Eine kurze Geschichte für Weihnachten

Diese Szene schwirrt mir schon eine Ewigkeit im Kopf herum, aber sie ist vielleicht ein wenig zu … extrem, um sie in einen Band der Jan-Tommen-Serie einzubauen (manche sagen, sie waren sogar zu extrem für eine Veröffentlichung im Internet). Daher veröffentliche ich sie hier. Weihnachten scheint mir ein guter Zeitpunkt zu sein.

Die Szene ist nichts anderes, als ein großer Spaß, den ich mir gönnen wollte – ich habe nichts gegen Senioren, Sachsen, Chinesen, Ruander, Frauen in Gucci-Kostümen, schlechte Hobby-Köche und Lieferanten asiatischen Essens – daher nehmt es bitte nicht zu ernst, auch wenn ich mich vieler Klischees bediene.

Aber wer meine Bücher kennt, ist Kummer gewohnt …

Euch allen frohe Weihnachten.

 

„Bei Chandu ist es gemütlicher.“ Zoe versuchte auf Jans Couch eine bequeme Position zu finden.
„Und er kann auch besser kochen“, sagte Jan, „aber solange sein Parkett im Wohnzimmer geschliffen wird, können wir nicht zu ihm.“
„Du hast doch hoffentlich nichts zu essen gemacht?“ Max sah von seinem Laptop hoch. „Ich erinnere mich noch mit Schrecken an das Würzfleisch.“
„Würzfleisch?“, fragte Zoe. „Du meinst das ungarische Gulasch.“
„War das kein Thai-Schweinfleisch mit einem komischen Curry?“, wunderte sich Chandu.
Jan brummte mürrisch. „Es freut mich, dass euch die Lende mit Metaxa-Soße geschmeckt hat, aber ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Ich habe eine Großbestellung bei meinem Lieblings-Asiaten aufgegeben. Die müsste jeden Moment geliefert werden.“ Er deutete auf den Couchtisch, der mit Flaschen vollgestellt war. „Außerdem habe ich drei Sorten Bier gekauft, Max‘ Lieblings-Energydrink und im Gefrierfach liegt eine Eistorte, die für die ganze Kripo Berlin reichen würde.“ Er wollte gerade das Besteck verteilen, als er durch eine Streiterei im Hausflur abgelenkt wurde. Jan vermeinte die Stimme seines Nachbarns zu erkennen. Er stellte sein Bier ab und ging nach draußen.
Im Treppenhaus stand ein Mann in einem roten Anorak, eine Warmhaltebox über den Kopf gestreckt. Grund für diese ungewöhnliche Haltung war ein älterer Herr, der eine antike Schrotflinte auf ihn gerichtet hielt. Es war Jans Nachbar Werner Koch, doch alle im Haus nannten ihn Opa Werner. Jan wusste, dass er leidenschaftlicher Jäger gewesen war, aber bei seiner Kurzsichtigkeit, hatte er gehofft, dass er keine Waffen mehr besaß. Offensichtlich eine Fehleinschätzung.
„In Ordnung, Herr Koch.“ Jan ging langsam auf seinen Nachbarn zu. „Was ist hier los?“
„Der Mistkerl wollte mich ausrauben.“ Er deutete mit der Flinte auf den jungen Mann.
„Ich wollte niemanden ausrauben“, antwortete dieser mit einem stark sächsisch geprägten Akzent. „Ich bringe nur das Essen vom China-Wok und habe die falsche Klingel gedrückt.“
„Glauben Sie ich bin bescheuert?“, brüllte Opa Werner. „Sie sind kein Chinese.“
„Unser Imbiss liefert chinesisches Essen und keine Chinesen“, erwiderte der junge Mann nicht weniger laut.
„Der will meinen Schmuck“, rief eine Frau aus der Wohnung. Der Stimme nach musste es Oma Frida sein, Werners Frau.
Jan bewegte sich näher an seinen Nachbarn heran. „Herr Koch. Ich bin Polizist. Wenn Sie die Waffe herunternehmen, kümmere ich mich um den Räuber.“
„Ich bin kein Räuber“, beschwerte sich der Mann. „Ich liefere nur …“
Ein strenger Blick von Jan ließ ihn verstummen.
„Früher hat es das nicht gegeben.“ Opa Werner deutete mit dem Gewehr auf den Lieferanten. „Da haben wir das selbst geregelt.“
Jan nutzte die kurze Unaufmerksamkeit seines Nachbarns, sprang vor und riss Opa Werner die Waffe aus der Hand. Anscheinend war der Abzug sehr leicht eingestellt, denn ein Schuss löste sich und zerfetzte die Warmhaltebox des Lieferanten. Vier Portionen Ente süß-sauer, zwölf Frühlingsrollen und zwei Becher Wan-Tan-Suppe verteilten sich in Überschallgeschwindigkeit im Treppenhaus.
Der Knall war ohrenbetäubend gewesen, doch der darauf folgende Schrei war noch erschütternder.
„Das Kostüm war von Gucci“, brüllte Zoe, die mindestens acht Frühlingsrollen abbekommen hatte, garniert mit extra scharfer Soße. Nach einem kurzen Moment der Schockstarre, ging sie auf Opa Werner zu. „Du bist tot, alter Furz.“ Ihre vor Zorn funkelnden Augen ließen Jan keine Sekunde daran zweifeln, dass sie ihre Drohung wahr machen würde. Obwohl er einen Kopf größer und deutlich schwerer als Zoe war, hatte er Mühe die Rechtsmedizinerin festzuhalten.
In der Zwischenzeit war Opa Werner wieder in die Wohnung gerannt und hatte ein zweites Gewehr geholt. Jan konnte es nicht riskieren Zoe loszulassen, also brüllte er: „Chandu.“
Jans schießwütiger Nachbar wollte gerade auf den Lieferanten anlegen, der immer noch dabei war, sich Wan-Tan-Reste aus den Haaren zu ziehen und die Gefahr nicht kommen sah. Glücklicherweise reagierte Jans Freund schnell. Chandus Gerangel um die Waffe mit Opa Werner war kurz, doch wieder löste sich ein Schuss, der dieses Mal die Sprinkleranlage im Haus traf. Feiner Regen ergoss sich ins Treppenhaus, was Zoe zu einem weiteren markerschütternden Schrei veranlasste. Das Wasser spülte die Essensreste durch das Treppenhaus in den Keller.
Jan musste seine Anstrengungen verstärken, um Zoe von einem Mord abzuhalten. Scheinbar hatte Oma Frida noch nie einen so großen Farbigen wie Chandu gesehen, denn sein Freund redete beruhigend auf sie ein. Er schwor nicht zu den Kannibalen Papua Neuguineas zu gehören, und versprach, sie nicht zu verspeisen. Max‘ Bemerkung, dass er niemals so eine alte Vettel wie Oma Frida essen würde, selbst wenn er Kannibale wäre, trug nicht zur Entspannung der Situation bei.
Schließlich hatte sich der Lieferant von den Wang-Tans befreit und ging unter zahlreichen Beleidigungen, die auf sächsisch auch nicht netter klangen, die Treppe hinunter. Dabei zeigte er den Anwesenden seine Mittelfinger.
Als Jan die immer noch wütende Zoe in seine Wohnung geschoben und Chandu als Wächter abgestellt hatte, vergewisserte er sich, dass sein Nachbar nicht noch mehr Schrotflinten hatte. Oma Frida versah ihn beim Hinausgehen noch mit unsittlichen Flüchen, die für ihr Alter überraschend modern waren, als zwei Polizisten mit gezogenen Waffen die Treppe hinaufgestürmt kamen, weil ihnen Schüsse gemeldet worden waren.
Es dauerte zehn Minuten, bis die Sprinkleranlage wieder ausgeschaltet war, die Polizisten eine Erklärung für das Chaos hatten und Zoe nach zwei Zigaretten von ihren Mordplänen abgesehen hatte. Für heute, wie sie einschränkend hinzufügte. Einzig das asiatische Essen, das über zwei Ecken seinen Weg bis ins Schlafzimmer gefunden hatte, würde ihn noch länger beschäftigen.
Jan seufzte, als er die Badezimmertür schloss und die süß-saure Soße aus seinem Hemd wrang. Plötzlich kam ihm die Aussicht auf einen neuen Fall verlockend vor.

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11 Antworten zu Eine kurze Geschichte für Weihnachten

  1. Stephanie schreibt:

    Mit dieser kurzen Geschichte beginnt der Weihnachtstag schon mit einem Lachen und der Vorfreude auf den nächsten Jan Tommen Roman.
    Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr!

  2. byahuman schreibt:

    Schöne, sympathische Geschichte 😉

  3. Gabi Müller schreibt:

    Diese Geschichte würde echt super in das nächste Buch passen,da sie die typischen Charaktereigenschaften der Hauptpersonen treffend zur Geltung bringen.
    Ausserdem ist die Geschichte echt kurrios (eigentlich hört sie sich auch gefährlich an),und lockert alles etwas auf.
    Warum sollte man beim Lesen eines Thrillers nicht auch mal lachen können?
    Weiter so!!!
    Seit Gestern bin ich ein grosser Fan von Alexander Hartung!!!

    • alexanderhartung schreibt:

      Liebe Gabi Müller, es freut mich, dass Ihnen sowohl die Geschichte wie auch meine Bücher gefallen. Danke für das Kompliment. Auch wenn die Geschichte im neusten Band nicht drin ist, wird der Humor auch in diesem Buch nicht zu kurz kommen. 🙂

  4. sascha.kroenke@me.com schreibt:

    Da ich es kaum erwarten kann, dass der nächste Teil erscheint, schaue ich hier alle 4 Wochen voller Hoffnung vorbei. Im Dezember war ich noch enttäuscht, dass der letzte Eintrag immer noch der vom Juni war. Jedoch dachte ich, die Zeit verbringt er lieber mit dem Schreiben des Buches als mit Blogeinträgen, super. Nun ist die Vorfreude wieder da und man ist schon nach der ersten Zeile gedanklich wieder voll in den Geschichten um Jan und co.
    Die kleine Geschichte ist total passend zu den Charakteren und den Geschichten um sie, wenngleich, da stimme ich zu, sie schwer in ein Buch einzubauen wäre.
    Ich liebe Deinen (oder Ihren?) Schreibstil. Danke für diese kleine Geschichte. Ich hätte sogar gerne mehr davon zur Einstimmung auf das nächste Buch 😉

    Gruß, Sascha

    • alexanderhartung schreibt:

      Hallo Sascha,

      ich würde ja gerne mehr schreiben, aber als Nicht-Hauptberuf-Schriftsteller muss ich mich auf die Haupt-Bücher konzentrieren. Ein Buch alle 10-11 Monate ist ja nicht so schlecht (das schafft kaum einer meiner Lieblings-Autoren). 😉
      Der Blog ist nur für die „großen“ Artikel. Ein wenig mehr (und öfter) schreibe ich auf meiner Facebook-Seite, die man auch einsehen kann, wenn man nicht registriert ist.

      • sascha.kroenke@me.com schreibt:

        Hallo Alexander,

        das sollte keine Kritik sein, eher ein Ausdruck meiner Ungeduld auf gute Sachen zu warten 😉 Ich habe durch Zufall deine Bücher entdeckt und alle bisherigen in einem Rutsch hintereinander weg gelesen. Habe da gar nicht bemerkt, dass der letzte Teil da gerade noch frisch war. Alle 10-11 Monate ein Buch ist wirklich gut und reicht mir auch. Freue mich also auf möglichst viele weitere deiner Bücher und werde auch mal auf der FB-Seite vorbei schauen. Und danke für deine Antwort.
        Gruß
        Sascha

  5. Sonja schreibt:

    Ha! Ein Jahr später bin ich über diese witzige kleine Geschichte gestolpert, weil ich mal schauen wollte, wann ein neuer Band erscheint. 😉
    Auch mit einem Jahr Verzögerung war sie absolut lesenswert!
    Bitte machen Sie weiter so!
    Machen Sie eigentlich auch Lesungen? Habe bisher nichts dazu gefunden, fände ich aber klasse!
    Herzliche Grüße,
    Sonja

    • alexanderhartung schreibt:

      Liebe Sonja,

      danke für Ihren netten Kommentar. Leider habe ich dieses Jahr keine kurze Geschichte zu bieten, aber Lesungen habe ich 2016 schon gemacht und werde es 2017 auch wieder tun. 🙂
      Ich empfehle meine facebook-Seite dafür (ist in dem blog verlinkt). Die kann man auch betrachten, wenn nicht dort registriert ist. Da poste ich regelmäßige Neuerungen. Der blog ist nur für die „großen“ Artikel

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