Die Johannis-Morde – Kapitel 14

Gewissheit

Katharina sah aus dem Fenster. Die untergehende Sonne tauchte den Wald ist ein dunkles Rot. Philipp war eingeschlafen. Nachdem er gegessen hatte, waren sie noch zwei Mal durch das Haus gelaufen. Er gewann wieder an Kraft, aber sein Körper benötigte noch viel Ruhe.
Katharina nahm ihren Umhang, öffnete leise die Tür und schlich hinaus. Sie ging zum Marktplatz, bog zuvor aber in die Gassen hinter dem Wirtshaus ab, damit sie niemandem begegnen würde. Sie hörte ein paar Stimmen, die aus der Furt drangen, aber Albrecht schien heute nicht viele Gäste zu haben. Katharina blieb an einem kleinen Holzstapel stehen. Hier hatten sie Philipp gefunden. Sein Angreifer hatte in der dunklen Ecke auf ihn gelauert.
Sie wollte weiterschleichen, als sie ein leises Scharren vernahm. Wären ihre Sinne nicht bis zum äußersten angespannt gewesen, hätte sie es vielleicht nicht bemerkt. Sie drehte sich um, konnte jedoch in dem Zwielicht nichts erkennen. Ihr Gefühl sagte aber, dass sie nicht allein war. Irgendwo in den dunklen Gassen lauerte etwas, das sie beobachtete und auf ihren nächsten Schritt wartete.
Katharina drehte sich um und ging weiter. Da war es wieder. Das leise Rascheln, als würde ihr jemand hinterschleichen. Ihre Gedanken rasten. Nach Hause laufen konnte sie nicht, sonst würde sie ihrem Verfolger in die Arme laufen. Sie musste zurück zum Marktplatz und ins Wirtshaus. Dort wäre sie in Sicherheit. Vielleicht sollte sie nach Hilfe schreien, aber dann würde sich ihr Verfolger sofort auf sie stürzen. Wenn es die gleiche Person war, die auch Philipp angegriffen hatte, hätte er sie niedergestochen, bevor der erste Mann aus dem Wirtshaus gekommen wäre.
Katharinas Knie zitterten. Wieder ein Rascheln. Wer immer hinter ihr her war, musste schon sehr nah sein. Sie raffte ihren Rock und wollte losrennen, als plötzlich die Hintertür des Wirtshauses mit einem Knall aufging. Katharina zuckte vor Schreck zusammen. Albrecht kam heraus und wäre beinahe in sie hineingelaufen.
„Katharina“, sagte er überrascht. „Was machst du noch spät hier?“ Er hielt einen Eimer in der Hand, den er anscheinend in die Gasse leeren wollte.
Sie hätte vor Freude beinahe geweint, als sie den Wirt sah. „Ich war kurz im Wald, um noch ein paar Kräuter zu sammeln.“
„Es ist fast dunkel. Ist es nicht ein wenig spät dafür?“
Katharina drehte sich um. Die Gasse war leer. „Ich weiß, Albrecht“, sagte sie entschuldigend, während sie ihr pochendes Herz zu beruhigen versuchte.
„Geht es dir gut? Du wirkst so aufgewühlt.“
„Ich bin nur zu schnell gelaufen“, redete sie sich heraus. „Ich gehe gleich nach Hause.“ Dann umarmte sie den Wirt und ging an der Furt vorbei.
„Grüß mir Philipp“, rief er ihr hinterher. Katharina winkte ihm und ging zum Marktplatz zurück. Nur langsam hörte das Zittern in ihren Knien auf.

Er fluchte leise. Die Frau war so nah gewesen. Er hatte sie fast greifen können, als der Mann seine Jagd gestört hatte. Er hatte sich schnell in den Schatten zurückziehen müssen, damit sie ihn nicht hatte sehen können. Dann war er durch die Gassen gehuscht, bis er sich wieder sicher gefühlt hatte. Er wartete, bis sich seine Aufregung wieder gelegt hatte und die Blutlust der Jagd verklungen war. Sein Herz schlug mit jedem Augenblick langsamer und sein Atem wurde sanfter. Dann zog er sich in sein Versteck zurück.

Katharina lehnte sich an eine Hauswand und bekämpfte ihre Angst. Hatte sie wirklich jemand verfolgt oder hatte sie sich das alles nur eingebildet? Am liebsten wäre sie nach Hause gerannt und hätte einen Riegel vor die Tür geschoben, aber sie musste mehr über den Tod von Bruder Theobald herausfinden. Sie sah sich um, konnte aber niemanden wahrnehmen.
Sie atmete tief durch. Es gab keinen anderen Weg. Sie musste weiter zur Kirche. Vor dem Portal angekommen drehte sich ein weiteres Mal um. Der Marktplatz lag leer vor ihr. Sie hastete zum Seitenflügel, öffnete die Eingangstür und ging hinein.
Die Kirche lag still im blassen Schein einiger Kerzen. Man bekam den Eindruck, als würde Bruder Theobald noch unter ihnen weilen und hätte nur kurz die Kirche verlassen. Sie ging weiter, bis sie eine schmale, steil nach oben windende Wendeltreppe erreicht hatte. Sie lauschte angestrengt, konnte aber keine Schritte hören. Dann raffte sie ihren Rock und lieg die Stufen hinauf. Ihre Schuhe hallten laut in dem schmalen Aufgang. Es drang kaum noch Licht durch die schmalen Fenster, daher hatte sie ihren Kopf auf den Boden gerichtet, um nicht zu stolpern. Katharina verdrängte die bedrückende Enge der Treppe und beeilte sich nach oben zu kommen. Als sie den Glockenturm erreicht hatte, schmerzten ihre Beine, und sie spürte ihr Herz in ihrer Brust pochen. Sie blieb einen Moment stehen und atmete tief ein. Obwohl der Freitod von Bruder Theobald schon einen Tag her war, konnte sie noch immer den Gestank des brennenden Fleisches riechen.
Die Öffnungen im Turm waren groß genug, um noch etwas Licht hineinzulassen. Katharina ging an den Bogen, von dem sich Bruder Theobald wahrscheinlich heruntergestürzt hatte. Das Holz war verkohlt und enthielt kleine Brandlöcher, die sich durch die Bretter gefressen hatten. Meter um Meter untersuchte sie den Boden, bis sie in der Mitte des Raumes kleine Reste von Harz fand.
Das war der Grund, warum Bruder Theobald wie eine Fackel gebrannt hatte, selbst nachdem er auf dem Boden aufgeschlagen war. Er war voller Harz gewesen. Katharina ging wieder zu der Öffnung, die einen guten Blick auf den Marktplatz bot. Wenn der Priester seinem Leben hatte ein Ende setzten wollen, warum hatte er diesen Weg gewählt? Der Sturz vom Glockenturm wäre tödlich gewesen und hätte genügt. Hätte er sich nur mit Harz eingerieben und angesteckt, wäre sein Tod zwar weitaus qualvoller, aber ebenso endgültig gewesen.
Katharina lief in dem zugigen Raum umher. Ihr Gefühl sagte ihr, dass hier etwas fehlte. Sie ging wieder in die Mitte und untersuchte die kleinen Harzreste. Sie stellte sich vor, sie hätte ihre Kleidung mit der klebrigen Masse eingerieben, würde zum Fenster gehen und sich dann anzünden.
Jetzt wusste sie, was sie vermisste. Es gab keine Feuerquelle. Nirgends hing eine Fackel oder stand eine Kerze. Sie sah keinen Feuerstein oder irgendetwas anderes, an dem man sich hätte entzünden können.
Katharina ging zur Öffnung und blickte über den Marktplatz. Sie versuchte sich an den Sturz von Bruder Theobald zu erinnern. Sie vernahm nochmals seine Bitte um Vergebung. Dann fiel er brennend nach unten. Sein schlaffer Körper machte noch einen letzten Überschlag, bevor er auf den Boden knallte. Sie ging im Geiste die Szene immer wieder durch, aber sie war sich sicher, dass der Priester keine Fackel oder Kerze bei sich getragen hatte. Dies ließ nur zwei Schlüsse zu. Entweder war die Fackel weggeräumt worden, oder jemand hatte Bruder Theobald angezündet.
Das Licht wurde schwächer. Katharina musste sich beeilen. Es wurde dunkler und sie wollte keine Kerze anzünden. Der Schein wäre in ganz Furtenblick zu sehen gewesen. Wenn man sie hier fand, würde sie unangenehmen Fragen beantworten müssen.
Und wenn Bruder Theobald nicht Selbstmord begangen hatte? Vielleicht hatte ihn der Mörder nach oben geschafft, ihn mit Harz eingeschmiert, ihn angezündet und schließlich hinuntergeworfen.
Aber wenn Bruder Theobald gegen seinen Willen hier hoch gebracht worden wäre, so hätte man seine Hilfeschreie gehört. Auch wenn er schon alt war, hätte er sich gewehrt. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, ihn zu fesseln und zu knebeln. Aber Katharina hatte kein Seil oder Knebel an dem brennenden Körper gesehen. Außerdem hätte der Knebel verhindert, dass er laut um Gottes Vergebung gebeten hätte.
Sie trat vom Rand des Glockenturms zurück und versuchte sich vorzustellen, was hier geschehen war. Wenn Bruder Theobald nicht den Freitod gesucht hatte, hätte ihn jemand herunter stoßen müssen. Doch wie hatte das geschehen können? Bruder Theobald war wahrscheinlich ohne Bewusstsein oder in einer anderen hilflosen Position gewesen. Dann hatte ihn der Mörder mit Harz eingerieben, angezündet und hinunter geworfen. Aber wie konnte man einen bewusstlosen Mann, der lichterloh brannte, hochheben und hinauswerfen, ohne selbst schwerste Verbrennungen zu erleiden?
Katharina streifte wieder durch den Glockenturm. Die Lösung musste hier sein. Sie betrachtete die großen Glocken, prüfte die Seile und suchte weiter den Boden ab, aber nichts brachte sie näher an die Lösung. Als die Sonne fast vollends untergegangen war, fiel ihr Blick auf eine kurze Leiter, fast nur ein Tritt, der in einer Ecke angelehnt war. Dieses Holzkonstrukt half den Kirchendienern höher an die Glocken oder an die Decken des Turms zu kommen. Katharina zog die Leiter vor, schob sie weiter ins Licht und betrachtete die verbrannte Oberfläche. An einer Stufe klebte noch Harz.
Sie genehmigte sich ein Lächeln. Jetzt verstand sie, wie Bruder Theobald gestorben war. Er war ermordet und sein Freitod vorgetäuscht worden. Wer immer dahinter steckte, spielte ein wahrlich grausames Spiel.

Philipp wachte auf, als die Tür aufging. Es war schon Nacht, als Katharina hineingelaufen kam und ihren Umhang ablegte. Durch das Licht einer Kerze konnte er sehen, wie sie zu ihm ans Bett kam.
„Wo warst du?“, fragte er müde.
„Ich habe nur etwas frische Luft gebraucht“, antwortete sie lächelnd. „Aber ich werde mich jetzt auch zur Ruhe begeben.“
„Aber ich liege in deinem Bett.“
„Ich habe die letzten Tage hier auf dem Stuhl geschlafen. Mit einer Decke auf der Lehne, ist es gar nicht so unbequem, wie es aussieht.“
„Morgen früh werde ich kräftig genug sein, um aus dem Bett aufzustehen. Dann laufe ich zu mir rüber und lege mich wieder in meine Pritsche, damit du in Ruhe schlafen kannst.“
„Du bist noch vollends genesen, Philipp.“
„Ich weiß, Katharina“, sagte er milde. „Aber ich habe Ida, Loretta und dich lange genug beschäftigt. Ich freue mich über euren Besuch und lasse mir gerne etwas zu essen bringen, aber ich möchte euch nicht länger zur Last fallen.“
„Lass uns sehen, wie es dir morgen geht. Dann versuchen wir es.“
Philipp lächelte. Dann drehte er sich zur Seite und schloss die Augen. Es war ein schönes Gefühl, dass sich jemand um einen sorgte. Er hatte sich lange nicht mehr so geborgen gefühlt. Zufrieden schlief er ein.

Am Morgen war Katharina früh aufgestanden. Sie streckte sich müde und rieb sich den Nacken. Das Schlafen auf dem Stuhl hatte sie steif werden lassen und ihr nur wenig Ruhe beschert. Sie war auf dem Weg zum Wirtshaus, weil sie Ida die Schüsseln und Teller wiederbringen wollte, die sich bei ihr gesammelt hatten. Es war ein trüber Morgen. Vor der Furt stand ein großer Wagen, der Bier geladen hatte. Albrecht und ein ihr unbekannter, bulliger Mann hoben die Fässer herunter und rollten sie hinein. Katharina begrüßte den Wirt mit einem freundlichen Winken und wollte gerade hineingehen, als ihr Blick auf den anderen Mann fiel. Er hatte seinen Fuß auf ein Fass gelegt und wickelte eine Schnur um den Schaft seines rechten Stiefels. Das Leder war ausgeleiert und er wollte vermeiden, dass der Stiefel nach unten rutschte.
Katharina traf die Erkenntnis wie ein Fausthieb. Ihr Atem stockte und sie blieb wie betäubt stehen. Jetzt verstand sie. Die losen Enden der Geschehnisse setzten sich zusammen. Alles ergab einen Sinn, und sie durchschaute den perfiden Plan hinter den Morden.
„Geht es dir gut?“, holte sie die Stimme Albrechts aus ihren Grübeleien.
Katharina lächelte ihn verlegen an. „Danke. Mir ist nur eingefallen, dass ich etwas vergessen habe.“ Sie drückte ihm die Schüsseln und Teller in die Hand. „Gib das Ida und grüße sie herzlich von mir. Sag ihr, dass es Philipp gut geht und er heute wieder in sein Haus zurückkehren wird.“
„Das ist gut zu …“
„Ich besuche euch bald wieder“, sagte Katharina und lief nach Hause.
Kaum hatte sie sich von Albrecht abgewandt, begann ein Plan Gestalt anzunehmen. Sie kannte nicht nur den Mörder, sondern auch sein nächstes Opfer. Die Aufregung ließ ihre Hände zittern. Sie konnte sich nicht völlig sicher sein, aber sie hatte eine Idee, wie sie den Täter überführen und ihn von seinem nächsten Mord abbringen konnte. Sie würde gleich damit beginnen.

Philipp saß auf dem Rand des Bettes und schaukelte mit den Füßen. Er versuchte Leben in seine Zehen zu bringen, bevor er den nächsten Versuch wagte, durch den Raum zu laufen. Er hatte es satt, den ganzen Tag im Bett zu liegen. Er wollte Katharina nicht länger zur Last fallen, sondern wieder selbst arbeiten gehen. Er versuchte gerade aufstehen, als die Tür mit einem lauten Knall aufflog. Katharina kam hineingehastet.
„Philipp“, sagte sie überschwänglich. „Wie ich sehe, geht es dir besser.“
„Ich fühle mich eigentlich ganz gut“, antwortete er verwundert. So ruhelos hatte er sie schon lange nicht mehr erlebt.
„Wolltest du aufstehen?“
„Ich weiß, ich hatte versprochen, auf dich zu warten, aber mir war …“
„Hervorragend“, sagte Katharina legte seinen Arm um seine Schultern. Dann zog sie ihn hob. „Wie fühlst du dich?“
„Eigentlich ganz gut. Noch nicht so stark wie früher, aber …“
„Hervorragend“, unterbrach ihn Katharina wieder. Philipp runzelte die Stirn. Wenn er es nicht besser wissen würde, würde er glauben, dass sie etwas getrunken hatte. Sie gingen zur Tür. Katharina öffnete sie, und sie liefen vorsichtig die Treppen hinunter.
„Willst du einen Spaziergang mit mir machen?“, fragte er unsicher.
„Nein. Ich will dich nach Hause bringen“, antwortete sie lächelnd.
„Wirklich? Ich dachte, ich soll noch ein paar …“
„Du bist wieder genesen, Philipp. Ich schlafe auch lieber in meinem Bett. Außerdem wird dir die vertraute Umgebung gut tun. Natürlich schaue ich nach dir und bringe etwas zu essen, aber heute Nacht darfst du in deinem Bett schlafen.“
„Das freut mich“, erwiderte Philipp verwirrt. Er war froh, wieder zu Hause zu sein, aber er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass hinter seinem schnellen Umzug mehr steckte, als Katharina sagen wollte.

Katharina schloss die Tür zu Philipps Haus hinter sich und atmete beruhigt aus. Er war nicht so stark, wie sie es sich gewünscht hätte, aber er wäre ihr heute Nacht im Weg. Sie hatte ihm die Wohnung aufgeräumt und verdorbene Speisen weggeworfen. Nachher würde sie ihm noch Brot, Käse und einen extra großen Krug Bier bringen, damit er gut schlafen konnte.
Sie eilte in ihr Haus und nahm einen kleinen Korb vom Tisch. Beim herausgehen steckte sie ein Tuch in die Tasche und machte sich auf den Weg zu ihrer Tochter. Dort angekommen sah sie Loretta beim Unkraut zupfen. Als sie Katharina erblickte, richtete sie sich lächelnd auf.
„Mutter“, sagte sie. „Was macht dein Gast?“
„Ich habe ihn heute wieder in sein Haus gebracht. Ihm geht es gut. Bald werden ihn nur noch die Narben an diese Zeit erinnern. Wo ist Sigmund?“
„Er ist bis morgen irgendwo in der Nähe von Frankfurt und übernachtet bei seinen Verwandten. Spätestens übermorgen ist er wieder da.“
Katharinas Gesicht wurde ernst. Sie suchte nach den richtigen Worten.
„Was ist los, Mutter?“, fragte Loretta beunruhigt.
„Ich glaube, dass der Mörder heute Nacht wieder zuschlagen könnte.“
„Woher weißt du das?“
„Das ist nur eine Vermutung, aber ich bitte dich vorsichtig zu sein. Verrammelt eure Tür. Schließt eure Fenster und seid wachsam.“
„Weißt du, wer der Mörder ist?“
„Nicht sicher“, antwortete Katharina ausweichend. „Ich kann noch nicht viel dazu sagen, aber morgen früh weiß ich mehr.“
Loretta kam näher. „Du hast etwas vor.“
„Nicht gefährliches.“ Katharina winkte ab. „Ich muss nur ein paar Erkundigungen machen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich passe auf mich auf.“
Loretta schien noch immer nicht überzeugt zu sein, als Katharina ihre Tochter umarmte. „Gib meiner Enkelin einen Kuss von mir.“ Dann löste sie sich schnell und ging in Richtung Wald, ohne sich nochmals umzudrehen. Wenn ihre Tochter gewusst hätte, was sie vorhatte, hätte sie sie wahrscheinlich festgehalten und gefesselt, bis die Nacht vorüber gewesen wäre. Katharina hoffte, dass Loretta keinen Verdacht geschöpft hatte. Sie wollte nicht, dass sich ihre Tochter auch in Gefahr begab.
Sie überquerte den Marktplatz und marschierte den steilen Weg zum Fluss hinunter. Der Wald war düster, und es begann zu regnen. Katharina überquerte die Brücke und stapfte durch das Unterholz. Sie marschierte abseits der Trampelpfade und hielt ihren Kopf auf den Boden gesenkt. Was sie suchte, würde sie nicht auf den bekannten Wegen finden. Es dauerte eine Zeit, bis sie eine Pflanze auf dem Boden wachsen sah, die vier grüne Blätter weit nach außen streckte. In ihrer Mitte ruhte ein kleiner, blauer Apfel. Ein Unwissender konnte verleitet werden, die Frucht zu essen, aber Katharina nahm das Tuch aus dem Korb und pflückte den Apfel vorsichtig ab. Dann suchte sie weiter. Sie brauchte noch mehr Einbeeren.

Es war Abend geworden. Das Wirtshaus war gut besucht. Albrecht zapfte gerade einen Krug Bier, als die Tür aufging und Katharina hineinkam. Für einen Moment verstummten die Gespräche und alle Augen wandten sich ihr zu. Um diese Zeit war es ungewöhnlich, dass eine Frau die Furt besuchte.
„Hallo Albrecht“, sagte sie.
„Katharina.“ Der Wirt nickte ihr zu. „Möchtest du etwas trinken?“
„Nein, danke. Ich wollte dich nur bitten, mich morgen zum Vogt zu fahren. Ich habe eine Vermutung, wer die Menschen getötet hat.“
„Ihr wisst, wer der Mörder ist?“, fragte Frederich Rump vom Tisch neben ihr und hätte beinahe seinen Krug fallengelassen.
Katharina winkte vage mit einer Hand. „Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich habe eine Idee und vielleicht genügt sie dem Vogt, um weitere Erkundungen zu betreiben. Ich muss noch ein paar Bürger befragen und mir Gedanken machen, aber morgen früh weiß ich genug, damit wir diese Reise nicht umsonst machen.“
„Wer ist es?“, platzte er heraus.
„Es wäre falsch jetzt schon Verdächtigungen auszusprechen.“
„Könnt Ihr uns keinen Hinweis geben?“
„Ihr müsst Euch bis morgen früh gedulden“, sagte Katharina.
„Ich komme morgen früh mit zum Vogt“, erklärte Frederich. „Als Bürgermeister von Furtenblick muss ich Euch natürlich begleiten.“
„In Ordnung“, sagte Katharina. Sie winkte Albrecht zu. „Bis morgen früh.“ Dann wandte sie sich um und verließ das Wirtshaus.
Als die Tür zugefallen war, begann eine lautstarke Unterhaltung, wer der Mörder sein könnte und warum Katharina so geheimnisvoll tat.
„Glaub mir. Das Weib ist toll im Kopf“, rief ein Mann.
„Katharina ist klüger als du und dein ganzer Stall mit Ziegen“, antwortete ein anderer, was die Menge zu brüllendem Gelächter veranlasste.
Albrecht stand noch immer mit dem Krug Bier in der Hand da. Er blinzelte und war sich nicht sicher, ob er den kurzen Besuch von Katharina nur geträumt hatte. Die aufbrandenden Streitgespräche im Wirtraum zeigten ihm aber, dass auch seine Gäste sie gesehen hatten. Es würde eine lange Nacht werden.

Katharina stand vor der Tür des Wirtshauses und lauschte zufrieden den Stimmen. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Über ihre Ankündigung würden sich die Männer den ganzen Abend die Köpfe heiß reden.
Sie raffte ihren Rock und ging nach Hause. Sie musste noch einiges vorbereiten, wollte aber noch nach Philipp sehen. Bei seinem Haus angekommen, öffnete sie vorsichtig die Tür und schlich hinein. Es war schon dunkel und sie konnte kaum etwas sehen, aber sie hörte das vertraute Schnarchen. Für einen Augenblick hatte sie das Bedürfnis zu ihm zu gehen, seine Stimme zu hören und mit ihm zu reden, aber sie durfte nicht schwach werden. Es war ihr unendlich schwer gefallen, sich von ihrer Tochter und ihrer Enkelin nicht zu verabschieden, aber schon der kleinste Hinweis auf ihre Pläne, hätten sie verraten. Sie musste dem ein Ende machen. Für Sentimentalitäten war kein Platz. Einen Moment verharrte sie noch in Philipps Haus, dann ging sie hinaus und schloss die Tür.
Es war eine schöne Nacht. Der Mond erhellte die Häuser des Dorfs und erlaubte einen Blick auf die Weinberge. Wann immer sie ihre Augen dorthin richtete, fühlte sie sich zu Hause. Dies war ihre Heimat. Hier war sie geboren. Hier hatte sie viele glückliche Jahre verlebt, hier würde sie sterben und begraben werden. Sie hoffte nur, dass ihr Leben nicht heute endete.
Sie öffnete das Gatter zu ihrem Garten und ging hinein. Ihr lagen noch so viele Dinge auf der Seele. Es gab noch so viel zu sagen, zu Philipp, zu ihrer Tochter, aber sie sie musste den Mörder aufhalten, auch wenn es ihr Leben kosten würde. Der vierte Mord würde zu viel Leid nach sich ziehen.
Sie öffnete die Tür, nahm ihren Umhang ab und stellte vier Kerzen auf den Tisch. Dann zog sie vorsichtig die Handvoll kleiner blauer Beeren hervor und presste sie eine nach der anderen aus. Sie achtete genau darauf, dass kein Tropfen der Flüssigkeit auf ihre Finger kam. Stattdessen füllte sie diese in eine kleine Glasphiole, die ihr Gerlach vor vielen Jahren geschenkt hatte. In diese hatte sie immer ein nach Blumen riechendes Duftwasser aufbewahrt, aber heute hatte es einen anderen Zweck zu erfüllen. Als die Phiole voll war, setzte sie den kleinen Korken darauf. Dann nahm sie einen Strauch Kräuter aus dem Korb und zerrieb diese in einem kleinen Stößel. Bald war sie bereit.

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