Die Johannis-Morde – Kapitel 15
Später Besuch
Die Nacht war weit vorgeschritten. Das Dorf war in Stille versunken. Das Wirtshaus war geschlossen, und die Männer wieder in ihre Häuser zurückgekehrt. Katharina saß am Tisch in der Küche und trank einen belebenden Kräutertee. Sie spürte schon die Müdigkeit, aber die Anspannung hielt sie wach. Eine kleine Kerze spendete ihr Licht. Der Schein reichte kaum weiter, als um den Tisch herum, aber sie hatte sich noch nie im Dunkeln gefürchtet. Sie stellte die Tasse ab, als sie einen leichten Luftzug spürte. Er strich nur ganz sanft an ihre Wange und lies die Kerzen flackern. Wären ihre Sinne weniger aufmerksam gewesen, hätte sie ihn nicht bemerkt.
„Warum setzt du dich nicht zu mir an den Tisch, Bredelin?“, fragte sie in das dunkle Zimmer hinein. Sie erhielt keine Antwort. Nichts rührte sich. „Ich laufe nicht weg. Lass uns reden, genau so, als wir noch jung waren.“
Die Stille war fast vollkommen. Dann erklangen Schritte, die sich dem Tisch näherten. Ein schlanker Mann trat ins Licht. Er trug eine schwarze Kutte, deren Kapuze zurückgeschlagen war. Seine dunklen Haare waren kurz geschnitten. Er hatte einen gestutzten Vollbart, und seine grünen Augen leuchteten im Schein der Kerze. Seine Haltung war gerade. Sein Kopf war stolz nach oben gerichtet. Er hätte eine imposante Gestalt sein können, wenn nicht ein verhärmter Ausdruck um seine Mundwinkel gewesen wäre, der jede Herzlichkeit vermissen ließ.
„Hallo Katharina“, sagte Bredelin und nahm Platz. Sie stellte ihm einen Becher hin und füllte Tee hinein. Dann schenkte sie sich auch nach.
Einen Augenblick saßen sich beide schweigend gegenüber. Dann lächelte der Mann. „Schon als Kind habe ich deine Klugheit bewundert, Katharina. Es ist nur schon so viele Jahre her, dass ich es vergessen hatte. Ich habe dich unterschätzt. Wie bist darauf gekommen, dass ich es war?“
„Ich bin nicht abergläubisch“, antwortete Katharina. „Ich muss sagen, dass dein Freitod hervorragend gespielt war. Die ketzerischen Worte. Das brennende Kruzifix. Der Sprung in den Fluss. Eine perfekte Darbietung. Selbst mich hat die Aufführung beeindruckt. Nur hättest du weniger Harz auf das Kreuz schmieren sollen, dann hätte ich vielleicht nie Verdacht geschöpft.“
„Ich wollte sichergehen, dass das Kruzifix auch wirklich Feuer fängt.“
„Auf jeden Fall hat dein Fluch die Bürger Furtenblick an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen und sie zu kopflos umherlaufenden Schafen gemacht.“
„Das war einfach. Die Menschen sind leicht einzuschüchtern, und der religiöse Wahn eines verrückten Priesters besorgt den Rest. Bruder Theobald war schon vor meiner Zeit im Gefängnis ein berechenbarer Mann, der seine Unfähigkeit, das Amt des Priesters auszuüben, hinter Beschuldigungen, Hetze und Vorwürfen versteckt hat. Ich wundere mich, dass ihn während meiner Abwesenheit niemand hinterrücks erstochen hat.
Und dann ist da noch Frederich Rump.“ Bredelin schüttelte den Kopf. „Ich habe selten einen solchen Schwächling wie Frederich gesehen, aber der Einfluss seiner Familie, vor allem seines Vaters, war groß genug um ihm die Anstellung als Bürgermeister zu beschaffen. Mit diesen beiden Männern hat es wenig bedurft, um das Dorf in Angst und Schrecken zu versetzen.“
„Das ist dir gelungen. Aber warum dieser Auftritt? Warum hast du die Männer nicht heimlich getötet? Warum wolltest du deinen Freitod vortäuschen und bist das Risiko eingegangen, am Flussufer zerschmettert zu werden?“
„Weil alle leiden sollten“, sagte er mit zorniger Stimme. Seine Augen blitzten wütend. Er griff nach dem Becher und roch misstrauisch daran. Dann nahm er einen Schluck und schloss kurz die Augen.
„Ich habe seit mehr als zwanzig Jahren keinen Kräutertee getrunken“, sagte er mit ruhiger Stimme. Sein Blick schien sich verklärt in die Vergangenheit zu richten. Katharina glaubte Tränen in seinen Augen zu sehen. Dann wischte er sich über das Gesicht und wurde wieder ernst.
„Ich habe mir am Abend zuvor die Stelle im Fluss genau angesehen. Zugegeben, es war nicht ohne Risiko, aber das tiefe Flussstück war von oben gut zu erreichen. Ich war in meiner Jugend ein guter Schwimmer und mir war klar, dass der Fluch noch wirkungsvoller sein würde, wenn ich mich in den Tod stürzen würde. Ich habe den tiefen Bereich gut getroffen, aber hatte die Strömung wirklich unterschätzt. Mein Umhang hat mich heruntergezogen, aber bei der kleinen Brücke habe ich einen Ast zu fassen bekommen und konnte mich rausziehen.“
„Warum hast du uns eine Leiche finden lassen? Wäre es für den Fluch nicht besser gewesen, wir hätten gar nichts gefunden?“
„Ich wollte es nicht übertreiben. Außerdem wollte ich, dass die Menschen glauben, ich hätte mein Leben für den Fluch geopfert.“ Bredelin trank wieder einen Schluck Tee. „Wie hast du es herausgefunden, dass der Tote ein anderer war?“
„Am Anfang war es nicht mehr als ein Gefühl“, antwortete Katharina. „Ich habe nie an einen rachsüchtigen Dämon oder an einen Fluch geglaubt. Mir war klar, dass eine lebende Person dahinterstecken musste, aber mir fiel niemand ein, der in deinem Namen diese Morde durchführen könnte. Ich glaubte nicht an einen Komplizen. Eine Zeitlang hatte ich die Idee eines unehelichen Kindes oder eines anderen Verwandten, aber schließlich haben Philipp und ich den Toten ausgegraben. Damals ist mir noch nichts aufgefallen, denn die Leiche hatte deine Statur und trug deinen Mantel. Der Kopf und das Gesicht waren zu zerschmettert, aber schließlich habe ich an den Stiefeln erkannt, dass der Tote nicht du sein konnte.“
„An den Stiefeln?“, fragte Bredelin. „Das waren doch nur noch Lederfetzen.“
„Richtig“, fuhr Katharina fort, „aber ich habe auf dem Dorffest mit einem Wanderarbeiter gesprochen, der seine Stiefel mit Lederschnüren am Bein befestigt hatte, dass die Schäfte nicht immer herunterrutschen. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Der junge Mann hatte außerdem deine Statur und deine Haarfarbe, nur trug er damals keinen Mantel.“
Bredelin nickte anerkennend. „Das hat dir genügt, um zu wissen, dass ich den Sturz überlebt habe? Vielleicht hat der Wanderarbeiter irgendwo einen ähnlichen Mantel gefunden und hat von einem Räuber den Schädel eingeschlagen bekommen.“
„Du vergisst, dass ich in Heidelberg war.“
„Damit habe ich nicht gerechnet. Hätte ich nicht zufällig dein Gespräch mit Winand belauscht, hättest du alles herausgefunden, bevor meine Rache vollendet gewesen wäre.“
„Du hast Narben-Otto vergiftet.“ Katharina kniff die Augen zusammen.
„Natürlich“, sagte Bredelin ohne Bedauern. „So nützlich wie mir Otto beim Planen meiner Rache gewesen war, so geschwätzig war er auch. Für eine Krug Wein oder eine Münze hätte er seine eigene Mutter verkauft.“
„Du bist vor mir nach Heidelberg gegangen und hast deinen Zellengenossen vergiftet, aber wie hast du das geschafft, ohne dass dich Wärter erkannt haben?“
„Pah“, sagte Bredelin abfällig und trank wieder einen Schluck Tee. „Gelfrid und Bastian sind Narren. Die bemerken nicht mal einen Giftmörder, wenn er in ihrem Schlafzimmer steht. Es war aber schwieriger, als du glaubst. Ich musste erst einmal ein Pferd besorgen, das mich schnell nach Heidelberg bringt.“
„Der ermordete Händler“, ergänzte Katharina. „Du hast ihn getötet und ausgeraubt.“
Bredelin nickte. „Ich konnte es nicht riskieren in Furtenblick ein Pferd zu stehlen. Ich habe Händler und Bauern auf dem Weg getroffen, aber keiner von ihnen war alleine unterwegs. Es hat lange gedauert, bis mir endlich ein einsamer Reiter entgegengekommen ist.“
„Wo hattest du das Gift her?“
„Auch da hat mir Otto geholfen. Im Gefängnis sprach er von einem entfernten Vetter, der für ein paar Münzen alles tun würde. Er arbeitete in einem Wirtshaus vor den Toren der Stadt, wo ich ihn auch gefunden habe. Als ich ihm den Geldsäckel des Händlers gezeigt habe, blitzte die mordlustige Gier in seinen Augen auf. Bald darauf hatte ich einen Korb mit Essen und drei Phiolen Gift, die für alle Insassen des Gefängnis’ gereicht hätten.“
„Du selbst warst aber nicht drin.“
„Das wäre nun wirklich zu auffällig gewesen. Ich habe einer Hure an der Straße eine Münze gegeben und ihr gesagt, was sie tun soll. Das gute Essen haben sich die Wärter aus dem Korb genommen und nur das Brot und die Wurst drin gelassen. Da ich damit gerechnet habe, habe ich auch nur die Wurst vergiftet.“
„Was wäre passiert, wenn die Wärter auch davon gegessen hätten?“
„Es wäre nicht schade um sie gewesen“, sagte er achselzuckend. „Das Gift hat langsam genug gewirkt, dass der Korb bei Otto angekommen wäre, selbst wenn sie von den vergifteten Speisen gekostet hätten.“
Katharina betrachte den Mann vor sich. Er sprach über grausame Morde wie andere über die Ernte, ohne dass er nur das Zeichen von Reue erkennen ließ.
„Warum bist du so geworden, Bredelin? Ich erinnere mich an einen freundlichen und arbeitsamen Mann. Du warst auf dem Weg ein wohlhabender Weinbauer zu werden. Warum hast du Heinrich Ommert und Lukas Kolf vergiftet?“
„Du bist so klug, Katharina und siehst noch immer nicht die Wahrheit?“
„Ich weiß nur dass Heinrich Ommert gestorben ist und Lukas Kolf beinahe sein Leben verloren hätte. Wer sonst hätte die beiden Männer vergiften sollen? Kein anderer hätte von deren Tod mehr profitiert als du.“
„Doch“, sagte Bredelin. „Der wirkliche Gewinner war Lukas Kolf.“
Katharina gab ein abfälliges Geräusch von sich. „Du willst mir doch nicht erklären, dass sich Lukas selbst vergiftet hat?“
Bredelin lächelte.
„Das ist närrisch.“
„Närrisch, sagst du“, schrie Bredelin und schlug auf den Tisch. Der Tee aus den Bechern schwappte über. Er beugte sich zu Katharina. „Diese Narretei, wie du sie nennst, hat mein Leben zerstört. Meine Familie hat mich ausgestoßen. Man hat mich bespuckt, getreten und gefoltert. Dann hat man mich mehr als zwanzig Jahre in ein Loch gesteckt. Im Winter bin ich fast erfroren und im Sommer konnte ich kaum atmen, so sehr brannte die Sonne in meine Zelle. Meine Mitgefangenen hätten mich für ein Stück Brot umgebracht, und mein Kadaver wäre von Ratten aufgefressen worden, bevor man die Überreste in den Neckar geworfen hätte. Als ich endlich in Freiheit war, musste ich sehen, dass meine Frau und mein Kind tot waren.“
Katharina glaubte eine Träne in seinen Augen zu sehen. Dann beruhigte er sich und setzte sich wieder auf den Stuhl.
„Die Nacht ist noch lang, Katharina und mein Becher noch voll, also erzähle ich dir, wer der wahre Giftmörder ist, warum er diese Tat begangen hat und wer seine Komplizen waren.“
Bredelin legte die Hände auf den Tisch und holte tief Luft. „Wie du schon bemerkt hast, war ich aufstrebender Weinbauer. Wäre es nicht zu dem Giftmord gekommen, so wären die Weinfelder der Region wohl zwischen mir und der Familie Ommert aufgeteilt worden. Mein Verhältnis zu Heinrich Ommert war gut. Er respektierte meine Arbeit, und ich mochte seine freundliche Art. Seine Tochter war sehr herzlich und hatte den guten Charakter ihres Vaters geerbt. Sie hatte nur den Fehler gemacht, sich in den falschen Mann zu verlieben. Lukas Kolf war ein attraktiver und eloquenter junger Mann. Er kam aus gutem Haus und interessierte sich für den Weinbau. Herlinde und Heinrich Ommert fielen auf das oberflächliche Getue von ihm herein, aber ich kannte ihn besser. In Wirklichkeit war Lukas ein gieriger, von Ehrgeiz zerfressener Tyrann, der alles dafür tun würde, noch wohlhabender und einflussreicher zu werden. Er war schwärmerisch und zuvorkommend, wenn er mit Herlinde zusammen war, aber ich habe nie das Glitzern der Liebe in seinen Augen gesehen.“
Bredelin nahm die Tasse und trank bevor er weitersprach.
„Ich mochte Lukas nicht, aber es war nicht an mir, über das Glück der Ommerts zu entscheiden, daher machte ich mir keine weiteren Gedanken und freute mich für Herlinde, als sie von Lukas zum Traualtar geführt wurde.
Das Leben ging weiter wie bisher, aber bald darauf flüsterte man sich die ersten Gerüchte auf den Weinfeldern zu. Anscheinend lagen Lukas und sein Schwiegervater in Streit. Dem Neuvermählten waren die Erlöse des Weinverkaufs nicht hoch genug. Er drängte darauf die Reben enger zu pflanzen und die Preise für das Fass zu erhöhen.
Auch darum machte ich mir keine Sorgen. Ich war mit meinem Wein beschäftigt und hatte keine Zeit für etwas anderes. Doch eines Nachts sollte ich den Preis für diese Nachlässigkeit bezahlen. Die Soldaten des Vogts kamen zu mir, zerrten mich aus dem Bett und legten mich in Ketten. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass Heinrich Ommert tot war.“
„Die Sache war offensichtlich“, unterbrach ihn Katharina. „Du hattest Heinrich Ommert ein kleines Fass mit deinem neuen Wein geschickt. Der Wein war vergiftet gewesen. Heinrich starb sofort, und Lukas hatte Glück, dass er mit dem Leben davongekommen war.“
„Warum hätte ich das tun sollen?“, fragte Bredelin mit unterdrücktem Zorn. „Und wenn ich beide hätte töten wollen, wie kann man nur glauben, dass ich das so offensichtlich getan hätte?“
„Es war ein erklärbares Motiv. Mit dem Tod ihres Vaters und ihres Ehemann wäre Herlinde allein gewesen. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Boden der Ommerts zu übernehmen und alleiniger Besitzer der Weinberge Furtenblicks zu werden. Was hast du erwartet?“
„Ich hätte erwartet, dass man meinem Wort Glauben schenkt“, fuhr Bredelin auf. „Aber als ich in den Saal geführt wurde, hatte man schon über mich gerichtet. Ich war schuldig, und was immer ich gesagt hatte, wurde als Lüge abgetan.“ Bredelin krallte die Hände in den Tisch. Katharina kamen Zweifel, ob ihr hastig ersonnener Plan wirklich eine gute Idee gewesen war. Wenn er sich jetzt auf sie stürzte, konnte sie seiner Wut nichts entgegensetzen. Bredelin senkte den Kopf. Die Erinnerung an diese Zeit schien ihm noch immer Schmerzen zu bereiten.
„Heinrich Ommert mochte meinen Wein“, fuhr er leise fort. „Er war der erste, dem ich ein Fass mit meiner neuen Ernte geschickt hatte. An diesem Tag hatte ich noch viel Arbeit, also habe ich einen meiner Arbeiter gebeten, ihm Wein zu bringen.“
„Rudolf Eigbrod“, sagte Katharina, die allmählich verstand, worauf Bredelin hinaus wollte.
„Rudolf war schon immer ein Trinker gewesen. Egal, wie viel ich ihm bezahlt habe, er hatte es am nächsten Tag zur Furt gebracht. Lukas hatte ihm ein Säckel Münzen gegeben, und ihm befohlen, Gift in den Wein zu schütten, bevor er das Fass zu Heinrich bringen würde.“
„Woher weißt du das?“
Ein tückisches Lächeln erschien auf Bredelins Gesicht. „Geahnt habe ich es schon immer, aber Rudolf war nicht nur ein nutzloser Trinker, sondern auch ein abergläubischer Mann. Als er mich sah, glaubte er, ich hätte mich aus dem Grab erhoben, um Rache zu nehmen. Ich musste kein Wort sagen. Er flehte mich um Vergebung an und erzählte mir alles.“
„Aber wenn Lukas wusste, dass der Wein vergiftet war, warum hat er ihn dann getrunken?“
„Weil es die perfekte Täuschung war. Hätte er nichts von dem Wein getrunken, wäre auch er in Verdacht gekommen. Vielleicht hätte man ihm dann unterstellt, gemeinsame Sache mit mir zu machen.“
„Er hätte dabei sterben können.“
„Das war ihm bewusst, aber Lukas war skrupellos genug, sein Leben zu riskieren, um sein Ziel zu erreichen.“
Katharina schüttelte den Kopf, ob dieser teuflischen Tat. Sie konnte kaum glauben, dass ein Mensch zu so etwas in der Lage war. Als könnte Bredelin ihre Gedanken lesen, fuhr er fort. „Du solltest es ruhig glauben, Katharina. Es hat sich genau so zugetragen.“
Langsam wurde ihr alles klar. Sie wusste, warum Lukas den Trunkenbold Rudolf all die Jahre bei sich angestellt hatte und warum er sich vor der Rückkehr Bredelins gefürchtet hatte. Bredelin hätte die Wahrheit über den Giftmord ans Licht bringen können.
„Wenn sich alles so zugetragen hat, dann verstehe ich deinen Zorn. Aber warum hast du nach deiner Zeit im Gefängnis nicht versucht die Wahrheit zu sagen? Warum hast du nicht mit dem Vogt gesprochen oder mit dem Bürgermeister. Vielleicht wäre dann alles geklärt worden.“
„Sei nicht so naiv, Katharina“, antwortete Bredelin ungehalten. „Die Welt ist nicht so. Ich wurde wegen eines Giftmordes verurteilt, und es gibt keinen Beweis für meine Unschuld, außer wenn Rudolf und Lukas ihre Schuld eingestanden hätten. Glaubst du wirklich das hätten sie getan?“
„Ich verstehe deinen Wunsch nach Rache, aber warum musstest du Bruder Theobald ermorden?“
„Du weißt nicht, warum? Ich hätte gedacht, dass du dahinter gekommen bist.“
„Ich weiß, dass Bruder Theobald Gerichtsbeisitzer war und wahrscheinlich eine Rolle bei deiner Verurteilung gespielt hat, aber wenn du die Beweise gegen dich betrachtest, musst du einsehen, dass er keine andere Möglichkeit hatte, als für deine Verurteilung zu stimmen.“
Bredelin lachte. Es war ein kaltes Lachen, ohne jede Freude. „Ich bin überrascht, wie wenig du über die Menschen weißt.“ Er lehnte sich im Stuhl zurück. „Kannst du dich noch an die Kirche vor dem Tod von Heinricht Ommert erinnern?“
„Ja“, sagte Katharina. „Sie war klein, zugig und wenig einladend. Gerade im Winter war es eine Qual.“
„Und heute?“
„Heute haben wir eine der schönsten Kirchen der ganzen Region.“
Bredelin nickte und behielt sein Lächeln bei.
„Willst du mir sagen, dass Bruder Theobald von Lukas bestochen wurde, dich zu verurteilen?“
„Kannst du nicht glauben, dass auch Männer Gottes den Verlockungen des Geldes erliegen können?“
„Aber woher willst du das wissen?“, fragte Katharina. „Die Kirche wurde erst zwei Jahre danach gebaut.“
„Du vergisst, dass ich Lukas Kolf nicht sofort getötet habe“, antwortete er kichernd. „Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er mich erblickte. Er hat sich vor meinen Augen eingenässt und um die Hilfe aller Schutzheiligen gefleht, die ihm in den Sinn gekommen sind. Ähnlich wie bei Rudolf, musste ich nicht viel tun, um ihm zu einem Geständnis zu zwingen. Die Vorstellung, dass ich mich aus dem Grab erhoben hatte, um ihn heimzusuchen, hatte ihm fast den Verstand geraubt.“
„Warum hast du ihm nicht einfach ein Messer in die Brust gestoßen? Warum dieser grausame Mord?“
„Weil es ein unglaublich befriedigendes Gefühl ist“, sagte Bredelin. Seine Augen wurden groß und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Wenn man so viel Zeit hat, seine Rache zu planen, ersinnt man jede nur erdenkliche Todesart. Tag und Nacht stellt man sich vor, wie es ist, wenn man seinen Peinigern gegenübersteht. Ein schneller Tod ist viel zu gnädig für all das Leid, das ich ertragen musste. Auf diesen Augenblick habe ich mehr als zwanzig Jahre gewartet. Es ist verständlich, dass ich ihn auskosten wollte.“ Bredelin kicherte. „Du hättest Lukas’ Gesicht sehen sollen, als ich ihm seine Kehle aufgeschlitzt habe. Als ich ihn in den Trog getunkt habe, hat er gezappelt wie ein Fisch.“ Bredelin schloss die Augen. Er schien in Gedanken den Moment nochmals durchzuspielen.
„Hast du den Brief an Frederich geschrieben?“
Bredelin öffnete die Augen. Sein Gesicht zeigte die Missbilligung über diese Störung.
„Mir war langweilig und die freiwilligen Patrouillen haben es mir ein wenig schwer gemacht, an Bruder Theobald zu kommen. Der gute Otto hatte mir viel über das Fälschen von Siegeln beigebracht, und so habe ich ein paar Sachen zusammengestohlen, um die Bürger von Furtenblick ein wenig abzulenken. Der dumme Frederich hat nicht einmal gemerkt, wie ich bei ihm eingebrochen bin und sein Siegelwachs gestohlen habe.“
„Aber was hatte Graf Arnold von Erenkirch damit zu tun?“
„Nichts. Er war schon immer ein Tyrann, und ich hielt es für eine lustige Idee ihn als neuen Gutsbesitzer zu benennen. Es war eigentlich nur ein Zeitvertreib, aber in der Nacht, als die Felder brannten, war ich vom Erfolg meines Plans selbst überrascht.“
„Du hattest doch deine Rache. Warum wolltest du Philipp töten?“, platzte es aus Katharina heraus.
„Ich wollte deinem Liebsten nichts tun. Ich kannte ihn noch nicht einmal. Ich habe mich, wie jeden Abend. wenn es dunkel wurde, aus dem Wald hinter das Wirtshaus geschlichen und dem Gerede der Betrunkenen zugehört. So wusste ich immer, was sie vorhatten. Ich wollte Philipp nicht töten, aber er ist in mich hineingelaufen, obwohl ich versucht hatte, mich vor ihm zu verbergen. Als er vor mir stand, hatte ich keine Wahl.“
Bredelin nahm den Becher und trank den restlichen Tee mit einem Zug aus. „Es war schön mit dir zu reden, aber du weißt, warum ich gekommen bin?“
„Du willst mich töten.“
Bredelin nickte. „Ich habe dich immer gemocht, aber du weißt zu viel und könntest mich daran hindern, meine Rache zu vollenden.“
„Bürgermeister Moeck“, sagte Katharina. „Der zweite Beisitzer.“
„Lukas hat mir kurz vor seinem Tod erzählt, dass er ihm für seine Stimme ein neues Haus und einen gepflasterten Marktplatz versprochen hatte.“
„Der Bürgermeister ist schon lange tot. Warum willst du also noch einen vierten Mord begehen?“
„Mein Bedürfnis nach Rache ist erst befriedigt, wenn alle vier Schuldigen bestraft wurden. Wenn der alte Bürgermeister nicht mehr dafür büßen kann, dann werde ich seinen Sohn leiden lassen.“
„Sigmund Moeck.“
„Es tut mir leid, dass er dein Schwiegersohn ist, Katharina, aber die Kinder erben die Sünden der Väter.“ Bredelin wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Es ist warm geworden“, sagte er mit Blick auf den Ofen, der aber kaum Wärme abstrahlte.
„Und was dann? Was machst du, wenn alle tot sind?“
„Das ist nicht wichtig“, antwortete er ruhig. „Die Rache war das einzige, was mich noch am Leben erhalten hat. Wenn diese befriedigt ist, spielt es keine Rolle, was mit mir passiert. Dann kann ich in Frieden sterben.“
„Ich kann das nicht zulassen kann, Bredelin. Ich weiß, was es heißt Witwe zu sein und ein Kind alleine großzuziehen. Das werde ich meiner Tochter ersparen.“
Bredelin stand auf. Sein Gesicht war gerötet. „Warum hast du mich überhaupt hierher gelockt, Katharina? Hast du wirklich geglaubt, du könntest mich mit Tee und netten Worten davon abhalten deinen Schwiegersohn zu töten?“
„Ich habe es gehofft. Dann hättet du deiner Wege ziehen können, und ich hätte dich nicht töten müssen.“
Bredelin lachte auf. „Du willst mich töten, Katharina? Wie willst du das anstellen? Mit einem Messer oder einer Axt? Willst du mich erschlagen oder erwürgen?“
Katharina stand auf, zog einen kleinen Tonbecher unter dem Kleid hervor und drehte ihn um. Eine sirupartige Masse tropfte auf den Boden. „Du bist tot, Bredelin. Dieser Trunk hätte dir vielleicht das Leben retten können, aber lieber laste ich mir Schuld eines Mordes auf, als dass du meine Enkelin zur Halbwaise machst.“
Bredelin griff sich an die Seite. „Gift“, sagte er. Katharina nickte.
„Einbeeren“, erklärte sie.
Bredelin Gesicht verzog sich in Schmerz. „Es darf so nicht enden. Du wirst mich nicht von meiner Rache abhalten.“
“Es tut mir leid“, sagte Katharina und senkte den Kopf.
Bredelin stand auf und schob den Stuhl weg. Seine Stirn war schweißgetränkt und sein Atem ging schwer. „Du täuschst dich, Katharina, wenn du glaubst, dass ich nach all den Jahren so leicht zu besiegen bin.“
Mit einem Aufschrei stürzte er sich über den Tisch und schlug ihr ins Gesicht. Katharinas Kopf wurde herumgerissen, und sie prallte hart gegen den Ofen. Der Raum drehte sich um sie. Sterne tanzten vor ihren Augen und sie hatte die Orientierung verloren. Sie wollte aufstehen, als sich Bredelin auf sie legte. Er packte ihren rechten Arm und begann sie mit der freien Hand zu würgen. Sein Griff war eisern. Sie wollte sich loszureißen, konnte der erbarmungslos zudrückenden Hand aber nicht entkommen. Sie versuchte Luft zu holen, aber Bredelin drückte ohne Erbarmen ihre Kehle zu.
Das Gift hätte für ein Pferd gereicht, aber Bredelin machte nicht den Eindruck, als würde er schwächer werden. Sie krallte ihre freie Hand in seinen Arm, aber der Druck wurde nicht weniger. Ihr Körper drängte sie zum atmen. Sie röchelte verzweifelt. Ihr wurde schwindelig, und sie drohte das Bewusstsein zu verlieren. Ihr wurde schwarz vor den Augen, als Bredelin plötzlich emporgehoben wurde. Eine große Gestalt hielt ihn umklammert und schmetterte ihn gegen einen Schrank.
Katharina drehte sich zur Seite und atmete hustend ein. Ihr Hals schmerzte und die Welt drehte sich noch immer. Sie hörte einen wütenden Aufschrei und dann ein lautes Poltern. Der Schrank fiel um. Teller flogen umher. Becher rollten auf den Boden, und ein kleines Messer blieb neben ihr stecken. Katharina hielt die Arme schützend über ihren Kopf.
Dann war es ruhig. Der Lärm war verebbt. Der Raum in Dunkelheit versunken. Die Kerze war beim Kampf mit Bredelin ausgegangen.
„Geht es dir gut?“, hörte sie Philipps Stimme und spürte seine kräftige Hand an ihren Schultern. Er hob sie vom Boden auf und drückte sie fest an sich. Katharinas Anspannung entlud sich in einem Weinkrampf. Sie legte den Kopf an seine Schulter und umarmte den großen Mann.
Sie wusste nicht, wie lange sie in dieser Umarmung verharrt war, aber als sie sich von Philipp löste, wanderte ihr Blick durch den verwüsteten Raum. Die Wolken hatten sich verzogen. Das Mondlicht drang hell durch das Fenster. Bredelin saß an die Wand gelehnt und hielt sich die Seite. Er hatte die Zähne zusammengebissen und versuchte aufzustehen, aber seine Beine versagten ihm den Dienst. Schließlich sackte er zusammen und blieb schwer atmend liegen. Das Gift hatte seine Wirkung entfaltet. Der Wahn war aus seinem Gesicht gewichen. Im trüben Licht erinnerte er sie an den jungen Weinbauern, den sie vor vielen Jahren gekannt hatte. Sie verspürte Mitleid mit dieser zerstörten Seele.
Katharina kniete sich vor Bredelin hin und beobachtete den sterbenden Mann. Philipp stellte sich neben sie.
„Ich hatte einen einfachen Traum“, sagte Bredelin flüsternd. „Ich wollte ein kleines Weingut, das mich mit Wohlstand versorgt, eine Frau die mich liebt und Kinder, mit denen ich über die Felder laufen kann.“
Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Katharina rückte näher, nahm seine Hand und lächelte. Matt lehnte er den Kopf an die Wand.
„Ich habe keinem Menschen etwas Böses getan und doch musste ich mein Leben im Kerker verbringen. Seit dem Tod von Mechthild gibt es niemand mehr, der auf mich wartet, keine Kinder, die meinen Namen tragen. Ich werde in einem Loch verscharrt, und niemand wird für mich beten. Mein Grab wird keinen Stein zieren, und keine Blumen werden für mich abgelegt. Am Tag der Toten wird keiner um mich weinen.“
„Ich werde um dich weinen“, sagte Katharina sanft.
„Ich bin ein Mörder und wollte deinen Schwiegersohn töten. Warum willst du das tun?“
„Ich werde um den Menschen trauern, der du hättest werden können.“
Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Seine Augen wurden abwesend und glasig. Dann durchzuckte ihn ein Krampf, und er bäumte sich auf.
„Ich habe Angst“, sagte Bredelin zu Katharina.
Sie hielt seine Hand noch fester. „Es gibt keinen Grund Angst zu haben“, sagte sie beruhigend und strich ihm sanft über den Kopf. „Der Herr wird dir deine Taten vergeben und dich in sein Reich aufnehmen.“
Bredelin lächelte noch einmal. Dann stockte sein Atem, und sein Kopf fiel auf seine Brust.
Katharina blieb sitzen und hielt seine Hand. Sie weinte um den Mann, den sie vor vielen Jahren gekannt hatte und dessen Leben zerstört worden war. Einzig Philipps Hand auf ihrer Schulter gab ihr in dieser dunklen Nacht Trost.