ihm und sagte. „Vielen Dank für alles.“
Der Heilkundige verharrte einen Moment verwundert. Katharina winkte ihm zum Abschied und ging sich aus dem Geschäft. So schnell sie konnte, lief sie zum Ende der Straße. Es waren noch immer viele Menschen unterwegs, aber ihre Füße flogen über das schmutzige Pflaster, bis sie die Kutsche von Albrecht sah, der gerade das Pferd abrieb.
„Ich habe es“, sagte sie glücklich. „Wir können zurück.“
Albrecht sprang auf die Kutsche. „Wir werden noch ein Stück fahren können, müssen dem Pferd aber bald eine Pause gönnen, sonst beginnt es zu lahmen und wir müssen laufen. Bis morgen Abend sind wir aber wieder zurück.“
Katharina kletterte auf den Kutschbock und nahm Platz. Sie umklammerte das kleine Tongefäß wie den größten schatz auf Erden. Sie hielt Philipps Leben in der Hand, und sie würde es nicht mehr ablegen, bis sie in Furtenblick waren.
Ida wischte Philipp den Schweiß vom Gesicht. Seit Katharina losgefahren war, hatte sich das Fieber verschlimmert. Philipp war noch immer nicht wach. Die Verletzung an seinem Kopf war wieder aufgegangen und hatte zu bluten begonnen.
„Es wird schlimmer“, sagte sie zu Loretta. „Die Wunde lässt sich nicht richtig schließen.“
„Vielleicht müssen wir die Schwellung weiter kühlen.“
„Das Problem ist nicht die Schwellung. Selbst wenn Katharina in Frankfurt etwas gefunden hat, was die Entzündung stoppen und das Fieber senken wird, bin ich mir nicht sicher, ob Philipp jemals wieder völlig gesund werden wird. Der Schlag auf den Kopf war sehr stark. Ich weiß nicht, ob diese Verletzung schwerer ist, als sie aussieht.“
Loretta brachte ihr eine Schüssel mit frischem Wasser.
„Wir können nichts machen, als warten und hoffen. Meine Mutter und Albrecht müssten heute Abend wieder zurück sein. Wenn wir Philipp nicht aus seiner Ohnmacht wecken können, werden wir nie erfahren, wie schwer die Verletzung am Kopf ist.“
„Beeile dich, Katharina“, flüsterte Ida. „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.“
Die Nacht war schon angebrochen, als Katharina und Albrecht nach Furtenblick zurückkamen. Der Wirt fuhr mit der Kutsche bis vor Katharinas Haus. Sofort sprang sie vom Kutschbock und lief hinein. Als sie die Tür öffnete kam ihr Ida entgegen.
„Wie geht es ihm?“
„Das Fieber ist schlimmer geworden“, antwortete Ida ernst. „Die Wunde an der Schulter entzündet sich weiter.“
„Ist er wach?“
Die Wirtin schüttelte den Kopf, während Katharina zum Bett ging und nach Philipp sah. Sein Gesicht wirkte ausgezehrt und seine Haare waren schweißdurchtränkt. Sie zog die Bettdecke weg und machte den Verband von der Schulter. Ein stechender, eitriger Geruch schoss ihr entgegen. Sie öffnete das Tongefäß, das sie die ganze Fahrt über in der Hand gehalten hatte und stellte es auf einen kleinen Schemel. Dann griff sie nach einem frischen Verband, nahm Schimmel aus dem Gefäß und streute ihn auf den Stoff.
„Bitte wasche die Wunde an der Schulter noch einmal aus“, sagte sie zu Ida. „Ich werde ihm einen neuen Verband mit dem Schimmel anlegen. Der müsste die Entzündung abklingen lassen.“
Ida sah Katharina bei der Erwähnung des Schimmels ungläubig an, aber sie machte sich sofort an das Auswaschen.
Katharina wartete bis die Wirtsfrau fertig war und legte den Stoff auf die Wunde. Sie nahm ein weiteres Tuch und wickelte es fest um die Schulter, damit der Verband nicht abrutschen konnte. Dann umarmte sie die dicke Frau fest.
„Danke, dass du dich um ihn gekümmert hast.“
„Das war das Mindeste“, sagte sie und löste sich aus der Umarmung. „Bedank dich auch bei der Tochter. Sie hat tagsüber an Philipps Bett gewacht und ist keinen Schritt vor die Tür.“
Katharina kämpfte mit den Tränen.
„Du siehst müde aus“, sagte Ida. „So wie ich dich kenne, wirst du heute Nacht bei Philipp wachen wollen, aber ich werde morgen früh vorbeikommen und dir etwas zu essen bringen. Dann wirst du alles aufessen und dich schlafen legen, während ich am Bett wache.“
Katharina wollte etwas erwidern, aber Ida fuhr sofort dazwischen. „Keine Widerrede.“
Dann lächelte sie, nahm ihren Umhang und ging nach draußen. An der Tür winkte sie noch kurz, bevor sie diese leise schloss. Einen Augenblick später fuhr Albrechts Kutsche davon.
Katharina setzte sich zu Philipp ans Bett, der immer noch ohne Bewusstsein war. Sie spürte die Anstrengungen der letzten Tage. Die Reise nach Frankfurt war lange und mühsam gewesen. Ihr Rücken schmerzte. Trotz ihrer Rast hatte sie nur schlecht geschlafen. Ihr Körper sehnte sich nach Ruhe, aber sie würde diese Nacht noch wachen. Der Verband musste auf der Wunde bleiben.
Katharina legte sich eine dünne Decke auf ihren Schoss. Sie schloss müde die Augen. Einen Augenblick später war sie eingeschlafen.
Es war früher Morgen als Loretta zu Katharinas Haus kam. Sie öffnete die Tür und wurde von einem lauten Streitgespräch empfangen.
„Aber ich habe keinen Hunger“, beschwerte sich ihre Mutter.
„Du wirst etwas essen“, sagte Ida streng. „Albrecht hat mir gesagt, dass du auf der Fahrt kaum etwas zu dir genommen hast. Ich werde nicht gehen, bevor du diesen Bohneneintopf gegessen hast.“
„Stell ihn hin, ich esse ihn später.“
„Katharina Volck. Ich habe drei Kinder großgezogen, die mit der gleichen Ausrede versucht haben sich vom Essen zu drücken. Du hast die Wahl freiwillig zu essen oder von mir gefüttert zu werden.“
Idas Stimme, und ihr grimmiger Gesichtsausdruck ließen keinen Zweifel, dass sie genau das tun würde. Katharina seufzte, nahm den Löffel und aß.
„Guten Morgen“, sagte Loretta lächelnd und drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange.
„Hallo Loretta“, strahlte Ida die junge Frau an.
„Morgen“, antwortete Katharina missmutig und stopfte sich einen weiteren Löffel Bohneneintopf in den Mund.
„Wie geht es Philipp?“
„Deine Mutter hat aua Frankfurt etwas Schimmel mitgebracht, der die Entzündung der Wunde heilen soll.“
Loretta zog misstrauisch die Augenbrauen hoch. „Wirkt es?“
„Dazu ist es noch zu früh“, antwortete Katharina. „Er hat noch immer Fieber und ist noch nicht wieder bei Bewusstsein, aber der Heiler hat mir versichert, dass es wirken wird.“
„In den Tagen, in denen du unterwegs warst, haben sich Volmar und ein paar Männer des Nachts auf die Lauer gelegt2, erklärte Ida „Sie haben am Marktplatz Wache gestanden und gehofft, dass ihnen den Angreifer in die Hände fällt. Aber sie haben niemanden gefunden.“
Loretta schüttelte den Kopf. „Wer wollte Philipp umbringen? Was hat er gemacht, dass ihm jemand in der Dunkelheit auflauert und ihm ein Messer in die Schulter sticht?“
Die Frauen schwiegen. Niemand wusste darauf etwas zu sagen.
„Du siehst ausgeruhter aus, Katharina“, durchbrach Ida die Stille. „Hast du geschlafen?“
„Ich fühle mich gut. Ich werde bei Philipp bleiben und ihr könnt eurer Arbeit nachgehen.“
„Ich werde heute Mittag wieder nach dir sehen“, bemerkte Loretta und legte ihrer Mutter die Hand auf die Schulter.
„Und ich bringe dir dann etwas Brot und Käse“, ergänzte Ida. „Dann kannst du mir von deinem Ausflug nach Frankfurt erzählen, während ich dir wieder beim Essen zusehe.“
Loretta küsste Katharina auf die Stirn und ging mit Ida wieder hinaus. Auch wenn sie nicht wusste, ob der Schimmel etwas bewirken würde, wenigstens hatte ihre Mutter wieder Hoffnung.
Als Ida gegangen war, setzte Katharina sich wieder neben Philipp ans Bett. Auch wenn sie nur widerwillig gegessen hatte, musste sie zugeben, dass sie sich nach dem Bohneneintopf besser fühlte. Die Wirtin war eine sehr gute Köchin, und sie war dankbar, dass sie Anteil an Philipps Schicksal nahm.
Katharina legte die Hand auf seine Stirn. Das Fieber war noch da. Sie wurde unruhig, aber Aviel hatte ihr gesagt, dass sie den Verband zwei Mal am Tag erneuern sollte. Den Rest der Zeit durfte der Schimmel nicht von der Wunde genommen werden. Katharina nahm ein Tuch und kühlte Philipps Gesicht. In der Nacht hatte er sich noch in Fieberträumen hin und her gewälzt, aber seit die Sonne aufgegangen war, war er ruhiger geworden.
Katharina hasste die Untätigkeit. Am Liebsten wäre sie auf das Feld gegangen und hätte Unkraut gerupft, aber sie wollte Philipp nicht allein lassen.
Sie versuchte ihre Gedanken wieder auf die Ereignisse seit dem Dorffest zu lenken. Sie hatte geglaubt, dass alles mit der Verurteilung von Bredelin Arken und den Giftmorden zu tun hatte, aber wie passte Philipp in dieses Bild? Er war zu dieser Zeit nicht in Furtenblick gewesen und hatte seine damalige Frau Berta nicht einmal gekannt.
Katharina sah zu dem Mann in ihrem Bett. Im Grunde wusste sie nichts über seine Vergangenheit und was er vor seiner Zeit mit Berta getan hatte. Vielleicht verbarg Philipp ein Geheimnis, das mehr Licht in die Ereignisse bringen konnte. Um das zu erfahren, musste er erst genesen. Doch momentan war Philipp dem Tod näher als dem Leben.