Die Johannis-Morde – Kapitel 13

Genesung

Albrecht hatte sich hinter einem alten Bretterverschlag verborgen und hielt eine große Keule in der Hand. Die Sichel des Mondes drang kaum durch die Wolken, aber seine Augen hatten sich an die Dunkelheit angepasst. Er würde jeden vorbeihuschenden Schatten bemerken, der sich durch die Gassen schlich.
Seine Fingen klopften ungeduldig auf das raue Holz der Keule. Er hatte es satt, dass irgendein Mörder durch Furtenblick lief und alle in Angst versetzte. Gestern Abend hatte sie im Wirtsraum darüber diskutiert, was sie dagegen unternehmen würden. Nachdem die ersten Vermutungen die Runde gemacht hatte – sie reichten von dem alten Foller, über dem Gehörnten persönlich bis hin zu Nicolaus Grumbach – hatte Volmar schließlich vorgeschlagen in der Nacht durch die Gassen zu patrouillieren. Dabei hatte Albrecht recht schnell gesehen, wer von dem Männern wirklich Mumm in den Knochen hatte und wer nicht. Haug Bindrim war sofort aufgestanden und hatte sehr bildlich erklärt, was er mit dem Mörder machen würde, sollte er ihn unter sein Hackbeil bekommen. Frederich Rump hatte das Vorgehen unterstützt, sich aber nicht für die Patrouillen gemeldet, weil ihn die Amtsgeschäfte tagsüber so sehr in Anspruch nahmen, dass er nachts seinen Schlaf brauchte. Winand Gebhard hatte sich bereiterklärt eine Stunde früher aufzustehen und vor der Bäckerei zu wachen, bis er sein Brot machen musste. Die meisten hatten aber, ähnlich wie der Bürgermeister, fadenscheinige Erklärungen vorgebracht, warum sie des Nachts lieber zu Hause blieben. Hätte Bredelin auf dem Dorffest den Fluch nicht ausgesprochen, wäre jeder von ihnen auf die Suche nach dem Mörder gegangen, aber seit dem Tag waren aus gestandenen Männern ängstliche Waschweiber geworden.
Am Ende waren nur er, Volmar und Haug geblieben. Volmar suchte im nahen Wald nach dem Mörder, während Haug und er sich das Dorf aufgeteilt hatten. Jeder von ihnen hatte ein kleines Horn einstecken, das einen hohen, durchdringenden Ton von sich gab, sollten sie ein umherschleichende Gestalt irgendwo entdecken. Wäre er erst einmal gefasst, würden sie nicht auf den Vogt warten. Das Urteil war bereits gefällt. Sie würden es selbst vollstrecken.
Albrecht musste an Philipp denken. Die entzündete Wunde musste ihn eigentlich umbringen, aber Katharina war so zuversichtlich gewesen, dass ihm der Schimmelpilz helfen würde, dass er schließlich auch daran glaubte. Vielleicht wäre der Herr wenigstens bei ihm gnädig.

Philipp öffnete die Augen. Fahles Mondlicht drang durch ein Fenster und erhellte das Schlafzimmer von Katharina. Er konnte kaum den Kopf drehen. Sein Mund war ausgetrocknet und seine Schulter schmerzte. Sein Blick ging zu einer schlafenden Gestalt neben dem Bett. Sie saß auf einem Stuhl und ihr Kopf war auf die Brust gesunken. Ihre Hand hielt die seine fest umklammert, als hätte sie Angst ihn loszulassen. Ihre Brust hob und senkte sich sanft.
Wie lange er auch ohnmächtig gewesen war, sie schien die ganze Zeit neben seinem Bett gewacht zu haben. Wahrscheinlich hätte sie kaum etwas gegessen und wenig geschlafen. Philipp lächelte.
„Verrücktes Weib“, flüsterte er mit krächzender Stimme, während er sanft über ihre Hand strich. Dann schloss er die Augen und schlief wieder ein.

Die Nacht war vorüber, und Katharina legte die Hand auf Philipps Stirn. Sie hatte das Gefühl, dass das Fieber zurückgegangen war, aber vielleicht redete sie sich das nur ein. Seit gestern ging es Philipp besser. Er schwitzte nicht mehr so stark, und seine Träume waren ruhiger geworden. Aber er war noch immer ohne Bewusstsein.
Katharina nahm den Lappen zur Hand und wischte ihm die Stirn ab. Sein Kopf drehte sich zu ihr, und er öffnete vorsichtig die Augen. Das Licht der Kerze schien ihn zu blenden. Er blinzelte kurz, aber sein Blick war auf Katharina gerichtet.
„Philipp?“, fragte sie vorsichtig. „Kannst du mich hören?“
„Warum sollte ich dich nicht hören?“, antwortete er mit kratziger Stimme. „Du sitzt ja direkt neben dem Bett.“
„Geht es dir gut?“, fragte sie ungläubig.
„Ich fühle mich ein wenig schwach und meine Schulter schmerzt höllisch.“
Katharina nahm einen Becher und setzte ihn vorsichtig an seinen Mund. Philipp hob den Kopf und trank gierig. Dann legte er sich wieder ab und seufzte zufrieden.
„Ich wusste gar nicht, wie ausgetrocknet ich war.“
Katharina sah Philipp ungläubig an, als könnte sie immer noch nicht glauben, dass er erwacht war. Sie hob die Decke an, zog den Verband von der Schulter und prüfte die Wunde. Es roch nach Schimmel, aber die Entzündung war weg.
„Katharina?“, fragte Philipp leise, während sie sich über ihn beugte.
„Ja?“
„Hast du mich ausgezogen und in dein Bett gelegt?“
„Bilde dir nur nichts darauf ein“, antwortete sie schroff. „Du warst schwer verletzt und mein Haus stand näher.“
Ihr Blick mahnte Philipp dieses Thema nicht weiter zu verfolgen. Dann legte sie den Verband wieder auf die Wunde und schlang die Arme fest um seinen Hals. Sie musste Tränen unterdrücken. Dann ließ sie in wieder los und füllte seinen Becher auf.
„Wie lange war ich ohne Bewusstsein?“
„Über vier Tage“, antwortete Katharina. „Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“
„Nicht viel. Ich bin durch die Gassen nach Hause gelaufen. Beim Wirtshaus hat mir ein dunkel gekleideter Mann aufgelauert, mich mit einem Messer angegriffen und mir etwas über den Schädel geschlagen. Dann bin ich hier aufgewacht.“
Philipp griff an seinen Kopf, zuckte aber stöhnend zurück.
„Die Schwellung wird noch eine Weile bleiben“, erklärte Katharina. „Deine Wunde an der Schulter hat uns mehr Sorgen gemacht.“
„Uns?“
„Also mir und Ida, Loretta und Albrecht. Auch Volmar und Haug haben immer wieder nach dir gefragt. Sogar der Bürgermeister war kurz da.“
Philipp lächelte. Anscheinend rührte ihn der Gedanke, dass sich so viele Menschen um ihm Sorgen gemacht hatten. „Kannst du mir meine Hose geben?“, fragte er verlegen.
„Wieso das?“
„Nun ich möchte nicht nackt aus dem Bett aufstehen und daher …“
Katharina lachte kurz. „Du glaubst doch nicht, dass du aufstehen darfst. Du bist fast gestorben, daher wirst du schön liegenbleiben.“
„Ich bin kleines Kind mehr. Ich fühle mich eigentlich …“
„Keine Widerrede. Du musst dich noch etwas ausruhen.“
„Nun, du siehst auch aus, als könntest du etwas Schlaf …“
„Werd nur nicht frech, sonst werde ich deine Medizin mit Tran strecken und sie dir jede Stunde verabreichen. Ich bereite dir jetzt einen Kräutertrunk und den wirst du bist zum letzten Tropfen austrinken.“
Philipp machte ein missmutiges Gesicht, während Katharina aufstand und einen kleinen Kessel auf den Ofen stellte. Sie nahm Kräuter aus Schälchen und Gefäßen und zerstieß sie mit einem Stößel. Dann schüttete sie Wasser hinzu und brachte das dampfende Gebräu zu Philipp ans Bett. Als sie näherkam, war der große Mann schon wieder eingeschlafen, aber sein ruhiger Atem und sein rosiger Gesichtsausdruck zeigten Katharina, dass sein Schlaf frei von Fieberträumen war.
Dann setzte sie sich wieder neben ihn und nahm einen Schluck von dem Trunk. Kurz darauf war auch sie eingeschlafen.

Loretta beobachtete wie Philipp von Ida mit Suppe gefüttert wurde. Anfänglich hatte er noch selbst essen wollen, aber seine Hand war schwach und zittrig, so dass er kaum den Löffel halten konnte.
„Anscheinend ist er auf dem Weg der Besserung“, sagte Loretta zu ihrer Mutter. „Ich hätte nicht geglaubt, dass der Schimmel die Entzündung heilen könnte.“
Katharina zuckte mit den Achseln. „Ich kann dir auch nicht sagen, was diese Wirkung hervorgebracht hat, aber ich verspreche dir, dass ich gleich morgen etwas Schafskot mit Honig in den Schrank stelle. Damit gehören die Tage des Wundbrands der Vergangenheit an.“
Loretta betrachtete ihre Mutter. Auch sie hatte sich wieder erholt. Philipps Genesung hatte eine große Last von ihr genommen. Loretta wusste, wie sehr sie an dem großen Mann hing. Sein Tod hätte sie ähnlich zerbrochen, wie es der Tod ihres Vaters getan hätte. Es hatte viele Jahre gedauert, bis sie ihre Trauer hinter sich gelassen hatte, daher war es ein Segen gewesen, dass sie jemand gefunden hatte, der ihren Schmerz teilte. Loretta wurde von einem Wortwechsel zwischen Ida und Philipp aus ihren Gedanken gerissen.
„Du hast noch nicht einmal die Hälfte des Tellers leergegessen“, sagte die Wirtin.
„Ich habe keinen Hunger mehr“, entgegnete Philipp genervt.
„Du hast tagelang nichts gegessen, deshalb wirst du die Suppe aufessen.“
„Nein“, warf er ihr zornig entgegen.
„Ich bin mir sicher, dass du es wirst“, sagte sie drohend.
„Wirklich? Wie willst du das anstellen? Willst du mich verprügeln“, antwortete er lächelnd.
„Nein. Aber denke daran, dass ich geholfen habe dich auszuziehen und in Katharinas Bett zu legen“, erwiderte sie grinsend.
Philipps Lächeln verschwand. „Und?“, fragte er unsicher.
„Mit ist nichts verborgen geblieben. Und wenn du mich verärgerst werde ich in der Wirtsstube beiläufig fallen lassen, dass alles was ich gesehen kaum die Größe einer Pflaume hatte.“
„Das ist eine gemeine Lüge.“
Ida zuckte die Achseln. „Und wenn schon.“
„Das würdest du nicht tun“, sagte Philipp und wurde rot.
Idas Grinsen wurde breiter. „Ich bin mir sicher, dass diese interessante Beobachtung schnell über die Grenzen Furtenblicks bekannt wäre.“
Philipp schien abzuwägen, ob es die Wirtin wirklich ernst meinte. Dann öffnete er den Mund und ließ sich weiter füttern.
„Wie lange willst du ihn noch bei dir behalten?“, fragte Loretta, als sich Philipp seinem Schicksal gefügt hatte.
„Ich denke, es wird noch zwei Tage dauern, bis er überhaupt wieder aufstehen kann. Er hat viel Blut verloren und erst wieder mit Essen begonnen. Lass dich nicht von seiner kräftigen Statur täuschen. Er würde noch nicht einmal bis zur Tür kommen, ohne umzufallen.“
Man konnte ihrer Mutter zwar die Erleichterung anmerken, aber sie konnte Philipp noch immer nicht aus den Augen lassen, als rechne sie jederzeit damit, dass ihr Nachbar wieder ohnmächtig wurde. Sie brauchte etwas Ablenkung.
„Heute ist Markttag“, bemerkte sie gut gelaunt. „Ich muss noch etwas einkaufen. Warum kommst du nicht mit?“
Katharina zögerte. Sie blickte zu Philipp und schien ihn nicht allein lassen zu wollen.
„Wir sind bald wieder da. Bis dahin wird sich Ida gut um deinen Gast kümmern.“
„Geht ruhig“, sagte die Wirtsfrau, während sie Philipp wieder den Löffel mit Suppe in den Mund schob. „Ich bleibe solange hier und kümmere mich um ihn.“
Loretta hakte sich bei Katharina ein. „Lass uns gehen“, sagte sie und zog Katharina mit sich. Dann nahm sie ihren Korb und ging los. Die ersten Schritte ihrer Mutter waren noch etwas zögerlich, aber als sie auf dem Weg dem Marktplatz waren, wurde ihre Stimmung besser. Früher war sie immer gerne über den Markt geschlendert und Loretta hoffte, dass sie dort die Erlebnisse der letzten Tage vergessen konnte.

Eigentlich missfiel ihm das helle Licht des Tages. Er fühlte sich nur in der Nacht wohl, aber die Jagd nach seinen beiden ersten Opfern war zu leicht gewesen. Er hatte jede Sekunde davon genossen und sich an ihrer Angst ergötzt, aber dieses Mal wollte er auf den Schutz der Dunkelheit verzichten.
Es war laut an diesem Markttag. Ein Handvoll Händler boten ihre Ware feil und einige Bürger hatten sich auf die Straße getraut. Sie schlenderten über den großen Platz, aber er konnte ihre Angst riechen. Er sah sich kurz um, dann huschte er weiter.
Er spürte, wie sich die Freude auf die Jagd wieder einstellte. Er hätte vor Ekstase beinahe aufgeschrien, als er sich ausmalte, was er heute tun würde. Bisher hatte er die Toten immer abgelegt, sich in der Nähe versteckt und sich an den Reaktionen der Menschen erfreut, wenn sie die Körper gefunden hatten. Doch heute wollte er mehr. Der Fluch gab ihm das Feuer vor und nichts eignete sich besser, als alle an seiner Tat teilhaben zu lassen.
Er hatte sich viele Arten des Leids ausgemalt und sich lange vorbereitet, aber jetzt war es endlich soweit. Er sprang über eine kleine Mauer und betrat den Hinterhof der Kirche. Die Nähe zum gottgeweihten Gebäude machte ihn nervös, aber heute wäre es seinen Zwecken dienlich. Die Ironie, dass sein nächstes Opfer hier starb, ließ ihn leise kichern.

Katharina sog den Geruch von gebratenem Fleisch ein und schlenderte an den Ständen vorbei. Es waren weniger Händler als sonst hier, aber sie wollte sich die Laune nicht verderben lassen. An diesem Tag freute sie sich nur, dass es Philipp wieder gut ging. Sie spürte regelrecht, wie ihr eine schwere Last von den Schultern genommen worden war. Bredelin Arken und sein Todesfluch mussten warten. Heute würde sie sich die Zeit nehmen, an jeden Stand zu gehen und ausgiebig die Auslage zu betrachten, während sie mit den Händlern plauschte.
Ihre Tochter zog sie am Arm. „Sieh her, Mutter. Wiesenhonig“, sagte sie und deutete auf ein kleines Tonfässchen. Loretta gab dem Händler eine Münze und nahm das Gefäß an sich. Dann steckte sie den Finger hinein und leckte ihn genüsslich ab. Ihre Tochter hielt ihr den Honig hin, aber Katharina schüttelte den Kopf. Sie gingen weiter zu einem Stand mit Kräutern und Gewürzen. Sie liebte den Geruch, den die Auslage verströmte. Sie betrachtete die Salbeiblätter, als sie einen lauten Schrei vernahm.
„Gott vergib mir“, brüllte jemand. Der Schrei kam von der Kirche und Katharina fuhr herum. Sie sah einen Mann vom Glockenturm springen. Sein Gewand stand in Flammen. Er überschlug sich einmal und fiel mit einem dumpfen Knacken auf den Boden vor der Kirche. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Einen Moment sahen alle gebannt auf den brennenden Körper.
„Der Fluch“, schrie eine Frau hysterisch. Die Erstarrung fiel von den Besuchern ab. Mütter nahmen ihre Kinder und rannten nach Hause. Die Markthändler machten sich eilig daran, ihre Sachen zusammenzupacken.
Katharina näherte sich dem brennenden Körper. Das Feuer brannte lodernd und ließ das Fleisch schwarz werden. Ab und zu sprangen kleine Funken von der Kleidung. Sie hielt die Hand vor die Nase und versuchte durch den Mund zu atmen. Der süßliche Gestank des brennenden Fleisches ließ sie würgen. Die brennende Gestalt regte sich nicht. Der Kopf war grotesk verdreht. Wahrscheinlich hatte ihn der Sturz das Genick gebrochen.
„Wer ist das?“, hörte sie die gedämmte Stimme von Loretta hinter sich. Ihre Tochter hielt sich einen Schal vor den Mund.
„Ich denke, es ist Bruder Theobald.“
„Bruder Theobald?“, fragte sie überrascht. „Woher weißt du das?“
Katharina deutete auf ein Kruzifix in der Hand des Toten. „Außerdem trägt er eine Kutte“, ergänzte sie. „Nur Bruder Theobald ist so gekleidet.“
Loretta bekreuzigte sich. „Warum hat er das gemacht?“, fragte sie sichtlich erschüttert.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Katharina.
„Dieses Dorf ist verflucht“, schrie ein Mann. Die beiden Frauen drehten sich zum Honighändler um, der eilig seine Ware auf einem kleinen Wagen verstaute. „Lieber verhungere ich, als dass ich hier meinen Honig anbiete.“
Dann spannte er ein Pferd an, sprang auf den Kutschbock und fuhr polternd aus der Stadt hinaus. Katharina und Loretta sahen ihm nach. Außer ihnen war niemand mehr auf dem Marktplatz.

Katharina nahm Philipp vorsichtig den Becher mit Tee aus der Hand. Sie hatte dem Trunk eine große Portion Johanniskraut hinzugetan, das schnell gewirkt hatte. Philipp ging es besser. Das Fieber war verschwunden und sein Schlaf war ruhiger. Dank Ida aß er regelmäßig und würde bald wieder der Alte sein. Trotzdem war er noch zu schwach, um aufzustehen.
Katharina stellte den Becher zur Seite. Das Bild des brennenden Bruder Theobald, der vor der Kirche starb, ging ihr nicht aus dem Kopf. Warum hatte er sich das Leben genommen? Er war ein Mann Gottes. Er hatte gewusst, dass er seine Seele damit der ewigen Verdammnis übergab. Wie verzweifelt hatte er sein müssen, um vom Glockenturm zu springen?
Wie war er in diese Sache verwickelt? War er vielleicht der Mörder gewesen, und hatte ihn sein schlechtes Gewissen zu dieser Tat gebracht? Je länger sie darüber nachdachte, umso verwirrender wurde alles. So sehr sie sich bemühte, sie konnte keinen Zusammenhang zwischen Rudolf Eigbrod, Lukas Kolf, Philipp und Bruder Theobald erkennen.
Philipp schlief. Sie hatte ihn eigentlich noch schonen wollen, aber sobald wieder erwachen würde, musste sie ihn befragen. Vielleicht war er tiefer in die Sache verwickelt, als sie annahm.

Philipp biss zufrieden in das Stück Brot und wandte sich wieder Katharina zu, die den Teller wegbrachte.
„Was redet ihr eigentlich die ganze Zeit, wenn ihr glaubt, dass ich eingeschlafen bin?“
„Was meinst du?“
Philipp lächelte. „Ida, Loretta und du tuscheln ständig, wenn ihr denkt, dass ich euch nicht zuhöre.“
Katharina winkte ab. „Nichts Wichtiges. Was Frauen halt so den ganzen Tag reden.“
„Katharina“, seufzte Philipp. „Ich bin dir für alles dankbar, was du für mich getan hast und werde nie wieder einen Rat bezüglicher meiner Gesundheit abtun, aber, abgesehen von meinen wackeligen Knien und meinem Bedarf an Schlaf, geht es mir gut. Du kannst mir ruhig die Wahrheit sagen.“
Katharina betrachtete Philipp abschätzend, fast als überlege sie, ob er schon in der Lage wäre, unbequeme Wahrheiten zu erfahren. Dann kam sie näher.
„Nun gut.“ Sie nahm auf einem Stuhl Platz. „Bruder Theobald hat sich gestern angezündet und ist vom Glockenturm gesprungen.“
„Bruder Theobald hat sich umgebracht?“
Katharina nickte.
Philipp stieß einen leisen Pfiff aus. „Der Fluch scheint sich immer mehr zu bewahrheiten.“
„Was meinst du?“
„Hast du die Worte von Bredelin vergessen? Er sprach davon, dass die Verfluchten von Insekten gefressen, im Blut ersaufen, im Feuer verbrennen und von Felsen zermalmt werden. Rudolf Eigbrod wurde von Insekten gefressen, Lukas Kolf ertrank in seinem Blut und Bruder Theobald verbrannte im Feuer.“
„Aber wieso bist du dann nicht von Felsen zermalt worden?“, fragte Katharina. „Warum hat der Mörder versucht, dich zu erstechen?“
Philipp zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht. Glaube mir, ich mache mir ständig Gedanken, wie ich in dieser Sache verwickelt bin, aber ich habe keine Ahnung.“
„Warst du, bevor du Berta kennengelernt hast, überhaupt einmal in Furtenblick?“
„Nur einmal“, sagte Philipp. „Ich bin mit meinen Eltern auf das Dorffest gegangen. Damals war ich noch ein junger Kerl, kaum älter als dreizehn oder vierzehn Jahre.“
„Hast du dort vielleicht jemand beleidigt oder angegriffen?“
„In dem Alter war ich ein großes, schüchternes Kind. Ich bin meinen Eltern kaum von der Seite gewichen. Ich weiß noch, dass ich viel Kuchen gegessen habe, aber sicher habe nichts getan, was jemanden viele Jahrzehnte danach zu einem Mord oder zu einem Todesfluch verleiten könnte.“
„Hatte vielleicht Berta etwas mit Bredelin Arken zu tun und jemand will sich an dir rächen?“
„Du kanntest Berta schon länger als ich. Sie war ein Engel, der keinem etwas zuleide tun konnte. Ihre Eltern waren einfache Leute, die niemals in einen Giftmord oder in die Verurteilung von Bredelin verwickelt waren.“
Katharina seufzte. Philipp konnte sehen, dass sie nach einer Erklärung für all diese Taten suchte.
„Es tut mir Leid, Katharina. Ich bin ein einfacher Bauer. Ich habe noch niemals jemand beim Vogt angezeigt. Ich war noch nicht einmal Gerichtsbeisitzer gewesen. Ich kann dir nicht sagen, warum es der Mörder auf mich abgesehen hat.“
Plötzlich wurden Katharina Augen groß. Irgendetwas von dem, was er gesagt hatte, schien sie auf eine Idee gebracht zu haben. Ruckartig stand sie auf.
„Ich bin bald wieder da“, sagte sie schnell. „Wage es ja nicht aufzustehen, bis ich wiederkomme.“ Dann griff sie nach ihrem Schal, rannte zur Tür hinaus und schloss diese mit einem lauten Knall.
Philipp runzelte die Stirn. Er würde diese Frau nie verstehen. Dann drehte er sich zur Seite und schloss die Augen.

Katharina ging so schnell es ihr möglich war zum Marktplatz, ohne dass jemand misstrauisch wurde. In Tagen wie diesen konnte rennen einen falschen Eindruck machen. Sie war auf dem Weg zum Haus des Bürgermeisters, als ihr Frederich entgegen kam.
„Bürgermeister Rump“, rief sie und winkte.
„Frau Volck.“ Frederich setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Ich habe gehört, dass es Philipp wieder besser geht. Das freut …“.
„Ich benötige Euren Sachverstand“, unterbrach ihn Katharina.
Frederichs Lächeln wurde noch breiter. Er straffte die Schultern. „Natürlich. Wie kann ich Euch …“
„Könnt Ihr Euch noch an den Prozess gegen Bredelin Arken erinnern?“
„Ich war zwar damals noch nicht Bürgermeister, aber …“
„Wenn der Vogt sich die Anschuldigungen anhört, den Gefangenen befragt, und sich ein Urteil bildet, hat er dann auch Berater, mit denen er sich bespricht?“
„Ihr meint Gerichtsbeisitzer?“
„Ja.“
„Nicht immer, aber der Vogt greift meist auf verdiente Einheimische zurück, da diese den Gefangenen meist besser kennen.“
„Gab es bei dem Prozess gegen Bredelin Arken auch Gerichtsbeisitzer?“
Frederich überlegte kurz. Katharina verfluchte sich, dass sie ihr Gedächtnis so sehr im Stich ließ und sie sich kaum an etwas erinnern konnte.
„Ich glaube ja, aber ich kann es Euch nicht mit Sicherheit sagen, wer es war.“
Katharina musste sich auf die Lippen beißen, um nicht loszuschreien.
„Wenn der Vogt damals Gerichtsbeisitzer berufen hätte, wer wäre es am wahrscheinlichsten gewesen?“
„Mit Sicherheit der Bürgermeister und ein geistiger Beistand.“
„Mit geistigem Beistand meint Ihr Bruder Theobald?“
„Ja.“
Katharina durchfuhr die Erkenntnis wie ein Schock. Sie wandte sich von Frederich ab und ging weiter. „Vielen Dank für eure Zeit“, verabschiedete sie sich und machte sich in Richtung Wald davon. Ihre Hände zitterten vor Aufregung. Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr ergab alles einen Sinn.
Sie ließ das Dorf hinter sich und wurde bald von der Ruhe des Waldes eingefangen. Einzig das monotone Rauschen des Flusses drang durch die Stille. Ihre erste Aufregung legte sich und sie wurde ruhiger.
Die Information von Frederich hatte ihr vielleicht den entscheidenden Hinweis gegeben. Bruder Theobald war seit über zwanzig Jahren Priester in Furtenblick, daher hatte er dieses Amt auch während des Prozesses gegen Bredelin Arken inne gehabt. Wenn der damalige Vogt Gerichtsbeisitzer berufen hatte, so wäre einer von ihnen Bruder Theobald gewesen. Somit stand auch dieser Tod mit den Geschehnissen in Verbindung. Der Mörder musste beim Freitod des Priesters seine Hände im Spiel gehabt haben.
Es war später Mittag. Bis die Sonne unterging und sich die Straßen von Furtenblick leerten, würde es noch dauern. Dann konnte sie mehr über den Tod von Bruder Theobald herausfinden. Sie würde noch ein wenig spazieren gehen, den erdigen Duft des Waldes in sich aufnehmen und einen Plan aushecken, wie sie den Mörder überführen konnte. Dann würde sie wieder zu Philipp gehen.

Katharina kam von ihrem Spaziergang zurück, als sie ihrer Tochter begegnete.
„Mutter“, sagte Loretta und umarmte sie herzlich. „Wie geht es dir und Philipp?“
Katharina lächelte und erwiderte die Umarmung. „Philipp wird bald wieder auf den Beinen sein. Seit ich nachts wieder schlafen kann, fühle ich mich auch besser. Einzig der Stuhl macht meinem Rücken etwas zu schaffen, aber bald ist alles wieder so wie früher. Wie geht es meiner lieben Kethe?“
„Sie schläft gerade, deshalb bin ich schnell losgelaufen, um etwas Fleisch zu holen.“
„Du siehst müde aus.“
Loretta sah sich verschwörerisch um, als wollte sie sichergehen, dass niemand anderes zuhören konnte. „Sigmund war gestern in der Furt, um mit seinen Freunden über den Tod von Bruder Theobald zu reden.“
„Und du bist mitgegangen?“
„Nein, ich habe gelauscht“, sagte sie grinsend.
„Gelauscht?“, fragte Katharina verwundert. „Hast du dich neben die Tür gestellt?“
„Nein“, sagte Loretta und rückte näher zu Katharina. „Aus dem Wirtshaus führt ein schmaler Gang zum Hinterausgang. Am Ende befindet sich ein Fenster, durch das man den Lärm gut hören kann. Wenn nicht alle auf einmal sprechen, bekommt man mit, was die Männer reden. In den Gassen hinter dem Wirtshaus können wir uns verstecken und schnell wieder verschwinden, wenn jemand kommt.“
„Wir?“
„Ute, Begina und ich.“ Loretta zuckte mit den Achseln „Die Männer wissen nichts davon. Es war gestern interessant zu hören, wie abergläubisch doch einige von ihnen sind. Ich war länger dort, als ich wollte dort, daher habe ich wenig Schlaf bekommen.“
Katharina schüttelte den Kopf und wunderte sich über die Verschlagenheit ihrer Tochter. Als könnte sie ihre Gedanken lesen, fuhr Loretta fort.
„Warum bist du verwundert? Du bist auch nicht besser und hast deine Nase schon immer in Dinge gesteckt, die dich nichts angingen.“
Katharina wollte etwas einwenden, aber ihre Tochter hob die Hand. „Bitte Mutter. Keine Ausflüchte. Ich weiß genau von wem ich diesen Wesenszug habe.“
Dann umarmte sie ihre Mutter noch einmal und küsste sie auf die Wange. „Ich muss schnell weiter. Sigmund wartet schon auf das Essen. Ich schaue nachher nach euch.“ Dann löste sie sich und ging zum Metzger.
Katharina sah ihrer Tochter nach und schüttelte den Kopf. Wie sehr sie ihr doch ähnelte.

Philipp erwachte vom Duft gekochten Gemüses. Katharina bereitete die Suppe aus Fleisch, Gemüse und Getreide zu, die er so gerne aß. Hungrig richtete es sich auf.
„Ausgeschlafen?“, fragte sie lächelnd, während sie in dem großen Topf rührte.
Philipp nickte. „Wie spät ist es?“
„Schon weit nach Mittag. Eigentlich mache ich das schon das Abendessen.“
Philipp griff nach einem Becher und nahm einen Schluck Wasser. „Ich fühle mich schon viel besser. Ich würde gerne aufstehen und versuchen, ob ich schon gehen kann.“
Katharina beäugte ihn kritisch. „Du darfst es gerne versuchen, sofern du dich auf mich stützt, aber du wirst enttäuscht sein.“
Philipp zog die Decke herunter und richtete sich auf. Seit gestern trug er wieder Hosen. Manchmal schwitzte er damit im Bett, aber nackt hatte er sich unwohl gefühlt.
„Langsam“, sagte Katharina und kam zu ihm. „Zuerst legst du deinen Arm um meine Schultern. Dann richten wir uns gemeinsam auf.“
Philipp belastete seine Beine und stand auf. Er knickte sofort weg und nur Katharina konnte ihn aufrecht halten. Sie schob ihn wieder zurück zum Bett.
„Ich habe dich gewarnt“, sagte sie belehrend.
Philipp war erschrocken, wie wenig Kraft er in seinen Beinen hatte. Ihn schwindelte. Er schloss die Augen und atmete tief ein. „Lass es uns noch einmal versuchen.“
Katharina sah nicht aus, als wäre sie glücklich darüber, aber sie legte Philipps Arm um ihre Schulter und stützte ihn, als er sich wieder aufrichtete. Dieses Mal blieb er stehen. Dann machte er einen Schritt nach vorne und spürte wie etwas Kraft in seine Beine zurückkehrte.
„Bis zur Tür versuche ich es“, sagte er und mühte sich weiter. Schweiß trat auf die Stirn trat und seine Knie zitterten. Schritt für Schritt ging er weiter, bis er den Raum durchquert hatte, und er wieder zurück bei seinem Bett war. Erschöpft ließ er sich darauf nieder.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer werden würde.“
Katharina lächelte wissend. „Das wird schnell besser. Wenn du noch ein wenig ruhst und viel isst, wirst du bald wieder der Alte sein.“
Philipp erwiderte das Lächeln matt. „Nach dem Essen versuchen wir es noch einmal.“ Dann schloss er die Augen und versuchte seinen keuchenden Atem zu beruhigen. Vielleicht sollte er erst etwas essen.

Die Sonne versank hinter dem Wald. Er schlich durch die verlassenen Straßen und erfreute sich an der einsetzenden Dunkelheit. Bald hätte er seine Pflicht getan. Noch ein Opfer, dann war er wieder frei. Auf den letzten Tod freute er sich ganz besonders. Von Felsen zerschmettert, dachte er betört. Ein grausamer Tod, den man in die Länge ziehen konnte, um sich am Leid seines Opfers zu laben. Bilder von zerschmetterten Knochen kamen ihm in den Sinn und ließen ihn ekstatisch aufstöhnen. Er war völlig in der Vorfreude versunken, als er plötzlich Schritte vernahm. Er sprang in eine dunkle Ecke und lächelte. Es war töricht, so spät noch unterwegs zu sein.

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